Alles über Wein und den Rest der Welt…

Über den Handel

LIDL verkauft Château d`Yquem, “real” rüstet die Weinabteilung auf, EDEKANER und inhabergeführte REWE-Märkte nehmen mehr und mehr Winzer in das Programm, “HIT” hat im Wiesbadener Markt eine Art Rheingau Vinothek aufgebaut. Es ist gewaltig was los in der Fläche – und das ist auch gut so!

 

Der Weinkonsum in Deutschland ist gestiegen. Knapp 25 Liter trinkt der Deutsche im Schnitt pro Jahr. Davon sind leider nur neun Liter Deutscher Wein, aber das ist ein anderes Thema. Der Weinkonsum steigt und damit steigt natürlich auch das Angebot. Insbesondere da, wo der preisbewusste (ich vermeide jetzt absichtlich das Wort “knausrige”) Deutsche einkauft – in der Fläche. Das ist weder ungewöhnlich,  noch dumm. Im Gegenteil, das macht Sinn. Es liegt mehr als nahe, den Konsumenten da abzuholen, wo er so oder so ist. Ein geschickt aufgestelltes Display auf dem Weg zur Kasse hat schon zu so manchem spontanen Kauf geführt.

Die Discounter und der LEH verkaufen schon lange Wein, manchmal auch höherpreisige. Das ist nichts wirklich Neues. Neu ist, dass der Preis nicht mehr das Verkaufsargument ist, sondern mehr und mehr die Qualität des Produktes und die Herkunft. Master of Wine werden engagiert, kleine Glossars auf der Internetseite angelegt, hochwertige Filme gedreht und gerade im LEH gibt es sogar so etwas wie Beratung. Insbesondere Letztere drehen richtig auf. Wer einmal in einem guten inhabergeführten EDEKA-Markt war – gehen sie mal zu Nolte nach Wiesbaden – der wird schnell glauben, er sei im Paradies.

Dass diese Entwicklung nicht jedem passt, ist normal. Insbesondere im Weininternet gelten Weinregale in der Fläche immer noch als das Böse schlechthin. Es steht völlig außer Frage, dass unsere Discountkultur alles andere als schön ist. Immer billig, immer verfügbar ist, zumindest für mich, ein echter Alptraum. Die Folgen sind verheerend, gerade in der Landwirtschaft. Unser Wasser ist heute schon belastet und der ganz große Knaller kommt erst noch. Nämlich dann, wenn wir in 30 Jahren das trinken, was heute unaufhörlich in die Böden geballert wird. Das will keiner hören, ich weiß. Was aber auch kaum einer in diesem Kontext hören und verstehen will, ist die Tatsache, dass man Wein – zumindest den um den es jetzt geht – nicht mit der Massentierhaltung und sämtlichen anderen Agrartodsünden gleichsetzen kann. Es geht, wie immer im Leben eigentlich, darum zu differenzieren.

Natürlich machen die Flächenanbieter in aller erster Linie dem Fachhandel Konkurrenz. Nicht dem gesamten, sondern nur denen, die so oder so bedroht sind. Der gute Fachhändler müsste den übergroßen Mitbewerbern eigentlich dankbar sein. Der Weinmarkt ist im Wandel und die Fläche entdeckt jetzt den Qualitätswein. Sie bereiten den Weg auch für diejenigen, die nie im Leben auch nur einen Fuß in ein Weinfachgeschäft setzen würden. Was sie, die Fläche, aber niemals bieten kann, zumindest nicht im Discount, ist Individualität und Service. Sowohl in Sachen Wein, als auch in der Art der Darbietung. Genau da liegt, wenigstens für mich, die Chance des Fachhandels sich abzugrenzen und zu positionieren. Es ist völlig uninteressant, sich preislich auf einen Vergleich einlassen zu wollen. Das ist geradezu hirnrissig, denn neben den oben Erwähnten poppt jeden Tag im Netz noch ein start-up auf, dass garantiert irgendeinen Wein noch billiger anbietet. Es geht nur über die Individualität. Wie so etwas funktionieren kann, habe ich die beiden letzten Tage  bei K&U auf der Hausmesse erlebt. Ich war zum ersten Mal dabei und kann das noch gar nicht wirklich genau einordnen, was ich da erlebt habe. Viele hunderte, vielleicht waren es insgesamt auch tausende, Weinkunden. Ich weiß es nicht, ich war zu beschäftigt. Allesamt mit einem Interesse und Know-How ausgestattet, wie ich es selten auf Veranstaltungen erlebe, die eigentlich für Fachbesucher bestimmt sind.

Auch für uns Produzenten ändert sich im Übrigen die Situation. Der Fachhandel ist gar nicht in der Lage, die gesamte Menge, alleine des in Deutschland produzierten Weines, aufzunehmen und zu verkaufen. Er war es im Übrigen auch noch nie. Da hilft auch kein annähernd hysterisches Gekreische im Internet. Wir brauchen die Fläche. Aber: die Zeiten, in denen wir billig produzieren können, sind vorbei. Wir sind auf dem Weg zu einem großen Strukturwandel im Weinland Deutschland. Es wird auf Dauer wirtschaftlich kaum noch möglich sein so zu produzieren, dass der Wein später für 2,29 Euro im Regal steht. Sinn macht alles, was um die sieben Euro kostet, eine deutlich zuzuordnende Herkunft hat, handwerklich einwandfrei hergestellt und leicht verständlich ist. Schmecken sollte es natürlich auch. Hier könnten wir, über größere Zusammenschlüsse und Synergien, ein Segment in der Fläche besetzten, das allen Spaß machen würde und dem Fachhandel nicht im Geringsten weh tut.

Wir müssten alle nur wollen…

 

9 Kommentare zu “Über den Handel

  • A. Hofer

    Sie haben recht, die K & U Hausmesse zeigt wie es für den Einzelhandel gehen kann. Sorry im Übrigen, dass ich Sie dort am Freitag als “Bog-Papst” betitelt habe. Ich hätte mir denken können, dass Sie den Vergleich “scheiße” finden :-) . Leider hatten wir vor den Weinen von Balhasar Ress bei Kühn vorbeigeschaut. Direkt nach diesen (sehr guten) Wucht-Brummen war es schwierig, Ihren Weinen gerecht zu werden. Ich hoffe, Sie hatten dort auch noch Zeit zum Verkosten! Es hätte mich insbesondere gefreut, falls Sie meinen Bekannten, Stephan Krämer bzw. dessen Weine kennen gelernt hätten. Es geht auch anders in Franken!

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    • Interessierter

      Was gibt es denn an Franken auszusetzen? Bei K&U war sonst ja nur Luckert – auch nicht die Schlechtesten in Franken.

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  • Andreas Brensing

    Danke für den Artikel.
    Wandel kann man nicht durch jammern aufhalten, sondern sollte ihn mitgestalten. Wenn der Fachhandel denkt er könne die vermeintlich glückseligen Zeiten von vor 10 Jahren zurückhaben hat er sein Aussterben verdient. Außerdem ist ja amüsant, dass gerade der Fachhandel die ultima ratio günstiger als der Nachbar zu sein hochhält. Die hunderte von OnlineShops die limitierte Weine immer wieder etwas günstiger anbieten um so vielleicht doch noch ein paar Stamkunden zu gewinnen, sind ein trauriger Beweis dafür. Wenn einem sonst nichts einfällt….

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  • JR

    Schön wäre es wenn im Supermarkt sich das Angebot in Richtung der spanischen und französischen Weinabteilungengen bewegen würde. Dumm nur, dass im super billig Land Deutschland, sich auch die Preise auf Geiz ist geil, hinbewegen werden.
    Erst sind die Fachhändler die, die ein Weingut am Markt etablieren und dann wieder die zusehen dürfen, wie die sich dem Preisverfall anpassen müssen.
    Zum Glück habe ich immer wieder feststellen dürfen, Qualität in Verbindung mit Individualität ist nicht austauschbar, will auch nicht anonym verkauft werden und bedarf derer, die es schätzen und auch genau so an den Kunden bringen. Die meisten Weingüter, die hohe Qualitäten erzeugen, kurz hochgehypt wurde und zwei Jahre später mit einem Preisverfall zu kämpfen hatten, weil gerade die neu auf den Hype aufgesprungenen Händler, die Weine nicht los wurde, litten unter extremen Preisverfall und wanden sich dann doch wieder lieber den Händlern zu, die Jahre lang vor dem großen Hype, sie mit guten Verkaufszahlen und angepasst steugenden Preisen vorangebracht haben.
    Der LEH ist nie an Qualität interessiert, sondern immer nur an seiner Marge! Wenn einzelne Inhabergeführte Läden endlich Weine in ihr Programm aufnehmen, dann lebt das nur daran, dass der Inhaber auch ein Genießer ist und deshalb seine Leidenschaft mit seinen Kunden teilen will! Sobald aber die breite Masse der Läden auf den gerade aktuellen Trend aufspringt, geht genau seine Aktion nach hinten los. Die Menschen, egal wo sie arbeiten, die nicht hundert Prozent hinter dem Produkt stehen, was sie verkaufen, sei es aus Desinteresse, fehlender Leidenschaft oder schlechter Schulung, werden es nie erfolgreich verkaufen. Vor allem keine Wein und vor allem nicht im Discounter in Deutschland, denn da geht niemand hin, der wirklich nachdenkt, um Wein zu kaufen. Tut mir leid! Ansonsten immer traumhafte Beiträge im Würtz Blogggggg…. Weiter so!

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  • Pingback: Wein im Supermarkt – Wein im Fachhandel – Wein online | Ei Gude, wie?

  • Steven

    So schlecht ist das Angebot im LEH gar nicht mehr! Und sicher spielt
    auch die Qualität eine Rolle. Das Angbot ist breit gefächert.

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  • Alex. Schilling

    Bin ja auch erfreut, dass sich im Supermarkt wie REWE, EDEKA usw. was tut. Denke aber trotzdem, dass wir in vielleicht zehn Jahren was anderes sehen werden, als wir es uns heute als Weinfreaks vielleicht wünschen.
    Bis jetzt hat der LEH eigentlich jede gute Idee rationalisiert und für sich noch marktfähiger gemacht, siehe die BIO- Lebensmittelindustrie.

    Abwarten und Wein trinken ;-)

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  • christoph hammel

    ein beitrag den ich absolut unterschreiben kann ! ich hoffe , das du lieber dirk , recht hast mit deiner these zum strukturwandel und einem damit verbundenen trend zu auskömmlichen preisen . fakt ist , das ich jetzt seit 16..17…18..jahren mit einem privat geführten edekaner in HH zusammenarbeite . angefangen haben die die heute knapp über und unter 40 jahre alten brüder mit dem weinprogramm des vaters . rheinbergkellerei und das “übliche” war dort zu finden . heute führt das unternehmen über 3000 weine und spirituosen aus aller welt . hendrik thoma stellt zb nächsten samstag dort 5 weine im markt live vor . ein mitarbeiter wurde zum sommelier im handel auf deren kosten ausgebildet und koordiniert die lieferanten . die 2 juniorchefs sind sehr , sehr weinaffin und kochen gerne . die lieben tatsächlich lebensmittel . das ist kein einzelfall mehr . es gibt wie auch bei den weingütern selbst , eine wirklich passionierte jüngere generation von privaten leh betreibern , die hoffnung machen . wir müssen sie unterstützen und das auch im wohlverstandenen eigeninteresse !

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  • EC

    Die Supermarktwein-Diskussion ist ja so eine never ending discussion, die ich ab und zu mal vom intergalaktischen Standpunkt aus verfolge: also von ganz weit weg.
    Ich habe mir lange abgewöhnt, dort auch nur irgendwas zu kaufen, denn es gibt heutzutage in der erreichbaren Umgebung so viele tolle und eigenständige Sachen bei den Winzern zu entdecken, die ihre Weine wirklich spürbar mit Passion machen. Und es sind wohl so viele, daß mein Leben eh’ nicht ausreichen wird, die alle zu genießen. Wobei ich mich derzeit im wesentlichen auf I, D, A, ein bißchen P und F sowie neuerdings H beschränke, um mich nicht zu sehr zu verzetteln.
    Da bleibt für mich persönlich kein Raum mehr für Weine aus dem Supermarkt. Auch wenn die objektiv häufig sauber und gut gemacht sein mögen, was wirklich Besonderes findet man da aus meiner Sicht nicht, denn wirklich außergewöhnliche und ggf. auch stark polarisierende Weine verschrecken die Mehrheit der SM-Kunden wohl eher, was ja nicht im Sinne der Händler sein kann. Die bedienen dann doch aufgrund der Massen an umzusetzenden Flaschen eher den Massengeschmack, was auch immer das sein mag. Meiner jedenfalls nicht.
    Wenn dann der Eindruck von den Weinen in der Regel nur ist: “Na ja, ganz nett”, dann sind die Euros einfach vergeudet, egal wie wenige es gewesen sein mögen. Da kann ich dann auch gleich Wasser trinken.
    Wein ist schließlich ein Genußmittel und halbe Sachen will ich diesbezüglich nicht machen. Und was die berüchtigte Preisdiskussion angeht: Lieber trinke ich eine richtig geile Flasche Wein und freue mich darüber wie eine Schneeprinzessin als 3 oder 5 oder 10 Flaschen Mittelmaß abzupumpen.
    Also lasse ich es lieber gleich und gehe lieber direkt zu den Winzern, die mein Interesse geweckt haben oder in einen wirklichen Fachhandel mit gutem Sortiment und kompetenter Beratung. Da habe ich deutlich mehr davon.
    Das mag für jemanden, der an das Thema Wein nicht ganz so nerd-mäßig rangeht sicher anders aussehen, deshalb keine Verurteilung dieser dominierenden Handelssparte, aber für mich wird das halt nie was sein…

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