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Das Gewann kommt !

Wer außerhalb des Rheingaus kann schon einen „Steinmächer“ von einem „Baiken“ unterscheiden? Dass die Rauenthaler Einzellage „Baiken“ zu den angesehensten Herkünften von Rheingauer Weinen zählt, während unter dem Namen der Großlage „Steinmächer“ Weine aus fast 30 Einzellagen in sieben Weinorten des vorderen Rheingaus vermarktet werden dürfen, das ist eine Konsequenz des unseligen 1971er Weingesetzes. Nun wird es noch unübersichtlicher, denn die Gewanne kehren zurück. Wir müssen uns an Weine aus dem Baiken wie Obere Wieshell, Mittlere Wieshell, Untere Wieshell, Baikenkopf, Steinhaufen, Wagenkehr, Hühnerberg und Tries gewöhnen.

Hessen lässt nach einer Änderung des Weinrechts mit dem Jahrgang 2014 zusätzlich historische Gewannbezeichnungen zu. Künftig können Weine nach den häufig aus dem Mittelalter stammenden Namen von Gewannen bezeichnet werden. Davon gibt es einige Hundert im Rheingau. In der 15 Hektar großen Rauenthaler Einzellage „Baiken“ sind es acht. Sie dürfen künftig solo auf dem Etikett stehen („Rauenthaler Steinhaufen“) oder als Anhängsel an die übergeordneten Einzellage („Rauenthaler Baiken-Steinhaufen“).

Voraussetzung für eine Genehmigung zur Verwendung der alten Gewannbezeichnungen auf dem Flaschenetikett ist, dass sie jeweils noch in der amtlichen Liegenschaftskarte verzeichnet sind. 200 Euro Gebühr sind obendrein fällig. Die letzte Entscheidung liegt Anfang 2015 beim Landwirtschaftsministerium. Es sind vor allem VDP-Winzer, die Gewanne für die Einhaltung der neuen Statuten und die Statik ihrer neuen Qualitätspyramide brauchen. Höhere önologische Anforderungen sind mit den Gewannen aber nicht verbunden. Wir dürfen uns aber auf einige nette und skurrile Bezeichnungen wie „Im Paradies“, „Bauernacker“ oder „Am Kopfhäng“ freuen. Wenn ein Weingut somit aus dem „Rauenthaler Baiken“ schon ein Großes Gewächs als trockenen Spitzenwein vermarkten will, darf es nach den VDP-Statuten zusätzlich keinen trockenen Kabinett und auch keine trockene Spätlese mit dieser Weinbergsbezeichnung geben. Der Ausweg ist das Gewann und somit zusätzlich zum normalen „Baiken“ ein „Rauenthaler Baiken-Steinhaufen.“ Die Hessischen Staatsweingüter haben Gewannbezeichnungen in mehreren großen Einzellagen beantragt, beispielsweise für den rund 34 Hektar großen Steinberg das „Zehntstück“, im Baiken den „Baikenkopf“ und in Rüdesheim das „Hinterhaus“ (liegt m Rottland). Das Eltviller Weinbauamt wurde von der Flut der Anträge auf Gewanne ein wenig überrascht. Eine genaue Aufstellung gibt es noch nicht. Aber nicht für jedes VDP-Weingut sind die Gewanne der Ausweg aus dem Dilemma des Lagenverbrauchs, das zeigen die Austritte in jüngerer Zeit der Weingüter Tesch an der Nahe, Koehler-Ruprecht in der Pfalz und Querbach im Rheingau. Es werden nicht die letzten sein. Aber kein Grund zur Aufregung!

(leicht gekürzte und modifizierte Version meines Textes für die F.A.Z. vom 04.11.14)

2 Kommentare zu “Das Gewann kommt !

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