Alles über Wein und den Rest der Welt…

Weinkult(o)ur – Wilhelm Weil

Der Direttore und ich haben uns für 2014 einen Plan gemacht! Wir gehen auf eine Tour quer durch das Land – vielleicht auch in die Nachbarländer – und besuchen Kultwinzer und Kultweingüter. Wir gehen auf eine Weinkult-Tour. Ja, wir gehen dahin wo schon alle waren, oder schon immer einmal hin wollten. Allerdings bloggen wir uns launig durch diese Weingüter, und genau das ist der Unterschied. Wenn man sich kennt, geht das auch viel einfacher. Begonnen haben wir unsere Tour in dieser Woche im Weingut Robert Weil in Kiedrich. Ein, zumindest für mich, sehr emotionaler Besuch.

FodddtoEs versteht sich von selbst, dass es keinen Superlativ gibt, der noch nicht im Kontext mit dem Weingut Robert Weil in Kiedrich benutzt wurde. Es versteht sich ebenfalls von selbst, dass es kaum ein Weingut gibt, das gerade die Internetweinfreakgemeinde so sehr spaltet wie Weil – außer Markus Schneider vielleicht noch. Alles geschenkt! Am Ende mache ich mir immer selbst ein Bild. Was ich vom Weingut Robert Weil halte, insbesondere von der Leistung der Macher dort, habe ich gerade letztes Jahr hier im Blog geschrieben. Es gibt also beinahe keinen Grund, dass alles noch einmal zu wiederholen. Beinahe…

Wein ist, zumindest in dieser Kategorie, viel mehr als ein Getränk. Es ist eine Kulturgut und irgendwie ist es auch Lebensinhalt. Ich bin weit davon entfernt, alles kritiklos gut zu finden, was in dieser Weinwelt geschieht. Das liegt alleine schon an meinem persönlichen Geschmack. Daraus folgt eben auch, dass es selbstverständlich Weine von Weil gibt, die mir schmecken und eben auch solche, die mir nicht schmecken. Betrachte ich dieses Weingut allerdings im Gesamten, so kann ich immer wieder nur den Hut ziehen. Ich bin ein um das andere Mal überrascht, in welcher Perfektion hier alles abläuft. Das gesamte Weingut sieht aus, wie aus dem Ei gepellt. Selbst dort, wo gearbeitet wird. Ich habe mich ertappt, dass mich ein nicht korrekt aufgerollter Schlauch und zwei oder drei Fässer, die nicht gerade standen, doch tatsächlich gefreut haben. Ich habe meine Freude auch direkt zum Ausdruck gebracht, in dem ich sagte: “Hurra, es menschelt!” Was ein Quatsch, eigentlich, aber ich konnte nicht anders. Ich war, wieder einmal, zu beeindruckt von dem Ganzen. Das Weingut Robert Weil ist nicht einfach ein Weingut, es ist auch nicht einfach ein Spitzenweingut oder gar DAS deutsche Château. Es ist eine Art Gesamtperformance. Alles ist durchdacht, aufeinander abgestimmt und schlüssig. Dabei wirken die wesentlichen Protagonisten, und das ist der entscheidende Punkt, weder verkrampft, noch sonderlich angestrengt. Das ist die Große Kunst an der Sache. Wilhelm Weil und seiner rechte Hand Jochen Becker-Köhn ist anzumerken, dass sie Spaß an dem haben, was sie da tun. Bei aller Arbeit, aller Anstrengung allen strategischen Überlegungen ist das doch deutlich zu merken. Zumindest für mich, denn ich kannte das auch anders. Da ist so eine extrem sympathische Gelassenheit. Es geht eben doch “nur” um Wein, und nicht um den Weltfrieden. Ich mag das!

FotsssoWas ich ganz besonders mag ist die Tatsache, dass es wenige Menschen gibt, mit denen ich mich so herrlich auseinandersetzen und reiben kann, wie mit Wilhelm Weil. Weil redet gerne und viel. Ich auch! Weil hat ein rethorisches Überzeugungstalent, wie ich es nur von ganz wenigen Menschen kenne. Er hört genau zu, merkt sich vieles bis alles, ist extrem detailversessen und er ist immer auf der Höhe der Diskussion – auch wenn es manchmal anders wirkt. Natürlich kokettiert er gerne damit, nicht alles wissen zu können – er weiß dennoch das meiste! Auseinandersetzungen mit ihm sind anstrengend und fordernd. Und sie sind selten vorbei, bevor nicht alles bis in das kleinste Detail auseinander genommen und wieder zusammengesetzt ist. Ich mag das, es schärft den Blick für die Zusammenhänge. Aber es ist anstrengend, ich erwähnte es bereits. Wilhelm Weil kann, ohne Probleme, eine Stunde frei und ohne Punkt und Komma am Stück reden. Dabei denkt er nach und er denkt immer  weiter und ich merke immer mal wieder, wie er in seiner Rede seine Argumentation “à la minute” auf die neuen Gedanken umstellt. Das ist eine großartige Leistung und ein Eigenschaft, die nur wenige haben. Genau das verschafft ihm Respekt. Respekt den er braucht, um sein Weingut, aber auch um den schwierigen Rheingauer VDP-Regionalverband zu führen. Er kann aber auch durchaus eine Sache totreden oder so lange reden, bis es dem Diskutanten schwindelig wird und er seine eigene Position nur noch mit Mühe, bisweilen auch gar nicht mehr, findet. Auch das hilft manchmal, eine Weil-Position irgendwo unterzubringen. Auch das ist anstrengend, aber ziemlich faszinierend. Einige sehen das eher als schlechte Eigenschaft. Insbesondere diejenigen, die in irgendeiner Sache eigentlich anderer Meinung waren oder etwas ganz anderes wollten. Aber so läuft das nun einmal im “Erwachsenensandkasten”. Derjenige, der die besseren Argumente hat, hat Recht. Manchmal aber auch einfach nur derjenige, der gehört wird. Eines muss man ihm aber auch lassen: ganz oft hat er einfach recht. Zumindest dann, wenn es um größere Zusammenhänge geht. Die hat er im Blick! Was seine Art und seine Philosophie des Weinmachens angeht, was die Arbeit im Weinberg anbelangt, bin zumindest ich für meinen Teil ganz weit weg. Gerade im letzten Herbst war seine Erntestrategie eine ganz andere. Sicherlich eine erfolgreiche, aber eben eine andere als beispielsweise unsere. Ganz sicher aber war sie perfekt für das Weingut Weil. So wie immer eigentlich… Weil misst sich selbst an den Ergebnissen und, so meine ich, weniger an dem Weg dorthin. Und die Ergebnisse können sich sehen lassen.

Weil wird gerne, zumindest wenn es um die Topqualitäten geht, auf die edelsüssen Wein reduziert. Die seien Weltklasse und über jeden Zweifel erhaben, so die einhellige Meinung. Schläge, insbesondere im Netz von den “Freaks und Experten”, bekommt er für seine trockenen Weine. Ganz besonders im Basisbereich wird in Sachen Kritik auf der nach unten offenen Richterskala gewetteifert. Dabei ist gerade der Gutsriesling mit vielen hunderttausend Flaschen der Schlüssel zum Weil´schen Erfolg. Der wird in ganz Deutschland getrunken wie beinahe kein zweiter Wein. “Warum?” fragen die Freaks und Experten. Ganz einfach, weil er den Leuten schmeckt und weil Weil als Marke höchstes Vertrauen genießt. Wie Mercedes. Egal was es kostet. Und der Basiswein kostet bei Weil – keine Frage. Es ist ein dankbares Produkt. Für das Weingut, die Händler, für Gastronomen und für den Verbraucher allemal. Wie das eben bei Marken immer so ist. Wirklich spannend wird es, zumindest für mich, bei dem trockenen Riesling aus dem Kiedricher Gräfenberg.

FotaaaoAls einer der ganz wenigen Winzer verfolgt Weil tatsächlich die “Einweinstrategie”. Es gibt ein einziges Grosses Gewächs (früher Erstes Gewächs) und das kommt aus dem Gräfenberg. Das ist zwar kein Weil´sches Monopol, aber viel dürfte nicht mehr fehlen. Sieben Jahrgänge dieses Weines konnte ich die Tage probieren. Angefangen bei einem maischevergorenen 2002er. Eine Art “Reserve” und ganz sicher ein Experiment. Also das, was viele in diesem Weingut gar nicht erwarten – Experimente. Der Wein ist extrem spannend, weil anders. Er ist opulent und dicht und so gar nicht zum einfach “wegschlabbern”. “Kommt besonders gut nach Riesling…äh Rotwein” meint Weil und trift mit seinem ungewollten Versprecher die Sache doch ziemlich auf den Punkt.” Dann stand da ein 2006er, der so gar nicht die Probleme des Jahrganges offenbarte! Im Gegenteil! Nicht nur, dass da gar nichts nach Fäulnis roch oder schmeckte, nein, der Wein war noch völlig verschlossen und jugendlich frisch. Ähnlich wie der aus dem ganz schlimmen Jahr 2010. Der hatte auf einmal Frucht und Frische, wie sie ungefähr 95 Prozent aller Weine dieses Jahres nicht einmal in der Jugend hatten. 2004 brillierte wieder einmal mit seinem enormen Trinkspaß, seiner Klarheit und Präzision und dieser dezenten Würze, die für den Gräfenberg so typisch ist. 2001 ist auf dem Punkt jetzt, 2008 fällt mit einem Blütenduft ganz leicht aus der olfaktorischen Reihe, ist aber ganz sicher ein großer Jahrgang in dem Berg und 2009 ist im Gegensatz zu vielen anderen Vertretern dieses Jahrganges eben nicht überreif und überhaupt zu “über”! Finesse und Eleganz ist das Thema im Gräfenberg, so viel ist in jedem Fall klar.

Es kamen noch viel andere Flaschen Wein auf den Tisch an diesem Abend. Österreicher, Italiener, Franzosen und natürlich der unvermeidliche J.J. Prüm. Wilhelm Weil hat, so hat es zumindest den Anschein, einen schier unerschöpflichen Vorrat an “DschäDschä”-Weinen. Wir haben alle Weine probiert, den einen oder anderen auch zweimal. Wirklich großartige Weine waren dabei, aber zwischendurch haben wir immer wieder einen ordentlichen Schluck aus einer der Gräfenbergflaschen eingeschenkt. Es hat einfach gut geschmeckt!

2 Kommentare zu “Weinkult(o)ur – Wilhelm Weil

  • adolf rotter

    Schön geschrieben, aber 2 Disonanzen muß ich doch mal erwähnen: Die Begrenzung auf der Lob der Edelsüssen wurde von Herrn Würtz erst vor ein paar Tagen auf Facebook selbst genutzt, um den Weltrang des Weinguts zu belegen. Und das er längere Zeit beim Weingut Weil gearbeitet hat, wird hier auch mit keiner Silbe erwähnt.

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    • Dirk Würtz Post author

      @adolfrotter
      was habe ich auf FB begrenzt? Wenn man dem verlinkten Beitrag folgt, liest man klar und deutlich, dass ich bei Weil gearbeitet habe, erstens. Zweitens dürfte das beinahe jeder wissen und deswegen erkläre ich das nicht jedes Mal so ausführlich und drittens: was spielt das für eine Rolle?

      Reply

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