Alles über Wein und den Rest der Welt…

Mindestlohn

Jetzt ist er da, der Mindestlohn. Wenigstens hat ihn die Große Koalition in ihren Koalitionsvertrag geschrieben – was immer das auch heißen mag. Vor einiger Zeit habe ich auf Facebook angemerkt – ganz nüchtern und sachlich und frei von Polemik – was ein Mindestlohn für die Landwirtschaft bedeuten könnte, wahrscheinlich auch würde. Eine Preiserhöhung der landwirtschaftlichen Produkte, sowie massive Stelleneinsparungen wären wohl unumgänglich. Gerade gestern habe ich auf Facebook gefragt, woher wohl die Erntehelfer künftig kommen, wenn der Mindestlohn eingeführt wird. Kurz danach meldete die „tagesschau“, dass für die Landwirtschaft und die Saisonarbeiter wohl andere Regeln gelten werden. Dennoch entfacht der Mindestlohn ungeahnte emotionale Diskussionen. Viele davon entstehen, leider, aus reiner Unkenntnis der realen Zustände in der Landwirtschaft. Viele Emotionen und Äußerungen sind der Tatsache geschuldet, dass die romantisch-verklärte Vorstellung der Herstellung landwirtschaftlicher Produkte leider nicht der existierenden Realität entspricht. Schon gar nicht, wenn es um Wein geht. Ich bin weit davon entfernt ein scheuklappiger Bauernlobbyist zu sein, aber einiges muss einfach mal klar und deutlich erklärt werden.

RH_06Im Weinbau werden bereits lange Löhne gezahlt, die über den 8,50 Euro Mindestlohn liegen. Nehmen wir einmal den Lohntarifvertrag in Hessen. Ein Weinbergs- und Kellereiarbeiter bekommt laut hier für einfache Arbeiten ohne Einarbeitung und Berufserfahrung 8,92 Euro in der Stunden Nach einjähriger Beschäftigung und Einarbeitung sind es 9,51 Euro. Das ist ganz sicher nicht viel, aber es handelt sich eben NICHT um einen Facharbeiter, sondern um ungelernte Hilfskräfte. Für sogenannte „schwere Arbeiten“ gibt es bereits 10,11 Euro und das Ganze steigt nach dreijähriger Beschäftigung auf 11,89. Der ausgelernte Winzer bekommt lediglich 60 Cent mehr. Da stellt sich die Frage, ob sich eine Ausbildung überhaupt lohnt. Hier sehe ich ein ganz massives Problem. Ausbildung, Lehre und Fortbildung mir den entsprechenden Nachweisen sollte doch irgendwo honoriert und nicht bestraft werden. Schlimmer als dem Winzer geht es da ganz sicher dem gelernten Friseur. Der bekommt trotz Ausbildung noch weniger…

Der Stundenlohn für sogenannte Erntehelfer und Saisonarbeiter beträgt sieben Euro in der Stunde. Das ist ganz sicher auch nicht viel. Aber auch hier handelt es sich um einfachste Hilfsarbeiten, enorm wichtig zwar, aber von jedermann zu erlernen und auszuführen – vorausgesetzt er will. Zu den sieben Euro kommen in der Regel die Verpflegung und die Unterkunft hinzu. Die Arbeit ist hart. Genau das ist der der Grund, warum Erntehelfer in der Regel aus Ost-, in der letzten Zeit vermehrt aus Südosteuropa kommen. Für Menschen aus Bulgarien und Rumänien sind sieben Euro enorm viel und die Arbeitsbedingungen im Vergleich zur Heimat beinahe paradiesisch. Die meisten Winzer haben Erntehelfer die seit Jahren kommen, es entstehen Freundschaften und absolut korrekte Arbeitsverhältnisse. Die Saisonarbeiter bringen das Geld zurück in ihre Heimatländer und tragen so ihren Teil dazu bei, dass es auch dort voran geht.

BFotoAuf dem deutschen Weinmarkt herrscht ein gewaltiger Konkurrenzdruck. Wir sind der interessanteste Markt der Welt, jeder will seinen Wein hier verkaufen. Der Deutsche trinkt gerne diesen Wein und freut sich über die Vielfalt. Noch viel mehr freut er sich aber über den Preiskampf in der Fläche. Billiger als bei uns kann man sich kaum noch mit Wein betrinken. In diesem unteren Segment, quasi in der „Bückware“ können wir nicht mitspielen. Dafür produzieren wir jetzt schon viel zu teuer. Das Hauptsegment des deutschen Weins liegt im extrem sensiblen Preisbereich irgendwo ab 2,49 aber noch unter fünf Euro. Handwerklich einwandfrei hergestellte Weine, industriell weiterverarbeitet von den großen Kellereien und dann der Fläche zum agreablen Preis angeboten. 50 Cent mehr pro Liter und die Listung ist weg. Man kann es in den letzten Jahren bereits schön beobachten. Massive Preiserhöhung nach kleineren Ernten führen zu Auslistungen und Auslistungen führen früher oder später zu brachliegenden Flächen. Ist ja irgendwie auch logisch. Wenn ein Saisonarbeiter, also der für die einfachsten Arbeiten, im Monat 500 Euro mehr kostet und man im Jahr im Schnitt immer vier Kräfte pro Monat beschäftigt, sind das am Ende des Jahres knapp 24.000 Euro Mehrkosten. Zuzüglich denen, die während der Ernte noch hinzukommen. Die müssen irgendwo herkommen oder eingespart werden. Entweder erhöht man also die Preise oder muss an andere Stelle sparen. Beliebige Preiserhöhungen werden im Markt nur schwer akzeptiert. Beim Wein vielleicht noch eher, als bei anderen landwirtschaftlichen Produkten. Auch ein Landwirt muss rechnen, wie alle anderen Unternehmer auch. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die allgemeine Vorstellung leider eine ganz andere ist. Ein Weingut, ein Bauernhof sind ganz normale Wirtschaftsunternehmen und keine tiefpreisgebundenen Versorgungsanstalten.

RH_04Wer gute Arbeit leistet muss auch gut bezahlt werden. Darüber sollte man im Jahr 2013 nicht diskutieren müssen. Leider sieht die Realität anders aus. Das Thema „Lohnsklaverei“ ist aktueller denn je. Besonders deutlich wird das in der Fleischindustrie. Kohorten von Niedrigstlöhner zerhacken im Akkord Tonnen von Schweine. Wenn man den zahlreichen Berichten glauben darf, unter äußerst fragwürdigen Bedingungen. Niedrigstlöhner stellen Billigfleisch her. Daran wird auch ein Mindestlohn nichts ändern. Weder an der Entlohnung, noch an der Qualität des Produktes. Die Lohnerhöhung kommt bei diesem Menschen gar nicht an. Wer jeden Tag möglichst billig Fleisch- und Wurst essen will – oder glaubt es tun zu müssen – dem sollte das eigentlich klar sein. Und das eine Fleischfabrik dem Rechnung trägt um den möglichst größten Profit zu erwirtschaften ist auch nicht wirklich verwunderlich. Verwerflich vielleicht, aber nicht verwunderlich. Wir haben uns ein System geschaffen, das ganz genau so ist, wie es jetzt eben ist. Wenn Fleischprodukte immer billig und immer verfügbar sein müssen geht das nur so – leider! Daran ändern, merkwürdigerweise, selbst die ekelhaftesten Skandale nichts. Ist schon komisch…

Die Weinindustrie ist aber eben nicht die Fleischindustrie. Trauben schlachtet man nicht nach Bedarf und die Produktpalette ist auch deutlich übersichtlicher: rot – weiß – rosé, von trocken bis süß. Ich kann eine Traubenproduktion hochgradig rationalisieren, aber ganz ohne Handarbeit geht es nun einmal nicht. Die ist in manchen Jahren eben auch viel intensiver, als in anderen. Da liegt an der Natur. Trauben wachsen nicht auf Betonspaltenböden, sondern im Weinberg. Kartoffeln nicht in der Legebatterie, sondern auf dem Acker. Daraus resultiert auch die Gefahr, eine gesamte Ernte zu verlieren. Es ist einfach nicht vergleichbar.

11 Kommentare zu “Mindestlohn

  • Fritz - Ulrich Hein

    Ihre Kritik an dem Mindestlohn kann ich nicht ganz nachvollziehen und frage mich auch, wieso Ihnen ein Saisonarbeiter/Erntehelfer 1.000 € mehr im Monat kostet, und dass bei nur 1,50 Euro mehr (von 7,00 auf 8,50)?
    Aber seien Sie versichert, dass es Ihnen nicht anders ergeht, als Winzern der Nahe, Saar, Mosel und Ruwer und anderer Anbaugebiete. Ich kenne aber auch viele Winzer, die ihre Weine nirgend verlisten, diese trotzdem jährlich mit Kammerpreisen vermünzen und im Direktverkauf ab 10 €/0,75l fast restlos abgeben. Man sollte nicht alles via Discounter oder Supermarkt verkaufen.
    Eine angenehme Adventszeit wünschend verbleibe ich.

    Reply
    • Dirk Würtz Post author

      @Fritz-Ulrich Hein
      alles völligok, aber der allergrößte Teil des deutschen Weines geht nun einmal in die Fläche und nicht für 10 EUR an Ab-hof-Kunden

      Reply
  • Flavia

    Auch wenn derzeit wahrscheinlich viele “Hurra Mindestlohn” schreien – sie werden in Kürze ihr böses Erwachen erleben. Da die “Geiz ist Geil” Mentalität vor sehr langer Zeit in Deutschland eingezogen ist, möchte der Konsument es möglichst billig, billig und noch billiger haben. Ohne jemals einen Gedanken daran zu verschwenden, warum gewissen Betrieben überhaupt so billig anbieten können. Mit Mindestlöhnen werden die Preise steigen, aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbar, und, davon bin ich überzeugt, Arbeitsplätze gestrichen. Jemand, der ungelernt einfache Arbeiten verrichtet, wird genauer betrachtet und sein “Wert” berechnet werden.
    Ich eröffne im Januar ein kleines Geschäft, für das ich für ein paar Stunden von Anfang an Unterstützung benötige. Einen Mindestlohn von 8.50 kann ich aber nicht zahlen, von daher werde ich entweder die Stunden, in denen ich selbst nicht vor Ort sein kann, den Laden geschlossen haben oder aber auf jemanden zurückgreifen, der einen Gewerbeschein hat und mir die Stunden monatlich in Rechnung stellt. Und genauso gehen sozialversicherungspflichtige Einstellung, auch wenn man es eigentlich möchte, flöten. Ob das wirklich im Sinne des Erfinders ist?

    Reply
  • de Pälzer

    Um mal klar zu rechnen, was der Mindestlohn ist:
    Ein Arbeiter mit einer 35-Stunden-Woche verdient 1295 Euro brutto im Monat. Der Staat bekommt davon von einem Ledigen ca. 50 Euro Lohnsteuer, hat also so gut wie keine Einnahmen.
    Bei einer 40-Stunden -Woche sind es ca. 1475 Euro brutto. Hier in Deutschland kann man damit keine Familie ernähren, selbst für sich allein wird es hart.
    Warum soll es Ausnahmen in einem im Übrigen hoch subventionierten Bereich (ob die Subventionen so richtig sind, steht auf einem anderen Blatt) wie den Weinbau geben?
    Natürlich wird das Endprodukt teurer. Aber bei den “Industrieweinen”wahrscheinlich nicht in großem Ausmaße.
    Die Minipreise werden doch vor allem durch zunehmende Mechanisierung wie Vollernter usw. gehalten.
    Und für die VDP-Weingüter, die bisher immer preislich von der Protektion ihres Verbandes profitierten, wird es auch nicht um sein oder nicht sein gehen.
    Auch bin ich als Verbraucher eh bereit, für einen guten Wein auch etwas hinzulegen, vor allem, wenn es dazu dient, ein wenig mehr soziale Gerechtigkeit herzustellen.
    Die deutsche Wirtschaft hat mit ihren Dumping-Löhnen genug in Europa kaputt gemacht, es wäre fatal, diese Argumentationsstränge für die Bauern zu übernehmen.

    Reply
  • D. Müller

    Dirk Du hast recht…. man sollzte sich mal Zahlen vor Augen halten 55% des verkauften Weins in D werden im Discounter gekauft und eben nicht für 10 eu, noch nichtmals 5€ pro Flasche!

    Wer gerne auf VDP Weingüter schielt….sollte sich deren Umsätze mal genauer anschauen. Der günstige Gutsriesling geht wie Bombe , die großen Gewächse liegen wie Blei im Regal….

    Richtig ist, jemand der Arbeitet soll Geld verdienen und zwar mehr als Hartz4 Empfänger Regelsatz.

    Aber bitte auch mal fragen, was passiert wenn der der mindestlohn einmgeführt wird.
    D ist nunmal eine Exportnation, bei der verteuerung der Lohnkosten in Folge dessen Erhöhung der Preise für die produkte, wird es für D schwerer konkurrenzfähig im Ausland zu werden.
    Der nächste Aspekt : Die Leute glauben ja tätsächlich, dass man mit der Einführung des Mindestlohns mehr im Beutel hat. Das Gegenteil wird eintreten, weil eben die Produkte im selben (oder vielleicht auch mehr ) Zuge ansteigen wie die Löhne.

    Reply
  • steffen

    Oh ja, ich bin auch für 10 Euro die Flasche, dann hätten wir alle einen 911 er in der Garage und
    einen Vario-Weinberschlepper im Vorgarten stehen. Aber ich mag auch meinen 15 Jahre alten
    RED BULL Renault.

    Reply
  • de Pälzer

    Mir geht hier das allgemeine Jammern auf den Sack…..In den meisten VDP-Weingütern der Pfalz sind die großen Gewächse (die, die auch den Namen verdienen) meist vor dem Verkaufsdatum weg….durch Subskription ausverkauft.
    Was die Discounter angeht, werden hier auch schon Weine von regionalen Winzern angeboten, und das zu deutlich mehr als 2,50 Euro (z.B. Kaufland)
    Auch habe ich in der Pfalz noch keinen armen Winzer getroffen…..Betrachte ich viele Weingüter, verschlägt es einem den Atem.

    Um nicht mißverstanden zu werden: Ich gönne jedem Winzer sein Einkommen, jedoch möchte ich auch für diejenigen, die mit ihrer Hände Arbeit dazu beitragen, dass es dem Winzer gut geht, einen vernünftigen Lohn zum Leben.
    D.Müller: Was nu…..vernünftiges Geld verdienen für seine Arbeitoder dem Wohle des deutschen Kapitals zuliebe auf dieses verzichten……

    Es ist an der Zeit, dass Menschen wieder von ihrer Arbeit leben können. Und es ist an der Zeit, dass Deutschland durch Erhöhen der Binnenkaufkraft seine riesigen Außenhandelsüberschüsse abbaut, dies wäre gut für die Bevölkerung und der Weltwirtschaft.

    Reply
  • Paul

    Ich weiß nicht was das Gejammer einiger Winzer soll. Da rechnen die vor, wenn sie bisher 6,50€ h/Std. bezahlt haben da müssten sie eine Flasche Wein bei 8,50 € h/Std., welche bisher für 10,- € gekostet hat für 12,- € verkaufen. Wenn einer in der Weinlese in der Std. nur Trauben erntet für 0,75 l Wein, dann ist die Rechnung richtig, aber in der Regel werden pro Std. Trauben für 20 – 40 Liter geerntet. Daraus ergibt sich eine Mehrpreis je Flache von max. 0,10 € . Bei einem Aufschlag von 0,40 € macht der Winzer einen satten Gewinn. Also hört auf, auf hohen Niveau zu jammern. Gleiches gilt auch für Gemüse und Fleisch. Die Mehrkosten sind immer auf die Menge der in der Std. erwirtschaften Güter umzurechnen, Also nicht immer die Verbraucher mit falschen Angaben hinters Licht führen.

    Reply
    • Dirk Würtz Post author

      @Paul
      Genau.Alles Betrüger, die den armen Verbraucher hinters Licht führen nur um sich die Tankfüllung für den Porsche oder die Yacht leisten zu können…

      Reply
  • Steven

    Paul, bevor man etwas behauptet, sollte man die Preise für Wein im Handel
    kennen! Welche MENGE Wein sich zu welchen Preisen verkaufen lassen!
    10 € – 12 € für die Flasche, als selbstvermarktender Winzer darf ich nicht weiter
    schreiben was ich denke…….!

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>