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Herkunft Südafrika -Teil 1

“Herkunft” ist eines meiner Schlüsselworte, wenn ich eine bestimmte Art von Wein beschreibe. Ich benutze nie – oder so gut wie nie – das Wort Terroir. Dieses Wort ist durch allerhand Marketing- und PR-Getöse systematisch zerstört worden. Noch geht es dem Begriff “Herkunft” anders. Garantiert muss ich mir bald einen neuen Begriff suchen, denn ich sehe die ersten Anzeichen dafür, dass auch dieser Begriff in absehbarer Zeit ad absurdum geführt werden wird.

Bis dahin ist aber noch ein wenig Zeit – insbesondere um mir einen neuen Begriff zu überlegen. Dieses Mal aber einen, den die gigantische Weinmarketingmaschinerie nicht so schnell zerstören kann. Ein Hirngespinst, ich weiß. Findige Marketer bekommen alles klein. Vielleicht nenne ich alles künftig nur noch “Heimatwein”. Dieser Begriff, den ich im Übrigen nachweislich seit weit über zehn Jahren benutze, ist relativ resistent gegen jegliche Marketingströmung. Wir werden sehen…

Für mich ist die Herkunft eines Weines wichtig. Die Herkunft ist quasi die Erbanlage, das gute Gen, das ein Wein mitbekommt. Grundsätzlich ist dieses gute Gen für mich die Voraussetzung aller potenziellen Größe, Einzigartigkeit und Ausdruck eines Weines. Alles das natürlich nur dann, wenn derjenige, der diesen Wein macht, auch auf alle diese Dinge Wert legt. Er muss das ja nicht tun. Aber ich freue mich immer, wenn er – oder sie – es getan hat. Es versteht sich von selbst, dass alle diese Attribute in keiner Weise objektiv messbar sind. Sie sind allenfalls so erklärbar, dass andere sie auch verstehen, bestenfalls nachvollziehen, oder – aus welchen Gründen auch immer – sie nicht verneinen. Sicher ist, dass heutzutage die Masse, der elektronische Schwarm einen wesentlichen Teil hierzu beiträgt. Ein, zwei oder drei “Leitfische” erkennen vermeintliche Größe (subjektiv) und schwupps, schwimmt der Schwarm links im Kreis hinter dem Objekt der Begierde her. Setzt der Leitfisch den Blinker rechts, dreht der Schwarm ganz automatisch nach rechts. Das ist normal und völlig in Ordnung. So entstehen Trends und hin und wieder wird so tatsächlich Qualität für alle begreifbar gemacht. Und ab und zu geht das alles auch gewaltig in die Hose! Es ist eigentlich ganz einfach. Und einfach ist eben auch folgende Prämisse: Je enger die Herkunft abgegrenzt wird, um so höher kann die potenzielle Qualität eines Weines sein.

Bei uns in Deutschland ist das ein vertrautes und bekanntes Prinzip. “Einzellagen” nennen wir das. Ein wahrhafter Meister dieses Prinzips ist Markus Molitor von der Mosel. Es gibt für mich (subjektiv) kaum einen zweiten Winzer in Deutschland, der das Spiel mit den kleinsten Herkünften so perfekt beherrscht wie er. Im Burgund gibt es zahlreiche solcher Beispiele, in Italien auch. Man denke nur einmal an diverse Barolos. Eigentlich macht “jeder der etwas auf sich hält” so einen Wein… Aus Südafrika kannte ich derartiges bisher nicht. Jetzt sitze ich vor mehr als einem Dutzend solcher Weine. Das Ganze nennt sich “Single Vineyard”.

Der Begriff “Single Vineyard” ist in Südafrika gesetzlich geregelt. Er umschreibt quasi die kleinste geografische Einheit, von der ein Wein kommen kann. Und diese darf nicht größer als sechs Hektar sein. Man glaubt es kaum, es mutet ein wenig “deutsch” an, aber es gibt ein Formular um das Ganze anzumelden: “APPLICATION FOR REGISTRATION OF A UNIT FOR THE PRODUCTION OF A SINGLE VINEYARD WINE”. Natürlich macht das Sinn, etwas Kontrolle und Nachvollziehbarkeit schadet nie. Weder in Deutschland, noch in Afrika.

Es ist jetzt wohl nicht so, dass man aktuell von einem Trend oder gar einem “Boom” in Sachen “Single Vineyard” in Südafrika sprechen könnte. Das läuft alles eher ganz entspannt und entschleunigt ab. Man macht sich Gedanken, probiert aus und ist irgendwie auf dem Weg. In einem Land, in dem man bisher eher in großen Einheiten dachte, in idealen Blends (Verschnitte mehrerer Weine), in Rebsortenweinen, die sich über die Marke und die Reputation des Weingutes definieren, braucht der Gedanke an kleinsten Herkünfte sicherlich etwas länger. Zumindest der Gedanke, diese kleinste Herkunft auch als Alleinstellungsmerkmal zu kommunizieren.

Ich werde nicht alle Weine auf einmal verkosten, das ist mir ehrlich gesagt zu viel. Heute einige wenige und den überwiegenden Teil dann morgen. Dazu habe ich mir einem Mitverkoster eingeladen, den Rheinhessischen Herkunftswinzer H.O. Spanier. Ich bin gespannt. Heute Abend versuche ich ein Gefühl für die Sache zu bekommen. Es geht hauptsächlich um Sauvignon Blanc. Meine südafrikanische Lieblingsrebsorte. Ich mag dieses harte, grüne, kräutrige, heuige Zeug. Ich bin geradezu vernarrt darin. Meine Frau auch, deswegen sitzt sie auch neben mir. Es geht allerdings mit dem einzigen Chenin Blanc los, der vor mir steht. Chenin Blanc gehört nicht zu meinen Favoriten, dementsprechend selten habe ich ihn im Glas.

2011 Pella “The Vanila”, Chenin Blanc. Da ist der Name Programm. Der Hinweis auf dem Rückenetikett, dass der Wein in “amerikanischer Eiche” ausgebaut wurde, kann nur für erkältete Menschen, oder olfaktorisch völlig hoffnungslose Fälle gedacht sein. Die Vanille springt quasi aus dem Glas. Aber nur im ersten Moment, dann kommt der Pfirsich. Steht übrigens auch auf dem Rückenetikett. Ich finde Geschmacksangaben auf Rückenetiketten, gerne noch mit einer Speiseempfehlung versehen, übrigens ganz schlimm. Gruselig, abstoßend und manchmal macht mich das Ganze auch wütend. Nämlich immer dann, wenn ich feststelle, dass aber auch nicht die kleinste Kleinigkeit stimmt. Wenn dann da noch steht “gekühlt bei 8 Grad trinken”, bin ich komplett bedient. Hier stimmt die Beschreibung immerhin. Im deutschen Produktblatt findet sich allerdings der Hinweis, ich solle ihn mit acht Grad trinken… So kalt trinke ich, wenn überhaupt, nur billigen Schnaps. Und den trinke ich eigentlich nie! Zurück zum Wein: klare Sache, das ist ein Wein für Holzfreunde. Obwohl er “nur” 12,5 Prozent hat, wirkt er sehr kräftig. Für 10,90 Euro kann man nichts sagen. Ein wirklich sehr gut gemachter Wein, wenngleich nicht mein Fall, ehrlich gesagt. Ich mag zwar Holz, aber anders. Ich esse übrigens gerade ein Stück fränkischen (allmächt) rohen, geräucherten Schinken. Das passt ganz hervorragend zu dem Wein. Den Wein kann man ganz bequem hier bestellen.

Ich kann nicht anders, ich muss als nächstes die mit Abstand auffälligste – wahrscheinlich auch hässlichste – Flasche zuerst aufmachen. hellgrün, weißes Etikett… bizarr… Auf dem zusätzlichen Etikett auf der Vorderseite steht: “Im Hinterhofkabuff 2012″. Und schon hat der Wein einen Pluspunkt bei mir. “Hinterhofkabuff… genial. Während ich noch am lachen bin, fällt mir ein, dass eine der besten Rüdesheimer Lagen früher “Hinterhaus” hieß. Klingt irgendwie ähnlich. Als hätten die Macher mit dieser Reaktion auf die Optik der Flasche gerechnet, haben sie auf dem Rückenetikett folgendes, frei übersetzt, vermerkt: “Kleider machen keine Leute. Bewerten Sie den Wein nur nach seinem Geschmack”. Also, dann mache ich das so.

Es riecht ganz eigenartig. Nicht unangenehm, aber eben eigenartig. Anders! Ich rieche etwas Filz, ähnlich, wie neue Tennisbälle riechen. Ich habe nullkommanull Ahnung, was das für eine Rebsorte ist. Riesling vielleicht? Der Wein kommt aus dem Elgin-Valley (Sommerset West Richtung Caledon fahren) und ist völlig freakig. Und das ist noch untertrieben. “Faszinierend”, würde der Mann mit den spitzen Ohren sagen. Er schmeckt nach einem Sponti, ist leicht süß und irgendwie so ganz anders. Aber verdammt gut, ehrlich gesagt. Der Wein schmeckt unglaublich authentisch. Und das sage ich jetzt natürlich ohne zu wissen, ob das stimmt. Ich war da noch nie. Das wird sich aber ändern. Während ich das alles schreibe, sagt meine Frau zu mir: ” Geh doch mal auf die homepage von denen”. Was soll ich sagen… schaut es Euch selbst an. Freak-Show vom Allerfeinsten! Unbedingt das Video anschauen! Ich sehe übrigens gerade, es ist ein Riesling!  Unbedingt probieren. Kostet 22,84 Euro und gibt es hier. Ist aber ein Versuch wert, zumindest für die Freak-Fraktion unter Euch.

Jetzt dann aber Sauvignon Blanc! “This Wine ist not for Sissies!!!” Himmelherrgottsackzement ist das ein Drum. Gibt es etwas, dass trockener, als trocken ist? Ja, dieser Wein! Irre! 2011 Eight Rows von Diemersdal aus Durbanville. Der  Wein hat einen unvorstellbaren Zug und Druck. 1,5 Gramm Restzucker und 7,2 Gramm Säure. Wie der Riesling vom Würtz… Der Produzent gibt an, gerade einmal vier Tonnen pro Hektar geerntet zu haben. Das schmeckt man auch. Der Wein ist unglaublich konzentriert, ganz typisch stachelbeerig, hinten raus ellenlang und warm. Das ist nicht der weichgespülte Allerweltssauvignon. Und schon gar kein klassischer Sundowner. Nach der Flasche ist es nämlich garantiert dunkel und der Abend für ungeübte Trinker zu Ende! Das ist Wein mit Anspruch. Kerzengerade, schnörkellos und fordernd. Man muss ihn zuerst alleine trinken und dann sollte man ganz dringend und ganz schnell etwas zu Essen auf den Tisch stellen. Keine Salzbrezeln und Nüsse, sondern Essen. Ich kann mir sehr gut ein gegrilltes Schwein zu dem Wein vorstellen. So ein dickes mit fetter, knuspriger Schwarte. Das dürfte perfekt sein. Ich sehe gerade, dass der Importeur Thunfisch und frischen Lachs empfiehlt. Ich würde das sein lassen. Der Wein macht aus dem Lachs ratzfatz eine Flunder! 18,65 Euro ist ein durch und durch angemessener und fairer Preis für diesen sensationellen Wein. Zu kaufen gibt es ihn hier.

So viel zum ersten Teil. Ich bin beeindruckt und gespannt auf morgen…

 

2 Kommentare zu “Herkunft Südafrika -Teil 1

  • jan

    Hallo Dirk,

    geniale flights, die Du da zusammengestellt hast! Die Weine von Pieter kenne ich noch gar nicht, obwohl ich hier in SA wohne!? Ich habe ihn vorhin angerufen und werde heute Nachmittag wohl mal zu seiner farm fahren um ein paar “schöne” Flaschen zu kaufen fürs lange Wochenende – morgen ist hier Feiertag.

    Vielen Dank für den Tip.

    Grüße aus Stellenbosch

    jan

    Reply
  • herr meier

    Herkunft gefällt mir auch besser als der ganze Terror rund um das schöne Wort Terroir. Ein französischer Winzer darf und sollte das Wort auch benutzen, aber ich finde wenn wir in Deutschland über Weine reden, dann darf auch gerne die Herkunft des Weins eine Rolle spielen. Schöne Weintipps, im März werde ich die Winefarms mit auf meine Route nehmen. Solange lese ich mich aber schon einmal durstig!

    Reply

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