Alles über Wein und den Rest der Welt…

Kleine Weinfibel – 2

So eine Weinfibel ist gar kein so einfaches Unterfangen. Ich hatte zahlreiche spannende und inspirierende Weinmomente. Zu viele eigentlich, um sie aufzuschreiben. Da ich aber nicht “muss”, sondern “kann”, wenn ich “will”, keinerlei merkwürdige Wettbewerbe durchführe und nur meinem ganz subjektiven Geschmack Rechenschaft schuldig bin, mache ich halt einfach. Ein, ich gebe es gerne zu, ausnehmend schöner und angenehmer Zustand.

 

Silvaner… für mich eine der interessantesten und leckersten Weißweinsorten überhaupt -neben dem Riesling versteht sich. Und dem Sauvignon Blanc aus Südafrika. Und dem Chardonnay aus dem Burgund. Und dem aus Kalifornien. Undsoweiterundsofort. Je älter ich werde, stelle ich fest, umso weniger zwingen mich meine früheren, selbstauferlegten Geschmacksdoktrin in einen begrenzten “Trink-Korridor”. Und ich dachte eigentlich, ich werde mit zunehmendem Alter eher viel engstirniger… Wie auch immer, der Silvaner… Klar, wächst er in Franken, ist er ganz oft “groß”, wie der von Bickel-Stumpf und anderen tollen Produzenten. Eine riesige Silvaner-Vielfalt bietet aber traditionell auch Rheinhessen. Hier wächst diese Rebsorte beinahe schon immer, teilweise war es sogar der meistangebaute Wein des Gebietes. Silvaner ist keine einfache Rebsorte, was den Anbau anbelangt. Will man etwas wirklich Gutes daraus machen, ist sie sehr fordernd und treibt einem beim Keltern gerne auch mal in den Wahnsinn. Silvaner lässt sich nämlich ziemlich schwierig keltern. Die Trauben sind hart und stabil, viel stabiler als der Riesling. Mein Freund Wallfried sagt nach der Silvaner-Lese immer:” Stehen lassen, ziehen lassen, Schoppen trinken, morgen keltern!”

Irgendwo im rheinhessischen Nirgendwo, in Eimsheim, sitzt das Weingut Krebs-Grode. Ein kleiner Ort, aber ein ziemlich großes Weingut. Hier macht mein guter Freund Hubertus Krebs Jahr für Jahr auf einem konstant guten Niveau extrem verlässliche Weine. Manche Weine sind manchmal sensationell. Aber dazu später. Sein 2012 Silvaner trocken ist allerdings ein Wein aus der Rubrik “außergewöhnlich”. Es geht schon mit dem Geruch los. Er springt einen förmlich an. Irrsinnig konzentriert und klar ist er, der Geruch. Ein wenig Banane, ein Hauch von Stachelbeere und Joghurt. Letzteres kommt auch im Geschmack wieder, aber nicht unangenehm, wie bei einem missglücktem biologischen Säureabbau. Der Wein hat eine außerordentliche Länge und legt sich dick und rund in den gesamten Mund – ohne Anstalten zu machen, gleich wieder zu verschwinden. Mango schmecke ich übrigens auch noch. Den Wein kann man jetzt bereits mit viel Freude trinken und man muss ganz sicher nicht auf diese merkwürdige Spargelsaison warten. Spargel zu Silvaner – ich werde es nie verstehen! Der Wein kostet um die fünf (!) Euro und ist direkt ab Weingut erhältlich. Und wenn einer unbedingt etwas zu diesem Wein essen will, empfehle ich ein gutes Stück Fleischwurst. Esse ich auch gerade…

Bevor ich es vergesse, Hubertus Krebs macht einen Cabernet Sauvignon, der völlig irre ist. Mehr dazu demnächst hier auf dem Blog

Der nächste Silvaner-Kandidat kommt ebenfalls aus Rheinhessen und heisst Werther-Windisch. Zugegeben, der ist mittlerweile in der weinaffinen Internetgemeinde einigermaßen bekannt, aber ich kenne den Namen Windisch schon seit 20 Jahren. Mein Schwiegervater hatte in seinem Haus ein Knechtzimmer – er war Landwirt – und da wohnte ein Herr Windisch und der kam aus Mommenheim und ein Teil seiner Familie hat Wein gemacht. Und da Bauern und deren Nachfahren treue Seelen sind, gab es im Hause meines Schwiegervaters häufigst Wein von Windisch aus Mommenheim. Man konnte ihn trinken, nicht mehr und nicht weniger… Ganz anders sind da die Silvaner von Jens Windisch heute.

Was mich am meisten an den Windisch-Silvanern fasziniert ist die Tatsache, dass sie nicht versuchen, ihre Typizität zu kaschieren. Ganz oft wird Silvaner auf frucht- und eisbombig getrimmt. Das sucht man hier vergebens. Sind sind allesamt sehr klar und puristisch und einfach typisch! Schon der 2011 Gutswein (6,20 Euro) sticht heraus. Er ist leicht, filligran und nullkommanull kompliziert. Aufmachen und trinken. Der 11er Ortswein (8,50) riecht im ersten Moment ein wenig nach Weihrauch und Zedernholz und ist auch eher ein Steinwein und kein Fruchtwein. An der Spitze der Silvaner-Nahrungskette steht aber der 2011 “Lieht”, der Lagenwein. Alleine schon an der satten und kräftigen Farbe erkennt man die andere Dimension von Wein. “Reif” ist hier das alles beherrschende Zauberwort. Reifer Geruch, reifer Geschmack. Vielleicht sollte ich es besser “ausgereift” nennen. Ein trockener Premium-Silvaner, der sich vor seinen fränkischen Kollegen nicht verstecken muss. 15 Euro ist übrigens ein absolut angemessener Preis für diesen hervorragenden Wein. Das alles, und das alles ist gut,  wird allerdings vom Sekt in den Schatten gestellt. Ein Silvaner Sekt namens “Herzblut” ohne Dosage – also knochentrocken. Für mich ist Sekt ohne Dosage die Königsklasse. Nicht nur, dass ich diese Art von Sekt oder Champagne am liebsten trinke, nein, das muss man können. Die Dosage kaschiert jeden Fehler. Ohne Dosage fällt auch der allerkleinste Fehler negativ auf. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Sekt keinerlei Fehler hat. Im Gegenteil, er ist grandios. Jeder Schluck animiert, er hat eine feine, beinahe schon aristokratische Perlage (das sind die kleinen Bläschen im Sekt), die Säure ist frisch und animierend und das Ganze Ding macht einfach nur ganz viel Spaß. Für sage und schreibe 11,00 (in Worten: elf) Euro, gibt es hier den ultimativen Sektspaß! Zugreifen, bevor er leer oder teurer wird!

Und obwohl heute irgendwie Silvaner-Zeit ist, kann ich nicht umhin, noch einen kleinen Riesling-Ausflug zu machen. Andreas Durst ist der Fotograf der Weinszene und er macht Wein in der Pfalz, genau genommen in Bockenheim. Ja, ich weiss, jeder in der Weinszene, erst recht in der Online Szene, weiss das. Gähn! Da hier aber auch ganz andere Leute – und zwar mehrheitlich – mitlesen, muss und will ich mich heute auch mit Andreas Durst und seinen Weinen beschäftigen.

Der Durst ist ein Freak, ein Irrer, einer, der die ganze Landschaft mit seinen Etiketten zuklebt, einer der irgendwie immer lacht, ein teilweise zynischer in seinen Kommentaren, einer der gerne feiert und doch – so viel kann ich sehen – ein ernster, ein intelligenter und ein permanent fragender Zeitgenosse. Er hat einen bestimmten Blick, einen anderen eben. Er ist Fotograf, da muss man das wahrscheinlich haben. Es gibt zwei Fotografen, von denen ich mich gerne einmal ablichten lassen würde. Der eine ist der Klimek, der andere ist der Durst. Einfach weil ich total neugierig bin, wie einer wie der Durst, ein Fragender, mich sieht und festhält…

Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich den 2011 Riesling “Grosser Durst” im Glas. Wahrscheinlich kommt auch daher meine Neugierde auf ein Durst´sches Foto von mir. Der Wein ist total klar, kompromisslos und brutal ehrlich. Die Säure ist im wahrsten Sinne des Wortes “saftig”. Für um die 11,00 Euro ist das eigentlich ein Witz. Das ist viel zu billig für so einen Wein, aber man muss ihn wahrscheinlich auch verkaufen können!

Der 2011 Riesling “A” von Durst – ich habe keine Ahnung, was das “A” bedeutet, ist auch irgendwie “A”. Eigentlich eher “aaaahhhh”. Wisst Ihr was ich meine? Kennt Ihr das? So dieser erste Moment, völlig unbeherrscht und unzensiert? Genau so! Das ist kein Schmeichler, dafür ist er viel zu phenolig (Fachbegriff – uninteressant – gleich wieder vergessen). Nennen wir es ein wenig kratzig, ruppig. Das legt sich etwas auf die Zähne. Aber das ist gar nicht unangenehm. Im Gegenteil, das ist sehr faszinierend und macht den Wein sehr eigenständig. Einer sollte diesen Wein den Norwegern vorstellen und den Schweden und den Finnen. Die werden das Zeug lieben und kiloweise Hummer und diese furchteinflössenden Riesenkrabben dazu essen. Hier in Rheinhessen gibt es so etwas auf die schnelle nicht, aber wir haben noch Ochsenschwanzsuppe. Dazu werde ich diesen Wein trinken. Und zwar leer trinken. Ich weiss leider nicht, was der Wein kostet, aber ich bin mir sicher, er ist jeden Cent wert.

Zum heutigen Abschluss noch ein kleines und launiges Wort:

Zur Zeit kochen wieder einmal die Emotionen hoch – meine auch. Pferd statt Rind und überhaupt alles falsch, schlecht und skandalös. Dazu wird noch die Deutungshoheit in Sachen Weinwahrheiten heftig umkämpft. Der eine sagt, der Fachhandel stirbt, der andere ist überzeugt von selbigem und im LEH und Discount wohnt der leibhaftige Weinbelzebub. Bei allen diesen Diskussionen, notwendigen Diskussionen, bleibt eines ganz oft unausgesprochen. Und das ist die Tatsache, dass solche Weine wie ich sie heute oder auch das letzte Mal beschrieben habe, merkwürdigerweise, ganz oft noch jahrelang, beim Winzer erhältlich sind! Das lässt den Schluss nahe, dass zwar alle von solchen Weinen reden und sie loben und gerne auch einmal “überhöhen” – aber kaufen tun sie wohl die wenigsten… Das MUSS sich bitte, bitte ändern!

17 Kommentare zu “Kleine Weinfibel – 2

  • Der Direttore

    Moin,

    beim Lobgesang zu den Weinen von Werther Windisch kann ich absolut einstimmen! War damals, und das gibt man als Franke nicht gerne zu, nachhaltig beeindruckt vom 2010er Mommenheimer Silvaner trocken und dessen Preisleistungsverhältnis!
    http://lagazzettadelvino.blogspot.de/2012/04/wenn-der-franke-nachgibt-2010.html
    Den “Dosage” Zero hatte ich vor drei Wochen u.a. mit Christian Hörtrich und dem Herren Gmall auch im Glas. 11€ ist saugünstig für solch einen mutigen Gesellen!

    Ohne eine Diskussion epischen Ausmaßes provozieren zu wollen, genau damit solche erschwinglichen Spitzenweine verkauft werden oder besser erst einmal bekannt werden, braucht es eben die Blogs oder deine Weinfibel!

    Umso wichtiger bleibt es weiterhin den “leibhaftige Weinbelzebub” Discounter zu dämonisieren, damit solche von Dir beschriebenen Weine Gehör finden und nicht solange in den Kellern verweilen bis sie nicht mehr vinifiziert werden!

    Mehr solche Tipps, weniger pseudo tolerante Aufrufe zum Weinkauf im Discounter!

    PS: Bitte nicht das Preisargument bringen, solche Tropfen wie von Krebs Grode kosten um die fünf Euro! Geschenkt, wenn man die Prüm, Keller Anschläge im Diskounter damit verglicht, die teilweise sogar teurer sind.

    Am Ende Jeder wie er mag, es geht nicht um den Fingerzeig auf den Konsumenten! Er kann trinken, was er will!
    Aber die Weine, die heute hier vorgestellt wurden (bis auf KG kenne ich sie alle) sind der beste Beweis, das großer Deutscher Wein nicht teuer sein muss!

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    • Dirk Würtz Post author

      Ich bin ziemlich bei Dir, lieber Direttore… Bis auf das Dämonisieren ;-) Den Windisch hatten wir übrigens das erste Mal anläßlich einer TWA entdeckt, wenn ich mich nicht täusche

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  • Heinz Magnus

    Der 2002 Martinsthaler Rödchen, Riesling Spätlese ist derzeit zum zweiten Mal auf dem Prüfstand. Eine wirklich erstaunliche Qualität. Bei dem Preis schier unfassbar. Von der heutigen Empfehlung muss ich mir wohl auch was schicken lassen.

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  • Gast

    Auf http://www.deutscheweine.de fand ich statistische Tabellen unter anderem zum Weinkonsum pro Kopf in Deutschland. Das sind etwa 20 Liter im Jahr, also 2 Flaschen im Monat.

    Vielleicht findet der Weinhersteller ja einen Weg um in internationalen, vorzugsweise englischsprachigen Veröffentlichungen sich „hochschreiben“ zu lassen und kümmert sich um den Export seiner Ware. Ich könnte jetzt spontan 2 deutsche Weingüter nennen bei denen das jeder auf deren Webseite nachlesen kann, dass das funktioniert – mit Google wird die wohl auch jeder selbst finden können. Sind es nur zwei? Nein, es sind schon ein paar mehr.

    http://www.vdw-weinexport.de/
    „Es werden zwischen 1,5 und 2 Millionen Hektoliter deutscher Wein in über 100 Länder weltweit exportiert. Diese Menge entspricht ca. 20 % einer deutschen Durchschnittsernte.“

    Warum nur so wenig – da geht doch noch was. ;-)

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  • Gast

    In der Bloggerszene werden immer und überall die selben Winzer “durchgereicht”. Meist aus Rheinhessen und der Pfalz. Lasst Euch mal was neues einfallen…wird langsam einfallslos!

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    • Dirk Würtz Post author

      Genau @Gast. Und die “wichtigen” Kommentare werden immer anonym geschrieben. Wie einfallslos.
      Und das letzte Mal waren wir im Rheingau und das nächste Mal sind wir im Osten… Aber in Rheinhessen und der Pfalz gibt es nun einmal die meisten Talente… ist halt so, bei knapp der Hälfte der deutschen Rebfläche! Ansonsten: einfach nicht lesen!

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  • ein anderer Gast

    Nö, dass IMMER die selben Winzer genannt oder durchgereicht werden kann ich nicht bestätigen. Jeder Blogger hat seinen persönlichen Geschmack, genauso wie jeder Leser auch. Und jeder Blogger verfolgt auch seine persönliche Linie. Einer meiner Lehrer meinte dazu mal „man kann auch katholischen Rechenunterricht geben“ – sollte sagen, dass was die Grundüberzeugung eines Menschen ist, das ist auch bei scheinbar ganz sachlichen und logischen Sachverhalten spürbar.

    „Alles in Maßen“ und „erkenne Dich selbst“ stand angeblich mal über dem Eingang zum Orakel von Delphi. Ich sehe eigentlich öfter, dass das beherzigt wird als das es vergessen wird – oder ich wünsche es mir zumindest – vor allem für mich selbst! ;-)

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  • A. Hofer

    Gefällt mir, geschrieben mit Leidenschaft. Danke für die Tipps (Durst kannte ich bereits). Auch mal nach Franken schauen, da gibts meiner Meinung nach gerade im Silvaner kabinett Bereich spannendes Zeug von den Geisenheimer-Jungwinzern.

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  • Udo Thiem

    Junge Talente gibts inzwischen überall. Und in jedem Weinbaugebiet wird inzwischen auch sehr guter Wein bereitet, man muß manchmal nur etwas auf Entdeckungsreise gehen um fündig zu werden.

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  • Pingback: Ein Silvaner aus Stahl | Ei Gude, wie?

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