Alles über Wein und den Rest der Welt…

Grosse Gewächse 2011 – Teil 1

Der Jahrgang 2011 war quasi schon vor der Ernte ein Jahrhundert- und Kometenjahrgang. Im Kurhaus in Wiesbaden stehen heute und morgen alle Grossen und Ersten Gewächse dieses Jahrganges des VDPs auf dem Tisch. Die beste Gelegenheit also, um das Ganze einmal zu überprüfen. Auf meiner Agenda stehen heute nur Rieslinge

Rheingau

Im Vergleich zum letzten Jahr sind es dann doch deutlich weniger Erste Gewächse… 2011 war im Rheingau auch kein wirklich einfacher Jahrgang. Es gab viel Druck aufgrund der im Herbst stark einsetzenden Fäulniss. Aber es ist wie immer, um einmal einen bekannten deutschen Weinkritiker zu zitieren: “Wenn das Rheingau gut ist, ist es richtig gut!”

Sehr gut der “Pfaffenwies” von Graf von Kanitz. Unheimlich dicht und druckvoll und extrem lang und animierend. Hervorragend auch  der Rüdesheimer Berg Rottland vom Johannishof. Total elegant und verspielt und, und das ist das wichtigste, er macht Spass zu trinken! Zur absolut sicheren Bank entwickelt sich in den letzten Jahren Schloss Johannisberg. Das Erste Gewächs aus 2011 ist ebenfalls wieder extrem gelungen mit einer herausragenden und beinahe schon majestätischen Säure. Ein Wein, der jetzt ebenfalls schon einen unglaublichen Trinkspaß bereitet.

Geradezu sensationell finde ich die Weine der Georg Müller Stiftung in diesem Jahr (Was bei meinem Hintermann auf Unverständniss stösst). Der Hattenheimer Schützenhaus hat eine aberwitzige Kräuternote, die ich absolut genial finde und die Hattenheimer Hassel ist für mich schlicht ein perfekter Rheingauer Riesling. Der Wein hat ein faszinierendes Aromaspiel, ich möchte wetten, der lag in Holzfässern. Er hat eine nicht enden wollende Länge. Der Nussbrunnen ist ebenfalls eine Paradebeispiel für den Rheingau. Hier hat der Kollege Alf Ewald einen grossen Wurf gelandet, ganz grosses Kompliment!

Ein Wein ganz nach meinem persönlichen Geschmack ist der Siegeslberg von Jakob Jung. Völlig kompromissloser Wein ohne viel “Schnickschnack”, trocken und eine stahlige und vibrierende Säure. Ganz anders hingegen, ein Wein, der mich aus dem Glas heraus anspring. Der Marcobrunn von Schloss Schönborn. Er erinnert mich irgendwie an eine frisch gemähte Wiese und macht einfach Spass zu trinken. Der Gräfenberg von Weil gehört ebenfalls ganz sicher zu den besten der Region. Er hat Druck, Tiefe, eine perfekte Säure und ist durch und durch “aristokratisch”. Ein leiser, perfekter Vertreter des Rheingauer Riesling!

Ebenso eine Bank die Hochheimer Hölle von Künstler.Ein charaktervoller Held, der ganz sicher erst in zehn Jahren sein wahres Gesicht zeigt.

Fazit: Sehr verlässliche Qualitäten in diesem Jahr im Rheingau. Die “üblichen Verdächtigen” produzieren auf einem weiterhin sehr hohen Niveau. Herausragend für mich tatsächlich in diesem Jahr die Georg Müller Stiftung mit drei extrem guten, weil völlig eigenständigen und charaktervollen Weinen jenseits des Mainstreams!

 

Rheinhessen

Ich weiss nicht, ob ich jemals einen Wein im Glas hatte wie den Pettenthal von Kühling-Gillot. Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut! Soviel Ausdruck, soviel Herkunft habe ich ganz selten in einem Riesling wahrgenommen. Hier ist tatsächlich der pure Stein im Glas. Absolut perfekt! Wahnsinn! Das geht nicht mehr besser, nur noch anders. Ihr Leute, kauft alle von diesem unfassbaren Stoff und erlebt, was Herkunft tatsächlich bedeutet.

St.Antony hat mit dem 2011er Orbel ebenfalls ordentlich “einen rausgehauen”. Der Wein hat eine ganz spezielle Aromatik, die mich sehr an Feuerstein erinnert und er hat Druck! Überrascht bin ich vom Orbel aus der Staatlichen Weinbaudömäne in Oppenheim. Ein wirklich gelungener Wein. Nicht groß, aber sehr gelungen.

Wagner Stempel hat mit dem Höllberg einen veritablen Puristen in das Glas gebracht. Großartige Strukur, sehr kühl, beinahe eiskalt und irre lang! Ganz viel Charakter zeigt auch der Falkenberg von den Öko-Pionieren Brüder Dr. Becker. Ein sehr intensiver und animierender Wein.

Wittmann… was soll ich sagen… die Aulerde ist zum hinknien gut und hört nicht auf zu schmecken. Das Kirchspiel ist genial. Kühl, straff und glasklar. Der Morstein ist ein wie ein Monolith, kerzengerade und ein Himmel aufsteigend und das Brunnenhäuschen ist schlicht perfekt! Eine durch und durch gelungen Kollektion  Grosser Gewächse. Jeder Wein hat eine innere Spannung, wie man es nur selten findet.

Das Kirchspiel von Keller ist völlig verschlossen und lässt zur Zeit nur ahnen, was es könnte. Ich denke, sehr viel, wobei ich das Wittmannsche Kirchspiel in diesem Jahr klar vorne sehe.

Battenfeld-Spanier ist angekommen! Eine rundum logische und schlüssige Angelegenheit sid HOs Weine. Klar, auf dem Punkt, null verspielt, enorm ausdrucksstark und ganz bedingungslos in Sachedn Herkunft. Der Schwarze Herrgott zeigt seine Nähe zur Pfalz. Der Frauenberg ist der pure Stein und das Kirchenstück steht wie eine Festung. Grosses Kino!

Fazit: Das Pettenthal von Kühling-Gillot gehört unter Schutz gestellt und ist für mich einer der besten Weine des Jahrganges. Wittmann hat die Kollektion seines Lebens abgeliefert und Battenfeld-Spanier ist ihm auf den Fersen

 

Pfalz

Hier stehen sage und schreibe 52 Grosse Gewächse auf dem Tisch. Und das sind nur die Rieslinge… Da kommen dann noch einmal 13 Pinots und neun Weissburgunder dazu.

Philipp Kuhn entwickelt sich in den letzten Jahren zu einem meiner Lieblinge. Die Weine sind so schön unaufgeregt und immer sehr verlässlich. Insbesondere der 11erBurgweg überzeugt mich.

Bürklin-Wolf hat einen aberwitzigen, irrsinnigen und grossartigen Pechstein produziert. Die letzten Jahre gehörte dieser Wein eigentlich nie zu meinen Favoriten. In 2011 ist er wahrhaftig gross! Alleine die Säurestruktur verdient schon höchstes Lob und die Mineralität, die dieser Wein hat, ist beinahe unbeschreiblich. Perfekt! Der Gaisböhl überzeugt mich auch vollkommen. Ein Traum von einem Wein! Der Kalkofen ist die kühle Schöne, so eine Art Diva. Ein grosser Wein! Der Hohenmorgen hat einen wunderschönen “Stinker”, dass wird ganz sicher – darauf möchte ich wetten –  einmal eine ganz tolle Frucht.

Spannend ist das Kirchenstück von “von Wínning” Nicht ganz so wild wie in den letzten Jahren, aber unheimlich spannend. Sehr elegant und verspielt. Nicht weniger spannend ist der “Spiess”, wenngleich auch dieser Wein mir deutlich braver vorkommt als das was ich sonst so kannte aus dem Weingut. Der Kalkofen hingegen ist wieder etwas lauter… Alle Weine sind wirklich  interessant zu verkosten. Ob ich eine Flasche davon leer trinken könnte, weiss ich aber nicht. Was aber nicht weiter schlimm ist. Für mich sind das tatsächlich eher spannende Verkosterweine.

Christmann hat einen sehr aussergewöhnlichen Reiterpfad in die Flasche gebracht. Ein Männerwein, so eine Art “Riesling Chuck Norris”, so einer, der keine Gefangenen macht. Hart, klar, lang, länger und noch länger. Toll!!! Der Langenmorgen hingegen ist so eine, nennen wir es mal, “barocke” Schönheit. Der Idig ist ein Traum. Ein noch verschlossener zwar, aber ein Traum. Fest, dicht, so wie ich mir die Pfalz eben so vorstelle! Der Mandelgarten rundet das Ganze schön harmonisch ab.

Sehr animierend und trinkfreudig ist der Schäwer von Messmer. Ein durch und durch gelungener Wein, der einfach nur Spass macht. Unbedingt probieren sollte man auch den Kalmit von Kranz. Klar, druckvoll und gut!

Fazit: Die Pfalz hat eine stattliche Anzahl Grosser Gewächse auf den Tisch gestellt. Herausragend für mich ist Christmann und Bürklin-Wolf. Aber gerade so Weine wie der von Messmer und Kranz machen das Ganze spannend. Und Kuhn ist einfach eine sichere Bank.

 

Nahe

Was in den letzten Jahren an der Nahe in Sachen Qualität passiert ist, ist schon ganz erstaunlich und aussergewöhnlich. Hier gibt es quasi keinen schlechten Wein mehr, anders kann ich das nicht sagen. Kruger-Rumpf hat drei grundsolide Grosse Gewächse. Allesamt sehr kraftvoll und ausdrucksstark. Mein persönlicher Favorit ist der Pittersberg.

Ich bekomme zum zweiten Mal heute Gänsehaut. Das kan eigentlich alles gar nicht wahr sein. Verursacher ist der Burgberg vom Schlossgut Diel. Das ist Riesling in absoluter Vollendung. Perfekt, balanciert, reif, ausgewogen, animierend und  spannend. Das ist einfach nur perfekt und formvollendet. Das Pittermänchen hat eine ganz eigene Exotik, das Goldloch glänzt und der Schlossberg ruht in sich. Über allem aber schwebt der Burgberg. Mir fehlen die Worte…

Dr. Crusius hat mit der Bastei und dem Rotenfels zwei extrem mineralische Rieslinge produziert. Insbesondere die Bastei ragt da heraus. Ein sehr stoffiges Stöffchen.

Das Delchen von Dönnhoff ist ein schlafender Riese. Sehr kompakt und fest. So eine Art Sandsack. Toller Wein, ganz sicher ein Langstreckenläufer. Die Herrmannshöhle ist dagegen die Ausgeburt an Eleganz und Feinheit. Das Felsentürmchen ist ein kleines Kräutersäckchen und aufregend ist es auch. Der Wein vibriert und zittert. Klasse!

Schäfer-Fröhlich hat eine ungewöhnliche Kupfergrube gefüllt. Ungewöhnlich, weil unglaublich exotisch. Wenn ich da reinrieche, bekomme ich Fernweh. Toll. Gleiches gilt für den Felsenberg. Der Felseneck fällt da aus der Rolle. Ganz andere Stilistik, sehr kühl und fest. Der Halenberg ist der zurückhaltende Geselle. Ein verschlossener und stiller Vertreter.

Emrich-Schönlebers Halenberg ist ein richtig saftiger Wein, ein “Maul voll”, so wie es sein muss. Jeder Schluck ein Volltreffer! Das Frühlingsplätzchen ist dagegen der Tänzer. Zwei aussergewöhnliche Weine.

Fazit: ich muss es einmal ganz deutlich sagen, nirgendwo wird der Grosse-Gewächs-Gedanke so konsequent und so gut umgesetzt, wie an der Nahe. Hier gibt es keinen einzigen Aussetzer. Alle GGs sind in der Tat GROSSE Gewächse. Absoluter und in diesem Jahr nicht zu übertreffender Spitzenreiter ist das Schlossgut Diel. Hier wurden ja schon immer sehr gute Weine produziert, in 2011 sind sie aber allesamt gross!

 

Mosel-Saar-Ruwer

Ich gebe es gerne zu, ich bin kein grosser Freund der trockenen Moselweine, ich mag es da lieber fruchtig und süß. Glücklicher Weise ist mein Geschmack nicht massgebend… ;-)

Von Othegravens Herrenberg ist ein kraftvoller und ausdrucksstarker Riesling. Der drückt richtig. Ganz anders der Altenberg mit seiner feinen Feuersteinaromatik. Der Bockstein ist in dieser Phalanx der “Kräuter-Wein”. Sehr aussergewöhnlich. Ich mag das! Alles hat Charakter und einen ganz eigenen Stil.

Laurentiuslay vom St. Urbans Hof… das ist ein Wein… Stark, vielschichtig und ganz aussergewöhnlich cremig. So macht mir trockener Moselwein Spass, so kan ich das trinken! Ganz ähnlich auch die Apotheke von Grans-Fassian. Ähnlich deshalb, weil er Spass macht zu trinken. Er hat eine ganz vorzügliche Frucht, so etwas gelbes, reifes und eine ganz fantastische nervige Säure.

Haart und Kesselstatt haben beide ein Goldtröpfchen wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Kühl und feuersteinig bei Kesselstatt, wild und animalisch bei Haart. Beides ganz vorzüglich! Überhaupt zieht sich bei Kesselstatt ein spannender roter Faden durch alle GGs. Alles extrem mineralisch, steinig (Feuerstein) und kühl. Das gefällt mir sehr, sehr gut!

Nierderberg Helden vom Schloss Lieser ist in der Tat ein Held. Was für ein Wein. Pointiert, klar und ausdrucksstark. Ich wusste gar nicht, dass ein trockenes Möselchen so schmecken kann. Wer Säure mag muss diesen Wein probieren!

Wirklich aussergewöhnlich, weil völlig anders, sind die Weine von Clemens Busch. Unheimlich kraftvoll wirken sie auf mich, die schieben richtiggehend! Dazu kommt beispielsweise beim Marienburg Rothenpfad ein ganz exotisches Fruchtspiel. Faszinierend! Der FAhrlay ist sehr cremig und rollt!

Fazit: Ich bleibe dabei, ich mag es in dieser Region viel lieber mit Restzucker. Wenn allerdings alle Weine so wären, wie dieser Held vom Niederberger Helden, ich würde meine Meinung glatt ändern!

 

Mittelrhein und Saale-Unstrut

Ein GG gibt es aus Saale-Unstrut und das kommt von Pawis und das heisst Edelacker und das ist gut! Matthias Müller hat am Mittelrhein einen sehr gelungen und feinen Mandelstein.

 

Franken

Nein, die Franken machen nicht nur Silvaner und Pinot, sie machen auch Riesling. Allen voran Fürst mit seinem Centgrafenberg, ein wirklich packender Wein mit einen ganzen Spektrum an reifen Früchten und einer wirklich perfekten und reifen Säure. Dieser Wein macht Spass!

Das Bürgerspital hat einenen Stein “Hagemann”, der mich zwar an einen Sauvignon Blanc erinnert, aber dennoch sehr gut schmeckt.

Horst Sauers Lump ist ein Wein ganz nach meinem Geschmack. Absolut trocken und Vollgas geradeaus. Keine Schnörkel, nichts verspieltes, kerzengerade. Ganz fantastisch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

12 Kommentare zu “Grosse Gewächse 2011 – Teil 1

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>