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Lesetipp – Weinsprache

Welche Weinsprache ist die richtige? Gibt es überhaupt eine Weinsprache? Wer versteht sie? Vor über einem Jahr hatte ich hierzu einen Blogbeitrag geschrieben, gerade wird das Thema wieder aktuell.

“Wein-Plus” hat ein, wie ich finde, sehr interessantes Zwiegespräch veröffentlicht. es diskutierten ein Journalist, ein Weinhändler und ein Gastronom/Weinkritiker. Viele Ihrer aussagen kann ich voll und ganz unterschreiben. “Wein muss begreifbar werden”, “Wein ist Emotion”, “Ein guter Wein braucht keine Betriebsanleitung”, “Wein muss entmystifiziert werden” undsoweiterundsofort. Ganz wichtig auch der Exkurs der Diskutanten in das Thema Weinbereitung und noch allgemeiner in das Thema Grundprodukte, Lebensmittel und Aromen.

Leider fehlten in dieser Diskussion noch zwei Gesprächspartner. Zum Einen der Produzent und zum Anderen, der wichtigste überhaupt, der Konsument. Besser noch die verschiedenen Arten des Konsumenten. Für den größten Teil der bundesrepublikanischen Weintrinker sind das hier nämlich alles böhmische Dörfer, ach was, böhmische Großstädte. Und genau hier muss Weinsprache meiner Meinung nach einsetzen. Es genügt nicht, von einer Entmystifizierung zu sprechen und damit eigentlich nur eine Art Renovierung zu meinen. Die alte kryptische Weinsprache wird durch eine neue Spezialsprache ersetzt. Ich registriere mittlerweile sogar im demokratischen und “revolutionären” Weinweb den Trend zu einer neuen “Weingeheimsprache”. Damit erreicht man aber weiterhin nur den kleinsten Teil der Weintrinker. Ich bin allerdings fest davon überzeugt, dass es unter den deutschen Weintrinkern eine ganz große Gruppe gibt, die man noch mehr für das Thema begeistern kann. Ich erlebe diese Menschen beinahe tagtäglich. Die sollten wir abholen. Das läuft, und da hat Martin Koessler völlig recht, über die Emotion. Die muss allerdings verständlich sein, sonst wird das nichts. Und sie läuft in 99 Prozent der Fälle über die Begriffe “schmeckt” und “lecker”. Auch wenn das die Spezialisten nicht hören wollen, dass ist die Realität. Lasst doch die Leute weiterhin diese Begriffe benutzen und baut Eure Weinsprache einfach darauf aus. Da fällt doch keinem ein Zacken aus der Krone. Wenn ich dem Konsumenten eine halbe Stunde lang erklären muss, warum “schmeckt” oder “schmeckt nicht” und “lecker” Begriffe sind, die er sich abgewöhnen soll, ist er genervt und weg.

Otto Geisel hat im Übrigen völlig recht wenn er in dem Gespräch für “Wein-Plus” sagt: “Guter Wein braucht keine Betriebsanleitung”. Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen!

11 Kommentare zu “Lesetipp – Weinsprache

  • Peter Reichard

    Unsere Gäste bei Verkostungen genießen es, dass sie einfach sagen “dürfen”, dass der Wein schmeckt oder nicht. Wir sehen es dann als unsere Aufgabe sie bei der Formulierung ihres persönlichen Geschmacks weiter zu bringen. So ist es dann auch ok, wenn jemand sagt, dass es duftet wie in der Keksdose seiner Oma. Jeder hat individuelle Geruchs- und Geschmackserfahrungen, die aufzurufen und mit Wein oder anderen genussmitteln zusammenzubringen, darin sehe ich die Aufgabe, wenn man Wein Konusmenten vorstellt. Und schließlich will man den Konsumenten nicht zum Sommelier machen.

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  • Joerg Utecht

    “…baut Eure Weinsprache einfach darauf aus…”
    Dass das Einfache das Komplizierte ist, ist ja eine hinlänglich bekannte Binse. Wenn Experten kommunizieren, haben sie leider zu oft zu viel Professionalität, als dass sie in der Lage wären, sprachlich basal zu agieren.
    Was alle immer lernen, wenn sie sich mit PR und Marketing beschäftigen: Zielgruppe und Botschaft müssen klar sein, sind die Essenz. Nur: Die intellektuelle Verbildung bekommen die meisten nicht aus den Köpfen raus. Aus der intuitiven Fabulierwut schon mal gar nicht.
    Andererseits:
    Ein guter Wein ist ein komplexes Produkt. In der Regel auch: Hoch erklärungsbedürftig. Zumal, wenn ein ordentlicher Preis dafür erzielt werden soll.

    Also kommen wir wieder zurück zur Botschaft, zur Zielgruppe. Wer Boxen bei Lidl verkaufen will, muss dem Volk auf’s Maul schauen und darf auch nicht vor Plattitüden zurückscheuen.
    Ein gereifter Steillagenriesling verträgt schon mal einen pseudointellektuellen Diskurs. Weil’s die potentiellen Konsumenten kitzelt.
    Am Ende will aber jeder lesen, dass er da “geilen Stoff” im Glas hat.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Joerg Utecht
      Ganz ehrlich, ich persönlich würde aufhören die Weinsprache davon abhängig zu machen, um welches Produkt es sich handelt. Egal ob Lidl oder Steillage. Ich will ja den Lidl Mensch auch zur Steillage bringen und dann muss der arme Kerl nochmal von vorne anfangen…

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  • Joerg Utecht

    @Dirk
    Bist halt ein Pädagoge ;-)

    Was vielleicht ein grundsätzlich falscher Ansatz ist: Die Sensorik steht zu sehr im Mittelpunkt, wenn Profis über Wein reden. Jenseits von “schmeckt” und “lecker” steigen da Einsteigerkunden selbstverständlich direkt aus. Die wollen – wie eigentlich alle immer – Geschichten hören. Bunte Bilder im Kopf gemalt bekommen.

    Was ja in den letzten Jahren vermehrt wieder geschieht – nämlich die Person des Winzers (oder meistens schlecht formuliert: Weinmacher – und ja, ich kenne die Unterschiede) zu fokussieren, ist EIN fruchtbarer Ansatz. Immer wieder dasselbe, dennoch gute, Beispiel: Lukas. Dessen Kampagne hat alles, nur keine verkostungstypischen Adjektive. Ein schillernder Typ, der bodenständig ist. Prototyp des Weinbauern für’s jüngere Klientel.

    Anderer Ansatz: Mach doch mal nen leichten rheinhessischen Roten und verkaufe ihn zusammen mit ner Dose Ravioli. Vielleicht dieses Mal bei Rewe. Das wird funktionieren, glaube mir. Also: Foodpairing für die Masse.

    Noch ne Idee: Hingehn, wo die Leute sind. Warum gibt’s auf Volksfesten immer nur dann Wein, wenn sie in Weinregionen stattfinden? Warum muss ich in meinem Bundesligastadion immer Bier trinken? Gestern abend z.B. hätt ich mich am liebsten mit Lambrusco betrunken ;-)
    Oder online: Warum gibt es immer noch keine zentrale deutschsprachige Plattform für Weintourismus? Ein absoluter Boomsektor…

    Was das alles mit Sprache zu tun hat? Viel. Denn nur über solche Ansätze lassen sich die erwähnten Geschichten generieren – ohne die immergleichen Adjektive verwenden zu müssen.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Joerg Utecht
      Klar bin ich Pädagoge, ich habe ja Kinder… ;-) Ernsthaft:
      Ich glaube, wir haben den gleichen Ansatz. Und die Beispiele Lukas und die Dose Ravioli sind sehr gut. Über die Dose Ravioli, so bnal die auch ist, erreichst Du ein grosses Publikum und wenn Du es dann noch schaffst, dass denen der Wein zu den Raviolis schmeckt hast Du es. In diesem Moment generierst Du Mehrwert: “Essen, trinken…oh.. das geht ja zusammen auch mit Wein”

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  • hans

    Hallo Hallo, hier spricht ein Konsument (ohne Weinkühlkeller oder Wertanlageambitionen):
    Die Information über einen Wein (ob in Box oder Flasche) sollte auf jeden Fall nicht zu lang sein!
    Um ‘pseudointellektuelle Diskurse’ mache ich einen großen Bogen oder öffne beide Ohren, wenn ich schon nicht weglaufen kann. Aber der Winzer/Weinhändler darf sich gern mit deutlichen Worten vor mir mit seinem Produkt profilieren. Zwei (kurze) Sätze zum Geschmack müssen absolut reichen. Zwei (kurze) Sätze über die ‘Produktion’ des Weines wären absolut ausreichend, leider fehlt diese Perspektive in der Weinbeschreibung viel zu oft oder wird mit der Nennung von Lage und Rebe ein wenig zu kurz und platt erwähnt.
    Verbale Schaumweine finde ich persönlich grauenvoll …

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  • pivu

    mir gefällt martins ansatz, weinsprache als brücke, als medium zu verstehen, um beim konsumenten eigene bilder und emotionen zu wecken. weinsprache ist dann eine art animateur der eigenen sinnlichkeit. (und jetzt wird’s ähnlich diffus wie die ganze terroir-diskussion :-) )) .)

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  • Gast

    Wovon am meisten verkauft wird trifft den Geschmack der meisten Käufer. Ist das so richtig? Gibt es keine Weinsortenverkaufszahlen? Gibt es keinen Marktspiegel mit Umsatzzahlen?

    Also bitte, den Käufer bloß nicht irritieren sondern bedienen. Jeder fühlt sich am wohlsten wenn er sich selbst etwas aussuchen darf ohne dabei spürbar geschulmeistert zu werden. :)

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  • Peter Züllig

    Ja – die Weinmacher und die Weinkonsumenten erleben Wein immer als “Geschichten”, als ihre ganz sobjektive Geschichte. Diese mögen in den Fakten eben weitgehend subjektiv sein, aber sie sagen mehr aus über einen Wein, als eine noch so gepflegte und objektivierte Weinsprache. Ich habe deshalb Deinen guten Beitrag im “aufgeschnappt” auf meiner Website http://sammlerfreak.jimdo.com/aufgeschnappt/wein/ übernommen. Hoffentlich mit Deinem Einverständnis.

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  • Pingback: Weinsprache – Nicht so süffig im Abgang? « Ei Gude, wie?

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