Alles über Wein und den Rest der Welt…

Geschmackskorridor

Es gab im vergangenen Jahr mehrere Wörter, die das Zeug zum Unwort des Jahres hatten, in unserer Branche ist das sicherlich das Wort “Geschmackskorridor”Ich bin mir immer noch nicht wirklich sicher, was das eigentlich heissen und bedeuten soll, “Geschmackskorridor”. Ich nehme einmal an, dass ist die Umschreibung für “so soll es schmecken”. Würde sich dieser Korridor auf “trocken” oder “süss” beschränken, würde ich es verstehen, wenngleich sich mir dieses Wort dann immer noch nicht erschliessen würde. Ich befürchte allerdings, es geht da um mehr als nur “trocken”. Ich höre dieses Wort eigentlich immer nur im Kontext mit der neuen VDP-Klassifizierung und deren Umsetzung. Es klingt so, als ginge es um mehr, quasi um den Weinstil und damit um die Identität. Letzteres lässt sich, glaube ich, nur ganz schwierig theoretisch definieren. Ich kann auch erklären warum….

Ich war schon immer ein glühender Verfechter des komplett durchgegorenen Weines. Knochentrocken musste er sein, alles andere war Quatsch. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein Wein mit 20 Gramm Restzucker in der Lage ist, seine Herkunft zu zeigen. Ich muss das revidieren, ich erlebe gerade, dass das auch totaler Quatsch ist. Ich hatte kürzlich eine Reihe von Mosel-Weinen auf dem Tisch. Allesamt Kabinette, allesamt “feinherb”, also im Restzucker so um die 25 Gramm. Ich war absolut erstaunt über die Wiedererkennbarkeit der Lagen und den großen Spaß, den mir die Restsüße bereitete. Vielleicht ist doch etwas dran, dass man mit zunehmendem Alter mehr und mehr Weine mit Restsüße trinken möchte. Wie passt so etwas dann in den besagten Geschmackskorridor, ohne per Definition noch mehr Verwirrung zu stiften? Was mache ich, wenn der Wein einfach aufgehört hat zu gären und trotz des “Zuckerschwänzchens” grossartig schmeckt – und dabei auch noch die Herkunft widerspiegelt? Verklappen, weil er nicht in den Geschmackskorridor passt? Klingt irgendwie nicht wirklich gut…

Ich kann es drehen und wenden wie ich will, ich habe ein Problem mit diesem Begriff und dem was sich dahinter verbirgt. Einen Geschmackskorridor für eine Champagner-Marke im LEH  definieren… kein Problem! Gleiches gilt für einen Markenwein in diesem Segment. Bei allem anderem habe ich da so meine Zweifel. Ganz klar, trocken oder eben nicht trocken – dass kann man definieren. Alles andere wird irgendwie schwierig.

4 Kommentare zu “Geschmackskorridor

  • S.

    Ein sehr guter Blogpost. Ich persönlich finde, dass der Riesling seine unterschiedlichen Facetten besonders gut in unterschiedlichen Süßegraden zeigt. Das Entscheidende ist die Harmonie, so dass man nicht das Gefühl hat, die Süße überdecke Unreife oder unsaubere Noten, oder man habe “Süß-Sauer” im Glas. Insofern halte ich auch vorgegebene Geschmackskorridore für zu kleinlich und dogmatisch. Wieviel Restsüße den Rieslingen gut tut, hängt ja auch immer vom Jahrgang ab (2010 ist das beste Beispiel).

    Reply
  • susa

    Das trägt zwar jetzt nicht zur Diskussion bei, aber ich lese ständig “Geschmacksterror” – tiefere Wahrheit? ;o))

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>