Alles über Wein und den Rest der Welt…

Das oxidative Vergnügen…

Über den nachfolgenden studentischen Beitrag wird sich ganz besonders Jan Buhrmann, alias “Don Oxi” freuen…

Sherry – mehr als nur ein Likörwein mit viel Alkohol

Als ich letztes Jahr in Sanlucar de Barrameda, Spanien, meinen ersten Sherry probiert habe, war ich zuerst einmal etwas skeptisch; diese brandig-hefige Note, gepaart mit hohem Alkoholgehalt war sehr ungewohnt. Doch glücklicherweise sollte mein Aufenthalt im “Sherryland” noch etwas andauern und auch noch das ein oder andre Glas dieses “etwas anderen Weines” getrunken werden. Und mit der Zeit lernte ich ihn schätzen – seine nussigen und ganz eigenen pikanten Aromen.

Doch wieso fällt es einem solch alten Traditionsgetränk so schwer, sich auf dem Weltmarkt zu etablieren? Wahrscheinlich ist gerade dieses Attribut “alt” das Problem. Die Erzeuger haben mittlerweile erkannt, dass es, auch auf Grund der sinkenden Absatzzahlen, gilt, dieses verstaubte Image aufzubessern. Ein erster Schritt war die Einführung der Kategorien V.O.S. (Very Old Sherry) bzw. V.O.R.S. (Very Old Rare Sherry) für das Premiumsegment und damit ein sinnvoller Schritt hin zum Qualitätsbewusstsein. Außerdem gibt es immer mehr Kampagnen, die dem Sherry-Image mehr Jugendlichkeit verleihen sollen. Ob dafür jedoch Kampagnen wie die von Sandemann, einem der größten Produzenten Andalusiens, mit einem sherryhaltigen Longdrink namens “Spritzz” zu werben, der eleganteste Weg hinsichtlich Qualitätsmanagment ist, wage ich noch zu bezweifeln. Zumindest machen sie damit auf sich aufmerksam! Und das ist das, was die Sherryproduktion braucht – Aufmerksamkeit! Insbesondere auf internationaler Ebene.

In Spanien selbst lautet für mich der aktuelle Trend “Manzanilla”, der Sherry aus Sanlucar de Barrameda. Meiner Meinung nach ist absolut klar warum: es ist ein besonderer “Jerez” mit noch mehr Ausdrucksstärke. Die Nähe zum Atlantik und die damit verbundene hohe Luftfeuchte der Region sorgen dafür, dass sich der sogenannte “Flor“, die Hefeschicht bildet, die sich von Luft und Alkohol ernährt und den Wein vor Sauerstoffeinfluss abriegelt. In Sanlucar finden sich dafür die idealen Bedingungen, wobei der Einfluss des Meeres hier noch größer ist, als im restlichen Gebiet. Entsprechend dick und dicht ist der Flor. Dieser strohgelbe Wein mit seiner feinen und gleichzeitig kraftvollen Aromatik ist für mich der perfekte Begleiter zu Tapas und erinnert mit seinem ausgeprägten Meersalzaroma an die lauen spanischen Sommerabende.

Apropos Tapas: Sherry kann nicht nur als Aperitif fungieren, sondern ist auch als Essenbegleiter ausgezeichnet geeignet. Ich bin begeistert von der Aktion “Copa Jerez”. Das is ein internationaler Wettbewerb, bei dem Teams, bestehend aus Koch und Sommelier, die Aufgabe haben ein Drei-Gänge-Menü zu kreieren, zu dem ausschließlich Sherry gereicht wird. Eine tolle Idee! Und als ich gelesen habe, was dabei rauskam, ist mir das Wasser im Mund zusammengelaufen. Klingt die Kombination des Gewinnerteams des nationalen Entscheides “Carabiniera mit Kürbis und Orangen-Lavendel-Vinaigrette mit Manzanilla” nicht ausgezeichnet?

Für mich ist und bleibt Sherry etwas ganz Besonderes, allein deswegen, weil er für mich den Flair Andalusiens und das Temperament der Menschen dort so schön widerspiegelt.

Nadine Poss

16 Kommentare zu “Das oxidative Vergnügen…

  • susa

    Chapeau!

    Schade, dass es bei Würtz keine Bilder gibt, das wäre noch das Tüpfelchen auf dem i gewesen.

    In unserem Haushalt muss immer eine Flasche LBV in Griffweite stehen, für mich der optimale Allrounder, ob zum Aperitif, zu einer kleinen Käseauswahl aber durchaus auch zu Krustieren.

    Inzwischen hab ich mir das ganze Menü zusammengegoogelt und wieder wunderbare Anregungen für die häusliche Küche bekommen.

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  • susa

    stimmt Gerald, das ist Port – aber es hat da doch einige Gemeinsamkeiten und Port wird als mindestens so old school angesehen wie Sherry

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  • Charlie

    Bin vor Jahren mal tiefer in das Thema getaucht als ich je vorhatte und in ca. 20 Bodegas alles inkl. PX, Brandy und Essig probiert. Einges hatte mich begeistert, auch als Essensbegleiter. Allerdings ist Sherry für mich eher ein intelektueller denn ein physischer Genuss geblieben. Anders gesagt: ich trinkte sie nicht gerne. Tipp von mir: Amontillado VORS “de Bandera” von Gil Luque

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  • Jan Wilhelm Buhrmann

    Hi Nadine, vielen Dank für Deinen schönen Artikel. Ich denke, es gibt einige Gründe, warum Sherry derart angestaubt ist. Und die meisten sind hausgemacht. An vorderster Stelle steht die ungesunde Überproduktion der 1970er Jahre, die zum großen Teil auf die Rumasa Gruppe zurückgeht. Einfache Qualitäten zu Dumpingpreisen, Schlucken von kleinen Bodegas, Ausweiten der Anbaufläche auf ein Maximum sind nur einige Stichworte. Anfang der 1980 wurden in Jerez auf gut 30.000 ha wein angebaut. Die Enteignung der Rumasagruppe, überfüllte Keller und die sinkende NAchfrage ließen die Region “gesund” schrumpfen. Heute stehen nur noch 7.500 ha in Ertrag. Die große Kriese der 1980er Jahre hatten einen großartigen Nebeneffekt: kleine Almacenistas, die jahrzehntelang an große Bodegas geliefert haben, fingen an Ihre Weine zukünftig selber zu vermarkten. Heute sind es genau jene Bodegas, die den dynamischen Motor der Region bilden. Rey Fernando de Castilla, Gutierrez Colosia, El Maestro Sierra, Urium oder Bodegas Tradición sind nur einige der wichtigen Namen. Du hast vollkommen Recht, die Altersklassifikation der VOS und VORS ist der richtige Schritt. Mittlerweile füllen auch einige Bodegas Finos/Manzanillas En Ramas ab, also unfiltriert,ungeschwefelt, etc. die genannten Bodegas (und noch ein paar weitere) haben genau mit diesen Sherryqualitäten nicht unr an der Qualitätsschraube gedreht, sondern Sherry auch zu einem besseren Image verholfen. Abschließend bleibt mir nur noch meiner Freude Ausdruck zu verleihen, dass dir nur beim Lesen unseres I. Ganges von der 2ndo Copa Jerez das Wasser im Mund zusammenläuft. Es war echt eine verdammt gute Kombination. Salud Jan

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  • Charlie

    Tipps und Bezugsquellen? In D ist die Beschaffung bester Sherries kein Problem. Sehr viele Weinhändler haben zwar keine große, aber oft eine erstaunlich fein gewählte Auswahl. Konkrete Tipps:
    Fino von El Maestro Sierra bei Wein & Vinos.
    Manzanilla Manzanilla “San Leon” von Argüeso ganz oft in D, googeln.
    Amontillado 12 anos “Collection” von Williams & Humbert hier http://www.ma-wine.com.
    Von den alten Amontillados: Amontillado Viejo 1830 VORS von El Maestro Sierra auch bei wein & vinos aber auch bei Lohrey in Offenbach sogar mal offen zum probieren.
    Oloroso Viejo VOS “Don Gonzalo” von Estevez (hab ich nicht gefunden).
    Palo Coratado sind meist sehr fein, aber selten. PX laß ich mal weg.

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  • Nadine Poss

    Na da bleibt ja kaum etwas hinzuzufügen…danke für die tollen Anregungen! Ich kann auch nur empfehlen, falls die Möglichkeit besteht, mal nach Andalusien zu reisen. Dort unten schmeckt der Sherry einfach immer noch am Besten und wird ziemlich sicher auch den letzten Skeptiker überzeugen.

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  • Charlie

    Aha, daaas ist ein ganz eigenes Thema: warum schmeckt biologisch ausgebauter Sherry (Fino und Manzanilla) in Andalusien besser? Und aus dem Fass oft unglaublich. Es gibt zwar immer wieder Leute die das anders sehen, aber eine Erklärung lautet: weil sie reduktiv ausgebaut sind und in der Flasche ziemlich schnell abbauen.

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  • Jan Wilhelm Buhrmann

    Charlie, Du hast Recht, Finos und Manzanillas bauen nach der Abfüllung relativ schnell ab. Sie schmecken in Jerez einfach besser, da sie zumeist frisch abgefüllt sind. Die Fassproben schmecken komplett anders, da die weine vor Abfüllung oftmals stark filtriert werden, um sie zu stabilisieren und um eine erneute Florproduktion in der Flasche zu verhindern.

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