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Spätlese trocken – Nein Danke!

Der Begriff “Spätlese” ist einer der traditionellsten Weinbegriffe überhaupt. Erfunden wurde er im Rheingau, von wo er seinen Siegeszug startete. Jetzt ist es an der Zeit, dieses Begriff ein für allemal zu festigen. Das geht nur mit einer ganz klaren Definition und einem Verzicht.

Egal wo man auf diesem Planeten hinkommt, der weininteressierte Mensch, ja sogar viele einfache Konsumenten, kennen diesen Begriff – die Spätlese. Korrekt heisst das Ding “Prädikatswein” oder “Qualitätswein mit Prädikat”. Ein “Prädikat” ist per Definition eine “Qualitätsbezeichnung”. Diese Qualitätsbezeichnung macht sich in Deutschland am Zuckergehalt der Traube fest. Ab einer bestimmten Oechsle-Zahl darf ein Wein das Prädikat “Spätlese” tragen. Im Rheingau beispielsweise sind dies 85 Grad Oechsle. Ein Schwachsinn sondergleichen – die Qualität am Zuckergehalt der Traube festzumachen ist wenig aussagefähig. Früher oder später haben alle Trauben, egal woher, dieses Mostgewicht. In Zeiten des Klimawandels sowieso! Es ist klar, dass irgendeine Regelung für die Verwendung dieses Begriffes vorhanden sein muss, aber Zucker als Parameter ist nun wahrlich keine Qualitätsaussage. Viel besser wäre es, meiner Meinung nach, eine wirklich späte und selektive Handlese zugrunde zu legen. Dabei dürften dann nur vollreife und aromatische Trauben verwendet werden. Das würde dann alle diesen gruseligen und untrinkbaren 1,49 Euro  Spätlesen à la “Erben-Spätlese” das Wasser abdrehen und wir wären ein grosses Problem los.

Noch viel problematischer finde ich persönlich allerdings den Begriff “Spätlese trocken”. Der gehört abgeschafft und zwar ein für allemal. Eine Spätlese hat restsüß zu sein. Genau das ist es nämlich, was sie am besten kann. Ja, ich weiss, es gibt sehr gute trockene Vertreter, keine Frage, aber die sollten besser als Qualitätswein bezeichnet werden. Alles andere stiftet Verwirrung, ist nicht zielführend und auf Dauer in der Breite auch nicht erfolgreich. Dieser so wichtige und qualitätsaussagende Begriff wird bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Eine Spätlese hat  nicht trocken zu sein und auch nicht 13 Prozent Alkohol zu haben. Ich würde, wenn schon gesetzliche Bestimmungen her müssen, zuallererst einmal  eine Alkohol-Höchstgrenze festlegen. Maximal 10 Prozent und fertig! Das Ganze aus einer “klassifizierten” Lage – damit meine ich eine vernünftige Lage,  und ohne Botrytis. Und ich würde sogar soweit gehen und diesen Begriff ausnahmslos nur noch für Rieslinge zulassen.

Der Begriff “Spätlese” ist ein grandioses Alleinstellungsmerkmal und es wäre wirklich schade, wenn das untergehen sollte!

68 Kommentare zu “Spätlese trocken – Nein Danke!

  • Thorsten Kogge

    @ Pivu: ist es nicht inzwischen möglich zu sagen, dass der Riesling “made in Germany” eine Dachmarke ist, der von regionalen Produzenten unter Zuhilfenahme des verfügbaren Instrumentariums (Eben: die jeweils individuelle Kombination aus Erzeugername, Herkunftsangabe und ggf. einem VDP-Siegel) bereits mit einigem Erfolg vermarktet wird? Klar könnte es noch viel mehr sein und eine 1cru Bezeichnung könnte sogar helfen..müsste dann aber auf sehr Wenige beschränkt sein, also kein “Massenexportschlager”..und kein autoritärer Verein als Gatekeeper?

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  • pivu

    @thorsten: schön wär’s, “riesling made in germany” wird gemeinhin noch immer als rest- bis edelsüß, um nicht zu sagen, und das ist viel schlimmer, undefiniert assoziiert. große gewäüchse / erste lagen sind schon der richtige ansatz, leider ohne die gewünschte durchschlagskraft ohne schlüssigen unterbau.

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  • Werner Elflein

    Pivu, die Spätlese ist eben kein “Brand” und war niemals als solche gedacht. Und was die Smaragde angeht, so habe ich mehr schlechte als gute getrunken. Als Qualitätsmerkmal taugt diese Bezeichnung also auch nicht. Im übrigen ist die Befürchtung, Weine aus Übersee würden den einheimischen Produkten Marktanteile abjagen, unbegründet. Tatsächlich spielen diese Weine derzeit kaum noch eine Rolle, weil bis auf wenige lobenswerte Ausnahmen entweder schwach oder überteuert. Der Übersee-Hype ist längst vorbei.

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  • pivu

    werner, gut oder schlecht ist immer subjektiv, es geht darum, ob etwas erfolgreich ist, und das ist / war beim smaragd zweifellos der fall. der terminus spätlese, bzw. seine nutzung, war hingegen kontraproduktiv. auch das ist fakt, und das ist der aufhänger der diskussion.

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  • pivu

    und was deine realität betrifft werner, magst du rechthaben, aber glaub’ mir, das gros der weintrinker und potenziell weininteressierten, der zielmarkt der der deutschen weinerzeugung, ist eher bei mir. die machen sich auch nicht so viele gedanken wie wir, sonder kaufen und trinken, was sie gutfinden, und die nackte “spätlese” ist mangels identität eben selten dabei und diverse anhängsel (trocken, erzeuger, weinlage etc.) zu kompliziert.

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  • Werner Elflein

    Das Gros der Weintrinker, Pivu, wird sich in der Tat wenig für Spätlesen, Smaragde & Co. interessieren, sondern weiterhin kritiklos den billigsten Dreck in sich hineinschütten. Daher bleibt die Spätlese (schon, weil sie im Allgemeinen nicht für 2,99 € zu haben ist) ohnehin einem aufgeklärteren Publikum vorbehalten. Und hier greift dann die Forderung nach Vereinfachung (eigentlich müsste man an dieser Stelle Volksverblödung schreiben) ohnehin völlig ins Leere. Man kann ja gerne für diejenigen, die es wissen wollen, alle wesentlichen Fakten auf das Rückenetiketten drucken, und vorne ein buntes Bildchen auf die Flasche pappen, damit Frau Neureich bei ihrer Auswahl im Supermarkt nicht überfordert wird und schon wegen der netten Aufmachung bereit ist, 5,99 € zu bezahlen.

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  • Charlie

    Werner: mir scheint, pivu meint mit “gros der weintrinker” nicht die die 2,99-Trinker sondern jene, für die auch mal ein Smaragd in Frage kommt. Das mag statistisch ungenau oder sogar falsch sein, ist aber die Zielgruppe, die wahrscheinlich auch Dirk meint. Und sie haben Recht, genau an diese Gruppe zu denken, denn hier kann man mit Wein noch Geld verdienen, dies sind genau die Leute die entweder mal einen Smaragd oder mal eine Spätlese trocken trinken und eben nicht von beidem Massen im Keller haben.

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  • Werner Elflein

    Charlie, es gibt doch logisch nur zwei Möglichkeiten: die einen interessieren sich für das, was sie trinken, die anderen nicht. Und hier sehe ich auch intellektuell keine Überforderung, wenn auf den Flaschen draufsteht, was drin ist. Wer sich stundenlang in die technischen Details eines Autoprospekts vertiefen kann, von dem kann man auch erwarten, dass er ein simples Prädikatssystem versteht und mit einem Fünf-Sekunden-Blick aufs Etikett trocken von feinherb unterscheiden kann. So viel Zeit muss einfach sein. Alles andere ist FDP oder Bild-Zeitung.

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  • Charlie

    Werner, denke ich auch. Oder um es anders zu formulieren: wenn einer mehr als 10 € für eine Flasche ausgibt, ist er wahrscheinlich auch bereit, ein Etikett zu lesen und zu verstehen, ja er will sich sogar ein bisschen Mühe machen. So wie er an die richtige Temperatur, ans Lüften, Glas, Essen dazu denkt. Aber Dirk meint eben, auch für so jemanden ist “Spätlese trocken” auf dem Etikett nicht gut.
    @Dirk: mir scheint, du willst etwas loswerden, was sich sowieso schon verabschiedet hat. Oder täuscht der Eindruck, weil ich zuviele VDP-Flaschen sehe?

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  • Werner Elflein

    Charlie, es müssen gar nicht 10,- € sein, aber wenn ich einen Lagenwein vor mir habe, gehört da selbstredend ein Prädikat dazu. Woher soll ich sonst wissen, was mich stilistisch erwartet? Entgegen anderen Verlautbarungen funktioniert das Prädikatssystem nämlich immer noch ganz gut. (Jedenfalls besser, als das Klassifikationsmodell des VDP!) Die Abschaffung der Prädikate bei trockenen Weinen geht ja auch offensichtlich einher mit dem Wunsch der Winzer, in schwächeren Jahren anreichern zu dürfen, um dann immer noch ein GG (Grobes Geschwätz) verkaufen zu können. Anders kann ich mir das nicht erklären. Der Verweis auf die angebliche Kompliziertheit der deutschen Bezeichnungen ist in meinen Augen nur ein lächerlicher Vorwand.

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  • anonym

    Möchte hier kein Verteidiger der trockenen Spätlese sein und auch nicht der “1,49-Vertreter”, aber wenn sich schon für hochwertige Weine eingesetzt wird, dann bitte mit ein wenig Hintergrund.
    Wein ist kein Produkt an dem sich jeder der eine Meinung hat sinnlos auslassen sollte.
    Wichtig ist es Wein als jahrhunderte altes Kulturgut zu betrachten und mit etwas Sesibilität zu Werke zu gehen. Man muss nicht ehrfurchtsvoll erstarren, aber etwas Respekt vor den geschichtlichen Hintergründen würde ich mir oft wünschen.
    “1,49-Erben-Spätlese” hat ihre feste Kundschaft und der Großteil des Weines in Deutschland wird nun mal im Discount verkauft.
    Nicht jedem ist es Wert, sich jenseits der 5,-/Fl. zu bewegen, das ist auch völlig o.k. Betrachtet die Stukturen daher bisschen genauer. Denn sonst kommt man noch auf den Gedanken in Deutschland wird nur Premiumwein erzeugt.
    nur als Anregung…..lass es Euch schmecken…

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