Alles über Wein und den Rest der Welt…

Wer darf eigentlich über Wein schreiben?

“Nur weil jeder Wein trinken kann, heisst das nicht, dass auch jeder darüber schreiben sollte”. Dieser Eintrag steht seit gestern auf meinem Facebook-Profil. Geschrieben hat ihn der Journalist Mario Scheuermann.

Der Auslöser für diesen Eintrag waren die unglaublich vielen Kommentare hier und auf Facebook zu meinem Blogbeitrag “Kryptische Weinsprache”. Eine, wie ich finde, spannende Diskussion. Über das Zitat von Scheuermann musste ich allerdings zunächst einmal nachdenken. Was meint er damit? Wen meint er damit? Um das zu beantworten, muss man auch noch die weiteren drei Kommentare von Scheuermann lesen:

“So war und ist er auch gemeint angesichts des inflationären Weingeschwätzes im Web2.0.” Das war die Antwort auf den ersten Kommentator, der zu diesem Pinnwand-Eintrag meinte: “Ätzender Satz”

“Natürlich d a r f jeder über alles schreiben, auch über Wein, schliesslich haben wir Meinungs- und Publikationsfreiheit. Ich stelle nur in Frage, ob er es auch tun s o l l t e.”

“Ich finde es wäre etwas mehr Selbstbescheidung und weniger Exhibitionismus angesagt”

Als ich das alles heute morgen gegen 5:00 Uhr sah, habe ich dann auch einmal darauf geantwortet:

“Herr Scheuermann, da muss ich jetzt aber mal ganz deutlich widersprechen. Das web 2.0 ist immer ein Stück Exhibitionismus. Und da ist es mir lieber, einer schreibt etwas über einen Wein, der ihm schmeckt, als das er sonstigen Unsinn in den …Orbit bläst. Im Übrigen ist die tägliche Zurschaustellung des Abendessens in Facebook ein Paradebeispiel für Exhibitionismus. Natürlich d a r f das jeder. Die Frage, ob das jeder tun s o l l t e, stellt sich mir aber nicht. Jeder kann das handhaben wie er will. Ich entscheide, was ich lese.”

Ich muss zugeben, das Ganze beschäftigt mich doch sehr. Grundsätzlich unterscheide ich in zwei Kategorien von “Weinschreibern”. Das sind zum einen die Journalisten, die über Wein schreiben und damit ihr Geld verdienen. Zu denen zähle ich Mario Scheuermann. Zum anderen sind das die ganzen Leute, die sich für Wein interessieren und im Web 2.o sind. Ganz viele waren auch schon im Web 1.0 da und schrieben in den diversen Foren über Wein. Warum? Weil sich sich für das Thema interessieren und sich darüber mit Gleichgesinnten austauschen wollten. Dafür sind Foren im Internet da.

Seit einigen Jahren gibt es diverse soziale Netzwerke wie Facebook, Xing und einige andere. Auch da haben sich alle diese Menschen versammelt, die sich für Wein interessieren. Täglich kommen neue dazu. Teilweise auch solche, deren Hobby zwar nicht Wein ist, die ihn aber gerne trinken. Mit diesen Menschen tauscht man sich aus – netzwerkt. Das ist der Sinn des Ganzen. Natürlich sind in allen diesen Netzwerken und Plattformen auch eben jene Wein-Journalisten anwesend. Nicht alle, aber immer mehr. Ich finde das großartig, denn auf einmal besteht die Möglichkeit, mit diesen zu kommunizieren.

Diese Entwicklung birgt natürlich auch kleine Gefahren. Die offensichtlichste ist die fehlende Trennlinie zwischen diesen Gruppen von “Weinschreibern”. Der Umstand, dass das gerade auch nicht für jeden, der sich nur beiläufig mit dem Thema beschäftigt, klar und deutlich ist, macht es nicht gerade einfacher. Und ich glaube genau das ist es, was Mario Scheuermann damit zum Ausdruck bringen wollte, wenn auch mit sehr drastischen Worten. Natürlich darf jeder im web 2.0 etwas über Wein schreiben und es soll auch jeder. Das ist es ja gerade, was die Geschichte so spannend macht. Und selbstverständlich gibt es im Zeitalter des Internets auch eine ganz andere Auseinandersetzung und einen ganz anderen Umgang dieser Gruppen miteinander. Das mag manchmal, gerade für die Journalisten, die noch nicht so lange auf diesen Plattformen sind, ungewohnt sein. Der klassische Leserbrief, wenn er denn mal geschrieben wurde, hat lange nicht diese Dimension des heutigen Kommentierens. Aber in der Regel empfinde ich das als sehr fruchtbar und inspirierend.

Wenn ich mir ein Weinmagazin kaufe, dann lese ich es – und zwar komplett. Schließlich habe ich dafür Geld ausgegeben. Im Netz, gerade in den sozialen Netzwerken, lese ich nur das, was mich wirklich interessiert. So sollte man es handhaben, so handhabe ich es jedenfalls. Und natürlich hat das eigene “Geschreibsel” auf allen Internet-Kanälen immer etwas mit Exhibitionismus zu tun. Oder freundlicher ausgedrückt: mit dem Hang, sich mitzuteilen. Was auch ganz logisch ist, ist die Tatsache, dass sich die Menschen, die sich für Wein interessieren, eine Teil ihrer Infos aus eben diesen Netzwerken holen. Damit endet der Monopolstatus der Weinberichterstattung seitens der traditionellen Medien. Das heißt aber nicht, dass diese keiner mehr braucht oder dass sie abgeschafft gehören. Es könnte nur bei dem ein oder anderen Thema schwieriger werden, eine gute und vielleicht auch neue Geschichte zu finden. Könnte, muss nicht! Und damit könnte es auch schwieriger für die Weinjournalisten werden, spannende Themen zu finden, um ihr Alleinstellungsmerkmal zu behalten. Wobei ich erhlich gesagt nicht glaube, dass die guten Weinjournalisten etwas zu befürchten haben. Dennoch glaube ich, dass es gerade diese Entwicklung ist, die einige Journalisten nachdenklich macht. Die dafür sorgt, dass solche Pinnwand-Einträge entstehen. Wenn ich etwas gelernt habe und gut kann, davon lebe, dann will ich, dass das auch akzeptiert und gewürdigt wird. Dann möchte ich nicht mit allen anderen in einen Topf geworfen werden, die das Ganze nur als Hobby oder einfach nebenher betreiben. Und dazu neigt der Mensch nun einmal – ratzfatz gibt es ein pauschales Urteil und das war es dann. Ich bin ein ganz großer Fan der Demokratisierung des Themas Wein im Internet. Aber die Umsetzung ist allem Anschein nach garnicht so einfach.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Differenzierung fällt schwerer und deswegen sollte jeder genau lesen und abwägen. Sehen wir das Ganze einfach als Inspiration!

65 Kommentare zu “Wer darf eigentlich über Wein schreiben?

  • Pingback: Blogrundschau – Genuss aufgeschnappt | Notizen für Genießer

  • MS geht gar nicht

    Da hat sich der liebe Herr Bescheuertmann mal wieder ein schönes Eigentor geschossen. Einer der größten Selbstdarsteller und Labertaschen im Web regt sich auf, dass andere auch was zu sagen haben – ich lach mich schlapp. Jemand der dubiose Weinwettbewerbe ins Leben rufen muss (und da gibts noch viele andere, fast schon eine inflationäre Erscheinung dieser Tage), um seinen Lebensunterhalt zu verdienen muss ja Angst haben, dass er irgendwann keine Proben mehr von den Winzern geschickt bekommt, wenn Ihn keiner mehr liest – und dann gibts nochnicht mal mehr was für umsonst zu trinken für den Trost.

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  • Stefan Englert

    Es läuft immer auf die gleiche Grundsatzdiskussion heraus. Durch die Öffnung des Netzes sehen sich einige – nennen wir es mal Kasten – in Ihrer historisch bedingten Vormachtsstellung bedroht und pochen nun auf Ihren Führungsanspruch.

    Selbst Spiegel Online nennt z.B. die Huffington Post die wichtigste Informationsquelle für Millionen von US-Amerikanern und das einflussreichste Alternativmedium der USA. Die Beschreibung als “Alternativmedium” muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, hat die HuffPo doch monatlich 25 Millionen Besucher und damit eine Reichweite, die sich die meisten traditionellen Medien gerne herbeiträumen.

    Nur wird der Erfolg durch dieses überholte Kastendenken verhindert. Es wird mehr Zeit investiert gegen digitale öffentlich rechtliche Angebote zu klagen, neue Bezahlmodelle für die Inhalte zu erarbeiten und auf Google News zu schimpfen, da man den eigenen hochwertigen Content nicht gerne Google in die Hände gibt, aber den Traffic von Google News dann doch gerne haben will.

    Die veröffentlichten Artikel pro Monat um in Google News eine relevante Rolle zu spielen beläuft sich bei WELT Online auf 18.805, beim Focus auf 8.391 und bei Spiegel.de auf 2.428, Focus Online hat z.B. 203 unterschiedliche Artikel zum Thema Fukushima geliefert. Die Verleger wettern gerne gegen die großen Nachrichten-Aggregatoren, wobei Sie schlussendlich bei der Masse an täglich veröffentlichten Artikeln auch zum größten Teil nur selbst ein DPA / AP Aggregator sind.

    Hinzu kommt der gefühlte Qualitätsverlust bei den digitalen Pendants der großen Tageszeitungen. Ich finde immer mehr Schreibfehler und Formulierungsfehler, die bei einem Hobby Blogger vorkommen können, nicht jedoch in diesen Medien, wenn sie ihrem selbst definierten Anspruch gerecht werden wollen.

    Ausruhen ist nicht mehr. Wer Qualität liefert, wird gelesen – oder eben auch getrunken :-)

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