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PID – Nein, ich habe eine andere Meinung!

Gestern stimmte der Bundestag für die Zulassung der umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID). In einer emotionalen Debatte ging das Thema durch. Ich fühle mich nicht wohl dabei.Grundsätzlich bleibt die PID wohl verboten, in Einzelfällen aber erlaubt. Beispielsweise dann, wenn aufgrund der elterlichen GEN-Anlagen mit einer schweren Behinderung des Kindes zu rechnen ist. Das Thema ist schwierig und sensibel, ich weiss.

Ich bin mit Behinderten aufgewachsen, habe viele Wochenenden und einige Urlaube mit ihnen verbracht. Eine Zeit, in Wilgartswiesen,  lang habe ich als Jugendlicher sogar mehr oder minder mit ihnen zusammengelebt. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind alle sehr, sehr positiv. Ich habe lebensbejahende, sportlich aktive, ganz normale Menschen kennengelernt.

An deren Eltern erinnere ich mich allerdings wenig bis gar nicht. Und da, glaube ich, liegt der Hund begraben. Ich habe bei allen diesen Diskussionen immer und immer wieder das Gefühl, dass es nicht um das Leben der noch zu gebärenden Kinder, sondern um das Leben der Eltern geht. Für die ändert sich alles, für die wird der perfekte Lebensentwurf über den Haufen geworfen. Ein behindertes Kind gross zu ziehen ist eine ganz andere Sache, als ein gesundes durch die ersten 18 Lebensjahre zu begleiten. In einem der zahlreichen Filmbeiträge, die gestern im TV zu sehen waren, kam die Mutter eines Jungen zu Wort, der unter Mehrfachbehinderungen litt: “Wenn ich das vorher gewusst hätte, ich hätte mir das nicht angetan”, war ihre Aussage. Erst danach sagte sie: “Und meinem Sohn natürlich auch nicht”.

Ich habe selbst zwei Kinder, alle beide gesund. Ich habe gut reden, ist schon klar. Aber ich hätte beide auch mit Behinderung. Für uns, und das haben wir immer lange diskutiert, war eines klar: Sollte bei einer Untersuchung herauskommen, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt, wird es trotzdem auf die Welt kommen. Es gibt kein Grundrecht auf ein gesundes Kind. Es ist ein Glück, aber kein Recht!

Ich glaube nicht, dass durch die PID “Kinder nach Wunschzettel” entstehen werden. Dass dies der erste Schritt zu Designer-Babys ist. Jedenfalls im Moment noch nicht. Zumal es da um etwas ganz anderes geht. Ich halte es aber durchaus für denkbar – und das macht mir Angst. Im Übrigen möchte ich nicht derjenige sein, der entscheidet, welches Embryo “leben darf” und welches nicht. Für mich ist das kein abstraktes Ding, sondern ganz konkretes Leben. Und das ist für mich immer zu schützen.

28 Kommentare zu “PID – Nein, ich habe eine andere Meinung!

  • Gundula

    Es ist einfach, als nicht betroffenes Elternteil über ein Leben mit einem schwerstbehinderten Kind zu reden. Es ist auch einfach, als Mensch ohne genetische Vorbelastung so zu reden. Und es ist auch einfach zu sagen, man hätte seine Kinder auch mit einer Behinderung haben wollen. Ja – in der Theorie! Es wird alles anders in dem Moment, wo dir gesagt wird, dein Kind kommt schwerbehindert zur Welt, wird niemals selbstständig sein können, es wird nicht laufen, nicht sprechen – es wird einfach nur da liegen. Und wenn du diese Situation hast, denkst du nach – über dein Leben, über gesunde Kinder, die du schon hast, über Geld, einfach über alles. Nichts ist mehr wie es war, wenn du ein schwerstbehindertes Kind zur Welt bringst. Aus meiner Sicht hat jeder Mensch das Recht darüber zu entscheiden, ob er mit so einer Situation leben kann und will, mit allen Konsequenzen! Es hat nichts mit dem perfekten Wunschkind zu tun, es hat einfach nur mit dem Wunsch nach einem gesunden Kind zu tun. Für das Kind selbst und ja auch für die Eltern. Ich spreche übrigens nicht in der Theorie, ich lebe mit der Praxis.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Gundula
      JA, es ist einfach über eine solche Situation zu reden, sehr einfach sogar. Das habe ich ja in meinem Blogbeitrag auch gesagt, bzw. geschrieben. Meine Kindheit und Jugend war aber, wie auch gesagt, geprägt vom Zusammenleben mit behinderten Menschen. Das ist etwas anderes, ich weiss. Etwas ganz anderes wahrscheinlich sogar. Ich ziehe den Hut vor allen, die das als Eltern erleben!

      Ich habe übrigens ein konkretes Beispiel, dass ich vergessen hatte in meinem Beitrag zu erwähnen: Zwei Bekannte von mir, er hat Muskelschwund, sie ist querschnittsgelähmt haben ein Kind bekommen. In den 80igern. Ein gesundes Mädchen. Muskelschwund ist eine Erbkrankheit…

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  • oliver

    @Gundula: ich kann dir nur zustimmen – die Welt bricht von einem auf den anderen Augenblick zusammen – sprichwörtlich. Nichts ist mehr wie es war un des wird nie mehr so sein wie es war. Egal ob das Kind nun auf die Welt kommt oder auch nicht, von dem mal abgesehen, dass die Frau das Kind ab einem bestimmten Zeitpunkt an auf die Welt bringen MUSS !!!! Das ist der Horror und der Wahnsinn – jetzt weiß ich was es bedeutet, wenn man davon spricht, dass menschen am gebrochenen herzen gestorben sind – wir, meine Frau und ich haben uns dagegen entschieden, wer auch immer da oben sitzt und uns diese Entscheidung hat treffen lassen – ich bin heute heilfroh darüber und es geht kein Tag vorüber, an dem ich die Situation nicht vor augen habe.
    @Dirk: was du letztendlich mit deinem kommentar hier so leute wie mich spüren lässt, ist nixx anderes als Verachtung für das was wir getan haben; das finde ich gelinde gesagt eine bodenlose Unverschämtheit. Freue dich täglich deiner gesunden Familie und erst wenn dir ähnliches widerfährt sprich darüber, denn als nicht alles muss kommentiert werden

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    • Dirk Würtz Post author

      @Oliver
      Ich sehe nicht, wo ich Dich Verachtung spüren lasse. Ich sehe, dass es sehr, sehr emotional ist. Das ist klar. Aber Verachtung… beim besten Willen nicht! Ich schreibe doch ganz klar, dass ICH so eine Entscheidung nicht treffen möchte

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    • Dirk Würtz Post author

      @oliver
      Und noch einmal, nachdem ich alles noch dreimal gelesen habe: Mir Verachtung zu unterstellen ist schon ganz schön daneben und ärgert mich gewaltig. Gerade deshalb, weil ich doch ganz deutlich gesagt habe, dass “ich gut reden habe”. Im Übrigen MUSS keine Frau ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Kind auf die Welt bringen. Es gibt sogenannte “Spätabtreibungen” nach der 23. Woche – medizinische Indikation vorausgesetzt.

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  • A. Hofer

    Solange Spätabtreibungen erlaubt sind, ist die Sache doch klar. Was macht es für einen Sinn, die betroffenen Frauen bis zur 23. Schwangerschaftswoche warten zu lassen, wenn ich bereits im Vorfeld wissen kann, dass die Voraussetzungen für eine spätere Spätabtreibung vorliegen und die betroffene Frau abtreiben möchte. Die Gebärmutter ausschaben lassen zu müssen, ist eine erhebliche körperliche und psychische Belastung. Hier könnte man den betroffenen Frauen viel Leid ersparen. Angesichts dieses Leids, das sich verhindern ließe, muss das Gegenargument der Moralapostel, man dürfe es den Frauen nicht zu leicht machen, zum Schutz des ungeborenen Lebens, zurück treten. Der beschworene Sittenverfall ist wohl nicht zu befürchten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es viele Frauen gibt, die sich eine solche Entscheidung trotz Präimplantationsdiagnostik leicht machen würden.

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  • Thorsten Kogge

    Vor allem muss man auch über den nationalen Tellerrand hinausschauen! Wenn die PID in anderen europäischen Staaten wie in Großbritannien erlaubt ist, macht es wenig Sinn sie hier kategorisch zu verbieten (gleiches Spiel wie mit dem “Abtreibungstourismus”). Die Erfahrungen anderer Länder stimmt im übrigen vorsichtig optimistisch: dort hat die PDI weder zu einer Massennachfrage noch zu einer “Menschezucht” im großen Stil geführt. Ich denke auch, dass die von Dirk Würtz oben beschriebene ethische Haltung dem behinderten Leben gegenüber als lebenswertes/wertvolles Leben inzwischen sehr viel weiter verbreitet ist als, sagen wir, vor 20 oder 30 Jahren. Da hat schon ein positiver Wandel stattgefunden, den es ganz unabhängig von irgendwelchen gesetzlichen Entscheidungen weiter zu fördern gilt. Damit tut man letztlich mehr Gutes als mit dem Zeigefinger in der einen oder andere Richtung zu wackeln oder zu glauben, Gesetze würden die wirklich willigen Eltern am Ende aufhalten (man bekäme einen Schwarzmarkt für PID).

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  • Gundula

    Dirk, deine Freunde haben Glück gehabt, dass ihr Kind trotz genetischer Vorbelastung gesund zur Welt gekommen ist! Es hätte auch ganz anders kommen können. Und dann frage dich mal, wie Eltern, die selbst von einer tödlichen Krankheit, Muskelschwund ist tödlich, und einem Handicap dieses Kind hätten versorgen können? Ich hätte es wohl nicht so krass ausgedrückt wie Oliver, aber ich habe ähnliches gedacht. Letztendlich, auch wenn du nur deine Meinung präsentierst, verurteilst du andere, die sich anders entschieden haben und entscheiden werden. Niemand macht es sich leicht mit der Entscheidung ein Kind abzutreiben, die meisten Frauen leiden jahrelang unter Abtreibungen – egal ob die nun aus medizinischer Ursache oder persönliche Gründen erfolgte. Für diejenigen, die die Kinder bekommen möchten ist eine Hilfe, eine seelische Entlastung bereits im Vorfeld entscheiden zu können, ein krankes Embryo nicht eingepflanzt zu bekommen. Und selbst dann noch ist es eine harte Entscheidung für die zukünftigen Eltern. Es ist falsch verstandene und in meinen Augen auch eine verlogene Moral Eltern defakto als Mörder bzw. Wunsch-Designer-Kinder-Erzeuger darzustellen! Ich habe Zwillinge, beide schwerbehindert. Sie werden nie Mama zu mir sagen, sie werden mir nie entgegen laufen, mich nie bewusst anlächeln, sie sind beide ein 100% Pflegefall. Auf Grund des Pflegeaufwandes kann ich nicht arbeiten, habe keine Zeit für mich und wenn ich sie mir mal nehmen, einfach weil ich Zeit zum durchatmen brauche, ist das schlechte Gewissen dar. Unsere Ehe ist mehr eine Zweckgemeinschaft geworden, in der man Hand in Hand arbeitet – aber es ist keine Ehe, wie du sie wahrscheinlich führst. Das Geld ist immer knapp und die Frage, was passiert, wenn wir nicht mehr sind, begleitet dich täglich. Das Dirk sind die Fakten mit Kindern wie meinen. Und hätte ich damals die Wahl gehabt, ich hätte meine Kinder nicht bekommen – weil auch ich ein Recht auf Leben habe, weil es für meine Kinder kein Leben ist. Ja, und so viel Egoismus darf auch bei der Entscheidung dabei sein. Es ist ein empfindliches Thema und ich würde mir wünschen, dass diejenigen, die meinen sie müssten darüber entscheiden bzw. sich darüber äussern, einfach nur mal eine Woche in meine Familie kommen – danach werden sie anders reden.

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  • Der Doc

    Lieber Dirk,

    bei allem Respekt für deine Meinung – du weisst nicht wovon du redest. Und das meine ich gar nicht vorwurfsvoll. Woher soll man es auch wissen, wenn man (wie du selbst sagst) Vater gesunder Kinder ist? Wenn man noch nie einen Zellhaufen in einer Petrischale gesehen hat? Wenn man ein Kind mit einer PEG (einfach mal googlen) versorgen muss, weil es selbst nichts essen kann und nur in schmerzhaftem Dämmerzustand auf dieser Welt ist, bis es irgendwann versterben darf? Hier gilt es Leid zu verhindern. Auf Seiten der Eltern und des Kindes. Und wer einen Zellhaufen (auch das ist nicht despektierlich, sondern der korrekte Begriff) in einer Schale als schützenswertes Leben begreift, und meint Frauen lieber nach monatelangem Bangen abtreiben lässt, der muss sich nicht wundern, dass es Menschen gibt, die Verachtung aus diesen Worten herauslesen. Ich persönlich finde es nur schade, dass so viele Menschen aufgrund falscher Vorstellungen ihre (ihnen zustehenden) moralisch-ethischen Grundsätze auf Dinge anwenden, auf die sie nicht angewendet werden dürfen.

    Übrigens: Eine eingesetzte Spirale verhindert nicht die Befruchtung einer Eizelle, sondern nur deren Einnistung. Darüber wird nicht diskutiert, obwohl der Embryo dann schon deutlich weiter entwickelt ist – und im Mutterleib abstirbt. Gewusst? Nein? So ist das mit dem “gefährlichen Halbwissen”.

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  • Jancis

    Den beiden Vorkommentatoren ist nur zu danken für deren Beiträge.
    Sie zeigen deutlichst auf, das es Zeit wird das “Web 2.0″ darauf zu überprüfen ob es sinnvoll ist sich zu jedem Thema zu äussern auch wenn man zu diesem lediglich eine Art “Meinung” hat. Auch und gerade dann wenn es auf seinem eigenen Blog oder Homepage ist. Respekt für die klaren Erklärungen von Gundula und Doc.

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    • Dirk Würtz Post author

      So, jetzt endlich Zeit zu antworten:

      @Jancis
      Geschenkt! Ich habe eine Meinung und sage die hier auf meiner Plattform. Wer das web 2.0 so überprüfen will, wie Sie das meinen, hat leider nicht verstanden, was es überhaupt ist.

      @Doc
      Sehr guter Kommentar, insbesondere die Sache mit der Spirale kannte ich tatsächlich nicht. Ansonsten möchte ich doch noch zwei Dinge anmerken. Eines davon ist sehr persönlich. Ich bin, wie beschrieben, mit Behinderten aller Art (körperlich, geistig – das ganze Programm) aufgewachsen. Ich denke, ich kann da schon ein klein wenig mitreden, was das bedeutet, insbesondere die Pflege. Ich habe zwar noch keinen Zellhaufen gesehen, aber das Pflegeprogramm Schwerstbehinderter kenne ich aus dem “FF”. Mit allem was dazu gehört.
      Kommen wir zur sehr persönlichen Anmerkung: Meine Ex hat abgetrieben und ich stand quasi machtlos daneben. Diese Ohnmacht werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen. Ich bin kein Gegner der Abtreibung, um das aber auch ganz klar zu sagen. Insofern “verachte” ich auch niemanden. Vielleicht hätte ich das gleich sagen sollen, damit es deutlicher wird.

      @Gundula
      Ganz klar, die Eltern hatten extremes Glück. Und selbst in den damaligen Kreisen diverser Behindertenverbände war dieser Fall absolut umstritten. Ich lese Deinen Kommentar und natürlich fällt es mir schwer irgendetwas darauf zu antworten. Ausser vielleicht zwei Dinge: ich bezeichne niemanden als Mörder – ich weiss nicht, wo Du das in meinem Fall herauslesen kannst. Du hast in allem Recht, was Du sagst und es wäre wünschenswert, wenn Familien wie Ihr es seid, sich wenigstens ums Geld keine Gedanken machen müssten. Der Rest ist schon schlimm genug.

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  • Jancis

    Dochdoch, ich hab schon ganz gut verstanden. Aber Sie nicht, obwohl Sie sich als “Bloggger” des Gewissens sehen. Wenn es um Vernetzung gehen soll scheitern Sie hier. Ansonsten machen Sie sich lediglich zum Facebook-Dummkind wie millionen anderer Kiddies die Ihrem Bedürfnis ihr Privatleben möglichst peinlich auszubreiten nachkommen.Es gibt eine Gegenbewegung zu den Blogger-Bunnies, denen man zuhören soll obwohl ihnen in der Echtwelt früher einfach wenig zugehört haben.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Jancis/Peter oder wie auch immer…
      Ihre Meinung ist angekommen und als solche akzeptiert. Jeder wie er will!

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  • Der Doc

    @ Dirk: Es wird keiner gezwungen PID zu machen. Es wird aber den Paaren / Müttern erlaubt, den Prozess der Schwangerschaft / Abtreibung / Totgeburt / Spätabort mit all seinen Risiken und Problemen zu umgehen. Dafür zahlen sie einen Preis, der ohnehin hoch genug ist. Ein Paar dass sich bewusst entscheidet nicht auf einen Gendefekt zu testen obwohl sie wissen dass sie belastet sind, handelt ebenso “richtig”. Am Ende wird die PID auch für Behinderte damit zu einer besseren Akzeptanz führen. Das haben die letzten 20 Jahre Tests und der tägliche Umgang gezeigt. Ich glaube bis zuletzt dass Unwissen Angst und Misstrauen schafft. Da gibt es in der modernen Medizin und Forschung genug Felder, in denen derartige Probleme auftreten. Aber das ist ein anderes Thema. Ich rate jedem, der Bedenken hat, sich genau und vorbehaltlos damit zu beschäftigen, was gemacht wird. Und am Ende glaube ich, werden nicht alle für die PID sein – aber ein toleranter Mensch wird die Meinung anderer gelten lassen. Und damit auch eine PID in bestimmten Fällen.

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  • Manfred Klimek

    Behinderte? Wo bitte gibt es noch Behinderte? Als ich vor 30 Jahren Zivildienst machte, da gab es Behinderte, so genannte “Mongoloide”. Man konnte sie auf der Straße sehen. Und andere “Krüppelkinder” (Österreich hat eine harte Sprache), die im Rollstuhl herumgeschoben wurden und spastisch zuckten. Mir ist einer dieser “Spastis” beim Spazierengehen gestorben, einfach so. Und auch die “Mongos” sind gestorben, viel zu früh. Doch das war alles Leben, alles war Leid, alles war schrecklich. Und alles hatte in all dem Horror die Kraft des Lebens. Ich bin nicht religiös und auch nicht altersesoterisch, doch die systematische Verhinderung behinderten Lebens gibt mir einfach zu denken. Die PID ist da nur ein kleiner Teil. Und sie sollte angewandt werden. Argumente findet man oben genug. Dirk und ich teilen offenbar und zufällig eine gemeinsame Lebenserfahrung, die zu einer gewissen Skepsis beiträgt. Und die mag ruhig “gefühlig” sein. Lieber in einer gefühligen Welt leben, als in einer technokratisch-kalten, von Funktion und Leidverhinderung beseelten Welt..

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  • Pasta

    Die PID, gleichgültig in welcher Form sie erlaubt wird, ist die Büchse der Pandora. Die Geister die dieser Büchse entfliehen, fangen wir nie wieder ein.

    PID wird mit dem Argument verteidigt, dass sie Leid und Schmerz verhindern kann. Genau hier liegt der Irrtum. Leid, Schmerz und Tod gehören untrennbar zum menschlichen Sein. Jeder Versuch diese Dinge vom Menschen fern zu halten führen über kurz oder lang in eine Sackgasse und erzeugt unlösbare ethische Probleme. Z.B. die Lebensverlängerung um jeden Preis. So lange, bis der Preis so hoch ist, dass ihn nicht mehr alle zahlen können.

    Pasta

    PS. Es sei erwähnt, dass ich seit 33 Jahren mit behinderten Menschen lebe und arbeite.

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  • susa

    So ein Thema läßt glaube ich niemanden unberührt, ich bin sehr dankbar, dass ich darüber nicht entscheiden musste, meine Gedanken drehen sich dazu im Kreis und ich bin zwischen moralischem Anspruch und Realität hin- und hergerissen. Als familiär Betroffene weiß ich aus eigener Erfahrung, dass das Leben mit Behinderten Eltern, auch Geschwistern oft mehr abverlangt als sie zumindest regelmäßg leisten können. Und der zermürbende Kampf mit Behörden, Ärzten, Therapeuten, Krankenkassen um jede auch noch so kleine therapeutische Hilfe oder Therapie, wer es nicht erlebt hat, kann das nicht nachvollziehen.

    Mit Behinderten zu arbeiten, Zeit zu verbringen gibt sicher sehr gute und wichtige Einblicke, aber es ist immer noch ein Unterschied, ob ich am Feierabend nach Hause gehen kann, oder ob der Zivildienst oder das FSJ in absehbarer Zeit endet und man wieder in die “andere Welt” geht. Leben mit einem behinderten Menschen ist immer 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, Ende ungewiss …. Sich eingestehen können, dass man so etwas nicht angemessen leisten kann, ist auch eine Entscheidung, die großen Respekt verlangt.

    In einer nicht idealen Welt gibt es keine idealen Entscheidungen, gerade in einem solchen Fall nicht.

    Vielleicht eine Zahl, die zu denken gibt. In Belgien gibt es im Durchschnitt ca. 300 PID-Fälle im Jahr, über ca. 10 Jahre relativ konstant und da ist der gesamte “Tourismus” aus Deutschland, den Belgien zum größen Teil abbekommt mit enthalten.

    Und noch ein Wort zu Web 2.0. Auch ich möchte mir da nicht vorschreiben lassen, was ich schreiben kann oder darf und was nicht und ich sehe nicht, dass jemand nicht zu einem Thema Stellung nehmen dürfte, das nicht zu seinem “key business” gehört oder das angeblich zu ernst ist, um in einem blog abgehandelt zu werden.

    Aber allzu Persönliches sähe ich gerne wenn denn unbedingt erforderlich nur über den Schreibenden selber veröffentlicht, der hat ja bewusst die Entscheidung zur Veröffentlichung getroffen. Informationen, wer abgetrieben hat, über Personen, deren Identität sich wahrscheinlich recht einfach herausfinden lässt, halte ich wirklich für daneben.

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  • roman

    Es wundert mich schon,dass Susa in ihrem letzten Satz als erste kommentiertiert hat,was unerträglich ist.
    Tiefere Schublade als dass mit der Ex- öffentlich zu kommunuzieren,nur um sich selber,einen Erfahrungs-Bonus zu geben,geht nicht mehr.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Roman, Susa
      Och Leute, da ist nichts zu konstruieren und herzustellen. Das hier war einfach eine sehr offene und emotionale Diskussion, ein Austausch. Es ist nicht nötig, dass jetzt auf so eine Ebene zu ziehen, Roman. Schau Dir alle Kommentare an. Da findest Du einen ähnlichen Erfahrungsbericht.

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  • roman

    Vorallem sollte,es schon lange gelöscht sein.
    Natürlich auch alles was überhaupt darauf hinweist.
    Sowie auch meine Schreibfehler,nicht dass die noch das ernste Thema beeinflussen.

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  • Ben

    Ich verfolge Diskussion jetzt seit ein paar Tagen. Wie schnell dieses Thema hochkocht, zeigt um wieviel es geht. Ich ziehe meinen Hut vor denen die hier handeln, vor denen die jeden Tag mit so einem harten Schicksal leben und wünsche ihnen Kraft. Aber auch vor denen, die den Mut haben das Thema offensiv anzusprechen. Allemal besser als es tot zu schweigen. Mich hat die Diskussion jedenfalls sehr zum Nachdenken angeregt. Und ich denke, dass es vielen ‘stillen’ Mitlesern ähnlich geht.
    Kennen Sie die Geschichte von Dick und Rick Hoyt aus den Staaten? Wenn nicht, dann lege ich Ihnen dieses Video ans Herz. Vielleicht mag es ein Schulterklopfer für die betroffenen sein oder gar eine Inspiration für uns alle – mich hat es jedenfalls tief bewegt. Zeigt es doch, dass Eltern mit behinderten Kindern jeden Tag unglaubliches, gar unmöglliches leisten. Meiner Meinung nach ist es nicht möglich bei diesem Thema zu kategorisieren, in schwarz oder weiß zu denken. Jede Behinderung ist individuell, wie das Leben eben. Danke Susa für dein gutes Kommentar. Daher sehe ich das vorsichtige Öffnen der Möglichkeit hin zur PID eher positiv als negativ. @roman, ich glaube nicht, dass es Dirk nötig hat, sich einen “Erfahrungsbonus” zuzuschustern. Hier das Video Rick und Dick: http://www.youtube.com/watch?v=dDnrLv6z-mM&feature=related

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    • Dirk Würtz Post author

      Ich denke auch, dass solche Diskussionen, so ein Austausch eher förderlich ist. Ich habe jedenfalls wieder viel dazu gelernt, was ich persönlich als nützlich empfinde.

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  • susa

    Ich glaube, eine Diskussion über eine web2.0-Ethik tut sicher gut und sollte an passender Stelle geführt werden, aber hier und jetzt sollte sie nun abgeschlossen sein. Thema ist PID und ich kann es auch durchaus verstehen, wenn Dirk Würtz in seinem Engagement mal die Gäule durchgehen und er nicht über alle Folgen seiner Veröffentlichungen nachgedacht hat. Ist mir an anderer Stelle auch schon passiert (und ich denke gerade darüber nach, ob meine Einlassung oben bei dem einen oder anderen jetzt Spekulationen über persönliche Betroffenheit meinerseits eröffnet – so kann es einem passieren im Web2.0).

    Ich empfinde die Diskussion teilweise als sehr “deutsch”, unsere sehr verständliche Angst vor dem Hintergrund des Holocaust, der Nazigräueltaten aufgrund dieser verquasten und menschenverachtenden (Medizin-)Ethik durch neue Entscheidungen auch nur ansatzweise wieder in diese Richtung zu geraten oder auch nur in dieser Richtung wahrgenommen zu werden, setzt uns glaube ich oft Scheuklappen auf. Das mag auch erklären, warum in anderen Ländern diese Diskussion heftig aber letztendlich unaufgeregter und damit vielleicht sachdienlicher geführt wurde und wird.

    Für mich ist Tatsache, dass es in einem solchen Fall kein “richtig” oder “falsch” gibt, dass es für jeden Menschen Raum und Hilfe für seine persönliche Entscheidung geben muss und dass jeder Mensch für die Folgen seiner persönlichen Entscheidung alle Hilfe und Unterstützung erhält und man sich als Außenstehender eines Urteils bzw. einer moralischen Wertung über seine Entscheidung zu enthalten hat. So wäre das in einer idealen Welt, der realen Welt würde ich ins Zeugnis schreiben “sie war stets bemüht ….. “.

    Es stimmt schon, Leid, Schmerz, Tod, Trauer, Überforderung, Sorgen gehören zum Leben, aber es ist nicht in Stein gemeißelt, das als unabwendbares Schicksal hinzunehmen und daran zu zerbrechen. Es gehört genauso zum Leben Leid zu mindern, Schmerz zu stillen und Sorgen zu vermeiden. Wo jeder seine persönliche Grenze sieht und zieht, muss er mit seinem Gewissen ausmachen, aber eine staatliche Instanz hat in einem solchen Prozess nichts verloren.

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  • Gundula

    “Typisch deutsch” ist mir bei dieser Diskussion auch durch den Kopf gegangen. Selbst hochkatholische Länder sind in vielen dieser medizinischen Möglichkeiten toleranter und weiter als wir. Es fängt bei Eizellenspenden an, geht über Leihmutterschaft bishin zur PID. Warum tritt in diesen Ländern nicht eines der Horrorszenarien ein, die der deutsche, zumeist überhaupt nicht betroffene Laie sich ausmalt? Jeder andere medizinische Fortschritt wird gerne genommen, aber hier melden sich die moralischen Zweifel? Verlogen!
    Ich möchte auch klar stellen, dass es ein Unterschied ist, mit Behinderten zu arbeiten oder mit ihnen zu Leben als Familie!

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  • Gilli Vanilli

    ich hab behinderte Kinder kennengelernt, wo ich ehrlich gesagt nicht sicher bin ob es für das Kind lebenswert ist und nicht eine Erlösung wäre, wenn man vorher eine andere Entscheidung getroffen hätte

    Klar hat man kein Recht auf ein gesundes Kind,

    ABER: leider oder zum Glück (das muss jeder für sich selbst entscheiden) gibts ja auch keine Pflicht ein Kind zu behalten und großzuziehen

    ich hoffe ich komme nie in die Not dieser Entscheidung denn ich möchte auch kein Leben (sei es noch so früh) beenden

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  • Der Doc

    Büchse der Pandora… wer wirklich glaubt, Analysen und “Selektion” sind nicht (aus gutem Grunde!!!) schon längst Alltag, der soll einfach mal nach Polkörperanalyse googlen. Die wird übrigens seit 2002 durchgeführt.

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