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Zu den Lagen der Nation

Mein Blogbeitrag über die VDP-Mitgliederversammlung und die geplante “Justierung” der Großen Gewächse hat so zahlreiche und kontroverse Reaktionen hervorgerufen, dass ich gerne dieses Thema noch einmal ganz grundsätzlich aufgreifen möchte.

Ich muss es ehrlich zugeben, ich bin irritiert. Nachhaltig irritiert ob der heftigen Reaktionen auf die Ankündigung des VDP sein Klassifikationsmodell zu überdenken, respektive zu justieren. Schlagwörter wie “ungerecht”, “absurd”, “nicht einleuchtend” und “undemokratisch” in den vielen Kommentaren, sorgen bei mir nicht wirklich für eine Abnahme meiner Irritation. Es ist schon erstaunlich, wie reflexartig und hoch emotional in diesem Fall auf den VDP eingeprügelt wird. Ich frage mich ernsthaft warum dies so ist? Der VDP ist ein Verband, ein privater, kein amtlicher. Der VDP hat seine eigenen, verbandstinternen Statuten, an die sich die Mitglieder zu halten haben… oder wenigstens sollten. Natürlich ist der VDP ein eher “elitärer” Verband. Ja und? Wo ist dabei das Problem? Die deutsche, Weinerzeugende Landschaft ist vielfältig und vielschichtig. Im VDP sind gerade einmal 200 Mitglieder. Es steht völlig außer Frage, dass der VDP national, wie auch international, außerordentlich beachtet wird.  Das liegt schlicht und einfach an der Tatsache, dass im VDP nuneinmal – und das ist für mich völlig unstrittig – die größte Ballung von Spitzenwein produzierenden Winzern zu finden ist. Natürlich gibt es auch Betriebe, die Spitzenweine produzieren und nicht im VDP sind. Wer im VDP ist, unterwirft sich bestimmten Regeln und Richtlinien, die mir als Verbraucher bestimmte Dinge garantieren. Für mich ist das wichtig. Genauso wichtig wie die Tatsache, die ich gebetsmühlenartig immer und immer wieder  wiederhole, dass nur derjenige “öko” ist, der auch zertifiziert ist.

“Die Wahrheit liegt im Glas”, hat einer in den Kommentaren geschrieben. Da hat er absolut Recht. Mir nutzt kein Statut, keine Klassifikation einer Lage, wenn der Wein nicht schmeckt. Jetzt gibt es – und das ist wohl auch völlig zweifelsfrei – unterschiedliche Lagen. Die gab es schon immer und das wird auch immer so bleiben. Manche sind hervorragend, andere eher durchschnittlich. Aus durchschnittlichen Lagen kann man natürlich auch guten, manchmal sogar sehr guten Wein produzieren. Man muss nur wollen. In hervorragenden Lagen kann ich aber auch grauenvollen Wein produzieren – das ist übrigens ganz einfach. Der Faktor Mensch ist hier der entscheidende Moment. Eine hervorragende, außergewöhnliche Lage ist nicht mehr und nicht weniger als eine sehr gute Voraussetzung. Was ich daraus mache, liegt in der Hand des Winzers und natürlich der Natur.

Diese hervorragenden und außergewöhnlichen Lagen sind alle bekannt – nicht erst seit gestern, sondern seit über einem Jahrhundert. Einige dieser Lagen sind 1971 verschwunden, andere wurden wiederentdeckt. Die herausragenden Lagen der Nation sind in jedem Fall bekannt. Was spricht dagegen, diese zu sammeln und zu benennen? Meiner Meinung nach nichts! Darf der VDP das? Natürlich darf er das – zumindest für seinen Mikrokosmos. Will man das Ganze groß aufziehen und in ein allgemein gültiges Klassifikationsmodell eingehen lassen, dann kann der VDP nur der Ideengeber sein. Dann müssten noch mehr an den Tisch. Winzer, Verbände, die Politik, der Handel und natürlich auch einige Konsumenten. Das klingt gruselig, ich weiss, aber will man “demokratisch” und eben nicht “ungerecht” sein, dann ist das der einzige Weg. Meiner Meinung nach wäre dies der absolut falsche Weg, denn das Ergebnis wäre abzusehen: eine Klassifikation, die es allen Recht macht, keinem weh tut und niemanden ausschließt. Eine sinnlose und wenig wirksame Geschichte.

Der VDP wird sich in Zukunft intensiv mit dieser Thematik beschäftigen, dass hat der Verband jedenfalls angekündigt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich der VDP seiner gesamtgesellschaftliche (Wein)Verantwortung bewußt ist. Im VDP-Präsidium sitzen keine weltfremden Theoretiker, die nicht in der Lage sind über ihren Verbandseigenen Tellerrand zu schauen. Das war schon einmal anders,  hat sich in den letzten Jahren aber deutlich verändert. Insofern bin ich mir ziemlich sicher – besser gesagt: ich hoffe – dass der VDP diese Justierung sinnvoll, transparent und nachvollziehbar durchführt. Wenn dabei eine tatsächliche Klassifikation und Benennung von Spitzenlagen herauskommt, kann ich das nur begrüßen. Das ändert aber selbstverständlich nichts an der Tatsache, dass “andere Mütter auch schöne Töchter haben”. Selbstverständlich ist eine derartige Klassifikation nicht der Weißheit letzter Schluß und selbstverständlich wird sie auch niemals gerecht sein. “Spitzenlagen für alle!” geht nicht, gibt es nicht!

11 Kommentare zu “Zu den Lagen der Nation

  • Werner Elflein

    Dirk, im Großen und Ganzen stimme ich dir ja zu. Aber: “Einige dieser Lagen sind 1971 verschwunden, andere wurden wiederentdeckt. Die herausragenden Lagen der Nation sind in jedem Fall bekannt.” Mit dem zweiten Satz widersprichst du dem ersten. Die deutsche Weinszene ist derzeit so dynamisch, dass ständig Lagen “wiederentdeckt” werden, die in Vergessenheit geraten waren. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen, und möglicherweise wird er auch immer eine gewisse Dynamik behalten. Viele Spitzenlagen sind bekannt, aber bei weitem nicht alle, und – umgekehrt – nicht alles, was derzeit als Spitzenlage propagiert wird, ist auch eine.

    Ja, auch mit der Demokratie ist das so eine Sache! Wenn es eine Lagenklassifikation unbedingt sein soll, dann gibt es letztlich nur die Möglichkeit, dass eine Lage (oder ein Teil von ihr) klassifiziert wird oder eben nicht. Und egal, wieviele Stufen das Klassifikationsmodell haben wird, wird es immer Diskussionen geben darüber, ob nicht etwa die Lage Aschaffenburger Arschgeweih höher und niedriger einzuordnen sei. Dann kommt nämlich zwangsläufig der Hinweis auf Winzer Müller-Schulze-Meier, der dort angeblich sei Jahren herausragende Qualitäten produziere – dummerweise nur als einziger. Mich wundert, dass wir einerseits über Lagen reden, auf der anderen Seite aber immer wieder auf den menschlichen Faktor verwiesen wird. Was wollen wir eigentlich? Eine Klassifikation der Weinlagen oder der Weingüter? Das sollte man erst einmal sauber trennen, denn Einzelleistungen nützen wenig, wenn es um das (idealerweise zeitlose) Image einer Lage gehen soll.

    Ich habe es bereits an anderer Stelle angeregt: Wir brauchen keine Positiv-Klassifizierung der Lagen (die guten Lagen klassifizieren sich auf dem Etikett und im Glas von ganz alleine), sondern eine Negativliste mit Weinlagen, die keinen Eigencharakter zeigen. (Für den komplizierten Eiswein-Fall bin ich durchaus kompromissbereit.) Diese können wegfallen, mit dem Effekt, dass die Bedeutung der Einzellage an sich wieder gestärkt und nicht einseitig auf Erste Lagen/Große Gewächse fokussiert wird.

    Wenn wir über Terroir reden, verbietet sich im Übrigen meines Erachtens eine Kategorisierung von Weinlagen in gut oder schlecht. Es gibt bessere und schlechtere Lagen (im Rebsortenkontext), aber auch eine vermeintlich schwächere Lage hat ihre Persönlichkeit. Und die würde ich gerne auch bewusst im Wein erleben können, ohne dass mir irgendein auf elitär getrimmter Verband daherkommt und mir einzureden versucht, nur die 50-Euro-Große-Gewächse würden eine Lagentypizität zeigen. Das ist natürlich Unsinn.

    Zudem erscheint mir unglaubwürdig, wenn wir auf der einen Seite die einzigartige Vielfalt des deutschen Weines betonen (Achtung, kein Marktnachteil, sondern ein Alleinstellungsmerkmal!), auf der anderen Seite aber uniformieren und normieren, dass ich nur noch ins Glas kotzen möchte.

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  • Nico Medenbach

    Lage, Potential, Winzer, VDP hin oder her. Die eigendlich Angst ist doch die, dass wir für mittelprächtigen Wein zu viel Geld bezahlen müssen.
    Chat Sauvage geht da z.B. ganz pragmatisch an die Sache heran: Der teuerste Wein ist der, der am besten schmeckt. In dem Fall kommt der Wein aus aus einer mittelmäßigen und leicht zugänglichen Lage (Rüdesheimer Drachenstein), doch die Qualität des Weines rechtferigt den Preis des Weines. Egal ob Höllenberg oder Drachenstein auf dem Label steht. Es kann so einfach sein …

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  • braunewell

    bitte vergesst nicht den einfluss den winzers. der winzer gehört zum terroir und der einfluss ist enorm!

    schlechte lage, guter winzer, guter wein, ist eher garantiert als gute lage auf dem etikett = guter wein!?

    in der ganzen diskussion geht es immer um den vdp, als ideengeber. ich setze hier in den meisten fällen überproportional gute winzer – spitzenwinzer voraus, das ist die von dirk beschriebene “garantie des vdp”

    was nützt eine toplage, wenn der winzer nix draus macht!

    die qualität im glas wird durch eine klassifikation nicht geändert. die klassifikation kann den winzern und verbrauchern aber die augen öffnen und den weg zeigen, wie es gehen kann.

    es gibt überall in deutschland spitzenlagen, also macht was draus!

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  • Werner Elflein

    Gut, Brauenewell, aber nach welchen Kriterien soll denn überhaupt klassifiziert werden? Wenn es sich nicht auf ein paar Verbandswinzer beschränken, sondern allgemeingültig sein soll, dann kann eine belastbare Klassifikation nicht dadurch erfolgen, dass jemand am runden Tisch auskungelt, Lage A ist groß und Lage B nicht. Das müssen schon objekte Kriterien sein, aber genau mit denen ist ja Weingeschmack nicht zu fassen. Der Verbraucher braucht auch keinen Leitfaden, sondern soll gefälligt selbst schmecken und sich ein Urteil bilden. Und das geht am besten dann, wenn er weiß, aus welcher Lage der Wein stammt, den er im Glas hat.

    An alle Befürworter einer Positiv-Klassifizierung mal eine simple(?) Frage: Würdet ihr die Bacharacher Wolfshöhle als Lage klassifizieren? Und warum bzw. warum nicht?

    Auf die Antworten (sofern sich jemand traut) bin ich mal gespannt.

    Was nun den Winzer angeht: Wenn man Terroir als die Persönlichkeit des Weinbergs interpretiert, ist es nicht klar, ob der Mensch als bestimmender Faktor (er hat ja die Weinberge angelegt, mit bestimmten Rebmaterial bepflanzt, und er bewirtschaftet den Weinberg auch) hinzugehört oder nicht. Letztlich ist dieser Punkt aber zu vernachlässigen, weil er meines Erachtens den Blick auf Wesentliche einschränkt.

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  • Sebastopol

    “Letztlich ist dieser Punkt aber zu vernachlässigen, weil er meines Erachtens den Blick auf Wesentliche einschränkt.”

    Mit Verlaub Herr Elflein, hier muss ich Einspruch erheben. Die Einstellung, ja der Charakter des Winzers und die daraus resultierenden Entscheidungen sind von allergrösster Bedeutung.
    Terroir, dieses schwer zu erhaschende je ne sait quoi, kann doch nur dann schmeck- und spürbar werden, wenn ihm der Winzer die Möglichkeit zu gibt. Würde man bei einem Scharzhofberg nach Mostverdichtung, Aromahefen, Chips, Alkoholentzug und Gummi Arabicum-Gabe noch von Terroir sprechen können?

    Herkunft braucht vor allem Freiraum. Wein ist unausweislich ein vom Menschen und nicht von der Natur allein gemachtes Produkt. In wie weit das eine oder andere aber Spuren hinterlässt liegt letztenendes im Ermessen des Menschen allein. Eine wichtere, prägendere Rolle kann ich mir im gesamten Ablauf der Weinbereitung beim besten Willen nicht vorstellen.

    Was eine gute, grosse Lage von einer geringeren zu unterscheiden vermag ist letztendlich wohl vor allem die Zeit. Der lang beobachtete Ablauf der Weine, weit über einen einzelnen Menschen hinaus. Eine solche Einordnung muss natürlich nicht final und einmalig sein. Das Klima wie auch die Welt ändern sich in einem fort. Ebensoschwer wie es ist, durch das geschriebene Wort einen sehr guten Wein von einem einzigartigen unterscheidbar zu machen, so einfach ist es, den Unterschied im Glas vorzuführen. Was dann wieder zu den schönsten Diskussionen im Detail führen kann.

    Das demokratische Prinzip ist mit der harschen Unterscheidung von Spitze und Mittelfeld nur schwer vereinbar. Doch eine harte, umstrittene Trennung ist für mich persönlich begrüssenswerter, als ein verwässerter, allseligmachender Kompromiss. Das dabei ein Verband wie der VDP seine ureigenen Interessen verfolgt ist nur konsequent und rational. Immerhin erhebt er nicht den Anspruch, für alle Winzer Deutschlands zu sprechen oder gar für sie entscheiden zu wollen.

    Zuletzt möchte ich sehr gerne Ihre Frage beantworten, wiederum ganz subjektiv: ja, für mich gehört die Wolfshöhle mit zu den besten Lagen des Mittelrheins, ebenso wie ihr Nachbar, der Posten. Beides sind seit Jahrhunderten Garanten für grosse, wiedererkennbare Weine die lange Zeit -unter dem pauschalen Namen “Bacheracher”- einen Ruf wie Donnerhall hatten. Die parzellenscharfe Abgrenzung der Klassifizierung sollte sich sowohl an dem Zustand vor 1971, als auch den heutigen Bedingungen orientieren. Zu viele Lagen sind in den letzten Jahrzehnten umgebaut, erweitert, aufgeschüttet und sonstwas worden, als das man leichtfertig die Grenzziehung auf dem Papier übernehmen sollte.

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  • Thorsten Kogge

    “Herkunft braucht vor allem Freiraum. Wein ist unausweislich ein vom Menschen und nicht von der Natur allein gemachtes Produkt. In wie weit das eine oder andere aber Spuren hinterlässt liegt letztenendes im Ermessen des Menschen allein. Eine wichtere, prägendere Rolle kann ich mir im gesamten Ablauf der Weinbereitung beim besten Willen nicht vorstellen.”
    Das stimmt womöglich, aber hiermit ist ja “nur” der handwerkliche Teil beschrieben, für den der Winzer/Kellermeister zuständig ist. Bei einer Klassifikation geht es doch letztlich um etwas ganz anderes: die Positionierung im Markt mit Qualitätssignalen. Und deshalb, um auf die Irritation von Dirk Würtz am Anfang zurück zu kommen, ist das ganze auch so umkämpft. Sicher, was der VDP tut ist legitim und erhob nie den Anspruch, für alle zu sprechen. Aber im Kampf um Aufmerksamkeit und Marktanteile gerade der nichtklassifizierten Güter spielt die Knappheit eine große Rolle…zwei oder drei Parallelverbände anderer Spitzengüter mit eigener Klassifikation hätten keine Chance, weil das nur noch als Überforderung des Verbrauchers wahrgenommen würde. Also: solange die Medien und die aufstrebende Mittelschicht in den zahlungskräftigen Städten “Spitzenwein” und “VDP” synonym verwenden, wird sich der Kampf um die VDP Klassifikation drehen, gerade weil es inzwischen auch Gegeneliten gibt. Und hier wird das demokratische Prinzip zum Hoffnungsträger für Partizipation an der Gestaltung der Regeln. Ich nehme eine altmodische Position ein: nur ein unabhängiger Dritter (früher: der Staat) kann den Marktkampf vorübergehend entscheiden – vorübergehend, weil diese Fragen nie abschließend entschieden werden können sondern nur mit Blick auf die gegenwärtigen und zukünftig angestrebten Markt- und Weinbaulagen. Hier kommt der strategische Charakter von Klassifikationen also voll zum tragen – als Instrument der Marktgestaltung.

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  • Werner Elflein

    Sebastopol,

    Thorsten Kogge hat ihren Einwand bereits in meinem Sinne beantwortet.

    Die Bacharacher Wolfhöhle hatte ich genannt, weil es eine Lage ist, die ich persönlich sehr interessant finde, auch wenn sie nicht dem Ideal einer Großen-Gewächs-Lage entspricht. In den Neunzigerjahren habe ich die feinfruchtigen Rieslinge aus dieser Lage immer sehr geschätzt. Sie verfügten über moderaten Alkohol, waren aber stets authentisch und wurden mitunter von einer knackigen Säure getragen. Nach Aufkommen der Lagenklassifizierung hat einer der Winzer, dessen Wolfshöhle Kabinett ich immer sehr geschätzt habe, den Wein aus dem Programm genommen und stattdessen eine seelenlose Gutscuvée etabliert, die alles das aufsammelte, was nicht in den Vorzeigewein floss. So aber macht man die deutsche Weinkultur kaputt. Lagen wie die Wolfshöhle und natürlich auch der Posten gehören weiterhin aufs Etikett. Und über diesen Punkt lasse ich mit mir auch nicht diskutieren. Das sind einfach Dinge, die für mich unverhandelbar sind.

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  • braunewell

    lieber werner elflein,
    wir müssen in unserer diskussion auch dem föderalismus rechnung tragen, auch wenn mir das nur schwer gefällt.

    in rheinhessen gibt es wirklich gut lagen und auch die anderen, die entscheidung, wo ein spitzenwein wächst trifft in aller regel der winzer aus seinen erfahrungen, beobachtungen und idealen.

    da es in rheinhessen die vielen kleinen lagen nach 1971 leider nicht mehr gibt, kann die unterscheidung schwarz/weiß einfacher erfolgen als im rheingau, mosel, mittelrh…

    das führt in rheinhessen auch zu dem phänomen, dass sich ettliche winzer in nierstein, im morstein, etc. einkaufen. viele gute winzer und viele winzer. wenn ich mir jetzt anschaue wie viele weine aus dem MORSTEIN die letzten jahre auftauchen, seit keller, wittmann und co hier aktiv sind, und wie diese weine sind und sein sollten, ist für mich klar, dass der winzer der entscheidende faktor ist, der aus einer toplage auch den topwein macht!

    deshalb müssen wir den winzer im mittelpunkt halten!

    wenn wir morstein als A lage klassifizieren und es dann viele schlechte weine mit 15.000 l ertrag gibt, weil sich der name gut verkauft, ist niemandem geholfen, die qualität im glas ist schlecht und das geschrei groß!

    für mich müsste es für rheinhessen ein paar wenige regeln geben, wenn der winzer die lage aufs etikett schreibt
    - ertarg max. 40 hl
    - mostgewicht min. 90°Oe, bei riesling und sylvaner 85°Oe
    - beschränkung der rebsorten auf klassiche rebsorten der region (riesling, sylvaner, burgunder, portugieser – die rebsortenvielfalt gehört zum föderalismus)
    - handlese
    - sensorische prüfung durch eine unabhängige kommission
    - verkaufsstart frühestens 1.9.
    - sensorische nachbeurteilung im jahr nach der füllung
    - etc.

    alles andere: müller-thurgau oder 85 hl/ha oder 75°Oe oder, oder, oder darf ruhig auch in diesen lagen passieren, soll aber um himmelswillen nicht als lagenwein verkauft werden

    der entscheidende einschränkende faktor ist für mich die 40 hl/ha grenze, da sie das produkt knapp macht und auch komplexer und konzentrierter werden lässt.

    über die weinqualität zum notwendigen preis entscheidet dann immer noch der verbraucher!

    der winzer muss sich bei diesem ertrag überlegen, ob er wirklich den spitzenweine produzieren möchte. für die verknappung ist entscheidend, dass wir die kontigentierung in deutschland nicht einfach fläche x ertarg rechnet, sondern dass man ein vermarktungskontingent einführt und ein hektar lagenwein in rheinhessen dann auch mit 40 hl und nicht mit 105 hl abgeschrieben wird.

    das führt zur verknappung der menge, das lässt den winzer überlegen, wie er sein mengenmanagement hinbekommt, schützt vor einer flut von lagenweinen und wertet damit die lagen auf, ohne eine umstrittene, angreifbare und meist dann auch wenig nachvollziehbare klassifiaktion, schleißlich aht jeder andere vorstellungen, wie diese aussehen soll.
    die umsetzung anhand einer verkaufsmengenstuerung scheint mir auch denkbar einfach in der umsetzung, um gleich den nächsten fragen vorwegzugreifen. außerdem kann diese regel der staat neutral aufstellen.

    kellers hubacker hätte vor 30 jahren auch niemand als gg klassifiziert, die weine sind trotzdem gut und können sich in rheinhessen mit hipping und co messen.

    bitte verschont rheinhessen mit der regulierungswut lagen in top, gut und böse einzuteilen. die winzer machen keine spitzenweine aus schlechten lagen, dass wissen wir selbst, und alles andere liegt neben der lage in der motivation des winzers, eingenständige, wiedererkennbare weine zu formen, die jahr für jahr ihr terroir wiederspiegeln und einzigartig sind!

    für mosel, rheingau, etc… spreche ich nicht, das müssen die kollegen vor ort klären. wenn ich aber schon A und B lagen haben, sollte ich mir überlegen, ob ich bei den C lagen wirklich den lagennamen auf dem etikett brauche, oder ob da nicht auch das weingut reicht.

    die lagen der nation sind vielfältig, wie die weine und die winzer und es ist gut, wenn das auch so bleibt

    das “prädikat” lagenwein darf für mich aber nicht in der untersten linie der supermärkte verramscht werden, das spielt mit unserer zukunft. keine literflasche für 1,49 braucht eine lage, auch keine großlage, so wird seit 1971 der verbraucher betrogen und er wird acuh weiterhin müller-thurgau liter kaufen, auch wenn beispielsweise mainzer domherr nicht mehr draufsteht (ist übrigens kein mainzer wein drin, sondern essenheimer)

    wichtig ist
    wo eine lage draufsteht, muss auch eine lage drin sein

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  • Pingback: Linkdump vom 11. Juni 2011 Links synapsenschnappsen

  • Sebastopol

    “Lagen wie die Wolfshöhle und natürlich auch der Posten gehören weiterhin aufs Etikett.”

    Herr Elflein, Chapeau! Besser kann man die ganze Diskussion nicht auf den Punkt bringen. Mir ging es im Kern darum, die Ausgangsbedingungen der Lage stets langfristig zu betrachten und höher als die individuellen Entscheidungen der jeweiligen Winzer zu veranschlagen – wo das Sinn macht. WENN eine Lage auf dem Etikett steht oder gar pauschal als grosser Wein gepriesen wird, SOLLTE der Kunde auch einen demgemäß anspruchsvollen Wein vorfinden. Wie das jedoch im Detail aussehen mag, das bräuchte wohl die gesamte Athener Schule als Berater. Das Wegfallen eines so schönen Weins wie der von Ihnen so treffend beschriebene ist stets ein Verlust, wenn auch nicht unbedingt ein endgültiger.
    Die Überlegungen des VDP begrüsse ich nach wie vor als Schritt in die richtige Richtung, weg von der gleichgemachten Masse, hin zum -per Definition- raren Qualitätsprodukt, konsequent und leidenschaftlich erzeugt. Das alles fällt in einem “geschlossenen System” wie dem VDP wesentlich leichter als im föderalen Gesamtweinbau. Ein Testballon?

    Es erfreut mich über alle Maßen das wir uns hier letztendlich aus dem gleichen Grunde Argumente um die Bildschirme schmettern:”Und über diesen Punkt lasse ich mit mir auch nicht diskutieren. Das sind einfach Dinge, die für mich unverhandelbar sind.” Ihnen allen herzlichen Dank dafür! Die deutsche Weinkultur braucht beherzte Unterstützer dringender denn je, und gerade solche, die nicht in allem kompromissbereit sind.

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  • Werner Elflein

    Danke, Sebastopol, nur weiß ich ehrlich gesagt nicht, warum der VDP seine Klassifikationsanstrengungen nicht ein zweites Mal in die Grütze setzen sollte, zumal ich nicht erkennen kann, dass hier ein grundlegendes Umdenken stattfindet, sondern nur von einer Feinjustierung die Rede ist, um unterhalb des Großen Gewächses eine weitere Qualität auf dem Papier zu etablieren. Auch finde ich es bedenklich, wenn die frühere Vielfalt auf einige wenige Weintypen reduziert werden soll, unter De-facto-Abschaffung der Prädikate. Man kann nun von den Prädikaten halten was man will, ganz für’n Allerwertesten sind sie nun einmal nicht. Die ursprüngliche Idee, Weine in unterschiedlichen Gewichtsklassen zu kategorisieren, ist und bleibt ein Wesen der deutschen Weinkultur. Hier verbietet sich von vorne herein jeder Vergleich von Äpfeln mit Birnen, sprich: von deutscher und französischer Weinkultur. Ich habe schon immer gesagt: Hätten wir uns in der Diskussion von Anfang an auf unsere Stärken besonnen, gäbe es heute das Gezeter um die mehrheitlichen Scheinriesen unter den Ersten und Großen Gewächse nicht. Was dagegen spricht, beispielsweise – um am Mittelrhein zu bleiben – eine Bacharacher Wolfshöhle Riesling Kabinett trocken und gleichzeitig eine Bacharacher Wolfshöhle Riesling Spätlese trocken zu machen, will sich mir schon im Kern nicht erschließen. Aber offenbar sah man dies beim VDP anders, sonst hätte man den ganzen Einheitsbrei auch nicht angerührt.
    Es ist zudem eine Sauerei, wenn – wie das nach meinen Informationen in dem einen oder anderen Betrieb bereits gelaufen ist – in schwächeren Jahren einfach ein paar Partien aus unterschiedlichen Lagen im Keller den Weg jenseits der 15-Prozent-Regelung gehen, damit der Prestigewein aus der angeblichen 1A-Lage ja besser wird als der anonyme Lagenverschnitt.

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