Alles über Wein und den Rest der Welt…

“Die Inflation der Kritiker”…

…lautet eine Artikel in der neuesten Ausgabe des Magazins “DER FEINSCHMECKER”. Ein bemerkenswerter Artikel, der es Wert ist, einmal genauer betrachtet zu werden. Nicht zuletzt auch wegen unserer kleinen Serie zu eben diesem Thema.

Der Autor des Artikels Gian Luca Mazzella ist Professor für Theologie und Weinkritiker. Man möge mir bitte nachsehen, dass ich ihn nicht kenne. Ich könnte natürlich auch locker das Gegenteil behaupten, aber ich habe ihn mir erst einmal “gegoogelt”. Was ich da so finden konnte, las sich alles ganz gut. Im aktuellen “Feinschmecker” beschreibt er als Profi in einem launigen und gut geschrieben Artikel die Inflation der Weinkritiker. Er spart nicht mit markigen Worten: ” Selbst ernannte Kritiker”, “Dilettanten”, “Amateure”. Natürlich, das versteht sich von selbst, bekommen auch die Teilnehmer von Internet-Foren ihr Fett ab. Ganz besonders aufschlußreich ist ein Zitat des Chefs eines alteingesessenen deutschen Weingutes (dessen Name freilich nicht genannt wird – so ein Feigling!):

“Mittlerweile muss man neben den Journalisten auch diejenigen zufriedenstellen, die die zahllosen websites bevölkern. So wird jeder Jahrgang wenigstens irgendwo eine gute Rezension erhalten. Und wird man in einem Weinführer nicht genannt, dann eben in einem anderen” Noch spannender ist der Passus davor:“Vor kurzem hat mir ein Winzer erzählt, er müsse jedes Jahr etwa 100 Flaschen beiseite legen, um die vielen Degustatoren zu befriedigen. Weitere Flaschen seien für Weinführer, Wettbewerbe und Messen reserviert, oder gar, um den Kofferraum einiger Meinungsmacher zu füllen(!!!)” Aha… das gibt es also doch noch. Schade, dass die zitierten nicht namentlich erwähnt wurden.

Aber einmal zurück zum eigentlichen Thema des Artikels. Er hat Recht, der Herr Mazzella. Und wie. Mehr kann man gar nicht Recht haben. Natürlich freue ich mich über die Demokratisierung des Weines und damit auch der Weinkritik, die letztlich maßgeblich durch das Internet ausgelöst wurde. Aber was ich da manchmal erlebe, ist schon sehr absonderlich. Jeder dahergelaufene und gelangweilte Hausmann wird zum wichtigen Weinkritiker. Schreibt für “total wichtige” Publikationen – meistens ist es ein Forum - und penetriert die Weinwelt. Damit möchte ich nicht die Wichtigkeit von Foren in Abrede stellen. Einzig die Tatsache klarstellen, dass ein Forenschreiber nicht automatisch ein Weinkritiker und Journalist ist. Was ich diesbezüglich während der ProWein erleben und hören durfte, war schon reichlich extrem. Da standen Menschen vor mir, die ich weder kannte, noch jemals von ihnen gehört und gelesen habe, und erklärten mir, dass sie einen der wichtigsten deutschen Weinblogs betreiben. Von den vielen “selbsternannten Weinkritikern” ganz zu schweigen… Passend hierzu übrigens auch der Artikel von Michael Pleitgen: “Blogger sind bescheidene Leute”

Grundsätzlich ist mir das ja egal, jeder kann machen was er will, aber wenn das solche Auswüchse annimmt, dann wird es grenzwertig. Völlig klar ist aber auch, dass das Ganze mehr und mehr zur Konkurrenz für so manchen “Profi” wird. Genau das habe ich in meinem gestrigen Beitrag zum Thema Gaul Millau geschrieben: “Möchtegern-Weinkritiker sollen mitunter sogar bereit sein, auf ein Honorar gänzlich zu verzichten, nur weil sie endlich einmal ihren Namen in einer vermeintlich wichtigen Publikation sehen möchten.”

Wir haben inzwischen eine, wie ich finde, sehr vitale und spannende Wein-Bloggerszene in Deutschland. Ich kenne keinen, und ich kenne sie fast alle, der seinen Blog nicht mit viel Engagement und Herzblut betreibt. Der sich Mühe gibt und über spannende Weinthemen schreibt. So kam es auch, dass die Blogger immer mehr Anerkennung fanden und sicherlich auch weiter finden werden. Wie von selbst ergibt sich daraus die Tatsache, dass natürlich auch mancher “Profi” und “Meinungsmacher” sich hinterfragen lassen muss. Was kann er, was befähigt ihn über Wein zu schreiben, welche Intention verfolgt er? Oder anders ausgedrückt, ganz deutlich mit den Worten von Gian Luca Mazzella: “Wovon leben diese Leute eigentlich? Wen seine Tätigkeit als Kritiker nicht ernähren kann, der verdient seinen Unterhalt im besten Fall als Weinhändler. Im schlimmsten Fall verkauft er sich und seine Urteile.”

Eine Sache möchte ich, ganz persönlich, aber ganz deutlich noch anmerken: Auch Weinblogger werden langsam aber sicher instrumentalisiert. Hier eine Einladung, dort eine “Pressereise”, jede Menge Probeflaschen. Ich sehe das sehr kritisch. Hier gibt es eine Tendenz, die mir persönlich gar nicht gefällt. Das verwässert deutlich die Unabhängigkeit und die Folge ist ein gefälliger und völlig unkritischer Blogbeitrag.

Der Umgang mit solchen Dingen wird übrigens auch ein Thema beim Vinocamp im Juni. Wir werden versuchen, uns eine Art “Blogger-Charta” zu erarbeiten…

86 Kommentare zu ““Die Inflation der Kritiker”…

  • BerlinKitchen

    Ach, das passiert auch Winzern! Bei der BigBottleParty Anfang März soll ein sehr renomierter Winzer einen Wein mit Kork ausgeschenkt haben und wollte das partout nicht einsehen, nachdem diverse Verkoster ihn darauf hingewiesen haben. Erst nachdem ein anderer Winzer ihn darauf aufmerksam gemacht hat, ist die Flasche unter dem Tisch verwunden. Real Life!

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  • Gerald

    Nach allem, was ich auf die Schnelle über GFK-Tanks gefunden habe, scheint es sich um glasfaserverstärkten Polyester zu handeln. Polystyrol scheint mir sehr unwahrscheinlich, da einerseits zu spöde, andererseits werden solche Tanks ja auch für Treibstoffe verwendet, die Polystyrol angreifen.
    Ist aber nebensächlich – meinst du mit dem “Styrolton” jetzt wirklich so etwas wie wenn man Styropor anzündet oder doch eher einen “normalen” Lackton?

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  • Gerald

    Aha, lese gerade dass (monomeres) Styrol als Lösungsmittel beim Polyester verwendet werden kann. Dann wäre der Fehlton wirklich Styrol. So gesehen wäre die Information mit Lack- oder sogar Erdbeergeruch falsch …

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    • Dirk Würtz Post author

      @Gerald
      Wenn Du es ganz genau wissen willst gehe ich mal schnell enien Haufen Styropor anzünden und halte die Nase rein ;-)

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  • Werner Elflein

    Dirk, ich selbst habe erlebt, wie ein Önologe, den ich ansonsten fachlich wie menschlich sehr schätze, sehr schnell dabei war, einen Mäuselton zu diagnostizieren. In diesem Zusammenhang ist vielleicht die folgende Veröffentlichung nicht ganz unspannend: http://www.schneider-oenologie.de/html/deutsch/PDF/Maeuselton_und_Pseudo-Maeuseltoene.pdf
    Im Rheingau habe ich einmal in der Jury gemeinsam mit dem Kellermeister eines bekannten Weinguts verkostet. Er ist Geisenheim-Absolvent. Gleich der erste Wein, ein trockener Riesling, war hochgradig fehlerhaft. Mikrobiologisch völlig daneben. Flüchtige Säure in einer Konzentration, die mir den gesamten Mundraum betäubte. Dagegen war er völlig unempfindlich. Während ich den Wein als fehlerhaft ablehnte und aufgrund der “Betäubung” infolge große Schwierigkeiten hatte, die nächsten Weine überhaupt noch wahrzunehmen (professionell durchgeführt, hätten wir die Verkostung eigentlich abbrechen müssen), sprach er – ohne Scherz – von einer “typisch süddeutschen Stilistik”. Wahrscheinlich hat er die penetrante Note des Weins glatt mit einem Petrolton verwechselt. Ansonsten sitzen doch auch in der Erste-Gewächs-Kommission im Rheingau erfahrene Verkoster. Wie aber ist dann möglich, dass ein 2003er Mittelheimer St. Nikolaus Riesling trocken von P. J. Kühn durchfällt, weil der Wein wegen seiner Farbe “oxidiert” gewesen sein soll? (Wäre er oxidiert, hätte er dies sicher auch in der Nase gezeigt.) Und warum werden zum Beispiel bei der Qualitätsweinprüfung in Baden spontan vergorene Weine mit hoher Wahrscheinlichkeit als “gebietsuntypisch” abgelehnt, nur weil sie nicht so schmecken wie das übliche Reinzucht-Einerlei? Ich könnte noch weitere Beispiele anführen, aber die Nummer “Ich-lasse-mir-meine-Verkostungsfähigkeiten-amtlich-zertifizieren” bringt uns nicht weiter, wenn selbst in wichtigen, mit Profis (die mit dem “genormten Geschmack”) besetzten Gremien regelmäßig sensorischer Bockmist abgeliefert wird.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Werner
      Scvhönes Beispiel. “Wissen schützt vor Torheit nicht” ;-) Was die EG-Anerkennungen im Rheingau angeht, fehlen mir so oder so die Worte…

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  • jan schmidtborn

    Sehr interessannte Diskussion (nicht das verbrannte Styropor!).
    Ich schließe mich da gern Herrn Hofschusters und Weindeuters Meinung an, dass “Gaumenlyrik” (ein toller Begriff!) von Konsumenten am interessantesten ist. Im deutschsprachigen Raum ist Herr Becker für mich von höchstem Unterhaltungs- und Informationswert (www.wineterminator.com). Ich hoffe ich “darf” das hier verlinken?!

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  • BerlinKitchen

    Ach, noch was Versöhnliches zum Abschluß. Wenn man neben David Schildknecht/WA Weine verkostet, weiß man ziemlich schnell, daß man nichts weiß. :-)

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    • Dirk Würtz Post author

      @BerlinKitchen
      Wenn ich mir allerdings die Kommentare von Schildknecht auf der Seite vom Captain zum “Arschjahr” und dem Thema entsäuern anschaue, dann runzele ich die Stirn aber ganz gewaltig. Wie er verkostet weiss ich nicht, was er aber da so geschrieben hat, war schon reichlich haarsträubend

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  • Werner Elflein

    Richtig, Dirk! Wie Schildknecht verkostet, ist mir auch ziemlich egal. Von mir aus auf dem Kopf stehend und mit einem Bleistift in der Nase. Die Ergebnisse sind’s, die ihn in meinen Augen nicht gerade als fachlich fundierten Kritiker deutscher Weine erscheinen lassen. (Zurückhaltender kann ich das im Moment nicht formulieren.)

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  • Charlie

    Die Beispiele über Fachleute die daneben liegen, bringen argumentativ nichts (sind aber lustig). Ärtzliche Fehler sind viel schlimmer, und die sind ausgebildet, lange und gründlich, und geprüft …
    Trotzdem würde ich lieber von einem Chirurgen operiert werden als von einem Gesundheitsblogger. Rein aus statistischen Gründen.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Charlie
      Da hast Du absolut Recht. Aber da fällt mir gerade ein schöne Sache ein. Da sich das gesamte Wissen der Menschheit langsam aber sicher im Internet befindet, wirst du in jedem Fall Deinem Chirurgen, der Dich operiert vorab schon einmal zehn verschiedene OP-Methoden präsentieren können. Nicht zuletzt auch Dank diversen Gesundheitsbloggern… ;-)

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  • Werner Elflein

    Charlie, von den meisten Chirurgen würde ich mir nicht einmal einen Furunkel aufschneiden lassen. Sie mögen eine fachliche Ausbildung haben, aber, wie Dirk schon sagte, verlasse ich mich als Patient nicht blind darauf, dass der mich behandelnde Arzt das richtige tut. Ich habe es häufig erlebt: Du stellst dem Kerl eine präzise Frage, und als Antwort kommt nur allgemeiner, aus dem Buch auswendig gelerntes Halbwissen.

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  • Der Direttore

    Der Elflein würd auch kein Brot von den meisten Bäckern kaufen, weil bei der präzisen Frage nach einem Mischbrot nur auswendig gelernte Scheiße zurückkommt!

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  • Pingback: Kritik ist die Kunst der Beurteilung – der Blogger als Weinkritiker

  • Werner Elflein

    Direttore, unsere deutschen Bäckerbrote haben wenigstens noch einen Mindeststandard, der wenn, dann nur höchst selten unterschritten wird. Bei unserer Ärzteschaft, vor allem den Orthopäden, wäre ich mir hingegen nicht so sicher.

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  • Thomas Günther

    Na das ist ja ne spannende Diskussion hier. Mir scheint die Thematik aber halb so wild zu sein wie es von manchem gesehen wird. Ich finde die Kofferraum-Geschichte immer wieder genauso langweilig. Wie blöd soll den derjenige Winzer sein, der so etwas macht? Und das Winzer über Journalisten fast immer schimpfen, ist ja auch hinlänglich bekannt. Ich fand das erst wieder in Italien lustig, dass es dort genauso ist wie hier. Geschimpft wird eben nur nicht über den, der gerade da ist.

    Das mit der Inflation der Kritiker ist auch reichlich blöd. Was erwartet man den? Dass Leute Weine verkosten oder trinken ohne sich einene Meinung zu bilden? Diese aufzuschreiben ist einfaches. Zu veröffentlichen im digitalen Zeitalter auch. Schlimm ist das nicht. Und ich bin mir auch nicht sicher wer damit gemeint sein soll im Parker-Pathos aufzutreten. Ich sehe das niergendwo. Mal bitte ein paar Namen nennen damit das nachvollziehbar ist.

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  • Thomas

    Schliesse mich voll und ganz dem Thomas Günther an, ich würde auch gerne wissen von welchen Bloggern hier die Rede ist. Blogger die sich für ein paar Flaschen Wein hergeben fallen mir keine ein, bin sehr gespannt von wem hier die Rede ist … ihr werdet uns Unwissende spätestens beim Vinocamp aufklären müssen

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