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Die Genossen müssen sparen

Der Badische Winzerkeller, eine der größten Genossenschaften und Kellereien im Land, legt ein großes Sparprogramm auf. Nicht freiwillig, versteht sich.

In Baden, so glaubt man jedenfalls als rheinhessischer Hinterwäldler, funktioniert das Genossenschaftswesen noch. Das sagte mir jedenfalls immer mein Gefühl, ohne genaue Zahlen zu kennen. Aber wenn ich an das wunderschöne Anbaugebiet Baden denke, dann denke ich ganz automatisch an Genossenschaften. Der Badische Winzerkeller in Breisach war wohl einmal der größte seiner Art. Das genossenschaftliche Prinzip ist einfach und schnell erklärt: angeschlossene Winzer liefern ihre Trauben ab, die Genossen machen Wein daraus und vermarkten ihn. Bei den Breisachern heißt das in Zahlen folgendes: Sie verarbeiten Trauben von 2.450 Hektar, haben um die 150 Festangestellte, verkaufen 25 Millionen Liter Wein und machen damit einen Umsatz von 52,2 Millionen Euro. Die Breisacher, so liest man hier, machen ihr Hauptgeschäft mit den Discountern. Ein hartes und schwieriges Geschäft, keine Frage. Man muss ja nur einmal – ganz milchmädchig -den Umsatz  durch die Liter teilen. Dann kommt man auf 2,09 Euro pro Liter…Verkaufspreis. Da wird die Luft dünn, aber das ist die bundesdeutsche Weinrealität und nichts anderes!

Bei solchen Erlösen und derartigen Kostenstrukturen darf natürlich alles kommen, nur nicht so ein Jahrgang wie der in 2010. Eine so kleine Ernte ist ein sehr großes Problem. Erschwerend hinzu kommt der Umstand, dass die Breisacher wohl einige Mitglieder verlieren. Kein Wunder, bei einer Auszahlung von ca. 75 Cent pro Kilogramm Trauben. Das ist nicht wirklich viel.

Für solche Betriebe ist natürlich die EU-Weinmarktreform – kleine gedankliche Transferleistung – zunächst einmal bedrohlich. Fällt der Anbaustopp, bekommen sie noch mehr Konkurrenz, das Geschäft wird noch härter. Sollte man zumindest meinen. Gerade die Genossenschaften sind ja im engen Schulterschluß mit den Funktionären, um das Wegfallen des Anbaustopps zu verhindern. Sieht man sich allerdings einmal die Realität an, liest man den oben verlinkten Beitrag in der Badischen Zeitung und betrachtet sich die veröffentlichten Zahlen, dann muss man sich schon die Frage gefallen lassen, ob man denn überhaupt wettbewerbsfähig ist. Gerade das immer und immer wieder strapazierte Argument “Die Reform gefährdet unsere Weinkulturlandschaft” ist hier ja wohl definitiv nicht angebracht. Sie gefährdet Arbeitsplätze, das mag wohl so sein. Aber alles andere? In welcher Branche gibt es einen quasi staatlich garantierten Bestandsschutz für defizitär wirtschaftende Unternehmen? Wenn ich lese, dass man sich mittlerweile annähernd von allen “Altlasten” (Wein) getrennt hat, dann muss ich mich doch fragen, warum man diesen überhaupt über Jahre hinweg “angesammelt” hat. Da wurde wohl nicht wirklich zielgerecht und am Markt vorbei produziert. Alles ähnlich wie mancherorts in Spanien, wo hunderte von Millionen Euro jährlich von der EU für die Destillation von Wein, den keiner braucht und will, Industriealkohol versenkt werden.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin ein großer Freund des genossenschaftlichen Gedankens und ich persönlich hoffe, dass dieser auch in Zukunft überlebt.

3 Kommentare zu “Die Genossen müssen sparen

  • Michael Pleitgen

    Das ist alles nicht so abstrakt, wie man meint, wenn man die Zeitung liest. Sondern sehr konkret: Der Betrieb hat ein Problem – die Rebfläche ist mächtig geschrumpft von einstmals 3.600 ha auf knapp 2.500 ha. In den 90er Jahren wurde auch der Betrieb einmal ein wenig geschrumpft – jetzt ist er viel zu groß. Zu viel Kapazität und zuviele Leute. Aber wie das so ist: beides läßt sich nicht von heute auf morgen ändern. Dazu kommt, dass die Badener anders als die Württemberger sich nie auf eine vernünftige Arbeitsteilung zwischen Zentralkellerei und Orts-WGs einigen konnten: jeder macht alles. Da tauchen dann auch mal Weine von kleinen WGs bei den Discountern auf – “Übermenge” und unter einem anderen Etikett versteht sich. Das schadet dem Image nicht und drückt im Ergebnis nicht allzuviel. Der Winzerkeller steht dann aussen vor und wäre auf den Kontrakt angewiesen gewesen… Und so weiter und so fort. Lauter kleine Könige im Badner Land, die jeder für sich früher oder später einen kleinen Tod sterben und ein riesiger, rostiger Tanker in Breisach – diese Bild stammt nicht von mir, sondern von einem hellsichtigen badischen Genossenschaftswinzer.

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  • Thorsten Kogge

    Alle Agrarpolitiken in Europa waren auf dem Prinzip aufgebaut, in erster Linie den Selbsterhalt von Landwirtschaftsbetrieben sowie die Erhaltung regionaler Strukturen zu fördern, ferner “Quantität zu vernünftigen Preisen” bereitzustellen. Und immer wieder waren industrielle Über- und Unterproduktionen Ursache dieser Politiken. Bei der klassischen Weinbau- und Weinmarktordnungspolitik handelt es sich im Prinzip um die Bildung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen, von denen insbesondere die Winzergenossenschaften ihren entgültigen Durchbruch den Kriegen verdankten: “Vor allem aber litt der badische Weinbau in der Zwischenkriegszeit unter geradezu chaotischen Zuständen auf dem Erzeugermarkt. Während an der Mosel der Wein von den Winzern zu einem großen Teil im eigenen Keller ausgebaut wird, lieferten die badischen Winzer bereits ihre Trauben direkt an den Händler ab, der sie dann kelterte und den Wein selbst ausbaute. Weintrauben sind eine leicht verderbliche Ware, Oxydationsschäden können sich sehr leicht bemerkbar machen. Die Winzer stehen also zum Zeitpunkt der Lese unter sehr starkem Druck, zu verkaufen so schnell es geht. Ein geringeres Desinteresse des Handels genügt, um zu enormen Preiseinbrüchen zu führen. Namentlich die guten Weinjahre 1934 und 1935 mit ihren hohen Erträgen bei guten Qualitäten waren für den badischen Weinbau Katastrophenjahre. Damals in der Zwischenkriegszeit wurde das dichte Netz von Winzergenossenschaften geschaffen, das für das heutige Baden charakteristisch ist. Staatliche Stellen wie auch vor allem der Weinbauverband setzten sich tatkräftig für die Gründung von Genossenschaften ein (..). Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gerüst von Genossenschaften da, ihre Zahl vermehrte sich nur geringfügig, der Ausbau fand in erster Linie anch innen statt: die Zahl der Genossenschaftsmitglieder nahm gewaltig zu. Flurbereinigung und Rebenaufbau, die von ‘Teilnehmergemeinschaften’ und ‘Rebenaufbauneossenschaften’ durchgeführt werden, schaffen ein kooperatives, genossenschaftsfreundliches Klima. Waren vor dem Ersten Weltkrieg rund 10% der badischen Weinernte genossenschaftlich gefaßt und 1931 ‘kaum mehr als 20%’, so sind es heute rund 80-85%.” Dieses Zitat ist 40 Jahre alt (Wehling, Hans-Georg, 1971: “Die politische Willensbildung auf dem Gebiet der Weinwirtschaft – dargestellt am Beispiel der Weingesetzgebung”, S. 56 f., Göppingen: Alfred Kümmerle) und zeigt damit, wie langfristig diese einmal geschaffenen Strukturen zu Marktstrukturen und zu Selbstverständlichkeiten für die Winzer werden können: Die Frage wäre, welche Traubenbauern sich einen badischen Weinmarkt ohne zentralen Winzerkeller überhaupt vorstellen können und ob sie selbst in diesem Markt von “Traubenbauern” zu selbst ausbauenden Winzern werden könnten/wollten? Eine Chance für Umstrukturierungen solcher Art ergiebt sich ja meistens nur beim Generationenwechsel…

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  • david

    Kann mir Herr Pleitgen mal erklären, wie “Übermengen” in den Discounter gelangen? Schwarz?

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