Alles über Wein und den Rest der Welt…

Heimatwein oder Frankenstein

In unserem ersten Teil des „kleinen Einmaleins des Weinmachens“ waren wir an dem Punkt angekommen, an dem der Most gärte. Jetzt geht es weiter…

Die Gärung ist beendet und das gewünschte Resultat ist erreicht: der ganze Zucker ist vergoren, Alkohol ist da, wir haben einen trockenen Wein. Alles wunderbar, sofern der Wein auch schmeckt. Was aber tun, wenn er nicht schmeckt, wenn er fehlerhaft ist – das kann passieren – oder wenn er einfach nicht so schmeckt, wie wir das gerne wollen? Kein Grund zur Panik, alles kann repariert werden. Das einzige was nicht mehr zu reparieren ist, ist wenn einer Rotwein in den Weisswein pumpt. Dann ist Schluß! Alles andere ist kein Problem – oder vielleicht eben doch…

In den vergangenen Tagen würde viel über „additive Oenologie“ geredet. Ein Additiv ist ein Hilfsstoff oder ein Zusatzstoff. Klingt nicht weiter schlimm, kann man machen, muss man aber nicht machen. Fakt ist, wenn eine Partie Wein fehlerhaft ist – und es gibt eine Menge Weinfehler – dann kann man diesen Fehler mit einem zuzusetzenden Stoff beheben. Das ist ganz normal und in der Regel wirtschaftlich auch notwendig. Kaum einer kann es sich leisten 3.000 Liter fehlerhaften Wein landbaulich zu entsorgen. Die Stoffe, die man zur Fehlerbehebung benutzt sind alle legal und nicht gesundheitsschädlich. Spätestens wenn der Wein filtriert ist, ist davon so oder so nichts mehr übrig. Eines muss man an dieser Stelle natürlich einmal klar und deutlich sagen: Der Fehler wird meistens nicht im Keller gemacht, sondern im Weinberg. Vollreife, kerngesunde Trauben aus einer nachhaltigen und vernünftigen Wirtschaftsweise neigen in der Regel eher selten dazu später einmal ein fehlerhafter Wein zu werden (dazu mehr im dritten Teil in einem Gastbeitrag von Steffens-Keß).

Klingt alles ganz einfach, oder? Ist es aber dann doch nicht. Viele Faktoren sind maßgeblich, schließlich ist ein Wein ein sensibles Produkt. Oder besser gesagt, Wein kann ein sensibles Produkt sein. Der alles entscheidende Punkt ist die Frage nach dem „Was will ich produzieren?“ „Heimatwein oder Frankenstein“. Das war jetzt zwar ein wenig polemisch, trifft den Kern aber ganz gut.

Ich erkläre es:

Es gibt grundsätzlich zwei Arten des Weinmachens oder des Winzerdaseins. Der eine versteht sich als Geburtshelfer eines Weines. Er kümmert sich intensiv um seine Weinberge, gerne ökologisch (kann man machen, muss man nicht). Er produziert Trauben und läßt den Wein werden. Minimale Eingriffe sind zwar auch da manchmal notwendig, ändern aber nichts an der grundsätzlichen Marschrichtung.

Der andere ist ein Lebensmittelhersteller. Er kümmert sich auch intensiv um seine Weinberge, produziert größere Mengen und hat eine bestimmte Zielvorgabe, was den Wein betrifft. Da kommen dann auch Weinlabore mit ins Spiel. Von denen gibt es eine Art „Kochrezept“. In diesem Rezept wird Schritt für Schritt erklärt, was zu tun ist und welches „Additiv“ dabei hilft. Das mag jetzt ganz fürchterlich klingen, hat aber auch seine Berechtigung. Man stelle sich einmal vor, wohin das führt, wenn alleine hier in Deutschland auf der gesamten Rebfläche nur noch „Spitzenweine“ produziert werden. Kein Wein mehr für die Discounter und Supermärkte im untersten Preissegment. Das wäre das Ende der deutschen Weinwirtschaft, zumindest im produzierenden Bereich. Jeder kann zum Glück für sich selbst entscheiden, was er kaufen und trinken möchte.

Das ein Wein für 2,99 Euro kein „Heimatwein“ sein kann, versteht sich von selbst. Was er aber sein kann, ist ein gut gemachter und schmeckender Frankenstein. Fankenstein war schließlich auch ein Lebewesen. Zugegeben, kein hübsches, aber „es“ hat gelebt. Man stelle sich aber einmal vor, Frankenstein hätte ausgesehen wie Heidi Klum. Keiner hätte sich aufgeregt, alle wären begeistert gewesen.

Und damit sind wir beim eigentlichen Problem: Ein Frankenstein, der aussieht wie ein Top-Model. Es gibt diverse Möglichkeiten, einen Wein so aufzuhübschen, dass er richtig etwas darstellt. Zumindest für einen bestimmten Zeitraum. Einige „Additive“, die eine schönende und stabilisierende Wirkung haben, kann man eben auch zur Aufhübschung einsetzen, wenn man weiss wie es geht. Das ist jetzt keine Panikmache oder Polemik, dass ist ein Fakt. Genaugenommen geht das übrigens auch schon im Weinberg los. Wen es interessiert, hier ist eine Liste diverser gängiger „Schönungsmittel“. Aus den Diskussionen der vergangenen Tage weiss ich, dass einige das gar nicht wissen wollen. Deswegen habe ich darauf verzichtet, diese Liste hier auf den Blog zu stellen. Diejenigen, die es ganz genau wissen wollen, können diesen link anklicken.

Ich möchte das Ganze übrigens nicht bewerten. Ich persönlich glaube zwar ganz fest an den „Heimatwein“, ich bin überzeugt von diesem Prinzip! Ich sehe aber auch die Notwendigkeit des „Frankensteins“. Es gibt in diesem Kontext nur eine Sache, die mich nicht nur nachdenklich, sondern manchmal auch sehr wütend macht. Das ist der Umstand, dass es überall auf der Welt Weinproduzenten gibt, die, obwohl im Premiumsegment angesiedelt, eigentlich nichts anderes machen, als das, was der irre Doktor in seinem Labor macht. Nur leider sagen sie das nicht. Im Gegenteil. Sie tun so, als würden sie Heimatweine produzieren und machen doch nichts anderes als das genaue Gegenteil davon. Aus diesem Grund bin ich für die Deklaration diverser benutzter „Additive“ im Wein. Quasi eine Art „Ampel“. Transparenz ist hier für mich der ganz entscheidende Punkt. Nachvollziehbare und leicht verständliche Transparenz. Der Konsument hat ein Recht darauf zu erfahren, was er da für ein Produkt vor sich hat. Erzählt ist nämlich sehr schnell, sehr viel.

3 Kommentare zu “Heimatwein oder Frankenstein

  • Michael Rosenthal

    Dirk, Du weißt, dass ich kein Freund des “Beipackzettels” bin, obschon ich Deine Beweggründe an sich unterstützen würde.
    Allerdings gilt das nur für den wirklichen Weinkenner, denn in meinen Augen ist alles andere leider nur eine weitere Verunsicherung für den Konsumenten, der sich dann eher dem Bier mit seinem “Reinheitsgebot” zuwendet.

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  • seppel

    Nicht alles was zugelassen ist, ist auch sinnvoll. Und wie Dirk schreibt ist es so, daß je besser man im Weinberg ist, desto weniger Probleme hat man im Keller. Aber ich denke, daß man um manche Sachen nicht um hin kommt. Hat man sich beispielsweise Jahre lang behauptet, dann will man sich nicht durch eine Eiweißtrübung in den Flaschen eine Auslistung einfangen. Es gibt große und namhafte Betriebe, von denen ich aus verläßlicher Quelle gehört habe, die wegen solcher Sachen von Händlern ausgelistet worden sind. Nicht mit den Einstiegsweinen, sondern mit den GG´s! Hätten die mal nicht so sehr von der Philosophie gelebt, sondern mit Ihrem geschickten Handwerk und der Erfahrung vertraut, wären Sie vielleicht noch im Geschäft. Bitte nicht falsch verstehen: Ich will nicht, daß Schrott noch trinkbar gemacht wird, aber Heimatweine sollen bitte auch alle Ihre Stärken zeigen, stabil und über lange Zeit und nicht den Genuß trüben.

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  • felix

    Das Schwierige ist, dass die Grenzen zwischen diesen Weinen fließend sind. Wenn nun ein “Heimatwein” eben doch etwas bitter schmeckt – das kann passieren sogar wenn man alles richtig gemacht hat – was dann? Dann wird man doch sicherlich ein passendes Schönungsmittel nutzen, um den Wein sorgfältig schmackhaft zu machen. Wo fängt der Frankenstein da an? Da kann man sicherlich auch die Bentonifrage mit einbringen. Ist das schon kein Heimatwein mehr, wenn ich das einmal durch den Wein rühre? Ich selbst würde mir keine klare Aussage zutrauen. Bestenfalls erst nachdem man den Werdegang des einzelnen Weines kennengelernt hat.

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