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Dr. Seltsam und das Wunder des Jahrganges 2010

Es gibt Blogbeiträge, über die muss ich tatsächlich ganz lange nachdenken, bevor ich sie verfasse. Der nun folgende ist so einer aus dieser Kategorie. Es geht um den Jahrgang 2010 und um das, was so einige mir erzählen, was sie tun…oder besser gesagt nicht tun… Eigentlich ist das auch ein Blogbeitrag für Winzer und Weinmacher und nicht unbedingt für den Konsumenten. Wen das also nicht interessiert, der kann genau jetzt aufhören zu lesen.

Der Jahrgang 2010 ist ein sehr komplexer und anspruchsvoller Jahrgang. Das habe ich hier und hier bereits gesagt und das hat sich auch jetzt nicht geändert. Ich bin mir sicher, dass sich 2010 in die wirklich guten Jahrgänge der letzten zehn Jahre einreihen wird. Mit allem was dazugehört, auch wirklich großen Weinen. Lagerfähig wird er sein, der Nullzehner und die eine oder andere Überraschung bereit halten. Nicht mehr und nicht weniger ist darüber momentan zu sagen.

Wer ordentlich gearbeitet und rechtzeitig die richtigen Maßnahmen im Weinberg ergriffen hat und so in der Lage war, seine Trauben einigermaßen gesund in die zwei tollen Oktoberwochen zu begleiten, der wurde belohnt. Auch jetzt noch, mit tollen Trauben für hoffentlich fantastische trockene Weine.

Was allerdings gar nicht geht und was mich seit Wochen annähernd in den Wahnsinn treibt, ist dieses merkwürdige und teilweise doch schon fast sinnentleerte Gebrabbel einiger, die der Menschheit tatsächlich erklären, sie hätten mit der Lese noch gar nicht wirklich begonnen, alle Trauben seien kerngesund und man würde sich jetzt, so ganz langsam mal, an die Ernte der gesunden Riesling-Trauben machen.Wie bitte? Wo sind denn dann die Tonnen über Tonnen Doppelsalz geblieben, die seit fünf Wochen verarbeitet werden? Mit dem Zeugs hätte man zwischendurch, aufgrund von Lieferengpässen der Industrie, einen Haufen Geld verdienen können…

Ich bin, wie ja die meisten wissen (bis auf einige, ich zitiere: “alternde Divas”, Zitat Peter Moser über eben solche auf Facebook ;-) ), beruflich in zwei Anbaugebieten unterwegs. In Rheinhessen und im Rheingau. Aus diesen beiden Anbaugebieten kann ich also täglich berichten, was den Zustand und insbesondere das bloße Vorhandensein der Trauben angeht. Und was soll ich sagen… Bis auf wenige, ganz wenige Ausnahmen hängt da nichts mehr. Schon gar nicht im gesunden Zustand.

Natürlich gibt es solche Weinberge. Im Rüdesheimer Berg beispielsweise, da hängen Träubchen, die sehen aus wie gemalt. Träubchen wohlgemerkt und nicht Tonnen von Trauben. In Mölsheim gibt es auch so etwas und an wenigen anderen Stellen in Rheinhessen, beispielsweise in wenigen Parzellen an der Rheinfront. Die gesunden Träubchen werden ganz sicher der krönende Abschluß der Ernte 2010. Sie sind goldgelb und verfärben sich langsam aber sicher dunkel. Der Idealzustand nähert sich.

Was diese Träubchen aber garantiert nicht sind, ist grasegrün. Und wenn sie doch grasegrün sind, dann liegt das nicht an der außergewöhnlichen Pflege und der vielen Arbeit des Verantwortlichen, sondern am sehr großzügigen Einsatz von Botrytizid. Das sind Trauben, die würde ich meine Tochter beim Spaziergang durch die Reben übrigens nicht essen lassen.

Selbstverständlich kann jeder tun und lassen was er will, gar keine Frage. Was aber gar nicht geht, ist den Leuten – selbst den Kollegen – eine Giraffe auf den Backen zu malen und zu behaupten, es sei eine Sonnenblume. Ich, und nicht nur ich, sehe sie schon vor mir, die Lobeshymnen in den Weinführern nächstes Jahr: “Aufgrund einer äußerst späten und penibelsten selektiven Lese, ist es dem Winzer-Magier XYZ auch in diesem so schwierigen Jahrgang wieder gelungen, erst im November kerngesunde Trauben für seine großen trockenen Gewächse zu ernten. Auf Nachfrage der Redaktion bestätigte der Winzer XYZ, dass er in der zweiten Novemberwoche grandiose und kerngesunde Trauben geerntet hat. Goldgelb und voll ausgereift”. Narhallamarsch und Auszug!!!

Wie gesagt, jeder darf machen was er möchte, auch wir ernten sicher erst in der nächsten Woche die letzten Trauben, aber bitte, bitte nicht die Welt für dumm verkaufen…auch wenn es meistens funktioniert. Penibelstes Arbeiten hat nichts mit einem Botrytizid-Tsunami zu tun. Und all diejenigen, die aufgrund der äußeren Umstände viel früher als im “November” gelesen haben, sind auch keine Massen produzierende Idioten. Ich weiss nicht, warum es nötig ist, sich von anderen abzugrenzen, in dem man Blödsinn erzählt und der sich auch noch viral verbreitet. In einem Jahr wie 2010 grenzt man sich durch gute Qualitäten ab. BASTA, sagte weiland Kanzler Schröder…

19 Kommentare zu “Dr. Seltsam und das Wunder des Jahrganges 2010

  • Andreas Durst

    Na, die Traeubchen von P.J. Kuehn direkt am Weingut im Lenchen sahen vorigen Donnerstag genau so aus wie geile Trauben aussehen koennen – wenn Sie an penibel gepflegten Stoecken haengen. Auch wenn es schwerfaellt das zu glauben. Eher noch gruen als gold. Believe me.

    Gruesse Andreas Durst

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    • Dirk Würtz Post author

      @Andreas Durst
      Das glaube ich gerne. Das ist ja auch ein Demeter-Mann und kein Botrytizid-Mann. Den habe ich garantiert nicht gemeint ;-)

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  • Harald

    Wie wahr!
    Meintest Du die Weingüter, die im August im Keller vor Fernsehkameras um gärenden Weinfässer tanzen und seltsamerweise schon im Februar den Hof mit Neuglas zugestellt haben?

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    • Dirk Würtz Post author

      @Harald
      Das ist das Eine… Was ich mehr meine, sind diejenigen, die mir seit Wochen erklären sie lesen noch nicht, oder so gut wie gar nicht und trotzdem sehe ich keine Trauben mehr… oder nur solche, die so unreif aussehen, als hätten wir gerade Ende August…

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  • braunewell

    hallo dirk,
    im nördlichen rheinhessen hängen nur noch einzelne rieslingparzellen und ich denke, dass die nach dem regen heute wohl anfangen von grün (nicht wirklich gelb) auf rosa umzuschwenken und die verbeleibenden anlagen dann bis ende der woche, anfang nächster woche fallen.
    eines ist bei allen gleich. mehrmalige laubarbeit im sommer, das bringt mehr wie jedes botrytizid, und schon ein bis zwei lesedurchgänge.
    das was noch hängt ist nicht viel, hat schon viele rosa beeren und kann hier auch nicht mehr lange. aber es hat sich allemal gelohnt, im gegensatz zu den vorlesen vor 2 wochen!

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  • Weinschreiber

    Hallo Dirk,
    solche Artikel interessieren nicht nur die Winzer! Viele Verbraucher möchten auch reinen Wein eingeschenkt bekommen. Danke für den offenen Artikel!
    Grüße aus Essen
    Ingo

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  • Werner Elflein

    Was mich einmal brennend interessieren würde: Helfen Botrytizide bei einer solchen Wetterlage, wie wir sie hatten, überhaupt noch in signifikantem Maße, wenn man nicht gerade die Trauben darin einlegt?

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  • Amlinger

    Also bei uns (an der Terrassenmosel, Zell bis Cochem) war bereits Montag bis auf ca. 5 Weinberge alles weg; in meiner und den anschließenden Gemeinden hängt nichts mehr (außer ein Eisweinversuch von uns, sind nur ein paar hundert m²).

    Wenn wir hier von 5-7 Tagen späterer Ernte sprechen, die vielleicht noch hingehauen hätten:
    - mit dann allerdings 20% mehr Botritis (keine schöne, da durch Regen ausgewaschen)
    - nochmals 20% geringerer Ernte (wir liegen auch so beim Riesling dieses Jahr bei nicht angrebten <40hl/ha)
    - bei dem Wetter (unter 5°, Regen, Hagel)
    - ohne grünes Laub
    - bei steigender Säure und steigender Drittfäule…

    Vielleicht gibs ja noch oberhalb Kollegen, die die Novemberlese anstreben bzw. eher kundtun, müsste ich mir mal anschauen.

    Bei den Händlern wird allerdings eher noch mehr aufgeschnitten. Besonders gespannt bin ich auf die Jahrgangsbeschreibung eines speziellen wortreichen Versenders, nach ihm gab es 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2007, 2008 und 2009 den AUSNAHME-JAHRHUNDERTWEIN in Deutschland.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Amlinger
      Der Händler will ja was verkaufen… Und in der Regel ist er auf die Infos seiner Produzenten angewiesen…

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  • Armin Kobler

    @dirk:
    erkläre mir bitte:
    dauernd ist in diesen beiträgen über dieses weinbaujahr von traubengesundheit die rede.
    die sorte, um die es am meisten in den artikeln geht, ist der riesling, wenn ich mich nicht irre.
    wie ist aber die beziehung der produzenten gegen über dem botrytispilz in der heutigen zeit?
    ich schließe aus den beiträgen, dass sie ungewollt ist.
    aber was ist mit der edelfäule?
    kommt diese nicht in diesem jahr oder will man momentan auch diese form des botrytisbefalls nicht?
    ich komme aus einem gebiet, wo hauptsächlich aus klimatischen gründen mit den allerwenigsten ausnahmen botrytis so beliebt ist wie fußpilz, aber bei euch oben?

    liebe grüße aus südtirol, wo die allereltzen trauben (cabernet sauv. z.b.) letzte woche abgeerntet wurden.
    armin

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    • Dirk Würtz Post author

      @Armin Kobler
      Botrytis ist bei uns ähnlich beliebt, mit Ausnahme für die edelsüßen Weine.

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  • Harald

    @Amlinger
    Dem kann ich nur zustimmen.

    @Armin
    Botrytis ist nur dann erwünscht, wenn er auf reife Trauben trifft, zumindest bei mir für meine Produktion und dann nur in geringem Ausmaß. Ansonsten konzentriert sich auch die unreife.

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  • Armin Kobler

    @ harald,
    danke, das grundprinzip, dass sauer- und edelfäule in erster linie vom zeitpunkt des befalls definiert werden ist mir bekannt.
    ich dachte aber, dass mit oktober schon jener reifegrad erreicht ist, dass die konzentration guter inhaltsstoffe gegenüber unreifer überhand gewinnt und deshalb auch ab diesem zeitraum die positiven aspekte überwiegen würden.
    anscheinenad ist aber dieser qualitative wendepunkt später anzusiedeln als ich es vermutet hatte.

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  • amlinger

    @Werner
    Generell helfen Botrydizide nur dann, wenn die Traube intakt bleibt (dann beispielsweise gegen Stielfäule; oft geht bei unverletzten Trauben die Fäulnis vom Stielansatz aus). Wenn die Trauben aufplatzen (sich abdrücken bei zu kompakten Trauben, verletzt sind durch Sauerwurm/Vögel/Hagel, einfach die mürbe Haut aufplatzt wie dieses Jahr durch zu viel Regen / evtl. osmotischen Druck) bringen sie nichts, du hast sie ja nur auf der Schale und nicht im Fruchtfleisch.

    Das sagen selbst die Hersteller und empfehlen immer auch Laubarbeiten und Entblättern. Nachteil ist generell die teilweise Reifeverzögerung beim Einsatz.

    Dieses Jahr haben sie -denke ich- im schon was gebracht; ein Riesling zur Kontrolle ohne Abschluss-Botrytisbehandlung war eine schöne Beerenauslese mit geringsten Erträgen. Aber der Aufschub misst sich oft nur in Tagen.

    @Armin
    Generell tolerieren wir auch bei trockenen Riesling ca. 10 bis 20% saubere Botritis(Keine Drittfäule) reifer Trauben, die nicht zu alt ist. Im geringen Maße bringt das schon einen gewissen Schmelz und Reife auch in trockene Rieslinge.

    Bei Roten wirds Rosé oder ein kleiner Rotwein durch Erhitzen und Pressen.

    @Harald
    Wie siehts denn bei den ökologisch arbeitenden Kollegen aus, hat das Abhärten (Wasserglas etc) dieses Jahr was gebracht?

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  • amlinger

    Achja: Rückstandproblemematik der Botrydizide:

    Wartezeit des letzten Einsatzes vor der Ernte, “Switch” (Botrydizid)

    Weinrebe: 35 Tage
    Erdbeere: 7(!) Tage
    Gurke: 3(!) Tage

    Die Wartezeit ergibt sich nicht aufgrunde der Wirkung auf den Menschen (als Wirbeltier, du nimmst das Mittel durch Erdbeeren und Gurken eher auf als durch Weintrauben geschweige denn Wein), sondern aufgrund der viel höheren Wirkung auf die Hefebakterien während der Gärung.

    Im Übrigen werden organische Verbindungen wie Pflanzenschutzmittel bereits recht zuverlässig durch eine Kohleschönung im Most beseitigt; nach der Gärung und Filtration ist der Wein bis auf Spuren (man kann ja bis auf parts-per-billion messen und dann findet man alles) idR rückstandsfrei.

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