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Müller-Hohenstein und das böse Wort

Manche Dinge sind so vorhersehbar wie die Tatsache, dass der Boden nass wird, wenn es regnet. So geschehen gestern Abend im ZDF. Die Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (KMH) sprach in der Halbzeitpause mit Alt-Torwart und Neu-TV-Spaßbremse Oliver Kahn und benutzte eine Formulierung, die für viel Ärger sorgte.

Es ging um das Tor von Klose und dessen Erleichterung. KMH sprach von einem “inneren Reichsparteitag” für den in dieser Saison eher glücklosen Stürmer vom FC Bayern. Oha… dachte ich, das gibt Ärger. Und so war es dann auch… und wie. Im web 2.0 Zeitalter geht sowas rasend schnell. Via Twitter wurde diese Aussage annähernd wichtiger, als das Spiel selbst. Und auch der Boulevard zog so schnell es ging nach. Empörung, Entrüstung und Kopf schütteln allerorten…

Mal ehrlich: Alle mal einatmen und langsam wieder ausatmen… dann geht es auch wieder. Klar ist das ein eher unglückliches Wort. Ich benutze immer gerne die Formulierung “innerer Vorbeimarsch”. Sieht hat es halt gesagt, jeder wußte was gemeint war – zumindest diejenigen, die noch über einen Hauch von Allgemeinbildung verfügen – also wahrscheinlich eher die wenigsten… Daraus schon wieder eine Riesengeschichte zu konstruieren ist doch lächerlich. Das ist alles, aber kein Skandal. Ganz besonders lächerlich finde ich es, wenn einige in diesem Kontext auch noch Kloses polnischen Hintergrund anführen um der Sache noch mehr vermeintliches Gewicht zu verleihen. Das ist Fußball und kein Basisseminar in “politischer Korrektheit”. Fußball ist emotional, da sagt man so manche Dinge. Und mal so ganz nebenbei bemerkt, ist der Fußball voller “böser und kriegerischer Unwörter”. Hier mal einige Beispiele:

Tabellenführer, Spielführer, Abwehrbollwerk, Angriff, der Bomber, vernichtende Niederlage, Angriffswelle, Stürmer, das gegnerische Lager und was weiß ich noch alles…

16 Kommentare zu “Müller-Hohenstein und das böse Wort

  • Marcus Hofschuster

    Leider haben die meisten dieser Nurzugernempörten nicht verstanden, dass gerade Ironie, Satire und Parodie (und genau in diesem Sinne sollte man diese Redewendung betrachten) die besten Waffen gegen den rechtsradikalen Fanatismus sind (und gegen jeden anderen auch).

    Ich bin immer wieder erschrocken über derartige Reaktionen auf Knopfdruck, über deren Heftigkeit und die nackte Freude an der Empörung, über die selbstgerechte Zurschaustellung der eigenen politischen Korrekt- und Aufgeklärtheit sowie manchmal schon völlig blinden Verurteilungsgeilheit.

    Mancher mag die Redensart tatsächlich nicht kennen und ehrlich erschrocken sein, weil er sich des ironischen Grundtons nicht bewusst ist, und in sofern ist die Wortwahl einer breiten Öffentlichkeit gegenüber sicher nicht ganz glücklich. Aber bei vielen der Kommentare, die ich bis jetzt gelesen habe, frage ich mich, ob den Verfassern bewusst ist, dass sie sich selbst gefährlich nahe an die Grenzen einer Blockwartmentalität begeben, die eines der fuirchtbaren Markenzeichen der NS-Zeit war – und die leider längst nicht ausgestorben ist.

    Mehr Humor bitte!

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  • Eckhard Supp

    Immer wieder erstaunlich, wie viele wirkliche Fehlleistungen sich unsere Journalistenkollegen unkommentiert und unkritisiert erlauben dürfen, und dann wird aus so einem läppisch-dümmlichen Spruch ein Staatsakt gemacht … Finde Fehlleistungen wie die eines Athen-Korrespondenten viel schlimmer, der angesichts der Demos neulich davon sprach, dass die “südländische Körperhaltung” schon so viel Aggressivität ausdrücke. Da hat sich niemand drüber aufgeregt.

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  • mikki

    Wenn es sich denn um eine verbale Entgleisung des simplen Fussballfans in der kneipe an der Ecke oder im Stadion gehandelt hätte, so würde ich dir ja vielleicht noch zustimmen. Anders allerdings sieht es doch wohl bei Menschen aus deren Handwerkszeug eben nicht die Maurerkelle oder der Hammer sind, sondern DAS WORT !
    Will sagen: Wer sein Geld (und das gewisslich nicht grade wenig) damit verdient, Dinge in Worten auszudrücken, dem darf solch ein Lapsus nicht passieren. Oder im Umkehrschluss, wer solche Naziterminologie zu seinem Sprachgebrauch macht, der darf nicht öffentlich-rechtlich dafür bezahlt werden. Schon vergessen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender einen Teil ihrer Gebührenlegitimation daraus beziehen, dass sie auf ihren gesellschaftlichen Kultur-und Bildungsauftrag verweisen?
    Wobei die Sache nicht wesentlich weniger schlimm wäre, wenn einem Moderator eines Provatsenders solche verbale Entgleisung über den sender gegangen wäre.
    Noch eins: Kriegsvokabular und Nazi-Terminologien auf die gleiche Stufe zu stellen, finde ich schon reichlich verwegen und den Horror der gezielten Massenvernichtung verharmlosend.
    Vom Handwerker erwartet jeder, dass er es versteht mit seinem Werkzeug halbwegs fehlerfrei umzugehen. Sollte man wirklich beim Journalisten die Elle lockerer anlegen????
    sportlichen Gruß
    mikki

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    • Dirk Würtz Post author

      @mikki
      Natülich ist das ein Lapsus, keine Frage. Ob Gebühren finanziert oder nicht. Aber ich finde es ist kein wirklich unerhörter. Unerhörter ist beispielsweise das, was Eckhard Supp in seinem Kommentr hier anführt. Ich bleibe dabei, ich finde diese künstliche Aufregung nachgerade lächerlich. Was mich allerdings an Deinem Kommentar am meisten nachdenklich macht ist folgender Satz:”Kriegsvokabular und Nazi-Terminologien auf die gleiche Stufe zu stellen, finde ich schon reichlich verwegen und den Horror der gezielten Massenvernichtung verharmlosend.” Meinst Du das wirklich so? Wo verharmlose ich denn irgend etwas? Das wird mir fast übel. Genau solche Reaktionen sind es, die für die Nazis eine Steilvorlage sind! Wie kommst du denn auf solche abstrusen Gedanken???

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  • hans

    eine schöne fundamentalistische blüte:
    damals, 1954, kurz bevor herbert zimmermann das rahn tor in bern so bejubelte, hielt toni turek (bundesdeutscher torhüter) einen schuss der ungarn und der liebe herbert rief aus: “toni turek, fussballgott!!!”
    die heftige intervention der katholischen kirche erfolgte umgehend. er wurde zur belehrung und ermahnung vorgeladen (also nicht vor gott vorgeladen, sondern vor dessen stellvertretervertretern ….)
    prost
    hans

    ps 1. bin ich schon dafür, ein wenig auf die sprache aufzupassen, und den reichsparteitag durch vorbeimarsch zu ersetzen!
    2. ist kmh nicht unbedingt vorn auf meiner hitliste der kommentarorInnen

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  • Dennis

    Hier mal ein Auszug aus dem internationalen Pressespiegel zum Spiel:

    ITALIEN:
    La Stampa: “Zu viel Deutschland. Die Deutschen geben der WM den ersten Stoß. Sie beherrschen das Spiel, aber Australien hat sich auch eilig ergeben. Ein multiethnischer Panzer mit vortrefflichen Füßen.”

    FRANKREICH:
    Libération: “Joachim Löw hat die zahlreichen Verletzungen genutzt, um die Mannschaft zu verjüngen und das Spiel zu ändern, das als unbeweglich galt. Die Deutschen überrollen alle, mit Özil als Drehscheibe, der nach allen Seiten Raketen abschießt.”

    SÜDAFRIKA:
    The Star: “Deutscher Blitzkrieg versenkt die Socceroos.”

    GROßBRITANNIEN:
    The Sun: “Deutschland setzt die WM in Brand und erteilt eine richtige Fußball-Lektion…

    ARGENTINIEN:
    Clarín: “Deutschland liquidiert schwache Australier. Bei der WM lassen die Teutonen die Tarnung fallen und sind mit einem Spiel, das nicht unbedingt begeistert, aber sehr effektiv ist, plötzlich ein Kandidat für den Weltmeistertitel.”

    SERBIEN:
    Blic: “Panzer erniedrigen Australien – Deutsche Maschine.”
    Press: “Mächtige Panzer zeigen das bisher beste Spiel der WM.”

    Zusammengestellt von der dpa

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  • Felix

    Ah, ich verstehe, KMH hat eigentlich den Reichsparteitag verharmlost. Den mit einem Fußballtor gleichzusetzen … tz tz tz

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  • Dennis

    Sorry für die miese Formatierung meines letzten Beitrags, aber die Kommentarfunktion hier ist nicht sehr komfortabel. Vielleicht kann Dirk das ein wenig entzerren.

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  • Stefan

    Danke für den Beitrag Dirk! Wir Deutschen sind schon sehr verkrampft. Es war mit Sicherheit kein unerhörter Vorfall, eher ein kleiner Fauxpas. Da hat Karl Moik schon schlimmeres von sich gegeben in seiner Sendung ;-)
    @mikki finde ich etwas sehr übertrieben und es hat mit Sicherheit nichts mit Verharmlosung o. dgl. zu tun. Ich würde da auch gleich eine Petition starten wegen dem 1. Mai: http://de.wikipedia.org/wiki/Erster_Mai

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  • Alex Koch

    So wie manche allgemeinbildungslose oder kulturschwache Menschen sich über die g- und besprochene Formulierung aufregen, regt mich fast schon auf, dass das ZDF klein beigibt, sich entschuldigt usw. anstatt Rückgrat zu behalten und klarzustellen, dass der innere Reichsparteitag ausdrucksstark die böse Zeit vor ~70 Jahren parodiert und eine ironische, spritzige Wortwahl einem Beamtendeutsch vorzuziehen ist.

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  • Jens-Erik B.

    Das ist eben Deutschland. Ein falches Wort und du wirst dran aufgehängt. Ich habe mal im Chemieunterricht das Wort Endprodukt für eben selbiges verwendet und verbal derart auf den Sack bekommen. Weil: Das Wort sei ja viiiel zu nah am Wort “Endlösung”.

    Der Pressespiegel zeigt doch schön, wie die int. Presse unsere Fußballer sieht. Aber, wir sind ja die bösen. Wir dürfen nicht.

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  • Friedrich Bolle

    >
    „Ein innerer Reichsparteitag“ – das ist nicht Nazi-Sprache. Das ist vielmehr gerade die Persiflierung des bombastischen Nazi-Jargons, wie er im Dritten Reich gang und gäbe war.>

    Und hier noch Stefan Niggemeier:

    http://tinyurl.com/34ho758

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