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Bruce Jake über das Braai

Bruce Jake ist eine der Persönlichkeiten der südafrikanischen Weinindustrie. Lesen Sie, was er zum Thema Braai – Grillen” zu sagen hat. Eine Liebeserklärung der besonderen Art.

To Braai Or not to Braai?

In der Entwicklung der menschlichen Spezies hat das Grillen eine zentrale Rolle gespielt. Die ältesten archäologischen Hinweise fand man in den Sterkfontein Caves im Norden Südafrikas. Diese Höhlen sind etwa eine Million Jahre alt. Also haben die Südafrikaner demnach das Grillen erfunden.

Archäologische Funde belegen, dass alle kognitiven menschlichen Wesen aus dem Süden Afrikas stammen und erst vor 50.000 oder 60.000 Jahren gegen Norden gezogen sind. Damit verbindet uns alle diese ursprüngliche Tradition und die archaische Faszination des lodernden Feuers. So ist es für uns Südafrikaner auch stimmig, jedes Jahr im September den „National Braai Day“ zu feiern, dessen Schirmherr unser geschätzter Geistlicher und Nobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu ist. Denn eines ist gewiss: Die Kultur des Braai kennt bei uns keine Grenzen. Sie eint auch uns als Rainbow-Nation. Es ist eine Hommage an unseren Ursprung. Die Rezepte und die persönlichen Tipps sind deshalb so vielfältig wie die Kulturen, die Südafrika ihre Heimat nennen.

„Ein (un-)gewöhnlicher Samstag in Südafrika.
Wenn die Sonne immer früher über den Hottentots-Holland-Bergen aufgeht und sich die Wolken des Winters langsam verziehen, beginnt es tief in mir zu kribbeln – genau dort, wo mein Riechzentrum sitzt. Ich kann es nicht genau definieren, geschweige denn abschalten. Es nagt an mir. Es ist ein ständiges, untröstliches, uraltes Brummen.

Sind es vielleicht all die E-Mails, die ich am Freitag noch nicht beantwortet habe, oder die Analysen, die wir brauchen, um eine große Charge Kumala zu füllen? Es ist Sonntagmorgen, die Kinder wecken mich sanft, indem sie mir auf den Kopf springen. In mir nagt immer noch das Gefühl, etwas ganz Wichtiges tun zu müssen. Aber was ist es?

Mein Ältester schaut aus dem Fenster, den Berg hinauf in den klaren hellblauen Himmel. „Papa”, sagt er, hält inne und denkt nach. „Papa, das ist doch ein echter Braaitag”, kommt im ruhigem Ton.

Genau! Daher rühren also mein Kribbeln und mein inneres Brummen, die besänftigt werden wollen, denn seit unserem letzten Braai ist bereits allzu viel Zeit verstrichen.

Meine Gedanken schweifen ab: „Traditionen und Rituale sind für uns Menschen wichtig. Sie spenden Geborgenheit in einer unsicheren Welt. Sie sind elementare Schlüssel zu unserem gemeinsamen Ursprung und sie halten eine tiefe Verbundenheit lebendig. Diese Tiefe entstammt der Welt der Mythen und Helden. Einer der größten Verluste der modernen Gesellschaft ist, ihre Mythen nicht mehr zu pflegen. So wie wir Wasser und Nahrung brauchen, um den Körper am Leben zu erhalten, so brauchen wir positive Mythen und Traditionen. Sie sind die Kraft, die eine funktionierende, gleichberechtigte und nachhaltige Gesellschaft mit Visionen handeln lässt.

Südafrika ist die Wiege der Menschheit. Die phänomenalen archäologischen Ausgrabungen der Sterkfontein Caves im Norden des Landes erlauben einen tiefen Einblick in die menschliche Entwicklung als frühe Spezies. Die historischen Funde entlang der Küste am südlichen Kap belegen, dass hier der Ort war, an dem die Menschen anfingen zu denken.

Dabei spielte das Grillen eine wichtige Rolle. Unsere Vorfahren lernten, Werkzeuge und Waffen aus Stein herzustellen, indem sie Steine in die Grillglut warfen – dies gilt als der älteste Nachweis kognitiven Denkens. Angeblich weist er weiter zurück, als die 77.000 Jahre alten mathematischen Tonscheiben, die in der Blombos Cave (200 Meilen östlich von Kapstadt) gefunden wurden.

Südafrika ist für mich persönlich ein Wunder. Wir haben vier Nobelpreisträger. Wir sind Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2010™. Wir sind zweimaliger Rugby-Weltmeister. Wir sind die Wiege der menschlichen Zivilisation. Wenn es nach mir geht: Dies ist das gelobte Land. Aber am wichtigsten ist vielleicht, dass wir die wahren spirituellen Bewahrer der ältesten überlieferten Tradition der Menschheit sind: dem Grillen. Deshalb habe ich als südafrikanischer Winzer auch den Anspruch, dass meine Weine diesem kulinarischen Erbe gerecht werden.“

Schnell bin ich also am Telefon und rufe unsere Freunde an. Auch wenn sie bereits andere Verpflichtungen hatten, werden kurzum die Prioritäten neu sortiert. Natürlich bieten sich alle an, das notwendige „Braaizubehör“ mitzubringen. Achtung, es ist gefährlich, eine solche Großzügigkeit anzunehmen, da es leicht zu „Grillmissbrauch“ führen kann! Die tiefere Ursache dafür basiert auf dem unbewussten Irrglauben, dass Ihre Freunde besser grillen als Sie.

Ich mache also den Fehler, frisch gebackenes Brot anzunehmen, lehne aber mit einem skeptischen Lachen die Marinade einer Freundin ab – obwohl ich weiß, dass ihre Grillmarinade, nach dem Geheimrezept ihrer Großmutter, wirklich lecker ist. Dennoch: Ein Braai ist auch eine Frage der Ehre!

Schlaftrunken nehme ich dennoch den Bio-Rucolasalat eines anderen Freundes an. Auch fragt er sofort, ob er Fleisch von seiner Farm mitbringen könne. „Nein!“, entfährt es mir. Dabei ist es mir völlig egal, dass es sich um eine biodynamische freilaufende Königskreuzung aus Khoi San und Great-Karoo-Lamm handelt, die ihr Leben lang nur Heilkräuter gefressen hat. Ich beende das Gespräch mit dem Verweis auf den angeblich schwachen Mobilfunkempfang.

Als Cape Winemaker war es schon immer mein Bestreben, Weine zu erzeugen, die eine brillante Küche harmonisch begleiten. Mir ist es wichtig, dass ich meine Weine selbstbewusst zu jedem Essen servieren kann, egal, wie exklusiv oder exotisch die Stilrichtung ist und egal, wie weit weg ich von meiner Heimat bin oder in welchem Kulturkreis ich mich befinde. Aber eines ist mir auch klar: Ein Braai mit Freunden ist für meine Weine eine echte Bewährungsprobe.

Wir begrüßen unsere Freunde mit einem erfrischenden kühlen Glas Sauvignon Blanc. „Du hast zwar wenig Ahnung vom Braai”, witzelt jemand, „aber dein Sauvignon Blanc ist wirklich gut”. Beschwichtigend winke ich ab: „Danke – aber aus Trauben, die in Elim gewachsen sind, einen guten Sauvignon zu machen, ist ein Leichtes“.

Rasch vermehrt sich die Kinderschar in unserem Garten. Sie suchen eifrig alte Zeitungen und Weinstöcke, um ihr eigenes Braai zu machen. Wenn ein Sechsjähriger in meinem Haus nicht in der Lage ist, seinen eigenen Braai zu bauen und ein Filet vom Kaplachs zuzubereiten, darf er auch keine Marshmallows am Stock rösten.

Schon bei der Begrüßung wird über mein Braai diskutiert. So wird bemängelt, ich hätte die Zeitung zu fest gerollt, als dass sie effektiv verbrennen könnte. Meine Soßen werden nahezu argwöhnisch beschnuppert. Das Kudu-Filet wird kritisch angestupst, als ob man so herausfinden könnte, wie das Tier erschossen wurde. Mit einer tiefen Verneigung vor unseren Urahnen schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel. Konzentriert schichte ich auf meine Weise die alten Weinstöcke und das Black-Wattle-Hartholz über die Zeitung. Dann wird ein Streichholz entzündet, die Flammen lodern – mein Brummen ist befriedet. Der Tag beginnt.

Der Duft des Braaivleis und die herzhaften Beilagen fordern unsere Rotweine auf, die Bühne zu betreten. Der Dragon Tree wird geöffnet und wieder werde ich mit charmanten Komplimenten beglückt. Ach, wie viel besser ich doch als Cape Wine Master denn als Braaimaster sei. So einfach ist es also.

– Bruce Jack, Constellation South Africa -

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