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Fälscher, Graveure, Experten und die Angst

Wie wir gestern berichteten,  hat die Auseinandersetzung um die weltberühmten Jefferson Flaschen eine neue Dimension erreicht.

Bill Koch hat Christie´s, eines der renommiertesten Auktionshäuser der Welt, verklagt. Insgesamt bietet er zehn Zeugen auf, die beweisen sollen, dass nicht nur die Jefferson Flaschen, sondern auch viele andere alte wertvolle Weinflaschen gefälscht seien. Drei(!) Zeugen, die nun final bezeugen sollen, dass die Jefferson Flaschen manipuliert wurden, sollen Graveure aus Deutschland sein.

Die Graveure

Bisher war in allen Publikationen immer nur von zwei Graveuren zu lesen. Macht man sich aber einmal die Mühe, den „Courthouse News Service“ zu lesen, so stellt man schnell fest, dass es sich um drei Graveure handeln soll. Im Originaltext liest sich das wie folgt: „Three glass engravers and polishers who were living in a small German town with Rodenstock in the 1980s say they were hired to engrave old decanters with the coat of arms for several chateaus, according to the complaint.”

Festzustellen ist, dass hier von “Decantern” mit Wappen und nicht von „Flaschen“ mit einer “Th.J” Gravur gesprochen wird. Was denn nun? Das Ganze wird allmählich doch sehr verwirrend. Zu verwirrend, um ehrlich zu sein. Wir haben Hardy Rodenstock nach diesen Karaffen gefragt:

Hardy Rodenstock: Ich habe tatsächlich mal vor vielen, vielen Jahren Karaffen gravieren lassen. Ich hatte die Idee, dass man auf Karaffen die Etiketten von Châteaus, oder die Châteaus selbst, wie sie auf den Etiketten abgebildet sind, gravieren sollte. Dann muß man die Karaffe nicht mit einem Zettel bekleben, um zu wissen, welcher Wein sich darin befindet. Mövenpick fand meine Idee damals sensationell. Man nahm die Karaffen im Katalog auf und übernahm den Vertrieb. Das lief ganz gut, bis mir einige Châteaus verboten, auf die Karaffen ihr Etikett, das Château oder den Namen des Châteaus gravieren zu lassen.

Ein Krimi und die Experten

Die ganze Geschichte entwickelt sich mehr und mehr zu einem Krimi. Ich beschäftige mich jetzt schon so lange mit diesem Thema, dass es gar nicht so einfach ist, überhaupt noch den Überblick zu bewahren. Ich frage mich permanent, was wohl hinter all diesen Sachen steckt. Teure und berühmte Weine werden gefälscht. Das ist klar und völlig unstrittig. Hier geht es schließlich um ein Multimillionengeschäft. Manche der Vorwürfe sind so absurd, dass ich mir immer wieder sage: „So blöd kann doch keiner sein!“ Ich gebe zu, ich habe eine gewisse Manie an mir entdeckt, was dieses Thema betrifft. Ich will einfach wissen, was hinter all diesen Anschuldigungen steckt. Manche Dinge verstehe ich kaum, manchmal glaube ich, einen Erleuchtung zu haben. Da gibt es beispielsweise so eine Auffälligkeit:

In der Regel heißt es fast immer: Rodenstock verkauft an Christie´s und Christie´s verkauft weiter. Dann kommt grundsätzlich Sotheby´s und sagt: „STOP! Die Flaschen sind falsch“. Wenn man die ganzen Vorgänge aufmerksam verfolgt, dann ist das fast immer so. Bill Koch hat einen engen Bezug zu Sotheby´s und Rodenstock zu Christie´s. Das sind weltweit die beiden größten Anbieter für derartige Weine und sie sind nicht gerade freundschaftlich verbunden. Da entlässt mal der eine einen Mitarbeiter, der dann beim anderen wieder unterkommt und „schwuppdiwupp“ gibt es einen Kronzeugen. Ich kann das natürlich nicht beweisen, aber ich finde das ist ein interessanter Gedanke. Zumal Sotheby´s keine Möglichkeit auslässt zu betonen, dass Sie so gut wie nie irgendwelchen Fälschern auf den Leim gegangen sind. Hier ist ein interessantes aber langes Video mit David Molyneux-Berry, dem ehemaligen Sotheby´s Weinchef.

Das auch Sotheby´s nicht unfehlbar ist, ist übrigens ganz einfach nachzulesen. Wenn man will! Um die Jahrtausendwende tauchten wie aus dem Nichts auf einmal mehrere hundert Flaschen 1900 Lafite und 1900 Margaux auf. Angeboten wurden sie von einem Belgier algerischer Abstammung. Einige der Flaschen wurden von Sotheby´s für echt befunden und in die Auktion genommen. Natürlich waren sie nicht echt. Der belgische Händler wurde später rechtskräftig zu einer Freiheits- und Geldstrafe verurteilt. Warum ich das erwähne? Ganz einfach, es zeigt wie schwierig es manchmal ist, auch für ausgewiesene Experten, eine echte von einer falschen Flasche zu unterscheiden.

Es langt

Für mich zählt mittlerweile nur eines: Das Ganze muss ein Ende haben! Ich möchte ruhigen Gewissens eine Flasche 1961 Petrus trinken können – falls sie mir mal einer spendieren sollte ;-) -  ohne das Gefühl zu haben, an der Echtheit zweifeln zu müssen. Ich möchte, dass alle Raritätenhändler dieser Welt, die auf ehrliche Art und Weise ihr Geld verdienen, nicht permanent unter dem Generalverdacht der Fälscherei stehen. Und ich möchte, dass alle Sammler und Weinliebhaber auf diesem Planeten nicht irgendwann vor den jämmerlichen Resten ihrer heißgeliebten Passion stehen.

Noch eine letzte launige Randbemerkung… Mich beschleicht das Gefühl, dass in dieser Geschichte noch lange nicht das letzte Wort gesprochen und geschrieben ist

2 Kommentare zu “Fälscher, Graveure, Experten und die Angst

  • Gerrit

    “Money makes the world go round” … ich befürchte, lieber Dirk, Deine Wünsche werden nie in Erfüllung gehen. Überall wo sich viel Geld verdienen läßt, werden Menschen aktiv sein, die das gleiche Geld verdienen wollen, nur leider nicht über die Resourcen – in diesem Falle die Weinraritäten – verfügen. Und selbst wenn diese Menschen mal nicht aktiv sind, dann gibt es doch wiederum andere Menschen, die behaupten werden, dass diese existieren, um ihren eigenen Einsatz innerhalb dieses Geschäftes relativ zu den anderen zu erhöhen.

    Ich habe mir abgeschminkt, diese Wünsche zu verfolgen. Ich interessiere mich nicht mehr für die großen Namen dieser Welt. Ich bin mittlerweile so mißtrauisch geworden, dass ich kaum einem dieser Namen mehr traue – der Generalverdacht, den Du benennst, habe ich schon länger im Hinterkopf. Traurig.

    Aber ein gutes hat das Ganze. Man muss gar nicht auf diese großen Namen schauen. Bildlich gesprochen: es gibt großartige “Basisrieslinge” mit wunderbarer Qualität. An die halte ich mich lieber, da sie manchmal deutlich ehrlicher sind.

    Andererseits … was wäre die Welt ohne große Namen.

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  • hans

    für mich sind verkäufer, auktionshaus und käufer echt verrückt! vermutlich hat der käufer/die käuferin auch mal so einen wein ausgetrunken. vermutlich würde er/sie bei dem preis immer (ich betone IMMER) als ‘wundertrank’ einstufen … aber niemandem ein tröpfchen abgeben. ein absurdes theater für mich!
    prost hans

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