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Schwule Fußballer

Seit ich ein kleiner Junge bin, ist mein Lieblingssport der Fußball. Ich habe selbst alle Altersklassen durchgespielt und auch im jetzigen hohen Alter kann ich an keinem Ball vorbei, ohne dagegen zu treten. Und natürlich bin ich ein jemand, für den der samstägliche Spieltag des heiligen SV Werder Bremen Pflicht ist, ebenso wie die Spiele der Nationalmannschaft. Aber in letzter Zeit werde ich immer nachdenklicher.

Zum Nachdenken bringen mich jetzt nicht irgendwelche Wettbetrüger oder FIFA Präsidenten, die mich an berühmte Filmfiguren erinnern. Ich meine auch nicht den DFB und dessen Vorsitzenden, die den größten Sportverband der Welt nach eigenen Regeln lenken. Ich meine etwas anderes. Fußball findet in einer anderen Dimension statt, in einer Art Parallelwelt, in der es keine Makel, Unzulänglichkeiten, Fehler und Menschen geben darf.

Mein Opa war Oberliga Spieler. Und zwar ein richtig Guter in Ludwigshafen. Gerne wird in unserer Familie die Geschichte vom Angebot eines englischen Profiklubs erzählt, das mein Opa damals bekommen hatte. Er hat es nicht angenommen. Warum, das würde hier den Rahmen sprengen. Für meinen Opa war Fußball ein Sport, eine Lebenseinstellung, quasi alles. Heute ist Fußball in erster Linie ein Geschäft. Profis sind moderne Gladiatoren, die funktionieren müssen wie Maschinen. Sobald es menschelt ist Schluß. Siehe Deißler, siehe Enke.

Fußball ist Integration

Fußball ist ein Sport ohne Schranken und Grenzen. Allem Anschein nach. Es ist völlig egal, ob Du schwarz, gelb oder weiß bist. Katholisch, muslimisch oder was auch immer. Hauptsache Du triffst den Ball und zwar so, dass der Gegner ihn  nicht bekommt. Im Fußball muss man keine Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen, man muss nur gewinnen. Einfacher geht es kaum. Fußball ist pure Emotion und doch wird es ganz kompliziert, wenn es um die Menschen geht. Insbesondere dann, wenn sie dem Bild der funktionierenden Gladiatoren nicht entsprechen.

Du darfst alles sein, nur nicht schwul, zumindest nicht im Fußball

Warum ich so aushole? Was ich eigentlich sagen will? Ganz einfach: Es gibt ein Tabuthema im Fußball und das heißt “Homosexualität”. Ein Fußballer darf alles sein, nur um Gottes Willen nicht schwul! Man stelle sich vor, was im Stadion passiert, wenn sich einer outen würde. So tief kann das Loch gar nicht sein, um sich gründlich zu verstecken. Warum eigentlich? Was wäre denn so schlimm an einem schwulen Fußballprofi? Wir haben schwule Ministerpräsidenten, einen schwulen Außenminister, schwule Wirtschaftsbosse. Schwule sind überall an Schlüsselpositionen und machen ihren Job genauso gut wie Heten. Warum auch nicht?!

Es wird ja immer mal wieder gemunkelt und gemutmaßt, wer unserer Helden schwul sein könnte. Jetzt haben wir auf einmal bei den Schiris so einen Fall. “Sind sie bisexuell?”, fragte Kerner Herrn Amerell diese Woche in seiner Sendung auf SAT 1. Antwort: “Das könnte man so ausdrücken…” Aha, das könnte man so ausdrücken… Was ein Blödsinn. Noch abstruser war das Interview mit dem jungen DFB Schiedsrichter Kempter auf DSF. Da wurde er gefragt: “Sind Sie homosexuell, sind Sie bisexuell, sind Sie heterosexuell?” Seine Antwort war, er sei heterosexuell. Da mußte ich mal lachen und zwar ganz gewaltig. Das war meine persönliche und subjektive Reaktion und keine “Vorverurteilung”.

Steht zu Euch und Eurer Sexualität!

In dieser ganzen “Affäre” Amerell-Kempter geht es in der öffentlichen Auseinandersetzungen um angebliche sexuelle Belästigungen, quasi das erzwungene Hochschlafen eines Schiris. Kinders, das ist doch Blödsinn. Sagt doch einfach was Sache ist. “Ja, ich bin schwul und wir hatten eine Beziehung. Jetzt ist sie zu Ende und ich komme damit nicht klar”. Oder was auch immer… Wo ist das Problem? Macht das doch offen und ehrlich, vielleicht trauen sich dann auch andere, Eurem Beispiel zu folgen und zu ihrer Sexualität zu stehen.

Mal ehrlich: Wer Fußball spielt hat doch kein Gen, dass ihn automatisch zum Hetero macht, oder habe ich da was verpasst? Die Wahrscheinlichkeit, dass es schwule Fußballer gibt, ist doch nicht gleich Null! Ein wenig mehr Toleranz bitte. Aber die hört beim Fußball wohl auf. Ich gebe zu, auch ich habe früher im Stadion die dementsprechenden Flüche und Gesänge losgelassen. Die wären auch heute zu erwarten, würde sich einer outen. Aber die werden sicherlich auch irgendwann wieder aufhören…

17 Kommentare zu “Schwule Fußballer

  • Eckhard Supp

    Wundern müssen uns solche Tabus doch nun wirklich nicht, wenn noch immer ein Papst nach dem anderen, ohne Massenaustritte aus seinem Verein fürchten zu müssen, Homosexualität als un- oder widernatürlich stigmatisieren kann. Wenn derselbe Verein sie aber gleichzeitig durch seine “Mauer des Schweigens” und sein abartiges Zwangszölibat fördert.

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    • Dirk Würtz Post author

      @ Eckhard Supp

      Der Querverweis zur katholischen Kirche, meiner Kirche, hat zwar mit meinem Thema hier eigentlich nichts zu tun, aber der DFB benimmt sich doch schon ähnlich…

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  • DennyRamone

    Gutes Thema. Schwieriges Thema, leider. Das Problem hierbei ist tatsächlich unsere “Fankultur” in den Stadien. Fussball ist für den Fan in der Kurve immer noch “Krieg”, und im Krieg wird mit allen Mitteln gekämpft. Früher gab es schöne Fangesänge, unterstützend für die eigene Mannschaft. Wenn ich heute dieses “A***loch, Wi***er, H****bock!” höre, dann wird mir jedesmal schlecht. Ich schweife ab, nein, tu ich nicht. Schwule Fussballer würden die Hölle im Stadium erleben. Wie Dirk sagt aber auch nur am Anfang die Hölle. Sicherlich würde es immer Anfeindungen geben.
    Aber die wären nicht “schlimmer” als die, die es jetzt schon gibt. Spieler, Funktionäre und Medien sollten mal einen Runden Tisch bilden und dieses Thema vorantreiben. Scheinbar geht das nicht anders. Besser wäre es, es würden sich Spieler nach und nach selbst outen.
    Das ist aber nur die eine Seite. Ein schwuler Fussballer hat aber vielleicht nicht nur Angst vor den Fans, ich denke die größere Angst haben sie vor ihren eigenen Kollegen. Mit Anfeindungen im STadium können Fussballer weitestgehend umgehen. Dahin werden sie nämlich auch ein STück weit erzogen. Aber wie sich die Kollegen dann hinterm Rücken über einen unterhalten, das ist die andere und wahrscheinlich viel schwierigere Geschichte und wohl auch die größere Hürde.
    Es hilft also alles nichts, der DFB, zusammen mit den Medien, muss die Fussballgesellschaft für dieses Thema sensibilisieren. Offen ansprechen, in die Offensive gehen muss die Maßnahme sein und nicht die Tabuisierung.

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  • Eckhard Supp

    DFB – katholische Kirche – Homosexualität: Ich denke schon, dass das alles etwas miteinander zu tun hat. Beides sind “Massenvereine”, die das allgemeine gesellschaftliche Klima entscheidend (mit)prägen, und sie prägen es leider beide in Richtung wieder wachsender Intoleranz!

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    • Dirk Würtz Post author

      @ Eckard Supp
      Einverstanden. So kann man es sicher sehen. Für mich ist der Unterschied der, dass ich in meinem “katholischen Alltag” gegen Intoleranz angehen kann. ein wenig zumindest…

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  • Marco Rosso

    Super Beitrag! Der müsste in der großen Tagespresse abgedruckt
    werden und danach sollte man das Thema schnell beerdigen.

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    • Dirk Würtz Post author

      @Marco Rosso

      Ich habe mal im Netz nach Artikeln zu dem Thema gesucht. Ich habe einen gefunden über einen ehemaligen Zweitliga Profi, der sich geoutet hat, über einen in England und einen in Island. Der Artikel über den Deutschen ist echt gut. Ich stelle ihn morgen mal hier rein.
      Ansonsten gibt es einige größere und kleinere Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen. Sehr gute übrigens. Aber ich glaube, dass ist wirklich alles in allem ein ganz großes Tabuthema.

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  • Galle

    Es ist der verkrampfter Umgang mir unserer Homophobie. “Schwule sind Okay, aber wehe es ist in der eigenen Familie” Und der Fußball ist unsere Familie. Da macht Mann so was nicht. Woher nehmen wir die Arroganz festzulegen wie ein guter Schiri oder Spieler zu ticken hat. Die haben die 90 Minuten auf dem Platz aus dem Arsch zu kommen und einen guten Job zu machen. Und der Rest geht mich verdammt noch mal nichts an. Aber in die Psychologie des “Fan-Seins” und seiner intensiven Identifizierung mit seinem Idol passt das wohl nicht.
    Der Ruf nach mehr Toleranz ist das was auch ich einfordere. Leben und Leben lassen im wörtlichen Sinne würde uns immer häufiger ganz gut stehen, auf beiden Seiten. Ich finde es wichtig und richtig, dass die Schwulen und Lesbenszene an die Öffentlichkeit tritt und ihren „verruchten“ Touch endlich los wird, aber brauche ich deshalb 2x die Woche ein exklusiv gesendetes Outcomming. Nein. Leben und Leben lassen.

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  • Michael Rosenthal

    Fussballer mit ihrem jungen Alter von ca. 20-30 Jahren sollen (betrachten wir diejenigen, die im Rampenlicht stehen) als Vorbild dienen und die meisten Fans können sich deswegen mit dem Vorbild eines schwulen Fussballers nicht anfreunden.

    “Hey mein Sohn, spiel mal wie der XY” – geht nicht, denn der spielt ja schwul.

    Hier handelt es sich im wesentlichen um ein Männerproblem, welches bereits in der Erziehung ansetzt.
    Die beginnende Toleranz heißt dann “Schwule okay, aber nicht in meiner Stammkneipe (meinem Verein)”.

    Es sind leider noch immer die Ängste der Männer, die Vorurteile und Schmähungen fördern. Und im Sport gibt es keine Berührungsängste wenn ein Sieg gefeiert wird, es sei denn…

    In der Politik haben wir es endlich geschafft Menschen zu akzeptieren, die trotz ihrer Homosexualität in Spitzenpositionen stehen. Was zählt ist Können, Leistung und Sympathie/Empathie.

    Dort wo gröhlend gegen Schwule und Farbige agiert wird – wir alle kennen die rechten Tendenzen vieler Fanclubs – wird es auch in absehbarer Zukunft keine Toleranz geben. Wenn dann ein 28-jähriger Schiedsrichter sagt, er wäre heterosexuell wundert mich das nicht.

    Kommen wir wieder zum Thema Erziehung zur Toleranz und somit auch zu “Wortverboten”. Mein Sohn wurde so erzogen, dass Worte wie “schwul”, “Spasti” oder “Penner” nicht beleidigend verwendet werden – weil er die Zusammenhänge erklärt bekommen hat. Leider aber ist Toleranz nicht immer eine Bildungsfrage, sondern auch häufig geprägt von konservativen Kreisen.

    Wenn der erste schwule Fussballer Werbung für Ritex macht ist das Eis gebrochen und er würde zur Ikone des Christopher Street day werden. Davon sind wir noch weit entfernt und “Dieser Weg wird kein leichter sein.”

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  • Dr.Christian S.

    Also ich möchte nur gute Fußballer sehen die sich für ihre Mannschaft den Arsch aufreissen. Ansonsten reicht mir die Statistik um zu wissen daß da natürlich auch schwule am kicken sind.

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  • DennyRamone

    Das DSF hat einen Grimme Preis bekommen für die Reportage TABUBRUCH.
    Inhalt

    Plötzlich wird darüber diskutiert. Dabei kann es schon rein statistisch gesehen nicht sein, dass unter so vielen Männern im Fußball nicht ein einziger Schwuler auf dem Platz steht. Mit der Dokumentation „Das große Tabu“ hat das DSF eine Diskussion angestoßen, die nun in der Fortsetzung begleitet wird. Die Vorurteile und Ängste, die unter Fans wie Vereinen allgegenwärtig sind, versucht der DFB unter seinem Präsidenten Theo Zwanziger aufzubrechen: „Ein Sport, der so nah bei den Menschen ist, muss eine gesellschaftliche und politische Rolle spielen!“ Die Schirmherrschaft beim Christopher Street Day, ein Forum für den Toleranzgedanken bei einem Länderspiel und die Unterstützung von Spielern wie Philipp Lahm und Tanja Walter-Ahrens, die sich gegen Homophobie stark machen – der „neue Weg der Homosexualität im Fußball“ ist dennoch ein weiter Weg, wie Interviews zeigen. Viele Fans würden schwule Spieler nicht akzeptieren, und auch zahlreiche Bundesliga-Profis halten homosexuelle Mitspieler für undenkbar oder sehen ein mögliches Outing zumindest als problematisch an. Dennoch gibt es Netzwerke schwuler Fußball-Profis, die unter ihrem erzwungenen Versteckspiel leiden. Da gehe es nicht nur um die Akzeptanz in der Öffentlichkeit, erläutert Sportpsychologe Martin Schweer, sondern auch um das persönliche Umfeld, das sie sich etwa mit einer Familie geschaffen haben.

    http://www.grimme-institut.de/html/index.php?id=1025#c6729

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