Alles über Wein und den Rest der Welt…

Der “Jungweinwahn” – Teil 2

Vor genau einer Woche habe ich auf facebook und auch hier im Blog meinen Unmut kund getan, was die Hatz nach jungen unfertigen Weinen anbelangt. Das hat zu unglaublich vielen Kommentaren auf facebook und auch hier im Blog geführt. Mittlerweile haben auch die Bloggerkollegen Capt´n Cork und Fiedler das Thema aufgenommen. Es ist nun an der Zeit, noch einmal etwas ganz Grundsätzliches zu dem Thema zu sagen, denn einiges in der Debatte läuft in eine falsche Richtung.Foto (14)

Unmündige Konsumenten?

Eines vorweg: Hier geht es nicht darum, Konsumenten zu bevormunden, nach dem Motto: “Ihr habt alle keine Ahnung”. Im Gegenteil, es geht um Aufklärung und die Möglichkeit, einen Zustand der freien Wahl zu schaffen. Wenn die meisten nicht wissen, wie ein “gereifter” Wein schmeckt, weil sie schlicht und einfach niemals die Geglegenheit hatten, einen zu probieren, dann werden sie logischerweise auch nicht danach verlangen.

Im Übrigen geht es auch nicht um Weine, die zehn oder mehr Jahre alt sind. Es ging um die Frage, wann bringt man beispielsweise einen “nullneuner” auf den Markt, der eben nicht zum Basissegment, sondern zum Premiumsegment gehört. Das war der Kern meiner Beiträge. Wie ein Kommentator richtig bemerkte, haben das die VDP Weingüter für sich ja schon im Ansatz gut geregelt. Innerhalb des VDP gibt es dann noch mal einige, die sich eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt haben, und manche Große Gewächse noch später als zum vom VDP vorgeschriebenen Termin vermarkten. Auch das ist klasse. Aber es gibt auch ein Leben außerhalb des VDP und außerhalb von sogenannten Großen Gewächsen. So oder so gibt es genug “Große Gewächse”, die schon im Vorfeld durch die Weltgeschichte reisen, unter dem Tisch präsentiert werden und den “vermeintlichen Meinungsmachern” gezeigt werden. Wenn man derartiges wagt zu kritisieren, wird einem komischerweise immer gleich unterstellt man sei neidisch, da man ja nicht zum VDP gehöre und die dementsprechenden Absatz- und Multiplikationskanäle fehlen.

Bevormundung und eigener Geschmack

Die Bevormundung hat in den vergangenen Jahren genau andersherum stattgefunden. Da wurde überall suggeriert, dass das Zeugs jung getrunken gehört. Das ist ja auch völlig in Ordnung für bestimmte Weine. Dem habe ich und werde ich niemals widersprechen. Ich selbst trinke für mein Leben gerne ganz frischen, jungen Sauvignon Blanc aus Südafrika. Je frischer, je besser. Weine, die vom Anspruch und Preis Lichtjahre von “Großen Gewächsen” entfernt sind. Da geht es nur um den Geschmack und nicht um die besondere degustatorische Intelligenz. Ganz viele solcher Weine haben gar nicht die Möglichkeit zu reifen, die sind tot bevor sie reif sind.

Einer der Kommentatren sagte: “Junge Rieslinge haben ihren Charme”, ich glaube der Markus Vahlefeld war das. Das stimmt, den haben sie und den sollen sie auch behalten. “Trinkreife” haben diesen Charme aber auch, wenn man ihnen die Chance und die Zeit gibt.

Mein Fazit

Jeder soll das trinken, was ihm schmeckt. Egal wie und wann und wo. Allerdings sollte jeder die Möglichkeit bekommen objektiv auswählen zu können, sich seinen Geschmack zu bilden. Das ist, meiner Meinung nach, sehr schwierig geworden. Ich habe das Gefühl, dass es an der Zeit ist, so etwas wie “Slow Wine” ins Leben zu rufen. Noch einmal, ich rede hier von Weinen aus einem bestimmten Segment, mit einem bestimmten Anspruch uswuswuswusw. Und es geht auch nicht darum was mir schmeckt, sondern darum, was meinen Sympathisanten schmeckt. Aus diesem Grund lasse ich die auch immer und immer wieder probieren…

9 Kommentare zu “Der “Jungweinwahn” – Teil 2

  • Friedrich Bolle

    Und es geht auch nicht darum was mir schmeckt, sondern darum was meinen Sympathisanten schmeckt.

    leichte Abwandlung einer alten chinesischen Weisheit:

    Der Köder muß dem Fisch schmecken und nicht dem Angler :-)

    Reply
  • Wein aus Spanien

    Der Argumentation von Dirk folgend kann ich noch folgendes anfügen: Ein in meinen Augen wichtiger Punkt liegt in der teilweise zunehmenden Industriealisierung vieler Weinbaubetriebe weltweit. Solche Tendenzen kenne ich z. B. sehr gut aus Spanien. Der damit verbundene Druck auf die freien Weinbauern wächst ständig und wird durch ebenfalls zunehmenden Lobbyismus innerhalb der EU noch weiter wachsen. Wie das diesbezüglich in außereuropäischen Weinbaugebieten aussieht, kann ich nicht so gut beurteilen, da wir uns ausschließlich mit spanischem Wein beschäftigen. Jedoch sind uns teilweise auch von dortigen Gebieten gleiche oder ähnliche Tendenzen bekannt geworden. Natürlich soll Jungwein Jungwein bleiben und als solcher auch vermarktet werden. Jedoch sollte dabei der langjährigen Erfahrung der Weinbauer Rechnung getragen werden. Ein Verkäufer oder Marketing Manager bzw. Kreditgeber ist halt kein Önologe. Der Weinmacher sollte entscheiden, wann es Zeit ist für die Vermarktung und sonst niemand. Es geht wirklich nicht um die Bevormundung des Konsumenten, der ja in letzter Konsequenz auch durch seinen Einkauf auf die Erfahrung des Önologen vertraut.

    Reply
  • Gerrit

    Diesem Beitrag kann ich nur voll und ganz zustimmen, Dirk. “Gutes braucht Zeit.”

    Und wo wir schon beim Thema Aufklärung sind … gestern stand eine Dame in unserem Laden und hat einen Wein zum Verschenken gesucht. Auf die Frage, ob es denn gerne ein deutscher Wein sein darf, bekam ich die Antwort: “Nein, lieber nicht, deutsche Weine sind ja generell nicht so gut.” Bei dieser Dame würde sich Aufklärung auch gut tun, vielleicht hat sie ja auch einige zu junge erwischt …

    Reply
  • Marco Rosso

    Dirk,ganz deiner Meinung.Zwar muss(kann)nicht jeder Wein reifen,aber
    viele Weine schmecken gereift einfach besser.Ein Beispiel ist dein
    Würtz-Maas Riesling 2001.

    Reply
  • Heike

    Hej aus Schweden! Habe zwar bereits bei CC zum Thema gepostet, kann es aber nicht sein lassen… Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung, kann ich nur sagen. Der (durchschnittliche) Konsument weiss nicht, was gut ist, weil er sich nicht ausgiebig mit Wein befasst – ihn aber dennoch (Gott sei es gedankt) gerne trinkt. Wenn jeder Weinproduzent seine eigene Empfehlung zum Wein mit auf den Weg gibt, z.B. in Form einer einfachen Flaschenbeschriftung ‘dieser Wein schmeckt schon heute, wird seinen Höhepunkt ca xx erreichen und kann auch danach noch genossen werden’. Dann versteht der Nicht-Profi, was er machen kann und wird sich selbst entscheiden. Danach kann er auch beurteilen, ob er den Wein mochte, UND wird im besten Fall den Unterschied der diversen Reifegrade entdecken. (Hallelujah!) Bei den unzähligen Varianten von Rebsorten, Weinstilen, Jahrgängen – hallo?! WER soll da durchblicken…? Ich habe selbst die Sommelierausbildung in Schwedisch und Englisch hinter mir und habe ehrlich gesagt als Pfälzerin Schwierigkeiten abzusehen, wie lange ich den Spätburgunder von XY liegen lassen kann.
    Natürlich geht der Druck von der Industrialisierung aus, aber dennoch kann sich auch der ‘kleinere’ Produzent seinen eigenen Freiraum schaffen – wenn er dann auch damit leben kann, dass so mancher Wein vielleicht nicht gleich gekauft wird?
    Hejdå,
    Heike
    vinumdiligo.blogspot.com

    Reply
  • Pingback: weinhof KOBLER weblog » Schluss mit dem Jugendwahn — Basta con l’ossessione della giovinezza

  • Marc Herold

    Bei der Jungweinwahn-Diskussion handelt es sich mal wieder um eine typische “Gespensterdebatte”. Welche Nicht-VDP-Güter werden den von den bösen Kunden gezwungen ihre besten trockenen Weine zu früh auf den Markt zu werfen? Gibt es da konkrete Beispiele?
    Ist es nicht viel eher so, dass diese (eher kleinen Nicht-VDP) Winzer drauf angewiesen sind, den Wein so früh wie möglich zu verkaufen, weil sie es sich finanziell gar nicht leisten könnten, den Wein noch ein halbes Jahr zurückzuhalten?

    Reply
    • Dirk Würtz Post author

      @Marc Herold
      Ich glaube nicht, dass es sich hier um eine Gespensterdebatte handelt. Im Gegenteil! Ich glaube auch nicht, dass es hier um “VDP” oder “NichtVDP” geht. Wi kommen Sie denn darauf? Das würde mich wirklich genauer interssieren. Im Übrigen gibt es massenhaft konkrete Beispiele, insbesonder bei “Nicht-VDPlern”.
      Also, wenn möglich, obige Ausführungen mal ein wenig konkretisieren.

      Reply
  • Marc Herold

    Die Unterscheidung VDP / Nicht VDP wurde gewählt weil, wie im Ausgangsartikel richtig bemerkt, die “Großen/ersten Gewächse” eh’ erst im September präsentiert werden können.
    Also bleiben für den Jungweinwahn ja nur die trockenen Spitzenweine der nicht-VDPler übrig. Und da sehe ich einfach nicht die Massen an Weinen, die durch die Kunden/Nachfrage/Journalisten zu früh in die Flasche kommen.

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>