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Enke und kein Ende – von Dr. Motz

Das tragische Ende des Robert Enke bedarf fraglos einer gründlichen Aufarbeitung. Auch wenn bei einem Selbstmord gern von „Freitod“ gesprochen wird, der Nationaltorhüter ist keineswegs „freiwillig“ aus dem Leben geschieden. Er hat vielmehr dem Druck nicht mehr standgehalten, der seit Jahren auf ihm lastete. Die Angst, seine Krankheit könnte nicht in jenes Bild passen, das sich die Öffentlichkeit von ihm machte, war einfach zu groß geworden. „Robert Riese“, wie sie ihn in Hannover nannten – ein von Selbstzweifeln zerfressener Mensch, der unserer Nationalmannschaft den nötigen Rückhalt geben sollte?
Kaum anzunehmen, dass all die, die ihm jetzt die letzte Ehre erweisen, auch im richtigen Leben noch hinter ihm gestanden hätten. Was hätte wohl Herr Pocher, der sich jetzt als Edel-Fan Enkes outete, dazu gesagt? Hier wären ein paar Selbstzweifel durchaus angebracht! Und auch die Offenbarung von Herrn Daum, der angeblich als einziger von Allem wusste, braucht niemand. Ich frage mich gerade, warum sich Enke auf der Suche nach einem Therapie-Spezialisten gerade an ihn gewendet haben könnte…

Nein, die Aufarbeitung hatte ich mir anders vorgestellt. Ist es wirklich angebracht, die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes gleich in den Heldenstand zu rücken, nur weil diese etwas ganz  Selbstverständliches taten und nach längerem Überlegen ein Testspiel absagten, das eh niemand sehen wollte? Wirklich schlimm aber wird es, wenn nun versucht wird, die Ursache für Enkes Depressionen außerhalb des Fußballs zu suchen. Zur Erinnerung: Als 2006 Enkes Tochter starb, war der Schlussmann schon seit drei Jahren in Behandlung. Ein peinlicher Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Letztendlich aber tragen wir alle eine gewisse Mitverantwortung, wenn wir Woche für Woche die (Fußball-)Welt in Sieger und Verlierer aufteilen. Wenn ein einziges Tor genügt, um den Stürmer zum gefeierten Helden und den Torsteher zum verspotteten Deppen werden zu lassen.

3 Kommentare zu “Enke und kein Ende – von Dr. Motz

  • hans

    ist schon erstaunlich, wie echt manche krokodilstränen so wirken können!
    und alles vor laufender kamera!
    trauerarbeit schlägt blitzschnell in ein mediales ereignis um.
    .. und wird damit zum geschäft, wobei z.B. jeder reporter, jede reporterin mit dem stichwort ‘enke’ eine sichere meldung oder reportage zu verbuchen hat.
    hat mit michael jackson gut geklappt, dann zerren wir den sarg mit robert enke doch mal ins stadion (der – am boden zerstörte – rest seiner familie hat ja mit sich selbst genug zu tun und wird sich nicht um einschränkung voyeuristischer medienhype kümmern können).
    die ankündigung für einen selbstmord geschieht fast immer so versteckt, dass selbst die engsten freunde es nicht bemerken,
    eine depression (mit vorgeschichte!) bei robert enke nicht wahrgenommen haben zu können nehme ich allerdings den herren nicht ab!
    also: traurigkeit über den freitod
    aber: ärger und ein wenig ekel über die heuchelnden regisseure des spektakels!

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  • Gerrit

    Während alle Welt auf Robert Enke und sein schlimmes Schicksal schaut, denke ich einen Moment an die anderen Selbstmorde … 9.402 statistisch erfasste Suizide im Jahr 2007 … plus die entsprechende Dunkelziffer. Der arme deutsche Fußball.

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