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Paradies Südtirol – Teil 2

Vernatsch: Bald eine Rarität?
Noch vor 20 Jahren bestand der Südtiroler Weinberg zu 65 Prozent aus Vernatsch. Heute sind von den 5118 Hektar Gesamtanbaufläche nur noch rund 1500 Hektar mit dieser Sorte bestockt. Fast 1600 Hektar Vernatsch sind entweder Apfelanlagen oder anderen Traubensorten gewichen. Christof Tiefenbrunner: „Vor 30, 40 Jahren erzeugten wir eine Million Liter, 90 Prozent davon waren Vernatsch, heute sind wir bei etwa der Hälfte der damaligen Weinmenge, und der Vernatsch-Anteil liegt gerade noch bei 10 Prozent.“ Die Vernatsch-Antipathie der Produzenten mag den Liebhaber dieser Sorte erschrecken, aber der Rückgang war und ist gerade in seinem Interesse notwendig. Noch heute werden rund zwei Drittel der Südtiroler Rotweine aus dieser Sorte gekeltert (vor zehn Jahren waren es über 80 Prozent). Positiv ist doch, dass heute – dies bestätigen alle Kellermeister – der Vernatsch nur noch in guten Lagen steht. Wo es für ihn zu tief ist, wurde er durch Chardonnay, Pinot grigio und Lagrein ersetzt, in der Höhe verdrängten ihn Weißburgunder und Sauvignon.

_POR1292Die Qualität stimmt, das Image nicht

Andreas Widmann: „Der Vernatsch war immer das Stiefkind. Jeder Kellermeister zeigt dir erst seine Weißen, dann seine Roten und dann seine neue Kellereinrichtung. Aber nie seinen Vernatsch-Wein. Einen positiven Aspekt hat das vielleicht doch: Vielleicht ist ihm dank seines Schattendaseins die Typizität erhalten geblieben?“ Widmann weist jedoch darauf hin, dass es immer Produzenten gab, die sich für diese Sorte einsetzten, und nennt als Beispiele die Magdalener Produzenten, die KG Girlan und Brigl.  Es stimmt, auf dem Magdalener-Hügel ist man wirklich stolz auf diesen Wein. Auch Josef Brigl spricht gerne über seinen Vernatsch. Er liefert zudem eine nützliche Anweisung, wie man Vernatsch-Weine am besten serviert: „Im Sommer sollte er mit 12 °C ausgeschenkt werden, denn die Gläser sind warm, die Luft auch, in wenigen Minuten ist er auf der idealen Trinktemperatur von 16 Grad. Über 16 Grad verliert er an Trinkigkeit.“ Stolz auf ihre Vernatsch-Weine sind auch die Mitarbeiter der KG Girlan. Mit dem Gschleir – mit 11,– Euro wohl einer der teuersten Vernatsch – will man beweisen, dass die Sorte langlebige Weine ergibt. Tatsächlich gelingt das auch. Der 2000er, immerhin ein sechsjähriger Wein, ist ein tolles Erlebnis für Vernatsch-Fans und der 97er ein Mahnmal für alle, die schlecht über diese Sorte reden. Das größte Problem ist aber das fehlende gemeinsame Vernatsch-Marketing. Auch die Weinschreiber trauen sich nicht, zu diesem Wein verbindlich Stellung zu nehmen. Man bedenke nur, dass in der ganzen Geschichte des Gambero Rosso noch nie ein Vernatsch die drei Gläser erhalten hat. Helmut Sozin, Kellermeister der KG Kaltern: „Eigentlich stimmt es schon, man müsste etwas tun… Aber bei einer Sorte, die imagemäßig so verhunzt wurde, dauerts eine ganze Generation, bis man damit weitermachen kann. Die Reduzierung der Anbaufläche ist sicher eine erste Voraussetzung, um das Image zu verbessern. Wir sollten die Mengen soweit reduzieren, dass wir es nicht mehr notwendig haben, den Vernatsch über die Literflasche zu verramschen.“Alois Lageder hofft, dass die Trentiner, die seltsamerweise ihren Schiava (Vernatsch) ebenfalls als Kalterersee abfüllen dürfen, auf dieses Recht verzichten werden. „Dann müsste nur noch dafür gesorgt werden, dass die Literware nicht mehr unter der Bezeichnung Kalterer oder Vernatsch auf den Markt kommt, sondern unter einem Markennamen.“ Gerhard Kofler (KG Girlan): „Ich bin für einen einfachen Südtiroler Rotwein, der zwar auf Vernatsch basiert, aber nicht so heißt. Nennen wir ihn doch einfach ‘Südtiroler’.“

_POR1295So wird Vernatsch gut

Ein großer Vernatsch ist nicht dunkel, konzentriert, schwer und tanninhaltig. Ein großer Vernatsch ist samtig, fruchtig, elegant, leicht und lang. Zu solchen Charaktereigenschaften kommt die Sorte bei Hektarerträgen zwischen 9000 und 11 000 kg. Das klingt nach viel, ist aber nur die Hälfte dessen, was ohne eine drastische Ertragsregulierung an den Pergeln hängen würde.
Mit großzügiger Düngung und Bewässerung kommt man sogar noch höher. Andreas Widmann: „Wenn man nicht stark ausschneidet, kommt man selbst bei kurzem Anschnitt spielend auf 20 000 Kilo pro Hektar. Ich schneide überall einfach die untere Hälfte der Trauben weg, um die 100 Doppelzentner nicht zu überschreiten.“ Vernatsch erträgt die direkte Sonnenbestrahlung nicht, die Trauben brauchen Schatten. Die Pergel wird deshalb von allen Produzenten als die ideale Erziehungsform für Vernatsch bestätigt. Kellermeister Gerhard Kofler (KG Girlan) verrät, wie er seine Vernatsch vergärt: „Wenn man ihn zu lange auf der Maische lässt, gelangen zu viel herbe Tannine in den Wein. Betrug die Maischestandzeit früher 19 bis 20 Tage, habe ich sie auf zehn bis zwölf Tage für das beste Traubengut und auf fünf bis sechs Tage für normale Qualitäten reduziert.“ Das Resultat ist deutlich, die jüngste Vernatsch-Generation der KG Girlan ist viel geschmeidiger als ihre Vorgänger. Die Frage, was nun „richtig“ ist, eine größere Extraktion und damit strukturiertere Weine oder Geschmeidigkeit und Trinkigkeit, beschäftigt derzeit manchen Kellermeister, der dieser Sorte wirklich gerecht werden will.

Vom Glück, geliebt zu werden

Wer Südtirol besucht, hat den Eindruck, einen großen, gepflegten Garten zu betreten. Alles ist grün und geordnet in diesem fruchtbaren Tal. Auf dem Talboden die Apfelanlagen, am Hügelfuß die Weinstraße mit den blumengeschmückten Weindörfern und darüber die Weinberge. Nirgends ein ungepflegtes Landstück, auf den Straßen liegt kein Abfall, und selbst die Bauern erinnern mit ihren blauen Schürzen an niedliche Gartenzwerge. Kein Wunder, lieben die Touristen dieses Land! Die Liebe ist gegenseitig! Die Südtiroler Weinproduzenten tun alles, um sich die Gunst der Weintouristen zu erhalten. Manche Winzer verkaufen mehr als die Hälfte ihrer Produktion direkt ab Hof, und fast alle vermieten sie Ferienwohnungen. Überall gibt es Probierstuben, kaum ein Winzer, der sich nicht die Zeit nehmen würde, dem Kunden aus München, Basel oder Salzburg seine neuen Jahrgänge vorzustellen. Nicht nur die Winzer, auch die Privatkellereien und die Kellereigenossenschaften legen Wert auf die Direktkundschaft. Allerorts gibt es Verkaufsräume, wo der Besucher die Weine des Sortiments verkosten und sich beraten lassen kann. Die KG Kaltern hat an prominenter Stelle in Kaltern das Winecenter errichtet, das nur der Betreuung der Privatkundschaft gewidmet ist. Die Wichtigkeit des Direktverkaufs für die Südtiroler Weinwirtschaft lässt sich auch an der Preispolitik ablesen. Nur wenige Erzeuger denken wie Alois Lageder, der die Politik vertritt, dass der Kunde in seinem Weingeschäft in Magreid nicht viel weniger als im Weinladen in Deutschland bezahlen sollte. Er möchte damit seinen Importeuren den Rücken stärken. In der Regel liegen die Importeurpreise in Südtirol nur wenige Prozent unter den Privatpreisen. Vollends kompromisslos auf den Direktverkauf ist Andreas Widmann eingestellt: Er hat nur eine einzige Preisliste. Bei ihm zahlt jeder gleich viel, egal, ob Händler, Restaurantbesitzer oder Privatkunde.

Südtirols größter Markt: Südtirol

Man schätzt, dass in Südtirol insgesamt dieselbe Menge Wein verbraucht wie hier erzeugt wird, nämlich rund 35 Millionen Liter. Auch wenn die Gastronomie viel auswärtigen Wein einschenkt, bleibt der wichtigste Markt Südtirols Südtirol selbst. Fünf Millionen Touristen besuchen jedes Jahr Südtirol und übernachten insgesamt 26 Millionen mal dort. Für die Weinproduzenten ist es ein Glück, dass die Touristen nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto anreisen. Mit dem eigenen Fahrzeug haben sie die Möglichkeit, in die Dörfer rauszufahren und da und dort ein paar Flaschen Wein in den Kofferraum zu packen. Um so größer ist der Widerstand der Winzer gegen die Bestrebungen der lokalen Politiker, den Bozener Flugplatz auszubauen. Vorteile hätten sie tatsächlich keine davon, nur mehr Lärm und weniger Kundschaft. Die Provinz Bozen, wie das Land Südtirol offiziell heißt, gliedert sich weingeographisch so: das Unterland (Etschtal von Salurn über Neumarkt und auf der östlichen Seite des Mitterbergs bis Bozen), die Überetsch (vom Kalterersee ansteigende Moränenrampe im Westen des Mitterbergs, die bei Girlan zur Etsch abbricht, mit den Gemeinden Kaltern und Eppan), die Ebene von Bozen mit dem Magdalenerhügel, das Oberland (nordwestlich von Bozen bis Meran), der Vinschgau (westlich von Meran bis Mals), das Eisacktal (nordwestlich von Bozen bis Sterzing).

Auszug aus Merum DOC – Die schönsten Weinlandschaften Italiens.
Eine Sonderedition von Merum, der Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien. Merum DOC berichtet in dieser Ausgabe zusätzlich noch über die Appellationen Soave, Valtènesi, Oltrepò Pavese, Monferrato und Conegliano-Valdobbiadene. 144 Seiten, Euro 19,90. Zu bestellen auf www.merum.info

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