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Wird der Gault Millau basisdemokratisch???

Vergangene Woche trafen sich einige Beteiligten der GM-Debatte zu einer offenen Ausprache. Joel Payne, Clemens Hahn und Reinhard Löwenstein haben im Nachgang zu diesem Treffen eine Gesprächsnotiz verfasst, die wir per Mail bekommen haben und die zur Veröffentlichung gedacht ist. Neben dem Bedauern beider Seiten über etwaige Entgleisungen in den vergangenen Tagen, was ich übrigens sehr gut finde, hilft es doch einen sachlichen Ton einzuschlagen, liest sich das Ganze wie ein schrittweiser Rückzug des Gault Millau von seinem ursprünglichen Vorhaben und von einigen ganz essentiellen Dingen. So wird von der grundsätzlichen Schwierigkeit gesprochen, ein “Kulturgut wie Wein” mit Schulnoten zu bewerten. Stellt sich die Frage, wie bewertet man dann zukünftig ? Wird überhaupt noch bewertet? Der Gault Millau begibt sich in eine äußerst defensive Haltung, und geht einen sehr großen Schritt auf die Winzer zu. So groß, dass es  irgendwie nachdenklich macht. Ich lese das so, als ob der Gault Millau gewaltig zurückrudert. Interessant finde ich auch die ausdrückliche Erwähnung, dass Armin Diel nicht mehr mit verkostet und auch künftigkeinen Einfluß mehr hat. Warum wird das so betont? Ich sehe nach dieser Notiz eigentlich auch gar keine Notwendigkeit für einen Chefredakteur mehr. Wie sieht denn im künftigen GM dann die Stellenbeschreibung von JoelPayne aus? Da kommt wohl künftig eine Light Variante des Gault Millau auf den Markt. Eigentlich schade, da fehlt doch dann irgendwie der Reiz an der ganzen Sache. Klingt alles ein wenig nach Abgesang…

Nachfolgend die Notiz im Wortlaut:

Gesprächsnotiz
Am 18. Juli haben sich Reinhard Löwenstein als Vertreter der Unterzeichner des Offenen Briefes sowie Joel Payne
(Chefredakteur GAULT MILLAU WeinGuide) und Clemens Hahn (Programmleiter im Christian Verlag) zu einer
Aussprache zusammengefunden. In einer sehr offenen Gesprächsatmosphäre kamen all’ die Themen zur Sprache, die
beiden Seiten unter den Nägeln brennen:


1. Kommunikation und Medien
Der Vertreter der Winzer bedauert, dass einige Äußerungen durch Pressevertreter in der Öffentlichkeit so
interpretiert wurden, als sei der GaultMillau WeinGuide (GMW) bestechlich und der Weinjournalismus in
Deutschland käuflich. Er distanziert sich ausdrücklich von dem Vorwurf, man müsse für gute Bewertungen im GMW
zahlen.
Der Verlag und die Chefredaktion bedauern einige öffentliche verbale Entgleisungen von GaultMillau-Verkostern.


2. Verkostungen und Bewertungen
Die Chefredaktion stellt sicher, dass Verkostungen nicht mehr in Weingütern stattfinden und dass bei Verkostungen
keine Winzer anwesend sind. Herr Diel nimmt an keinen Verkostungen mehr teil und hat nach seinem Rücktritt als
Chefredakteur keinen Einfluss mehr auf den Inhalt des GMW.


Mehr Transparenz wird auch bei der Vergabe von „Trauben“ geschaffen. Differenziertere Beschreibungen der Arbeit
der einzelnen Weingüter stehen ohnehin auf der Agenda der Chefredaktion. Allerdings wird das – allein schon der
recht weit fortgeschrittenen Arbeit am GMW 2010 wegen – nur schrittweise realisiert werden können; insbesondere
verbale Beschreibungen einzelner Weine werden in der kommenden Ausgabe des GMW noch nicht umzusetzen sein.
Zunächst strittig bleibt die Bewertung der Betriebe mit einer bestimmten Anzahl an Trauben.
Viele Winzer sind der Auffassung, dass ein Kulturgut wie Wein – ähnlich wie Literatur oder bildende Kunst – nicht
mit Schulnoten bewertet werden kann. Abgesehen davon, dass Verlag und Chefredaktion eine solche Struktur als
Wegweisung für den Leser notwendig erachten, machten sie deutlich, dass dies zum Kern der internationalen Marke
GAULT MILLAU gehört und nicht einseitig ohne Abstimmung mit dem französischen Markeninhaber und
Lizenzgeber verändert werden kann. Sie erklären sich aber ausdrücklich bereit, über die Kriterien für die Vergabe von
Trauben in eine ergebnisoffene Diskussion einzutreten.


3. Teilnahmegebühr und Marketingpaket
Der Verlag erklärt noch einmal ausdrücklich, dass die Entrichtung der „Teilnahmegebühr“ und die damit verbundene
Buchung des „Marketingpaketes“ absolut freiwillig sind und keinerlei Einfluss auf die Bewertung eines Weingutes und
seiner Weine im GMW haben. Er bedauert, dass das entsprechende Angebot unpräzise formuliert wurde.
Er sieht sich zwar außer Stande, dieses Angebot für den GMW 2010 zurückzuziehen, wird aber im kommenden Jahr
ein neues Angebot unterbreiten, welches er im Vorfeld mit den Winzern abstimmen wird.


4. Fortsetzung des Dialogs
Alle Beteiligten sind sich einig, dass ein solches erstes Gespräch nicht die Lösung aller strittigen Fragen bringen
konnte und fortgesetzt werden sollte. Neben Folgetreffen bietet der Verlag als Forum hierfür auch die Website des
GaultMillau (nach deren Überarbeitung im Herbst) sowie die Buchausgabe selbst an, wo z.B. das Pro und Contra
von Bewertungskriterien diskutiert werden könnten.

8 Kommentare zu “Wird der Gault Millau basisdemokratisch???

  • Christian Valk

    Merkwürdig…die Punkte des Gault-Millau so kritisch zu sehen…und die des Robert Parker fröhlich zu präsenteiren…

    Ansonsten kann ich mich Dirks Formulierungen nur anschliessen…
    Für mich bleibt die Frage WARUM der GM nun so weit zurückrudert? Vor was hat man Angst? Und warum sitzen die Winzer in diesem Fall am so viel längeren Hebel?

    War das Konzept des GM so oder so überholungsbedürftig, oder nimmt man diesen Streit als Chance zur Reformierung war?
    Ich bleibe gespannt!

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  • pivu

    Besser transparent-basisdemokratisch als “tyrannisch-herablassend”. Der Relaunch hat begonnen, gut so. Das Zurückrudern und Fordern der Winzer lässt doch auf größere Missstände und teils fragwürdige Praktiken als allgemein bekann schließen. Wie anders sind die Punkte “… bedauern einige öffentliche verbale Entgleisungen von GaultMillau-Verkostern” oder “Verkostungen nicht mehr in Weingütern stattfinden und dass bei Verkostungen keine Winzer anwesend sind” sonst zu erklären?

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  • Pingback: Gelesen: Gault Millau, Quartalszahlen Weinpresse, VDP bei Aldi

  • Rudi Finkler

    Basisdemokratisch – dass ich nicht lache, Peter… Alle „basisdemokratischen“ Wohngemeinschaften, in denen ich in den Siebzigern gelebt habe, sind nicht an Fragen der Basisdemokratie gescheitert, sondern an der Frage des Abwaschs….:-)

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  • Rudi Finkler

    Nun, dann sind wir ja mal gespannt, wer in Zukunft den Ober-Abwasch machen wird… und wie subjektiv/objektiv dann abgewaschen wird – mit und ohne Punkte… keine beneidenswerte Position… :-) )

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  • felix

    Ist doch klar – die Winzer und Journalisten gehen eine Symbiose ein. Die einen können ohne die anderen nicht.
    Man kann aber nur hoffen, dass der GM nach dem “Relaunch” noch genausoviel Spaß zu lesen macht wie vorher. Das ist nämlich sein Plus: Lesespaß. Deswegen humpelt der Eichelmann und erst recht der Wein Plus hinterher (Gääääähn!). Den GM aufm Klo und jeden Tag ein Weingut abgeklappert. So läuft das! Nebenbei, hat der Wein GM genau die richtige Würze – manchmal scharfzüngig, aber nie wirklich beleidigend wie der “Food”-GM manchmal ist. Und deswegen drücke ich Herrn Payne die Daumen, dass er die Würze (lustig … hier im Forum) drinnen lässt!

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