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Über den Sinn und Unsinn von Punkten

Wein schmeckt, oder schmeckt nicht. So weit, so gut. Mehr ist eigentlich kaum wichtig wenn es um die Beurteilung von Weinen geht. Natürlich kann man noch ausführliche Geruchs- und Geschmackseindrücke hinzufügen um das Ganze dann irgendwie zu komplettieren. Das macht vom Prinzip fast jeder Weintrinker auf die eine oder andere Art. Jetzt gibt es natürlich, wie schon so häufig erwähnt, verschiedene Gattungen von Weintrinkern. Der Genießer, der Sammler, der “Einfachnursotrinkerweilesalkoholist”, der Liebhaber, der “Berufsweintrinker” und sicherlich noch einige mehr. Gerade hier im web 2.0 entbrennt immer wieder ein Streit unter den “Amateuren” und “Profis” wenn es um die Beurteilung von Weinen geht. Dies geschieht in der Regel mit Hilfe von Punkten. Früher gab es das 20-Punkte-Schema, mittlerweile hat sich das amerikanische 100-Punkte-Schema durchgesetzt. 100 Punkte ist die absolute Höchstnote die zu vergeben ist. Ab 90 Punkten kann man davon ausgehen, dass der Verkoster einem mitteilen will, dass man einen ganz hervorragenden Wein zu erwarten hat. Alles unter 70 Punkte ist eine Flüssigkeit, deren Konsum zwar nicht blind macht, aber auch irgendwie nicht sein muss. Klingt eigentlich relativ einfach und plausibel. Ist es aber leider dann doch nicht. Betrachtet man sich einmal die deutschen Weinführer, die nach diesem 100-Punkte-Schema bewerten, so ist da dann doch häufig eine deutliche Diskrepanz sichtbar. Ausser in der absoluten Spitzenklasse. Da liegen alle immer dicht beieinander. Völlig verwirrend wird das Ganze durch die Tatsache, dass mittlerweile wirklich jeder angefangen hat Wein zu bepunkten. Insbesondere im web 2.0. Mit dem Ergebnis, dass  darüber dann stundenlang gestritten wird. Und das, obwohl alle dieses 100-Punkte-Schema benutzen. Der Streit begründet sich in der Regel darauf, dass einfachere Weine hin und wieder relativ viele Punkte bekommen. Argumentiert wird in diesen Fällen immer damit, dass man die Punkte nicht absolut sehen und vergeben könne, sondern das auch segmentweise betrachten müßte. Die Streitereien enden dann meistens in Beschimpfungen, Verletzungen und dem ganz grundsätzlichen Zwist wer kompetenter ist und wer nicht.

 Ich persönlich finde das alles völlig blödsinnig. Punkte kann man nicht trinken. Punkte kann man nicht riechen, Punkte kann man selten nachvollziehen. Ich bin seit vielen Jahren im Weingeschäft und vergebe nur ganz selten Punkte. Warum sollte ich auch? Ich sage lieber: “Schmeckt gut. Schmeckt nach “sowiesofruchtundsoweiter”, trinken jetzt!” Das langt doch eigentlich völlig, oder? Im Übrigen ist das auch sehr entstressend :-)

14 Kommentare zu “Über den Sinn und Unsinn von Punkten

  • weinreise

    Sehr richtig!

    Das ganze könnte man in epischer Breite diskutieren. Auich, daß manche “Experten” Weine unter 90 Punkte schon für untrinkbar halten.
    Oder Süßweine besonders doll bewertet werden. Oder befreundete Winzerkollegen. Oder bio-dynamisch schon mal eher schlechter. Auch die Verkostungspraxis (blind gegen aufgedeckt) usw.

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  • Hoertrich

    Ich kann dir fast in allem zustimmen, aber am besten ist meines Erachtens eine ausführliche Verkostungsnotiz mit einer Bepunktung, die mir beim schnellen Überfliegen signalisiert, dass ich – bei einer hohen Bepunktung – hier unbedingt gründlicher lesen muss. Beim Twittern gehen fast nur Punkte …140 zeichen sind oft mit dem Wein- und Winzernamen schon verbraucht.
    Außerdem: Über Geschmack lässt sich streiten, aber in einem unpersönlichen Rahmen. Wenn es hierbei zu Beleidigungen und Streit kommt, machen wir uns selber zu Freaks, über die Unbeteiligte nur den Kopf schütteln können. Wer verletzt sich schon wegen Weinpunkten, die eh immer sehr subjektiv sind!?

    Gruß Christian

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  • Karl-J. Thul

    Meiner Meinung nach vollkommen richtige Einstellung. Die ganze Bewerterei und der Streit um oft nur ein oder zwei Punkte lenken imo den Weintrinker vom Wein trinken und Genießen ab, und machen viele Blind für alles was abseits der von GM W+ Eichelmann und Parker geteerten Wege liegt.
    Im schlimmsten Fall wird ein Winzer der ganzen Verosterriege so hörig, dass er seinen eigenen Stil verleugnet oder verschiebt. Sogar mancher Winzer-Suizid wird auf schlechte, und natürlich auch umstrittene, Bewertungen in den einschlägigen Medien zurückgeführt.
    Ich als Winzer sende auch Weine zur Verkostung ein. Man kann diese Bewertung natürlich als Anlass nehmen an sich selbst und vor allem, wenn nötig der Qualität des Weines zu arbeiten. Im Kundengespräch, wenn weininterressierte nach Bewertungen und Kammerpreismünzen, … fragen gebe ich immer folgenden Tip:
    Schmeckt der Wein? Wenn “Ja” -> guter Wein
    Bekommt mir der Wein, am nächsten morgen, evtl auch nach größeren Mengen? Wenn “Ja” -> sehr guter Wein
    Ist der Wein für mich bezahlbar? Wenn “Ja” -> hervorragender Wein

    Und um den letzten Satz von Dirk Würtz aufzugreifen: Das ist dann wirklich entstressend, für Konsument und Winzer.

    -kj-

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  • Volker

    Hallo Dirk,
    dem kann ich nicht ganz zustimmen. Richtig ist, Punktewertungen haben inflationär zugenommen, auch die Punktegläubigkeit der Weinjünger und die Bewertung der Weine mit den Punkten durch die Weinhändler. Gute Punktzahlen sind inzwischen DAS Verkaufskriterium, allen voran PP. Und das wird leider nicht kritisch hinterfragt.

    Ich selbst halte Punktesysteme deswegen aber trotzdem für berechtigt, um Weine untereinander besser in Relation zu sehen, als das mit Worten möglich ist. “Schmeckt mir”, “schmeckt mir ein bisschen besser, als/weil…” ist sehr schnell ausgeschöpft. Aus meiner Empfindung halte ich Punkte objektiv-rational besser nachvollziehbar als formulierte Bewertungen, bei denen ein einzelnes Wort schnell eine sehr subjektive Wertung verursachen kann.

    Für meine eigenen Weinnotizen gebe ich den Weinen auch Punkte, um für mich auch besser speichern zu können, wie gut ich den Wein fand. Interessant sind dann meine Abweichungen zu den großen Meinungsbildnern der Weinführer…

    Insofern ist nicht das Punktesystem an sich schlecht oder unnötig, sondern die blinde Ausrichtung daran, die sich im Markt und unter den Weintrinkern ausbreitet.

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  • Pingback: Immer wieder die Punkte… | Augsburger Weinblog

  • Matthias

    Das Problem von Punkten ist: sie suggerieren Objektivität. Und auch professionelle Weintester sind nur bedingt in der Lage, einen Wein objektiv zu beurteilen, wie die kürzlich diskutierte Untersuchung in den USA zeigte.

    Dazu kommt das Problem, dass ein 85-Punkte Wein nicht subjektiv “schlechter” ist als ein 90 Punkte Wein – im Gegenteil: abhängig von Situation, Stimmung etc. kann mir der niedriger bewertete Wein viel mehr Spaß machen als der höher bewertete.

    Sprich: Punkte sind nicht der Weisheit letzter Schluss – aber sie geben einen Anhaltspunkt.

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  • Thorsten Jodaitis

    Sicherlich ein schwieriges Thema. Persönlich finde ich die Punktebewertung durchaus hilfreich, wobei mir gleichzeitig die Problematik bewußt ist. Aber “Punkte” sind dabei nützlich, wenn man sich ein wenig im Weinuniversum zurechtfinden möchte. Das Angebot ist mehr als reichhaltig und die Punktebewertung hilft dabei, eine erste grobe Einteilung vorzunehmen. Wenn man dann neben der Punktezahl noch eine ausführliche Verkostungsnotiz findet, rundet dies das Bild ab. Manchmal erinnert mich die derzeitige Diskussion an die Interpretation eines Bildes oder einer Kurzgeschichte früher in der Schule. Es war schon erstaunlich, was die einzelnen Betrachter/ Leser- jeder für sich- erblickten/analysierten. Aber ein richtig oder falsch gab es nicht, da jeder seinen eigenen Betrachtuns-/ Erfahrungshorizont besitzt. Und manchmal wurden einem Sachen aufgezeigt, die man selbst nie beachtet hätte.

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  • mikel

    Ich bin absoluter Laie, begreife aber die Brisanz, denn da hängt bei Erzeugern, Vermarktern und all den anderen, die damit ihr Brot (ja den Wein auch) verdienen allerhand davon ab. Ich habe mich schon mit sehr vielen subjektiven Beurteilungen auseinander gesetzt, Kunst, Literatur, Musik und einige Jahre meines Lebens intensiv mit Qualitätsmanagment.
    Ich ahbe die Erfahrung gemacht, dass Transparenz und Protokoliierung der Entscheidungsfindung hilfreich ist, auch und gerade für den Qualitätsprüfer, der Juror, den Rezensent.

    Wie wäre es denn mit einer Checkliste die zu Punkten führt?
    Dann könnte man das auch persönlich nachvollziehen, selbst gewichten, auch das Preis-Leistungs-Verhältnis.
    Das würde nicht subjektive Bewertungen objektiver machen, aber die subjektive Bewertung durchschaubarer, in Einzel-Punkten nachvollziebar oder nicht.

    Warum bastelt ihr Euch nicht ganz im Web 3.0-Stil ;-) eine Checkliste, die im Web bedienbar ist. Einfach Radio-Buttons oder Häckchen, die dann automatisch eine Punktzahl ergeben?
    Mit Datenbank. Also Würtz hätte dann z.B. am x.xten den Wein sowieso verkostet und das ergibt dann soviel Punkte und das ist mit dieser url abrufbar.

    Dann kann man sich immer noch streiten, ob denn wirklich die Himspargel-Note dominat ist, aber der Kunde, der Leser, der follower, der Blogger könnte die Entstehung der Punktezahl nachvollziehen.

    Nur so eine Idee.

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  • Dr. Motz

    Hin und wieder passiert es schon mal, dass man versehentlich in solch schlechte Gesellschaft gerät, dass einem der beste Wein nicht mehr schmeckt. Gibt es dann auch ein Punktesystem für Mittrinker?:-)

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  • Friedrich Bolle

    Die Diskussion um die Punktebewertung ähnelt doch sehr stark der ranking Diskussion in der Finanzwelt : Was dabei herausgekommen ist, sehen wir doch jetzt :-) :-)

    Soviel zur vermeintlichen Objektivität

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  • Pingback: Lesetipps zum Wochenstart | der Ultes

  • Patrick Johner

    Hallo Michael, (@kurzdielyrik)

    genau dieses Projekt ist mir vor einiger Zeit durch den Kopf gegeistert. Also die Zerlegung der Weinverkostung aus der absoluten Qualitätszahl (Punkte) hin zu Einzelkomponentenbewertungen. Der Eine Mag ja eher “the punch in the face”… der Andere lieber “Oh bitte keine Überaromatik und mehr Mineralik”. Dieses Web Projekt habe ich dann mit ein paar Weinkenner / Weinjournalisten usw. besprochen und Alle fanden es zu kompliziert und niemand würde sich beteiligen.

    Jetzt muß ich doch mal ran… Hat irgendjemand eine Idee, ob es irgendwas im CMS Opensource PHP MYSQL Bereich gibt, bei dem ich nur ein paar Anpassungen durchführen muß?

    Liebe Grüße
    Patrick

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