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Weinrallye #107 Vorurteile

Da die liebe Cordula Eich keinen eigenen Blog mehr hat, schreibt sie heute hier, anlässlich der aktuellen Weinrallye

Weinrallye #107Weine, die die Welt nicht braucht, von Cordula Eich

Jeweils am letzten Freitag im Monat treffen sich verschiedene Weinblogger in illustrer virtueller Runde, um ein vorgegebenes Thema von den unterschiedlichsten Seiten zu beleuchten.
Gastgeber in diesem Monat Gottfried Stutz (Hundertachtziggrad) und Torsten Hammer (Priorat Hammer) gemeinsam. Sie haben die schreibende Weinzunft aufgerufen, sich mit ihren Vorurteilen auseinanderzusetzten und diese zurechtzustutzen. Der Aufruf zur Weinrallye #107 ist hier  zu lesen.

„Tolles Thema!“, dachte ich … „Schade, dass ich so gar keine Vorurteile habe.“ Mein Mann brach in schallendes Gelächter aus.

Am nächsten Tag auf der Autobahn (ich sollte für die, die mich nicht kennen, erwähnen, dass ich in den Niederlanden lebe) : Holländischer Nachrichtensender bringt ein Interview mit einem der renommiertesten Weinkritiker des Landes – Cuno van t’Hoff.
Ich rolle zunächst mit den Augen … Habe ich Lust, mir das arrogante Geschwätz von einem Möchtegernweinsnob anhören, der irgendwie im letzten Jahrhundert hängengeblieben ist und immer noch ständig „Frankreich ist der Gipfel des Weingenusses“ ruft und grundsätzlich alles lächerlich und dilettantisch findet, was von holländischem Boden in die Flasche kommt – der alte Nestbeschmutzer! Da fällt mir mein Mann mit seiner Lachsalve wieder ein … Keine Vorurteile?!?

Okay, ich gebe zu! Ich habe klitzekleine Vorbehalte, wenn es um Weinkritiker geht: Sie sind grundsätzlich hochnäsig und haben meistens viele Worte für wenig Inhalt – und außerdem haben sie selten recht.

Ich werde mich diesem Vorurteil stellen!

Das Interview wird angehört! Der gute Cuno gerät ins Schwelgen: Er habe kürzlich einen Jungwein verkosten dürfen – einen Chardonnay – der wäre so komplex, so voller Potential, dass man sich in Burgund warm anziehen dürfe. Zum zweiten Mal regt sich mein innerer Widerstand – ganz abgesehen von den schwindelerregenden Superlativen, die Weinking Cuno von sich gibt: „Chardonnay – the most overrated variety in the world!“ (Check: Noch ein Punkt für die Liste der abzuarbeitenden Vorurteile.)

TreibhausweinAber jetzt kommt’s! Er sei ja selber höchst erstaunt, aber es handle sich tatsächlich um einen Wein aus den Niederlanden! Und nicht nur das … Der Wein sei dem Gewächshaus entsprungen.
Chardonnay aus dem holländischen Glashaus … Wunderbar! Wer braucht denn bitte sowas?!?
Als sei der globale Weinsee noch nicht groß genug und hätten die Winzer dieser Welt nicht schon ausreichend Absatzschwierigkeiten. Warum, um Himmelswillen, sollte man in einer künstlichen Umgebung, unter hohem Kostenaufwand, einen Treibhauswein herstellen? Irgendwie denke ich an Reagenzglaswein … Unnötig wie ein Kropf! (Oh … ist das etwa ein Vorurteil?)

Zu Hause angekommen, stürze ich mich auf Google und suche nach besagtem Weingut.
Die Geschichte, die mir begegnet, ist fast rührend: Ein genussfreudiger Rosenzüchter hat, nachdem die holländischen Rosen auf dem Weltmarkt ihre Konkurrenzfähigkeit verloren haben – Blumen aus Afrika sei Dank – kurzerhand beschlossen, statt in die Insolvenz in die Weinproduktion zu gehen. Ein Restaurant auf eigenem Gelände hatte der Feinschmecker eh schon. Rosen gerodet, Reben gepflanzt!
Das stimmt mich milde … Es wurde also nicht ein unsinniges Vermögen investiert, um Trauben an einem beliebigen Ort wachsen zu lassen. Es wurde „das Beste aus einer misslichen Lage“ gemacht.

Ich bin bereit, dem Chardonnay dieses Pioniers eine Chance zu geben.

Ich klicke auf den Webshop und finde einen Chardonnay, einen trockenen und einen halbtrockenen Riesling und einen Merlot. Alle ohne Jahrgangsangabe, versehen mit einem kurzen, unspektakulärem Text – hellgelb in der Farbe, fruchtig frisch blablabla. Klingt irgendwie alles nicht nach „Burgund, zieh dich warm an!“ Und so aussehen tut es auch nicht … Aber es kommt ja auf die inneren Werte an, nicht wahr!
Damit sich das ganze Theater lohnt bestelle ich sechs Flaschen: Von jeder Rebsorte zwei. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen.

Zwei Tage später klingelt DHL … Eine knuffige kleine Sechserkiste wird überreicht. Ich denke: mutig! Das ist keine Versandkarton … Aber was soll’s – ist ja gut gegangen. Ich schaue genauer hin. Außen auf dem Karton klebt ein Din A4 Blatt mit meiner Bestellung aus dem Webshop – mit prominentem Aufdruck meiner Emailadresse, meiner Handynummer und meiner Kontonummer. Ich schlucke dreimal, finde das ausgefallen. Wiederum naja, der Postbote wird mir schon kein Geld überweisen, weil er meine Kontonummer gesehen hat … (aber ärgern tut mich diese Ignoranz des Versenders gegenüber seinen Kunden schon.) Schwamm drüber! Ich will den Weltklasse Chardonnay verkosten!

Klebeband aufgeritzt, Karton geöffnet – und es purzelt mir ein Brief entgegen:
„Lieber Weinliebhaber,
vielen Dank …(blablabla) …
Vor eineinhalb Jahren haben wir unsere ersten Reben gepflanzt und haben wir angefangen unsere ersten eigenen köstlichen Wein zu machen. Die Weine, die Sie jetzt bestellt haben, sind von Trauben gemacht, die wir anderswo (sic!) gekauft haben.
… (blablabla) … In einigen Monaten sind dann auch unsere besonderen Weine von unseren eigenen Rebstöcken … blablabla „

Ungläubig ziehe ich eine Flasche aus dem Karton und lese auf dem Etikett: „Unser passionierter Weinmeister hat für Sie die allerbesten Trauben aus Europa auserwählt. Aus diesen Deutschen Qualitätstrauben wurde ein prächtiger, voller Chardonnay hergestellt. Reich im Geschmack nach einer einzigartigen niederländischen Methode entwickelt.“

WTF! Diese sogenannte Wijnerij taufe ich um zur SCHWijnerij!

Ich habe die Flasche fassungslos wieder in den Karton gleiten lassen. Den Karton habe ich in die Garage gestellt … Ich will ihn vorläufig nicht sehen. Und verkosten will ich diesen Schwindel auch nicht. Was nächstes Jahr aus den „echten“ Gewächshausweinen wird ist mir erst einmal egal! Weine, die die Welt nicht braucht!
Chardonnay? Ja, es gab da mal einen, der mich in Ekstase versetzt hat: Der „Unique“ aus dem Hause Donatsch in Malans (https://www.donatsch.info). Beim ersten Schluck dachte ich tatsächlich, wer braucht da noch Burgund … Ansonsten trinke ich lieber etwas anderes.
Und Cuno … wie gerne hätte ich dir geglaubt. Gehofft habe ich, dass du recht hast! (Jaja, der Jungwein … kann ja noch werden.) Aber dass du dauernd über die „unfähigen“ niederländischen Winzer schimpfst (zu denen ich ja jetzt auch zähle …) und dann dieses False-Flag-Projekt in den Himmel lobst, das nehme ich dir dauerhaft übel.

BarriqueIch empfehle dir höchstpersönlich, zur Zurechtstutzung deiner dies bezüglichen Vorurteile, das Glanzstück des Weinguts Kleine Schorre in Zeeland, NL.
Der ‚Barrique‘ – Cuvée aus Pinot gris und Pinot blanc – wird würdiger Weise zu niederländischen Staatsempfängen serviert und schmeckt auch mir gerade ganz vorzüglich: tropischer Duft mit rauchigem Anklang, cremig am Gaumen mit saftigen Pfirsichnoten. Cheers!

Lang leben die Vorurteile!

 

Ein Kommentar zu “Weinrallye #107 Vorurteile

  • Markus

    Wow, das klingt ja wie aus einem Film ;-)
    Hauptsache die Bananen sind nicht zu krumm in der EU.
    Weine aus dem Gewächshaus finde ich eher eine schlechte Idee… Das wird die Billigweinindustrie noch mehr beflügeln.

    Reply

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