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Demut ist angesagt!

Seit Jahren diskutieren Sascha Speicher, Chefredakteur des Sommelier Magazin, und ich über eine ganz spezielle Probe. Gestern haben wir sie nun endlich gemacht und es war ein wahres Lehrstück.

Es ging in der Probe um die „Stilfrage“. Was das genau bedeutet und was dabei herauskam, blogge ich Mitte Februar, wenn auch das Sommelier Magazin erscheint. Vorab nur so viel: Spannender und verrückter und aufschlussreicher geht es wohl kaum noch. Es ging in der Probe nicht darum, ob etwas gut, besser oder schlechter schmeckt. Es ging um die Zuordnung. Was ich aber jetzt bereits verbloggen muss, ist die erhellende Erkenntnis, das was mich am meisten beschäftigt hat, nämlich dass Blindproben entlarven. Schonungslos!

Ich war noch nie ein wirklicher Freund von Blindproben. Für mich war immer klar, dass ich sehen will, was ich probiere um es einordnen zu können. Nicht immer, aber zumindest dann, wenn es um etwas geht. Der Stil des Betriebes, die Person und deren Philosophie die dahinter steckt. Ich hatte noch nie das Bedürfnis objektiv zu sein, es gab auch keine Notwendigkeit. Ich bin kein Weinkritiker. Ich bin Blogger und blogge über das, was mich packt, mich mitreißt und mir schmeckt. Und ganz sicher spielen da Sympathie und Vorlieben eine Rolle. Dann schmeckt es irgendwie anders – vielleicht manchmal sogar besser. Ich rede natürlich über deutschen Wein. Da kenne ich beinahe alles und jeden. Anders ist das, wenn es um Weine aus anderen Ländern geht, bei denen ich die Produzenten nicht kenne. Da bin ich höchst objektiv, weil mich nichts Persönliches beeinflussen kann. Im Übrigen kennen meine Leser und FB-Freunde nach all den Jahren meinen Geschmack und können das entweder nachvollziehen oder nicht. Wie das eben so mit Tipps ist. Für den einen sind sie hilfreich, für den anderen nicht.

Zurück zum Thema

Gestern sitze ich also in dieser Probe und vor mir stehen 30 Weine. Alles blind. Umgefüllt in neutrale Flaschen und die Reihenfolge vom Probeleiter des Meininger Verlag festgelegt. Das einzige was ich wusste war, welche 30 Weine und Winzer da stehen. Ich konnte also, so dachte ich mir, durch Erfahrung und Ausschluss ganz sicher das meiste zuordnen. Dachte ich… und so dachten auch meine Mitverkoster. Allesamt hoch erfahrene Winzerkollegen oder mit Sascha Speicher ein extrem erfahrener und seriöser Journalist. Pustekuchen! Gar nichts konnte ich!

Von 30 Weinen habe ich sage und schreibe nur vier erkannt. Bürklin-Wolf, Odinsthal, Spreitzer und unseren eigenen. Immerhin habe ich unseren eigenen erkannt. Letzteres sollte einfach sein, denkt man. Ist es nicht, wie die gestrige Probe eindrucksvoll gezeigt hat. Insgesamt habe ich zehn Herkünfte erkannt. Sprich ich konnte den Wein in das richtige Anbaugebiet einordnen. Bei 20 Weinen lag ich falsch. Lediglich ein Drittel war richtig. Eine Demütigung, ein Schlachtfest!

Ich weiß ganz genau, wie viele jetzt beim Lesen dieser Zeilen vor dem Rechner sitzen und sich denken:”Wie kann man nur…”.Das würde mir sicherlich genauso gehen. Vergesst es! Ich kann jedem nur empfehlen, sich diesem Experiment einmal auszusetzen. Lasst Euch eine Probe organisieren und lasst Euch darauf ein. Kommt aus Eurem Elfenbeinturm der festen Überzeugung und Selbstüberschätzung heraus und nordet Euch neu ein. Das gilt natürlich auch für mich! Im ersten Moment tut das weh. Der Erkenntnisgewinn ist aber unbezahlbar. Ganz schnell wird klar, wie sehr wir alle doch in bestimmten Vorstellungen gefangen sind, die beinahe gar nicht haltbar sind. Wie sehr wir Präferenzen haben und wie sehr manche doch urteilen nach dem Motto: “Es kann nicht sein, was nicht sein darf”. Mineralität, Herkunft? Lächerlich. Handschrift? Ja, aber nur dann, wenn sie besonders ausgefallen ist. Ansonsten kann man das Meiste getrost vergessen. „Das stimmt nicht“, raunt jetzt der ein oder andere? Mag sein und für den Moment mag das für auch für diejenigen, die raunen richtig sein. Macht die Probe. Danach reden wir wieder.

Und nun?

Natürlich sind wir alle keine schlechten Verkoster und natürlich muss man jetzt nicht alles ab sofort anders machen. Aber reflektieren und kurz innehalten kann man schon einmal. Ich habe gestern in der Blindprobe einen meiner absoluten Lieblingsweine abgekanzelt. Hingerichtet quasi. Ich war sprachlos, beinahe verzweifelt. Ich habe ihn weder erkannt, noch gemocht. Nicht einmal ansatzweise.

Versöhnliche an der gesamten Probe war lediglich die Tatsache, dass Weine, die auf Schiefer gewachsen sind, beinahe immer als solche erkannt wurden. Aber nur der Schiefer. Ob es Mosel, Rheingau oder Nahe war, war beinahe nicht feststellbar. Getreu dem Motto von Andi Möller: „Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien“… Immerhin habe ich eines noch erkannt. Ich habe fast alle Öko-Weine herausgeschmeckt. Also die Machart. Auch das ist nicht wirklich heldenhaft, denn ich konnte lediglich nur dreimal den Produzenten zum Ökowein zuordnen. Aber es ist besser als nichts…

Wir hatten übrigens alle gestern viel Spaß. Wir sind da nicht als gebrochene und geläuterte Menschen raus. Demütig sicherlich und auch verwundert. Aber der Effekt war ein großer. Für uns alle! Wir haben viel gelacht. Es ist eben doch nur Wein!

 

11 Kommentare zu “Demut ist angesagt!

  • EC

    Ich sehe da aus eigener Erfahrung sehr viel Wahres in den obigen Zeilen. Wir treffen uns seit gut eineinhalb Jahren regelmäßig in unserer Münchener Blindtasting-Gruppe und ich bin mir absolut sicher, daß viele Eindrücke und Wertungen ganz anders ausgegangen wären, wenn wir jeweils gewußt hätten, was da gerade im Glas war. Vor allem auch, wenn man gewußt hätte, welcher der jeweils eigene mitgebrachte Wein gewesen wäre. Bei uns gibt es aber auch nur Leute, die das Ganze ausschließlich von der Spaßseite her sehen, einen Wettbewerb gibt’s nicht, Blamagen demzufolge auch nicht…

    Blind ist geil! (Aber nur in diesem Zusammenhang…)

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  • Andreas Schwarz

    Bis man es einmal gemacht hat… Ich kann dich gut verstehen. Zu mir sage ich auch immer: “An einer Blidegustation kann man nichts gewinnen”, zumindest ich tu mir dabei immer schwer. Doch solte man es öffter machen. Öfters eine Flasche mit Freunden trinken ohne zuwissen was drin ist, da kann man einiges lernen.

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  • WS

    Und welche Konsequenzen werden nun aus diesem Effekt für die Beurteilung von Weinen in Proben nun gezogen?

    Um es klar zu sagen: Dieses erwartbare Ergebnis relativiert alle vorigen sehr differenzierten Probenberichte ganz erheblich.

    Der Anteil an Etiketteninterpretation ist weit höher als gedacht.

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  • Heike

    Hi Dirk! Wir machen ganz oft Blindproben, Lagen, Rebsorten, Jahrgänge bis kreuz und quer und international. Immer wieder ‘humbling’, wie du sagst, Demut ist angebracht. Grenzen sind schnell erreicht und so mancher liegt nicht selten komplett daneben! Ganz besonders spielt die Reihenfolge da eine große Rolle und oft haben wir schon heissgeliebte Weine degradiert… Dennoch: Man lässt sich einfach ganz anders auf den Wein ein! Man sucht die Marker um Region, Ausbauart etc zu erkennen. So spannend. Auch bei uns wird immer viel gelacht und beim Zurücklehnen wundert man sich ganz oft…

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  • Verdejo

    Dein Beitrag erinnert mich an an eine recht simpel anmutende Blindprobe eines Weinhändlers vor 15 Jahren oder so: “2 x Chardonnay, 2 x Sauvignon Blanc, 2 x Riesling”. Ist das easy habe ich mir gedacht. Weitgefehlt: ich habe nur 2 Weine richtig erkannt und dabei Riesling und Chardonnay verwechselt. Seit dem bin ich sehr bescheiden geworden, was meine Fähigkeit zur Unterscheidung angeht…..ich muss wieder mehr blind verkosten!

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  • Stephan

    Von verschiedenen Weinführern weiß ich, dass sie blind verkosten (Wein-Plus beispielsweise), von anderen weiß ich, dass sie offen verkosten (Gault-Millau, zunächst “in der Regel” offen, später “oft auch verdeckt” (Ausgabe 2016, S.80)).
    Wenn ich nun über Deine Erfahrungen, die meinen durchaus entsprechen, nachdenke, dann frage ich mich, wie soll ich mit einem Weinführer, der nicht streng blind verkostet, überhaupt umgehen? Wieviel Punkte mehr bekommt ein Wein von einem erwartet sehr guten Weingut gegenüber einem gleich guten Wein, der leider ein unbekanntes oder nicht so hoch geschätztes Etikett trägt?

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    • WS

      Nehmen Sie ihn wie er ist. Ein Weinfuehrer. Mehr nicht.
      Man muss im Laufe der Zeit gelernt haben, mit so etwas umzugehen.

      Das heißt im Ergebnis: Eingeschränkt ernst nehmen.

      Nichts als eine erste Orientierung, die je nach Führer und Region durchaus eine beachtliche Trefferquote haben kann.

      Das, was im “Weinsprech” so alles gesagt wird, ist sowieso nicht nachvollziehbar. Das kann man allenfalls nach dem Grundsatz “Klingt gut, sollte man vielleicht mal selbst probieren, wenn es preislich im Rahmen bleibt” interpretieren.

      Und selbstdann: Wie oft hat man einen Wein mit nach Hause gebracht, die in der Probe gut ausgesehen hat und ein Tag später in einem Stück…. Umgekehrt gibt es natürlich auch. Mehr als ein vorläufiger Eindruck kann die Probe nicht sein.

      Störend ist, wenn so ein erster Probeneindruck vom Autor zum endlos mit Atrributen differenzierten Endurteil aufgepustet wird. Kann gar nicht sein. Das tut der Glaubwürdigkeit eines Autors nicht gut.

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