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“real” gibt Gas!

Nachdem jahrelang „Geiz ist geil“ regierte, entdecken Supermärkte und Discounter neuerdings andere Wege. Der „Geiz-Trumpf“ ist bis zum Erbrechen kommuniziert – wenngleich das deutsche Geiz-Gen freilich nicht tot zukriegen ist. Ob und wie nachhaltig diese neuen Wege sind, wird die Zeit zeigen. Fakt ist, der LEH rüstet auf – allen voran die EDEKANER. Jetzt zieht “real” nach. Und wie!

Was heute in manchem inhabergeführtem EDEKA angeboten wird, würde jedem Feinkostgeschäft und so mancher Weinfachhandlung zu Ehren gereichen. Einfach mal zu EDEKA Nolte in Wiesbaden oder Ueltzhöfer in Heilbronn gehen und staunen. Gerne auch zu SCHECK-In nach Frankfurt oder zu Niemerszein in Hamburg. Keine Spur von billig oder schmuddelig. Im Gegenteil. Komplettversorgung auf hohem Niveau ist hier angesagt. Genau in diese Kerbe schlägt jetzt „real“. Und das auf eine Art und Weise, die ganz sicher für enormes Aufsehen sorgen wird.

In Krefeld eröffnete am 17.November auf einer Fläche von sage und schreibe 14.000 Quadratmetern ein „real“ Markt der Zukunft. Dabei entstand auf 4.000 Quadratmeter eine Fläche nur für Lebensmittel. Das Ganze nennt sich „Markthalle Krefeld“ und ist die erste ihrer Art. Ein Projekt quasi. Eine Milliarde Euro investiert „real“ in diese neuen Märkte in den nächsten drei Jahren. Das ist sportlich. Das Ganze Projekt ist sportlich. Und dementsprechend hoch ist der Druck. Das ist deutlich zu spüren, wenn man mit dem Real CEO Patrick Müller-Samiento spricht. Er hat großes vor und er hat, auch wenn es kaum einer gemerkt hat, in den letzten Jahren einiges im Konzern verändert. Dazu aber später.

Die Markthalle Krefeld setzt ein Zeichen – so viel ist klar. Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Vergleichbares gesehen zu haben. Die Weinabteilung ist dabei das unspektakulärste, wenngleich sie für einen „real“ doch reichlich anders ist. Es gibt eine Verkostungstheke, einen begehbaren „Kabinettkeller“ und, und das ist das außergewöhnliche, man kann sich jede Flasche zum Regalpreis aufmachen lassen und vor Ort trinken. Zum bisherigen Standardsortiment gesellt sich eine neue Weinauswahl. Die nennt sich „Das Gute trinken“. Das ist natürlich immer relativ, aber mit so renommierten Weingüter wie beispielsweise Wegeler und anderen VDPisten sind doch einige Zugpferde am Start. Überhaupt soll das Weinsortiment deutlich im oberen Premiumsegment erweitert werden. Auch international. Alles nicht wirklich neu, aber zumindest für “real” ein Schritt in die qualitative Richtung. Da war man übrigens vor knapp 20 Jahren schon einmal. Da wurde kistenweise top Bordeaux verkauft. Seitdem ist das Sortiment eher auf einfache Wein fokusiert.

Ungleich spannender als die Weinabteilung ist allerdings der Rest in diesem neuen Markt. 30 Bäcker backen täglich frisch. Keine polnischen Teiglinge, sondern richtiges Brot und richtige Brötchen. Im Markt steht ein Backofen, den es in seine Art so nicht noch einmal geben soll. Nebenan steht ein riesiger italienischer Pizzaofen. So einer, der in 60 Sekunden die Pizza gebacken hat – wie bei 485 Grad in Köln, nur viel größer eben. Um die Ecke ist eine Sushi Theke an der täglich drei Sushi Meister alles frisch zubereiten. Im Anschluss folgt die Fleischabteilung in der nur bestes Fleisch hängt, daneben reift der Käse und 30 Köche bereiten täglich alle Speisen frisch zu. Selbst die Pasta wird selbst gemacht. Und als wäre das nicht schon genug, hat jeder Kunde die Möglichkeit sich sein Fleisch, das er an der Fleischtheke gekauft hat, direkt von einem der Köche zubereiten zu lassen und im Restaurantbereich zu essen. Wem das nicht langt, der besucht einen Koch- oder Grillkurs in der neuen „real-Akademie“, die sich ebenfalls im Markt befindet. Da geht es dann auch ganz grundsätzlich um Genuss und alles was dazu gehört. Ein Superlativ jagt den anderen. Und da kommen wir dann auch wieder auf die Ideen und Vorstellungen des „real“ Chefs Müller-Samiento.

„Wir wollen zurück zum Ursprung“, meint er, „und das alles zum besten Preis“. Wie das gehen soll, frage ich mich und ihn natürlich sofort. Beste Preise gehen ja eigentlich immer zu Lasten entweder der Produzenten, oder der Mitarbeiter. „real“ zahlt, so die Aussage, die höchsten Löhne im Vergleich zu den Mitbewerbern. Von 30 Prozent mehr ist die Rede. Kurz gegoogelt und es sieht so aus, als wäre das tatsächlich so. Die Mitarbeiter bleiben im Schnitt 17 Jahre im Betrieb. Das klingt nicht nach Ausbeutung. Was bleibt also? Lieferanten ausquetschen? So ist es dann wohl auch nicht, wobei das natürlich immer schwierig zu verifizieren ist. Müller-Samiento nennt ein Beispiel. Es geht um Pesto. Um eine sehr ordentliche Pesto. Da hat „real“ einfach den Hersteller gekauft. „50 Prozent unseres Sortiments ist nachhaltig“, erklärt er. Schon wieder so ein Schlagwort. „Nachhaltig“. Auch das ist immer schwierig. Er erklärt zum Glück gleich, was er darunter versteht. Alles was bio, slow food, fair trade, CO2 neutral und regional ist. Natürlich ginge das nicht in allen Märkten, meint er. Im preissensiblen Umfeld schon gar nicht. Das neue Konzept sei maximal auf 30 bis 50 Standorte übertragbar, glaubt der CEO. Vorausgesetzt, es funktioniert.

Es ist ein Spagat, das ist klar. Auch in Krefeld wird es ein Spannungsfeld im neuen Markt geben. Müller-Samineto nennt das ein „hybrides Konzept“. Neben der selbstgemachten Pasta gibt es eben auch die billige. Er hat einen ganzheitlichen Ansatz, der fällt auf und der macht tatsächlich auch sympathisch. „Wir wollen den Dönerbuden nicht den Markt überlassen. Wir wollen, dass das Mittagessen wieder stattfindet. Am liebsten bei uns“, erklärt er. „Wir verkaufen Ihnen eine ordentliche Roulade. Die können Sie hier gleich essen, mit nach Hause nehmen und im Zweifelsfall zeigen wir Ihnen vorher, wie man die zubereitet“.

Der Mann wirkt nicht wie ein kühler Konzernlenker und Rechner. Er ist tief drin im Thema Nachhaltigkeit und Ökologie. Das wird schnell klar. Er ist eloquent, aber ohne diese typischen Platzhalter-Symbol-Sätze, die der Assistent zusammengewürfelt hat. Er kümmert sich tatsächlich selbst, reist viel und besucht die Produzenten. Bei Thema Avocado wird es ganz deutlich. Wir kamen irgendwie darauf und was folgte war eine Art Proseminar in Sachen ökologisch sinnvoller Avocadoanbau. Es kann ja eigentlich nicht schaden, wenn einer weiß wovon er redet.

Und nun? Fazit?

Ich habe es oben erwähnt, das neue Konzept ist sportlich. Es bleibt abzuwarten ob das Ganze funktioniert – oder eben nicht. Es ist eine deutliche Ansage, an alle Mitbewerber. Nicht nur im LEH, sondern eben auch im Fachhandel UND an die Gastronomie. Es gibt, zumindest für mich, keinerlei Zweifel, dass sich die Einkaufsstätten und deren Akzeptanz wandeln werden. Von den erwähnten EDEKANERN, über dieses „real“ Konzept bis hin zum Kauf im Internet. Alles wird anders werden. Wer Erfolg haben wird und wer nicht, wird die große Frage sein. Fakt ist, Kompetenz wird punkten. Beratung auch. Bisher war das das Alleinstellungsmerkmal des Fachhandels. Das neue „real“ Konzept greift auch hier an. Die Fläche macht dem Fachhandel in ihrer letzten “Kompetenzbastion” Druck. Ich bin gespannt, ob und wie das funktionieren wird. Hat „real“ überhaupt die Chance die relevante Zielgruppe zu erreichen? Ich habe den Markt vor der Eröffnung besichtigen können und werde ihn mir die Tage noch einmal anschauen, wenn er im normalen Betrieb läuft.

6 Kommentare zu ““real” gibt Gas!

  • de Pälzer

    Natürlich wäre ich froh, so einen “Laden” in der Nähe zu haben, aber allein von Menschen wie mir, die mal für das Wochenende dort einkaufen, können die nicht existieren. Das geht eher in Großstädten wie Frankfurt. Ich denke an den Keller von Karstadt in der Zeil. Da kommen über Mittag jede Menge Bänker, die für guten Umsatz sorgen.
    Trotzdem viel Glück………..

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  • till

    Die Welt dreht sich neu und immer wieder anders.
    Der Schritt von REAL geht in die richtige Richtung und eigentlich nicht neu
    bewegt sich alles eigentlich wieder richtung “Tante Emma”
    Wenn das mehr Gruppen im LEH begreifen und umsetzen hat der Kunde in Zukunft wieder Vergnügen beim Einkaufen
    und begreift vor allem das Lebenmittel ein wichitiges und vor allem nicht immer nur billiges Gut sind.
    Gebe Dir recht Dirk es bleibt abzuwarten, doch in Österreich ist in der Richtung schon eine Menge los und es funktioniert. Schön wenn es in Zukunft auch hier weitere Beispiele in diese Richtung gäbe, wie auch längst das Kaufhaus wie Kaufhof oder Karstadt längst”out of Time” sind. auch die müssen sich wandeln!!

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      • Willi Igel

        Alberne Kritik, in der Tat! Guter Bericht!

        Bei den Top-Edekas fehlt allerdings noch der vom Scheff in Köln, aber darüber will ich mal hinwegsehen, habe heute meinen gnädigen Tag. Wobei, da bin ich eigentlich auch schon am Punkt. Dass der Scheff so exzellente und durchaus nicht billige Waren verkaufen kann und die Kundschaft ihm auch Weine jenseits der 20, 50 und sogar 100 Euro aus den Händen reißt, hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sein Feinkostedeka nicht im Arbeiterviertel steht (wenn es sowas heute überhaupt noch geben sollte), sondern im wohlhabenden und lifestyligen Teil von Köln.

        Entsprechend wird das sehr begrüßenswerte Real-Konzept nur dort funktionieren können, wo Kundschaft in der Nähe wohnt, die weiß, was Wagyu ist. Oder mit Gewürztraminer affinierte Fourme d´Ambert. Oder ein GG. Selbst Juristen, früher mal die Speerspitze des gehobenen Alkoholismus wissen das mit dem GG heute nicht mehr unbedingt. Der Jurist, mit dem ich neulich bei Rutz einen solchen Wein trank, fragt ernsthaft (!!), was das Ganze mit dem Grundgesetz zu tun habe oder warum die GG aufs Etikett schreiben. Da hat real noch einen Erziehungsauftrag!

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  • Dieter Eheim

    Gottseidank kann ich mit meinem Radl Edeka Ueltzhöfer (ca. 3 Km) erreichen und hiermit bestätigen, daß die Weinabteilung außergewöhnlich gut ist. Spitzenweine quer durch die Republik, gute fachliche Betreuung, samstags werden kleine Gerichte mit Weinbegleitung angeboten, Genusswelt pur – also was will man mehr!

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