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Grosse Gewächse 2015 – Fazit

Der Verkostungsmarathon ist vorüber, Zeit für ein erstes Fazit.

Ich hatte es im ersten Blogbeitrag zum Thema bereits erwähnt – der gesamte Jahrgang 2015 ist heterogen. Es ist schlicht und ergreifend beinahe alles wie immer, denn es gibt solche und solche Weine. Für den Konsumenten ist 2015 klasse, viele Weine sind schon früh sehr zugänglich. Ob sich die Weine im Premiumbereich als “Langstreckenläufer” erweisen werden, wird die Zeit zeigen. 2015 gilt als klassisches warmes Jahr. Gerade wenn es um Riesling geht, schätzt der Freak die eher kühleren Jahre – die entwickeln sich langsamer und, allem Anschein nach, auch besser. 2004 ist so ein Beispiel. Die Weine haben sich grandios entwickelt, während sich über 2007 die Geister streiten. Ist das aber tatsächlich so?

Vieles davon ist schlicht reine Theorie. Ein Phänomen, welches vielerorts zu besichtigen ist, hat eine bekannter und berühmter Kollege gestern treffend auf den Punkt gebracht: “80 Prozent beschwören die Eleganz und Feinheit, dabei wollen 90 Prozent davon eigentlich nur druckvolle Weine trinken”. Man könnte das durchaus mit der Tatsache vergleichen, dass angeblich alle trockene Weißweine wollen, nicht trockenen Weißweine aber die hiesigen Verkaufsstatistiken anführen. Ein Paradoxon. Nicht das erste in der Weinwelt… Was ist also nun mit den kühlen und den warmen Jahren?

Kommen wie zurück zu 2015, so wird ein finales Urteil erst in einigen Jahren möglich sein – was ja auch völlig normal ist. Alles andere ist Kaffeesatzleserei. Es gibt so ein oder zwei Dinge, die Signale sein könnten: 2015 ist definitiv anders, als die anderen klassischen warmen Jahre. So erscheint es mir jedenfalls. Die Säure ist höher, prägnanter und vielleicht hilfreicher, was die weitere Entwicklung angeht. Die Säure alleine ist natürlich kein finaler Parameter, aber, wie gesagt, ein Signal in jedem Fall.

Im Ultra Premium Bereich – und darum geht es bei den VDP.GG – ist es natürlich so, dass die “üblichen Verdächtigen” die Nase vorne haben. Alles andere wäre ja reichlich merkwürdig. Warum sollte einer, der seit Jahrzehnten Spitzenqualität macht, auf einmal damit aufhören? Insofern ist der Einwand, den ich in denletzten Tagen öfter hörte und auch hier im Blog als Kommentar las, in Richtung “übliche Verdächtige” zumindest für mich reichlich absurd. Man stelle sich vor, man verlange von Porsche auf einnmal KEINE guten Autos mehr zu bauen. Oder von wem auch immer… Daneben gibt es einiges natürlich zu entdecken, wenn man sich denn darauf einlassen möchte. Luckert beispielsweise, die Jungs in Württemberg, manches in Franken.

Bei dieser Entdeckungstour gibt es zahlreiche Hilfe von Journalisten, Bloggern, Sommeliers und natürlich auch Händlern. Wer für wen der passende Tourguide ist, das muss jeder selbst herausfinden. Es geht für jeden einzelnen immer um eine gewisse Nachvollziehbarkeit und subjektive Präferenzen. Jeder hat den, den er als kompetent ansieht. Den alleinigen Wahrheitspächter kann es nicht geben, gibt es auch nicht mehr. Das wäre im Übrigen auch ein Rückschritt in Zeiten, in denen Weinwissen Herrschaftswissen war. Die haben wir – zum Glück -hinter uns gelassen. Es geht um Geschmack und persönliche Vorlieben und nicht um die Wahrheit. Es gibt zu viele Wahrheiten in der Geschmackswelt. Und wie ein Mensch, den ich sehr schätze immer so treffend sagt: die Welt ist bunt! Dementsprechend sind auch meine Einschätzungen einzuordnen!

Alles was von der Saar kommt ist in diesem Jahr großartig. Die Mosel im Allgemeinen, die Saar und auch die Ruwer im Speziellen. Franken macht einfach ebenfalls nur Spaß. Im letzten Jahr schon und dieses Jahr wieder. Die Nahe untermauert einmal mehr ihre Spitzenstellung als eine der herausragenden Destinationen des Landes. Württemberg mausert sich zu meiner neuen, heimlichen Liebe. Da passiert so einiges, leider oftmals ohne große Aufmerksamkeit.In der Pfalz bleibt das sehr hoch. Rheinhessen ist gewohnt stark, in diesem Jahr besonders an der Rheinfront. Und was den Rheingau angeht freue ich mich darüber, dass viele Kollegen einen erfreulichen Trend und viel Bewegung attestieren.

Mein Absoluten Lieblingsweine kommen dann, wie immer, am Ende des Jahres. Ich werde viele bis dahin noch einmal verkosten und so meine Momentaufnahmen der letzten Tage überprüfen.

Der Kollege Schnutentunker hat auch fazitiert…

13 Kommentare zu “Grosse Gewächse 2015 – Fazit

  • Pingback: #vdpgg16 Wiesbadener GG Premiere 2016 – Der Schnutentunker

  • Konstantin

    Vielen Dank für das Fazit und die Live-Berichterstattung aus Wiesbaden, der ich immer gebannt folge. Zu Deinem Fazit fällt mir nur ein Zitat von Robert Musil ein: “Es gibt Wahrheiten, aber keine Wahrheit.”. Das scheint auch auf die Weinwelt zu passen :-)

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  • Lukas Fitz

    Hallo Dirk,

    was den da passiert? 2 ganze Absätze für das Plädoyer der Verteidigung.

    Vorab – Vielen dank für deinen „live Blog“ während der Verkostung, es war spannend ihn über die zwei Tage zu lesen. Es gibt auf jeden Fall den ein oder anderen Wein den du mir praktisch schon Verkauft hast.

    Natürlich findet man bei einer solchen Verkostung auch immer die „Klassiker“ immer wieder mit vorn dabei. Das diese das Feld dominieren ist auch kein wunder sonst wären es keine Klassiker.

    Kann natürlich sein, dass es für den einen oder anderen zu wenig in die breite geht, ist aber auch sehr schwer bei Top Weinen einzelne Verbesserungen zu erkennen und zu behalten.

    Wie du selber schon gesagt hast….es gibt dutzende „Wein Guides“ wem es nicht gefällt…feel free….

    Grüße

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  • Werner Elflein

    Was ist für dich “klassisches heißes Jahr”? 1999? Und sind es nicht gerade auch unter anderem einige der (klassischen oder nicht-klassischen) heißen Jahrgänge gewesen, die besonders langlebige Weine hervorbrachten? Ich denke da an 1959, aber auch an 2003, wenngleich insbesondere 2003 doch sehr aus der Rolle fällt.
    2004 war kühl, die Pflanzen litten aber dennoch unter Wassermangel infolge des Vorjahres. Daher auch die oft zu findenen Gerbstoffeinlagerungen. 2011 ist der Trockenstress in den Weinen meist allgegenwärtig.
    2015 hat zwar auch seine “Aussetzer”, aber in der Breite halte ich ihn für den besten Jahrgang seit … Ja, seit wann eigentlich? Ich habe vor allem an der Mosel dieses Jahr so viele große Rieslinge verkostet wie noch nie zuvor. Kajo Christoffel, Stefan Erbes, Dr. Hermann, G. Steinmetz, Hermann & Steinmetz, Max Ferd. Richter, Thanisch, Maximin Grünhaus … Die Liste ließe sich fast beliebig fortführen. Franken steht ebenfalls top da: Rudolf May, Fürst Löwenstein, … Da brauchen wir uns über die Reifeentwicklung meiner Meinung nach überhaupt keine Sorgen zu machen.

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    • Dirk Würtz Post author

      Die Mosel, insbesondere die Saar ist phänomenal. Franken auch. Habe ich ja geschrieben.
      Gerbstoffeinlagerungen in 2004? Kann ich nicht bestätigen und ich trinke die momentan oft, weil sie gerade in einen sehr schönen Zustand sind. Trockenstress in 2011 kann ich ebenfalls so nicht nachvollziehen.

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      • Werner Elflein

        Die Geschichte mit den Gerbstoffeinlagerungen 2004 hatte mir mein leider zu früh verstorbener Weinfreund Jürgen Steinmeyer seinerzeit bestätigt und auch genau erklärt. Im Nachheinein sehr plausibel. Heute und mit fortschreitender Reife sind diese Einlagerungen weniger auffällig, aber den betroffenen Weinen (und das sind nach meinen Erfahrungen eine ganze Reihe) mangelt es an Tiefe und Länge. Sie werden durch die Phenole geradezu “ausgebremmst”.
        2011 fehlt nur noch die helle Farbe, dann wäre die Diagnose “UTA” komplett. Ist es natürlich nicht, aber dass 2011 oft über einen – sagen wir es freundlich – doch sehr auffälligen, der Trockenheit geschuldeten Jahrgangston verfügt, kannst du beim besten Willen nicht bestreiten. (Tut auch sonst in der Branche kaum jemand.) Auch nicht, dass die Winzer reihenweise die Ertragsgrenzen gerissen haben, und damit meine ich nicht die selbst gesteckten. Persönlich gefällt mir die windelweiche, oberflächliche Stilistik des Jahrgangs gar nicht.
        2007 finde ich übrigens gerade grandios. Schade ist nur, dass ich kaum noch welche habe. Und was 2009 angeht – da werden sich viele noch positiv wundern.

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        • Sigbert Frisch

          Wie schmeckt denn dieser vermeintliche Jahrgangston 2011? Und wessen Weine leiden darunter? Ich finde, 2011 war vielfach ein großer Jahrgang – besonders an der Mosel. Aber von solchen Details der Weinerzeugung habe ich keine Ahnung.

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  • Stephan

    Gerbstoffeinlagerungen in 2004? An diese Diskussion kann ich mich erinnern, damals auf TAW.
    Ich halte es mit Felix Bodmann und anderen, die ein kleines Gerbstoffschwänzchen auch beim Riesling ganz attraktiv finden. Reif muss er halt sein, der Gerbstoff, und nicht zu präsent, dann stört er auch nicht die Entwicklung auf der Flasche. Im Gegenteil, er ist am Gaumen recht animierend und bei Rieslingen, die ich zum Essen trinke fügt er ein kleines Extra hinzu.

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    • Werner Elflein

      Stephan,
      ja, manche Weintrinker finden das attraktiv. Dürfen sie ja auch. Nur nimmt dieser Gerbstoff den Weinen auf der anderen Seite auch etwas weg, was andere wiederum attraktiv finden. ;)

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      • Stephan

        Werner,
        dann ist das aber eher eine Geschmacks- als eine Qualitätsfrage. Feine reife Gerbstoffe in passender Dosierung kann man, muss man aber nicht mögen. (Es soll auch Menschen geben, die da sensorisch sensibler sind als andere, was Gerbstoff angeht.)

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        • Werner Elflein

          Stefan,
          wenn die Gerbstoffe deinen Mund so austrocknen, dass der Zungenboden am Gaumensegel klebt, hört es meines Erachtens auf, eine Geschmacksfrage zu sein. Bis zu einem gewissen Punkt gebe ich dir Recht, mir scheint die Dosis bei vielen Weine aber klar überzogen. Ich glaube allerdings, dass diese Mode bereits wieder deutlich auf dem absteigenden Ast ist.

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  • Tomislav Markovic

    Hallo Dirk,

    wie hast Du Baden erlebt? Das fehlte mir in der Aufzählung. Würde mich interessieren.
    Danke.

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