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Die Franzosen können es gut, die Amis noch besser…

Zum Jubiläum nach 40 Jahren schon wieder ein Demütigung für die “Grande Nation”, und das ausgerechnet im Rheingau. Beim 20. Gourmet und Wein Festival wurde an jene denkwürdige Blindverkostung im Frühjahr 1976 erinnert, deren sensationelles Ergebnis lautete: Die besten Chardonnay und Cabernet-Sauvignon kommen nicht aus Frankreich, sondern aus dem Napa Valley. Zeit für eine Bilanz und einen Bericht. bockZu Zeiten, als noch niemand via Mail, Twitter, Instagram, Facebook, Whatsapp, Internet unmittelbar hinausposaunen konnte, dass Chalone und Montelena den Franzosen buchstäblich Saures gegeben hatten, dauerte es eine Weile, ehe die Notiz des einzigen (in Zahlen: 1) Journalisten, der sich dafür interessiert hatte, im “Time Magazine” ein Art Erdbeben auslöste. Organisator und Weinhändler Steven Spurrier war fortan Persona non grata in den französischen Anbaugebieten, den Juroren war ihr Urteil höchst peinlich. Der Mythos des so überlegenen französischen Weines war erschüttert. Und besonders erstaunlich: Nachproben in späteren Jahren bestätigten mehrfach im Wesentlichen die Ergebnisse von Paris. Rückblickend und vor dem Hintergrund jener Zeit war es die wohl wichtigste Weinprobe weltweit. Ich amüsiere mich heute noch gerne bei einem Glas Chardonnay und sehe den amüsanten Spielfilm “Bottle Shock” (2008), auch wenn die Wahrheit nicht nur ein wenig anders aussah als in dem Hollywoodstreifen.

Immerhin: Vier Jahrzehnte nach dem ersten Debakel erging es den Franzosen im Rheingau keinen Deut anders. Bei einer Blindprobe im Hattenheimer Kronenschlösschen bildeten die Jury diesmal 40 weinerfahrene Gäste. Die Weine stammten zumeist aus den damals vertretenen Gütern, allerdings nicht mehr die Jahrgänge. Dennoch: Bei den zehn Chardonnay setzten sich drei Amerikaner an die Spitze (Sieger El Molino) während drei Burgunder die Schlusslichter bildeten. Unter den zehn Cabernet-Sauvignon-Weinen aus dem Jahrgang 1995 belegten die Kalifornier sogar die ersten vier Plätze, angeführt von Bacio Divino. Haut-Brion kam hingegen als bester Franzose nur auf Rang fünf, Mouton-Rothschild landete abgeschlagen auf dem vorletzten Platz. Das war noch deutlich schlechter als vor 40 Jahren, als Mouton hinter Sieger Stag’s Leap Wine Cellars immerhin Rang zwei gewann.

Genau wegen solcher Proben und Gelegenheiten liebe ich das Gourmet Festival, das ich seit Anfang an journalistisch begleite. Besonders gern erinnere ich mich an eine legendäre DRC – Probe…. einfach phänomenal!

Auch wenn nicht jeder Winzer und nicht jeder Koch ein Volltreffer war und ist. Als vor einigen Jahren die angeblich beste Köchin Chinas eingeladen wurde, um asiatische Küchenkunst zu zelebrieren, da erwiesen sich ihre Leistungen am Herd zwar als teuflisch scharf, aber sonst bestenfalls als durchschnittlich. Ihr Auftritt ist heute der vielen Anekdoten aus 20 Jahren Festival-Geschichte, über die Initiator und Festivalchef Hans-Burkhardt Ullrich lächeln kann. Aus dem lokalen Wagnis von damals wurde ohne öffentliche Förderung und politische Unterstützung ein kulinarisches Stelldichein mit weltweiter Strahlkraft. Es gibt es einer Region in einer Jahreszeit Impulse, in der sonst weitgehend noch „tote Hose“ ist.

Mit 34 Weinproben, Lunches, Gala-Diners und Kochdemonstrationen an zehn Veranstaltungstagen ging es im Frühjahr 1997 nach dem Vorbild des kalifornischen “Masters of Food and Wine” los. Seither wurde das Konzept immer wieder verändert. Nach dem Verkauf der Assmannshäuser “Krone” durch Ullrich wurde 2004 das Hattenheimer “Kronenschlösschen” Festivalstandort. Aus zehn wurden schließlich 18 Veranstaltungstage, aus rund 30 mehr als 60 Veranstaltungen, und statt 3000 sind es heute 6500 Feinschmecker, die ihr Geld im Rheingau lassen. Mit rund 1500 Übernachtungen werden etliche Hotels gut gefüllt.

Und während sich Ullrich in den Anfangsjahren noch darum bemühen musste, bekannte Köche in den Rheingau zu locken, klopfen heute manche Küchenmeister ganz von selbst an die Tür. Ein Drittel aller Drei-Sterne-Köche weltweit war inzwischen hier. Harald Wohlfahrt und Dieter Müller sind ohnehin Stammgäste. Dass diesmal Pierre Gagnaire seinen Herd im Pariser “Trois Etoiles” verlassen hat, darf als Ritterschlag gelten, den das Festival eigentlich gar nicht mehr nötig hat. Natürlich gab und gibt es auch immer Kritiker. Ist es richtig, ausländischen Winzern ausgerechnet im Rheingau eine Plattform zu geben, wurde anfangs von Kirchturmpolitikern der Branche gefragt. Mancher Winzer stört sich bis heute, dass er mehr seiner besonders guten Tropfen  anliefern muss, als tatsächlich gebraucht wird. Die Preise für besonders exklusive (und schnell ausgebuchte!) Veranstaltungen (wie 20 Jahrgänge “Château Le Pin”) werden bisweilen als dekadent angegriffen. Ja, es lässt sich an vielem mäkeln, wenn man denn will. Darin sind wir Deutschen stets besonders gut. Ist das gerechtfertigt? Nein! Unterm Strich trägt das Festival enorm zum Renommee des Rheingaus bei. Das gibt es nicht umsonst. Und fast jede andere deutsche Region würde das liebend gerne importieren oder kopieren. Also ich freu mich auf 2017… !

PS… und hier trage ich noch das Ranking des Paris-Wine-Tasting 2016 nach:

Cabernet Sauvignon (alle Jahrgang 1995)

1. Bacio Divino

2. Ridge Monte Bello

3. Josef Phelps Backus Vineyard

4. Chateau Montelena.

5. Platz Haut Brion

6. Caymus Special Selection

7. Lynch Bages

8. Leoville-Las-Cases

9. Mouton Rothschild

10. Chateau Montrose.

Chardonnay (alle 2005 oder 2011)

1. El Molino Winery

2. Ramey Wine Hudson Vineyards

3. Ridge Montelbello

4. Domaine de Comtes Lafon “Clos de la Barre”

5. Michel Bouzereau “Perrieres”

6. Chateau Montelena (Sieger von 1976)

7. Newton Chardonnay unfiltered

8. Francois Mikulski „Les Genevrieres 1er Cru“

9. Henri Darnat „Les Champs Gains 1er Cru“

10. Georges de Vogüe „Domaine Comte“

2 Kommentare zu “Die Franzosen können es gut, die Amis noch besser…

  • Erik Theissen

    Ich hatte zufällig am Samstag den 1995er Leoville Las Cases in einer Probe. Alle am Tisch waren sich einig, dass das ein grossartiger Wein ist, der (gute Lagerung vorausgesetzt) noch etwas Zeit braucht. Ich habe ihn mit 94+ bewertet. Vielleicht waren die Weine auf den ersten sieben Plätzen ja alle besser, aber für einen Wein wie den 1995er Las Cases muss sich kein Land der Erde schämen.

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    • Rheingauer Weinschmecker Post author

      Das stimmt (und habe ja auch nichts Gegenteiliges behauptet…), Der Leoville ist groß, aber: Der Bessere (sogar Mehrzahl!) ist der Feind des (verdammt) Guten, und diesem Fall waren wir uns alle einig….

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