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Marc Weinreich – Wortspiel verboten

Nach längerer schöpferischer Abwesenheit lassen wir heute wieder mal den Gampe ran…

Was habe ich neulich wieder lesen müssen? Es gibt endlich wieder neue Verbote. Die Weinsprache bekommt sogar ihr eigenes Bullshit Bingo. Was gestern noch erlaubt war, ist heute schon verboten. Mineralisch? Weg damit! Salzig? Hör auf, weg damit! Burgundisch? Bist du deppat? Aschenbecher, Bahnschiene, in Salz eingelegte Stachelbeere??? Ekelhafter Hipstersprech! Weg damit!

Geht es nach der Meinung so mancher Facebookweingruppenmitglieder (was für ein Wort – weg damit!), dann gehören diese Weinbeschreibungen ein für allemal auf den Scheiterhaufen. Alle Begriffe verbrennen die man nicht versteht, oder nicht verstehen will. Zurück zu den vertrauten Weinbeschreibungen und somit zu den „Grünen Reflexen“ (nicht politisch), „mittleren bis hohen Viskositäten“ und dem klassischen langem oder kurzem „Abgang“ (auch nicht politisch).
Halt! Stop!
Wer so etwas lesen will kauft sich bitte eines der einschlägigen Weinmagazine oder besucht den Lehrgang zum IHK geprüften Sommelier. Kreative Weinbeschreibungen weg von der Norm, werden von den Prüfern nicht gern gehört (O-Ton aus dem Berliner Sommelier Kurs 2010). Hier geht es so klassisch zu, wie Kassler mit Sauerkraut. Was faselt der Gampe so lange rum und wann geht inhaltlich endlich um Wein? Vollkommen richtig lieber aufmerksamer Leser. Wenn man Einleitung nicht kann, weg damit!
Wein studiert, hat Marc in Geisenheim. Wein gelernt, hat Marc bei Wittmann. 2009 stellt er, damals als 26 jähriger, nach dem frühen Tod seines Vaters, den elterlichen Betrieb vollkommen auf „öko“ um. Böse Zungen behaupten jetzt: „ Dann hätte er sich Geisenheim gleich sparen können“. Alleine die Parties sind schon ein Studium in Geisenheim wert. Außerdem hätte er dann nicht seine jetzige Frau Nina kennengelernt, die zur gleichen Zeit den Studiengang Internationale Weinwirtschaft belegte und heute mit ihm zusammen im Weingut arbeitet. Sein älterer Bruder verbringt die meiste Zeit des Jahres im Keller (beruflich), während Marc erfolgreich das Marketingzepter schwingt.

Dennoch – die romantische Vorstellung eines Familienweingutes will Marc gar nicht vermitteln. Weil es sie so gar nicht gibt. Es sei sogar meistens schwieriger in einem Familienweingut neue Wege zu beschreiten. Die Vorstellungen in der Weinbereitung, oder in der Gesamtausrichtung des Weingutes können manchmal schon sehr unterschiedlich sein. Der Vorteil dabei sei aber, dass so manch langwierige Gespräche bestimmt den einen oder anderen Fehltritt verhindert haben.

Drei Weißweine und ein Orange

Den Anfang macht der trockene Riesling „Hasensprung“ 2013. Für seine Lagenweine verwendet Marc die reifsten, jedoch nicht überreifen Trauben aus den ältesten Weinbergen. Sie werden sorgfältig selektioniert und dann für mehrere Stunden auf der Maische stehen gelassen um möglichst viel Aroma und Geschmack aus den Beeren zu lösen. In der Nase vernehme ich reife Aromen von Weinbergspfirsich, weiche Birne (bitte keinen Rückschluss auf den Geisteszustand des Autors!) und Bananenschale. Am Gaumen dann zarte Aromen von Minze und eine filigrane Säure die spielend die recht üppigen Aromen miteinander verbindet.

Der zweite Wein ist der ebenfalls trockene Riesling „Geyersberg“ 2013. Dieser Riesling ist extrem vielschichtig. Aromen von Walnuss, leicht angeröstetem Sesam, Thymian und Sojasauce mit etwas Honig tummeln sich im Glas. Am Gaumen stoßen dann noch Pfirsich und etwas Bergamotte mit hinzu. Jetzt aufgepasst: „Cremiger Abgang mit mineralischem Finish“ Was für ein bombastischer Wein für ca. 20 Euro. „Kudos“! (gugeln) lieber Marc!

Marc kann nicht nur Riesling… Weißburgunder „Stein“ 2013. Der Wein wurde im 500 Liter Eichenholzfass mit Hefelager bis zur Flaschenfüllung (Ende Juni) ausgebaut. Wat ne geile Sau, also der Wein. Beim ersten Schnuppern muss ich sofort an Big Lebowski „The Dude“ denken. Der Geruch vom White Russian schwirrt mit um die Nase. Dann folgt der Duft von frisch gemahlenem Kaffee und Toffee. Hier ist was los! Am Gaumen dann saftig und cremig wie der Schaum eine Hefeweizens. Mein Weißburgunder 2016! (spinnst du Gampe, es ist erst Anfang März…

Das Beste zum Schluss?

Orange (Weißburgunder/Chardonnay) 2013. Diesen Wein habe ich aus Forschungszwecken über fünf Tage getrunken. Bei den maischevergorenen Weißweinen ist das sogar sehr empfehlenswert, denn es passiert unheimlich viel. Am Ersten Tag war der Wein total verschlossen und außer einem Hauch von UHU (nicht das Tier, sondern die Tube) war überhaupt nichts los im Glas. An den weitern Tagen passierte dann stündlich etwas anderes. Erst war ganz viel Minze im Glas, später dann Aromen von Bananenblättern gefolgt von frisch zerdrücktem Zitronengras. Am letzten Tag, kam dann der geriebene Ingwer und das Graubrot mit feuchtem Kern hinzu. Für mich ein perfekter Vertreter der Orange Wines, den die Gegner dieser „Weinmode“ unbedingt probieren sollten. Und alle anderen natürlich auch!

Mein Fazit:“ Trinkt Weinreich und macht ihn steinreich“… Mist doch ein Wortspiel zum Schluss.

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Marc Weinreich – Wortspiel verboten

  • EC

    Ist schon entzückend, wie man sich über die Art des “Weinsprechs” teils stark von hohem Blutdruck geprägt ereifern kann. Auch da wird die Genußsache für viele schnell zum Battlefield. Völlig daneben aus meiner Sicht, gerade bei diesem Thema stünde manchen Personen etwas mehr “laissez-faire” gut zu Gesicht.
    Ich bediene mich bei meinen Beschreibungen dem, was mir gerade in den Sinn kommt. Das führt dazu, daß bei meinen höchst subjektiven Texten jedes Lager unbewußt in gewissem Maße berücksichtigt wird. Ich suche aber nicht krampfhaft nach möglichst originellen oder möglichst “seriösen” Formulierungen. Auch den Vertretern der eher lockeren Art könnte man manchmal schon eine gewisse Verbissenheit bei der Suche nach möglichst unorthodoxen Begrifflichkeiten unterstellen.
    Wenn ich den Geruch eines Stahlwalzwerks gerade präsent habe und er sich für mich mit einem Wein assoziiert, dann verwende ich ihn ganz spontan, manchmal ist es eben “nur” z.B. die florale Note, die mir zu einem Aroma einfällt.
    Bleibt locker, Leute! Wem der Stil eines Geschreibsels nicht gefällt, der kann ganz einfach weiterklicken. Sich darüber zu ereifern, vergällt einem nur die sensorischen Sinne, was ich als höchst kontraproduktiv empfinde…

    Reply

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