Alles über Wein und den Rest der Welt…

Südafrika, gereift

Können alte Weine der Neuen Welt ein Trinkvergnügen sein? Falsche Frage, zumindest wenn es um Südafrika geht. Denn dass diese Weine hervorragend reifen können, das ist ein alter Hut, und eine Zuordnung Südafrikas zur „Neuen Welt“ ist fast schon fragwürdig, wenn man sich näher mit mehr als 350 Jahren europäisch begründetem Weinbau am Kap beschäftigt. Über das beachtliche Reifepotential ist allein schon insofern wenig bekannt, als richtig alte Südafrikaner in Europa kaum oder gar nicht zu bekommen sind. Es sei denn, Bacchus lächelt einem zu, diesmal in Gestalt des Rüdesheimer Winzers Carl Erhard, der aus seiner aufregenden Zeit in Südafrika Mitte der neunziger Jahre das Beste, was seinerzeit zu trinken war, mit nach Deutschland mitgebracht und vor allem aufbewahrt hatte. Dass er uns jetzt einen tiefen Einblick gewährte, ist aller Ehren wert! Und es war ein Vergnügen der besonderen Art, merci!

In kleiner Runde gab es einen bemerkenswerten Querschnitt zu verkosten, und so viel sei vorausgeschickt: Es waren durchweg erstaunlich hohe Qualitäten zu schmecken. Rotweine mit teils phänomenaler Frische und belebender Säure, mit Komplexität und Tiefgang, eher auf der eleganten als auf der schwermütigen Seite, und durchaus mit Potential zur weiteren Reife. Und hier nun ein paar – zugegeben holzschnittartige – Eindrücke…, aber ich war schnell mehr auf der Seite der kaum gezügelten Trinklust als der weinakademischen Seziererei…

SAGrangehurst 1993 Cabernet Sauvignon (by Jeremy Walker)

steht wie eine Eins im Glas. Betörende Frucht in der Nase, wenn man mit dem Riecher eine Art „staubigen Vorhang“ vor dem Bukett  durchdrungen hat. Viel Tabak und fetter Lakritz, frische, klare Säure, moderate 12 Prozent Alkohol, Genuss ohne Reue

Neil Ellis 1994 Cabernet – Merlot

sehr üppiges Aromenspiel in der Nase, fortgeschrittene Reife bei guter, lebendiger Säure, dunkelbeerig, gekochte Früchte, animierend, fleischig, animalisch, nicht fett sondern elegant, im Abgang allerdings verliert sich ein wenig die Klarheit, sonst perfekt

Warwick 1994 Estate Trilogy

vor wenigen Wochen hatte ich den 2012er im Glas, und die Verwandtschaft über zwei Jahrzehnte hinweg ist sehr erstaunlich. Eine Fruchtbombe mit leichter Überreife, der es allerdings an Komplexität und Spannungsbogen fehlt, insgesamt recht eindimensional, andere sagen „langweilig“, in jedem Fall stört das süßliche Finale am Gaumen

Buitenverwachting 1992 „Christine“

Bei jedem Besuch vor Ort ist die „Christine“ einer meiner roten Lieblingsweine im für mich schönsten Weingut Constantias (unbedingt zum Lunch anmelden!), leicht minzige Noten, sehr frisch, guter Trinkfluss, hohe Komplexität, fein strukturiert, klasse!

Vriesenhof 1992 „Kallista“

Dieses Weingut habe ich bei meinen Besuchen in der Vergangenheit immer ausgelassen, aber das nächste Mal muss ich hin! Sehr runder, samtiger Roter mit guter Balance, fein austarierten Tanninen, gute Frucht und Säure, schmeckt nach mehr…

Glen Carlou 1994 Grand Classique Reserve

aus dem wunderschön gelegenen Weingut der Hess Family mit der Schweizer Flagge vor dem Haus, auch das ist immer einen Besuch wert, nicht nur wegen der Kunstsammlung und dem Ausblick in die Landschaft, atemberaubend. Die Chardonnays dort gefallen mir meist sehr gut. Zuletzt wurde mir ein sehr interessanter Viognier eingeschenkt. Und jetzt endlich mal ein Alter! Mann o Mann, Klasse: Ein sehr geschmeidiger Rotwein mit dezenter Fruchtsüße der feinen Art, langer Nachhall, zupackend, leicht kühler Zug, den Jahrgang errät blind niemand, so frisch und gut!

Kanonkop 1993 Paul Sauer

Bester Rotweinerzeuger Südafrikas, zu dieser Meinung steh ich felsenfest, auch wenn es auch andere Meinungen gibt. Entwickelte sich bei zunehmendem Luftkontakt immer besser, klasse Bordeaux-Kombi, gekochte Früchte, guter Nachhall, schöne Balance und Struktur, langer Abgang, eine Kanone ! Übrigens gibt es jetzt im Weingut auch einen Rosé, sehr lecker, und die einfache Kadette-Linie reicht schon für großes Vergnügen zum kleinen Preis! Ein Muss-Stopp bei jeder Südafrika-Reise…

Rust en Vrede 1992 Estate

Nach Kanonkop auf jeden Fall mein zweitliebster Rotweinproduzent des Landes. Viel Schoko und Karamell am Gaumen, deutliche Shiraz-Note hebt ihn von der Konkurrenz ab, sehr präzise, klar, aber kaum gealtert, druckvoll, hoher Trinkfluss, davon  hätte ich gern ein paar Flaschen im Keller!

La Motte 1990 Cabernet Sauvignon

der älteste Wein der Probe, für mich vielleicht der eleganteste, ganz feiner, leicht kühler Zug, hohe Trinkfreude, würzig, langer Abgang, erinnert mich an die aktuelle Kollektion, die unverändert höchsten Ansprüchen genügt…. Und das Weingut in Franschoek ist zauberhaft schön…

Kanonkop 1992 Cabernet Sauvignon

sooooo schade, aber leider der einzige Ausfall der Probe… passiert…

Neil Ellis 1994 Cabernet Sauvignon

Weltklasse, entfuhr es einem der Mitprobanden, und dem ist wenig hinzuzufügen. Ganz großer Roter, einer der besten des Abends mit zupackender Frucht, Eleganz und subtiler Frucht !

Vriesenhof 1992 Cabernet Sauvignon

schon wieder Vriesenhof und schon wieder gut! irre perfekt ausbalanciert, typische Aromen eines fein gereiften Cabernets, klar, präzise, strukturiert, mit viel Zukunft ohne Zweifel!

Thelema 1993 Cabernet Sauvignon

für mich einer der überraschendsten Weine des Abends, dem ich zunächst nicht eine so überzeugende Aromatik zugetraut hätte. Zwar viel Paprika und Minze (nicht ganz mein Fall), aber diesem Wein tut der Alkohol (mit 13,5 Prozent der stärkste des Abends!) recht gut, denn sie gibt im Schmackes, Körper und Volumen, würziger Tabak, weißer Pfeffer, ein wenig Kompott von roten Früchten, langer Nachhall

Springfield 2003 The Work of Life

was für ein unruhiger Jungspund nach diesen aufregenden Vorgängern! Der hatte es bei mir jetzt schwer am Ende einer Probe mit deutlich älteren Schwergewichten…. da wäre aber jedes harte Wort unverdient…der Rest ist Schweigen !

Ein Kommentar zu “Südafrika, gereift

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