Alles über Wein und den Rest der Welt…

Gedanken

2015 neigt sich dem Ende. Zeit für einen kleinen launischen Rück- und Ausblick.

Es gibt wohl kaum etwas redundanteres, als die Weinwelt. Es ist nicht so, dass mich das sonderlich stören würde, es wird mir nur immer deutlicher. Die Vielfalt der zu erzählenden Geschichten ist das eine, die immer wiederkehrenden Diskussionen sind das andere. Selten fiel mir der Ausdruck “eine Sau durch das Dorf treiben” so oft auf wie in diesem Jahr. Leider wurde er immer dann benutzt, wenn irgendeinem in irgendeiner Diskussion die sachlichen Argumente ausgingen. Ganz besonders deutlich wurde das in der jüngsten Diskussion in Sachen “Naturwein”.

Natürlich gibt es keinen Naturwein. Wein ist ein Kulturprodukt und kein Naturprodukt. Und? Das ist total egal, zumal dann, wenn die Wortklauberei nur eine Intention hat, nämlich oberlehrerhaft und zwängisch missionarisch klarzustellen, dass irgendeiner mehr Recht hat, als irgendein anderer. Fürchterlich! Es ändert sich nichts, die Weinwelt beherbergt immer noch jede Menge Klugscheißer, Wortklauber, Rechthaber und Profilneurotiker. Das Netz hat nichts, aber wirklich gar nichts dazu beigetragen, diese Spezies aussterben zu lassen. Natürlich hat sich die Weinwelt demokratisiert, das Geschmacksdiktat einiger weniger – nennen wir es freundlich “Deutungshoheit” – wurde durchbrochen. Ein Weintipp eines “befreundeten” Menschen auf Facebook ist kaum noch weniger wert, als der eines Experten in einem Heft oder auf einem Blog. Alles andere hat sich nicht verändert. Leider!

Zurück zum “Naturwein”. Es steht doch völlig außer Frage, dass das keine Massenbewegung ist. Es ist eine Freakshow im besten Sinne des Wortes. Es gibt grandiose Sachen und solche die so grottenschlecht sind, dass man Angst um Leib und Leben haben muss. Es ist was es ist – eine Bereicherung, eine Facette. So könnte man es relativ gelassen und schmerzfrei auch als Naturweinhasser sehen. Natürlich nur, wenn man wollte. Wenn man partout nicht will, muss man sich selbstverständlich aufregen und ereifern. Ich rate zur Gelassenheit, wenn ich etwas raten sollte… Für mich persönlich ist es mehr als eine Bereicherung. Für mich sind diese Weine mithin das spannendste überhaupt. Vorausgesetzt, sie sind gut gemacht. Ich glaube, wir sind hier gerade erst am Anfang. In einigen Jahren werden diese Weine ein fester und etablierter Bestandteil der Weinwelt sein. Selbstverständlich nur ein kleiner. Eine Facette eben.

Mindestens genau so leidenschaftlich wurde über ein anderes Thema diskutiert: Wein in der Fläche. Wahrscheinlich vergeht kaum ein Monat ohne diese Diskussion. Die Anbieter in der Fläche sind die Bösen und die Fachhändler sind grundsätzlich die Guten. Selbst im Jahr 2015 denken das immer noch viele. Es ist Quatsch. Ausgemachter Quatsch. Insbesondere dann, wenn man nicht zwischen LEH und Discount unterscheidet. Wenn man den EDEKANER und inhabergeführten REWE auf eine Stufe mit LIDL und ALDI stellt. Und selbst letztere versuchen mehr und mehr auf Qualität zu setzen. “Billig” alleine ist kein Argument mehr. Nicht, dass wir mentalitätstechnisch uns großartig weiterentwickelt hätten. Wir haben das Schnäppchen-Gen und vermuten latente Übervorteilung bei allem und jedem. Außer beim Motorenöl!

Aber es ist wie überall: es gibt tolle Fachhändler und restlos uninspirierte “Vollsortimentlerkataloganbieter”. Beide haben ihre Berechtigung und der Markt wird über den Erfolg richten. Es gibt EDEKANER, da fallen einem die Augen aus dem Kopf und solche, die lediglich das an Wein anbieten, was die hauseigene Kellerei in Bingen irgendwie in Flaschen bekommt. Die Frage, die sich am Ende stellt ist relativ einfach: Wohin mit dem Wein, der auf 100.000 Hektar Rebfläche hierzulande produziert wird? Der Fachhandel alleine kann sie nicht vermarkten. Aber auch das ist nicht wirklich neu…

Fest steht eines: Deutschen Wein billig zu produzieren, so billig zu produzieren, sodass er später im Bückwarenbereich bei 2,29 Euro im Regal steht ist kaum noch möglich. Die Kosten galoppieren davon, der internationale Wettbewerb ist in diesem Bereich verloren. Macht aber nichts!

Wir sind kein Billigweinland. Wir sollten es nicht sein. Wir sollten uns auf unsere Stärken konzentrieren. Handwerklich einwandfrei, aus klassischen Rebsorten hergestellte ordentliche Weine. Im Regal in der Fläche für um die sieben Euro angeboten und alles ist gut. Wie kann das gehen? Beispielsweise so: Warum sich nicht zusammentun und jeden das tun lassen, was er richtig gut kann. Der eine produziert gute Trauben, der nächste macht guten Wein daraus und der dritte im Bunde vermarktet. Für mich klingt das extrem sinnvoll und dann sähe es auch auf Kostenseite wieder ganz anders aus.

In Sachen Weinmedien hat sich alles doch ziemlich beruhigt. Blogs gehören zur Realität, wenngleich es kaum welche gibt. Nennenswerte Änderungen in Sachen Print gab es auch kaum. Die Auflagen waren mehr oder minder konstant. Alles hat seinen Platz. So erscheint es zumindest. Neu ist die Tatsache, dass sich manche wieder an Printprodukte heran trauen. “Schluck” erschien und erscheint wohl sicherlich weiterhin. Das Magazin ist eine witzige Ergänzung zu dem, was es bereits gibt, weil es so etwas eben noch nicht gab. Der Zeitgeist lässt grüßen. “Enos” vom “Altmeister” Supp ist weniger zeitgeistig. Auch dieses Magazin ist neu, bewegt sich aber auf einer ganz anderen Ebene. Intellektueller ist es, quasi eine einzige Lesestrecke und erfrischend wenig szenig. Alle anderen machen das, was sie schon immer machten. Wein ist eben ein redundantes Thema. In diesem Fall ist “redundant” vielleicht besser durch “konstant” zu ersetzen. Nebenbei bemerkt höre und weiß ich von mehreren neuen Projekten im kommenden Jahr. Allen wird eines gemeinsam sein: sie werden das (Wein)Rad nicht neu erfinden. Natürlich gilt das alles nur für den klitzekleinen Bereich in dem wir uns bewegen. Das Gros der Menschen bekommt von all dem so oder so nichts mit. Was automatisch zur wichtigsten aller Schlussfolgerungen führt:

Es ist nur Wein. Locker bleiben und Spaß haben!

P.S. Im kommenden Jahr gibt es hier dann wieder viel mehr Weinempfehlungen. Versprochen!

2 Kommentare zu “Gedanken

  • EC

    Ich weiß nicht, ob das einfach das typisch Deutsche ist, wenn sich eine nicht geringe Anzahl von “Weinliebhabern” ständig gegenseitig an die Gurgel geht. Wenn auch in der Regel nur verbal. Das sind eher “Weinrechthaber” für mich. Diese Spezies meide ich eigentlich, aber wenn man sich weinmäßig im Web bewegt, dann stolpert man ständig über diese Vögel. Etwas mehr “Laissez faire” täte da ganz gut. Meint jedenfalls der Endverbraucher, der mit Wein kein Geld verdient, sondern nur dafür ausgibt.
    Ansonsten teile ich die niedergeschriebenen Ansichten.
    “Naturwein”? Wenn’s schmeckt, immer! Schmeckt halt einfach nicht immer. Wie beim restlichen Wein auch.
    Wein vom Edeka? Why not, allerdings derzeit nicht als präferierte Quelle. Aber wenn’s z.B. Juliusspital Erste Lagen gibt…
    “Schluck”? Gut gemacht, mit Freude gelesen!
    Ansonsten freue ich mich einfach auf die neuen Weine aus dem viel beschriebenen Jahr 2015. Einen hatte ich schon:
    https://ec1962.wordpress.com/2015/12/13/mein-erster-2015er/

    Reply

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