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Mineralisch? Aus und vorbei!

Es ist dieser eine Moment – es gibt keine wirklich treffende Beschreibung dafür. Ich nenne es manchmal “Weltengelskonferenz auf der Zunge”. Das ist plakativ, jeder versteht es. Aber es ist zu banal. Obwohl es irgendwie auch gut ist. Vielleicht ist es auch gar nicht so banal. Wer weiß.

Dieser eine Moment, in dem alles passt. Geruch, Geschmack, Emotion. Dafür, für diesen einen Moment, lohnt sich alles. Da ist es auch völlig egal, geradezu absurd unwichtig, wo und mit wem man diesen Moment erlebt. Vom warum ganz zu schweigen.

Genießen ist etwas schizophrenes. Es ist irgendwie autistisch, weil so unendlich subjektiv. Und dann muss es doch raus, andererseits. Und da beginnt das Problem. Besonders heute, in der Wein 4.0 Welt. Wie teile ich etwas mit, das eigentlich nur ich verstehe und das ich gar nicht wirklich beschreiben kann. Da gibt es einen Begriff, der dieses Dilemma deutlich macht – und der wurde heute mal eben schnell ad acta gelegt. Mineralisch.

Was haben wir diskutiert. Jahrelang. Wie schmeckt dieses mineralisch? Muss ich jetzt an einem Stein lecken und nach was schmeckt der eigentlich und wie, um Himmels Willen, kommt das was ich gar nicht erklären, geschweige denn erschmecken kann, in den Wein. Und warum schmecken das alle anderen? Bin ich zu blöd? Bin ich eine Art Geschmackslegastheniker? Es ist schwer, auch für mich. Ab heute nicht mehr. Der Begriff existiert nicht mehr für mich. Ich streiche ihn aus meinem Weinwortschatz!

Heute sehe ich ein Angebot in einem großen Deutschen Discounter. Ein Wein von der Mosel. Jener traumhaft schönen Weinanbauregion, in der Weinbau immer auch eine Form der Selbstausbeutung ist. Unfassbar steil und unfassbar viel Arbeit. Beinahe alles von Hand. 3,99 Euro kostet der angepriesene Wein und da steht, er schmecke “mineralisch”. Das war es dann!

Einer der wichitgsten Bausteine auf dem Weg zu einer Art Sinneserweiterung ist ruiniert. Ein Begriff, der sinnbildlich für den großen Wandel im trocknen Deutschen Wein steht. Nein, stand. Mineralisch, auch wenn es kaum einer wirklich erklären konnte, war ein Synonym für “besonders”, für “außergewöhnlich”. Es war beinahe ein Prädikat – es stand irgendwie für Qualität. Für 3,99 Euo im Discounter hätte dieser Begriff eigentlich nicht getaugt. Wer immer sich die Beschreibung für diesen Wein ausgedacht hat – er hat versagt! Nicht nur, dass das ganz klassisch an der Zielgruppe vorbei formuliert ist. Welcher Discounterweintrinker kann mit “mineralisch” etwas anfangen. Mich würde das eher abschrecken. Weder klingt es einladend, noch animierend – und nach Spaß schon gar nicht.

Nein, es geht noch viel weiter. Damit geht “mineralisch” den gleichen Weg wie “Terroir”. Es wird final zur Hülse. Eine Phrase. Ein Nichts. Der Texter hat dem Weinbau einen Bärendienst erwiesen. Ähnlich wie der Trottel, der dieses unsägliche “Geiz ist geil” erfunden hat. Letzteres hat natürlich weitaus größere Auswirkungen gehabt, als die Vergewaltigung des Begriffes “mineralisch” jemals haben wird. Dennoch: man bläst in das gleiche Horn!

Vielleicht ist das am Ende sogar besser. Wie oft wird zu viel Schwefel, oder eine dominante Säure mit Mineralität verwechselt. Wie oft musste “mineralisch” für “schwierig” herhalten. “Du musst das verstehen, der Wein ist sooooo mineralisch…”. Untrinkbar, hätte es kurz und knapp auch getan.

Ich gebe es zu, ich sehe den Begriff schon immer ambivalent. Aber das jetzt, das hat er wirklich nicht verdient. Mineralisch endet im Bereich der Bückware, im Gullag des guten Geschmacks. Und warum? Ja, warum? Ich weiß es nicht genau.

Es hat natürlich mit Profit zu tun. Da ist es völlig legitim, dass man wirbt auf Teufel komm raus. Und sicherlich hat es auch damit zu tun, dass unsere Weinsprache schlicht und einfach zu begrenzt ist. Wenn wir mal einen Begriff haben, der allem Anschein nach passt, wird er nonstop benutzt. Geradezu inflationär – siehe “Terroir”. Also ist es nur logisch, dass “mineralisch” da landen musste. Ganz unten – dort, wo der Preis über die Qualität regiert. Also irgendwo im Herzen des Verbrauchers, der so oder so immer glaubt, dass ihn einer übervorteilt, wenn nicht “billig” und “Schnäppchen” dransteht.

Nein, ich habe nichts gegen Wein in der Fläche. Im Gegenteil. Ich bin sogar überzeugt davon, dass Deutscher Wein in die Regale muss. Aber nicht so. Und schon gar nicht Wein von der Mosel. Überhaupt sollte Deutscher Wein nicht weniger als 7,00 Euro im Regal kosten. Aber das ist ein anderes Thema.

3,99 Euro mag billig erscheinen und wenigstens freut sich der Wirkungstrinker. Am Ende wird es ein zu hoher Preis sein.

 

7 Kommentare zu “Mineralisch? Aus und vorbei!

  • Meister B

    Vielleicht hat der Beschreiber dieses Weines doch die richtige Zielgruppe angesprochen, nämlich die, für die mineralisch für eine gewisse Wertigkeit steht.Es bleibt abzuwarten, wie lange es dauert, bis ein 3.99 Wein als Großes Gewächs bezeichnet wird.

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  • D

    Es wird ja nicht mehr lange dauern bis großes Gewächs beim Discounter zu finden sein wird. Kann ja nach der neusten Entscheidung defakto jeder benutzen ob im vdp oder nicht so dann auch der Discounter

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    • de Pälzer

      Habe letztlich einen Barolo für 6.66 im LIDL-Werbeprospekt gesehen. Ist inzwischen ausverkauft…….Geiz ist geil, und, egal wie´s schmeckt, man gehört dazu……

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  • Andreas Brensing

    Lieber Dirk Würtz,
    Thomas Bernhard wäre stolz auf dich. Eine gerechte Mineralitätsbeschimpfung in herrlich zornig ratlos gesetzten Worten. Ein Text der nachklingt, toller Abgang, geradezu – mineralisch.

    Merci vielmals!

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    • StefanMichel

      Die furiose Fahrt vom perfekten Moment, dem Begriff mineralisch und dem Discounter Wein geht so schnell an mir vorbei, dass mir in meiner Verwirrung kaum noch Vokabeln einfallen, die ich noch nicht auf Weinetiketten gelesen habe.

      Sobald dem Verbraucher nahegelegt wird, was er schmecken sollte, wird man stutzig. Das gilt auch für viele tolle Beschreibungen von Sommeliers, Weinverkäufern und Kritikern. Wie oben beschrieben am Ende subjektiv.

      Es erschließt sich mir aber nicht, warum ich auf all die tollen Vokabeln verzichten soll.
      Zugegeben, wie im ersten Absatz treffend beschrieben, sind diese häufig einfach nicht genug um meine Freude oder meine Trauer auf meine Zuhörer zu übertragen, aber Ruhe geben werde ich deshalb dennoch nicht.

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  • René

    Der Autor verpackt das Thema “Ich verkauf mich” in Form einer Parabel übet das Wort “mineralisch”. Very interesting!!!

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  • EC

    Ich verwende “mineralisch” ja auch bei dem, was ich persönlich davon halte. Wenn ich nun mal die Assoziation zu dem Duft naß abgespritzer Terrasenplatten habe oder nach feuchtem Blumentopf, dann paßt das für mich. Ob’s für jemand anderen paßt, ist mir dabei erst mal egal. Da bin und bleibe ich höchst subjektiv.
    Ansonsten stört mich die ausufernde Verwendung dieser Begrifflichkeiten nicht weiter, zumal dies in allen anderen Bereichen ja genauso, wahrscheinlich noch viel krasser passiert. Das geht an mir mittlerweile völlig spurlos vorbei und regt mich schon lange nicht mehr auf. Discounter und LEH sind eh’ nicht meine Quellen…

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