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Herkunft oder Heimat? Zur “Hölle” mit dem Terroir!

von Oliver Bock

Die Terroir-Diskussion ist nicht zu Ende. Sie steht erst am Anfang, und sie führt wohl niemals zu einem Konsens. Zu unterschiedlich sind die Positionen. Überlagert der Stil des Winzers das Terroir? Muss sich der Winzer also selbst zurücknehmen (Wilhelm Weil) – oder gerade nicht (Peter Jakob Kühn)? Fragen, die eine phänomenale GG-Probe mit gutem Diskussionsstoff befeuert haben.

11047601_760537600735565_956174188478492944_o80 Weine aus den Jahren seit 1990 hatte der VDP Rheingau bei einer großartig organisierten Probe im Weingut Robert Weil, Kiedrich, aufgefahren um dem Thema „VDP Grosse Lagen. Wir gehen in die Erde und der Sache auf den Grund“ gerecht zu werden. Gefunden haben wir den „Grund“ nicht…. soviel sei vorweggenommen. Geisenheims Hochschulpräsident Hans Schultz und Weinhistoriker Daniel Deckers beleuchteten 20 Große Lagen (VDP) des Rheingaus mit klugen Analysen aus wissenschaftlicher und historischer Sicht. Das hat vielen noch einmal die Augen für das Thema geöffnet.

Gleich am Anfang stellte sich die Terroir-Frage…. und ließ die Runde nicht mehr los. Ist der Winzer der Diener, der Lautsprecher oder der Interpret einer Lage? Ist das Terroir „eine leise Stimme“, der der Winzer Gehör verschaffen kann und muss? Und was ist das Terroir wirklich? Sind es (nur) die unveränderlichen Erzeuger-Bedingungen (Bodenformation, Klima, Sonneneinstrahlung, Hangneigung, etc)? Gehört der Winzer (ggf. samt Stilwechsel) dazu? Jeweils 2012 und 2013 Doosberg GGs von P.J. Kühn und F.B Schönleber warfen dann endgültig die Frage auf „Handschrift oder Herkunft“? (Dirk Würtz zeigt sich auf dem Podium einigermaßen ratlos….) Welcher der beiden Weine ist jetzt „mehr“ Terroir“, welcher mehr Handschrift?

11952965_760537414068917_3044658365011433766_oMaster of Wine Caro Maurer übersetzte Terroir kategorisch mit „Heimat“ (was den Winzer einschließt) und gerade nicht mit dem Boden (Herkunft) verbunden ist: „Ich schmecke den Weinberg nicht“, sagt sie und rief prompt den Widerspruch von Weinbaupräsident Peter Seyffardt hervor, der an das Terroirprojekt des Weinbauverbands erinnerte und es für „nachweisbar“ hält, dass bestimmte Bodengruppen bestimmte Aromen bilden. „Der Mensch gehört dazu!“, intervenierte Kühn, und für die Nicht-Rheingauer unter diesen Lesern werfe ich an dieser Stelle die Frage mit einem Beispiel von der Mosel auf: Schmecken Prüm-Weine eigentlich nach Prüm oder nach der Lage? Schmecken wir im Glas den Prüm-Stil oder ist er der Winzer, der am besten von allen der Lage zur ihrem Ausdruck im Glas verhilft? Meinungen bitte hier im Forum !!! (und für die Freaks: Verdeckt Spontangärung die Lage oder unterstreicht sie diese? Kann Orange-Wein überhaupt Terroir zeigen ? )

Umstritten blieb für mich unverständlich übrigens sogar, ob Süße das Terroir verdeckt. Natürlich!, sage ich. Die Paar-Proben (trocken-süss) beim letzten Internationalen Riesling-Symposium im Rheingau (wie auch einige Paar-Proben bei Winzern) haben für mich eindeutig belegt, dass Süße der Tod des Terroirs ist…, je mehr, je tot.) Immerhin, die GG-Weine werden trockener, das der erfreuliche Trend für 2014. Ich zitiere Dirk Würtz auf dem Podium: „Die Zeiten der belanglosen Süße sind vorbei.“ !!!

11953455_760537587402233_4384348456964614837_oWie schwierig das mit dem Terroir allein im Rheingau mit seinen sieben Bodengruppen ist, verdeutlichte Schultz auf eindrucksvolle Weise. Denn auch die Pflanzdichte hat einen hohen Einfluss auf die Wurzelbildung in der Tiefe und damit auf die Mineralität der Weine, ebenso die Bodenfarbe (die Reflexion bedingt die Oberflächentemperatur und damit die Bodenökologie, also Kalk vs. Schiefer….) Klar ist auch, dass ein Terroir –Ranking nach trockenen und nassen Jahren unterscheiden müsste und generell kaum möglich ist. Allerdings haben ein Gutteil der Lagen, aus denen heute Rheingauer GGs erzeugt haben, nicht wirklich eine Tradition als anerkannte Toplagen. Doch der Klimawandel hat das Terroir verändert. Und der Mensch natürlich, beispielsweise durch die dramatische Flurbereinigung im Rüdesheimer Berg und anderswo. Und dann noch der unzuverlässige menschliche Faktor: Jeder von uns hat 347 Rezeptororgane für Geschmack und Geruch, „und jeder schmeckt Terroir unterschiedlich“, sagte Schultz. Und je älter wir werden, desto sensibler für Bitternis im Wein….

Am Ende blieb viel neues Wissen, aber mehr offene Fragen… und daher kurz zum Wein und den absoluten Krachern der Probe :
Weil 2008 Gräfenberg …. klar, das ist nicht der geniale 2004er, aber toptop
Jung 2009 Hohenrain …. präzise, guter Zug, klasse
Oetinger 2012 Marcobrunn…. so kann, soll und muss Marcobrunn sein
Prinz 2012 Jungfer …. ein Muster an Klarheit und Präzision
Spreitzer 2003 Lenchen …. Wahnsinn! und 2014 Rosengarten genial gut
Johannishof 2012 Hölle… ein Beleg, wie gut die 2012er jetzt werden !
Wegeler 2010 Rothenberg … der am meisten unterschätzte Weinberg
Ress 2010 Rottland … brillant für diesen Jahrgang, Charakterwein
Kessler und Leitz jeweils 2012 Roseneck … für mich Terroir pur, absolut typisch!

2 Kommentare zu “Herkunft oder Heimat? Zur “Hölle” mit dem Terroir!

  • Peter W.

    Bei den J.J.Prüm Weinen schmeckt man die Stilistik des Hauses sehr ausgeprägt. Deshalb auch oft leicht in Blindverkostungen zu erkennen.
    Ich freue mich das Caro Maurer den gleichen Ansatz an Terroir hat. Terroir ist für mich der Geschmack der Heimat. Heimat entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Boden, Klima, Rebsorte werden von dem Menschen beeinflusst, teilweise unbewusst, teilweise sehr bewusst. Ohne den Mensch und seine Entscheidungen kommt kein Wein in eine Flasche.
    Wein besteht zu mindestens 85% aus Wasser das die Rebe dem Boden entzogen hat, die Qualität des Bodenwassers wird vom Boden, seinen Mineralien, seinen Organismen und der Herkunft des Wassers beeinflusst. Auch hier kann und nimmt der Mensch massiv Einfluß. Ohne seinen Einfluß geht es gar nicht, irgendwann muss er ja den Weinberg pflanzen und dort an der Traubenentstehung arbeiten. Jeder Schritt in einen Weinberg hat einen wie auch immer gearteten Einfluß.
    Bei den 15% anderen Inhaltsstoffen wird es im Wein schon sehr kompliziert, hier kommen Faktoren aus dem Weinberg und Faktoren aus der Produktion zusammen die nicht mit einfachen Worten zu beschreiben sind. In jedem Fall hat auch hier der Mensch massive Möglichkeiten Einfluss zu nehmen und ohne Entscheidungen geht es nicht.
    Einen guten Winzer würde ich so beschreiben: Er hat Verständnis für die Zusammenhänge und hat ein klares Ziel das er erreichen will und setzt vieles davon um. Der entstanden Wein muss mir dann nicht zwangsläufig schmecken. Mein Geschmack wird von einer Emotion geprägt, diese Emotion enthält auch Faktoren die der Weinerzeuger nicht oder nur wenig beeinflussen kann.
    Ein Beispiel: Was kann der Winzer dafür wenn der Konsument/Kritiker etwas gegen Zucker hat und deshalb einen Wein abwertet der 10g/l Zucker enthält. Gerade die Zuckerdiskussion enthält sehr viele Emotionen die mit der Realität des Geschmackes nur Ansatzweise etwas zu tun hat. Wobei man natürlich über die “Realität des Geschmackes” auch diskutieren kann, Objektivität gibt es da einfach nicht.

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