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Die Gewanne sind da, die Verwirrung auch…

Jetzt ist es im Rheingau amtlich und die Verwirrung (fast) komplett: Die Gewanne sind wieder da, „Plankner“ und „Sautt“ dürfen aufs Weinetikett – und aktuell noch 23 andere. Für die Weintrinker wird es damit noch komplizierter, für manche Winzer (hoffentlich tatsächlich) einfacher. Aber manche Regelung schafft weit mehr Verwirrung als Klarheit… 11855515_1442308606098696_953215033_nDas deutsche Weinrecht ist kompliziert, nicht nur für Ausländer, die bisweilen heillos überfordert sind. Die Herkunftsangaben auf den Weinflaschen bieten den Winzern bei der Vermarktung zwar viele Möglichkeiten, doch bringen sie eine verwirrende Vielfalt an Bezeichnungen auf das Etikett. Ein Wein, der beispielsweise aus Reben in der Rheingauer Einzellage „Winkeler Hasensprung“ gekeltert wurde, dürfte grundsätzlich auch mit einzigen Herkunftsangabe „Bereich Johannisberg“ etikettiert werden, denn diese Bezeichnung ist für alle Weine aus dem Rheingau gültig. Auf dem Etikett dieses Weins dürfte aber auch „Johannisberger Erntebringer“ stehen, weil das der Name einer so genannten Großlage ist, unter der 20 Weinbergslagen im mittleren Rheingau zusammengefasst sind. Der gleiche Wein dürfte ferner als „Winkeler Riesling“ und damit als sogenannter Ortswein (von einem VDP-Weingut oder auch nicht) auf den Markt kommen – oder eben als „Winkeler Hasensprung“. Damit nicht genug. Stammt der Riesling einer bestimmten Ecke des „Hasensprung“, sind künftig  Gewannbezeichnungen wie „Sautt“ und „Plankner“ möglich.

Das entspricht dem Wunsch der Rheingauer Winzerschaft, vor allem einiger Mitglieder des VDP wie den Hessischen Staatsweingütern, und es ist die Konsequenz des aktuell favorisierten Prinzips zum Aufbau einer Qualitätspyramide: „Je enger die Herkunftsbezeichnung desto höher die Qualität“.

Immer mehr Winzer wollen vergleichsweise einfache und preiswerte Weine nicht mehr mit einer Lagenbezeichnung schmücken, sondern diese „Guts- und Schoppenweine“ lediglich unter dem Weingutsnamen als „Rheingau Riesling trocken“ oder als Ortsweine vermarkten. Die Nennung einer Einzellage auf dem Etikett soll dem Verbraucher hingegen unmittelbar hohe Qualität signalisieren. Entsprechend höher ist dann auch der Preis.

Ein Prinzip, das in der Praxis bislang schwer umzusetzen ist. Vor allem für jene Winzer, die nur in einer einzigen, dafür sehr großen Einzellage begütert sind. Um auf dem Etikett die besseren von den guten Lagenweinen unterscheiden zu können, eröffnet ihm das Land nun den Weg, alte Gewannbezeichnungen zu verwenden. Die Gewanne sind in alle Regel deutlich kleiner sind als die eingetragenen Einzellagen. „Plankner“, „Bellersweg“ und „Sautt“ beschreiben somit kleinere Flächen innerhalb des vergleichsweise großen „Hasensprung“.

Weil es aber schon jetzt vielen Weintrinkern schwer fällt, bekannte Großlagen wie “Rauenthaler Steinmächer” von renommierten Einzellagen wie “Rauenthaler Baiken” zu unterscheiden, wird es mit der Neuregelung noch komplizierter. Wer weiß schon, dass unter dem Namen „Rauenthaler Steinmächer“ Weine aus 24 Einzellagen in sieben Weinorten des vorderen Rheingaus vermarktet werden dürfen, während der „Rauenthaler Baiken“ die renommierte Einzellage ist. Die aber genügte den Hessischen Staatsweingütern nicht mehr. Im „Baiken“ ist daher auf ihren Wunsch hin das Gewann „Baikenkopf“ als Herkunftsbezeichnung neu entstanden.

Diese Gewanne sind künftig die kleinste geographische Einheit im Weinberg. Von ihnen gibt es einige hundert im Rheingau. Allein im 15 Hektar großen Baiken sind es acht: Neben dem erwähnten Baikenkopf wären auch Obere Wieshell, Mittlere Wieshell, Untere Wieshell, Steinhaufen, Wagenkehr, Hühnerberg und Tries möglich. Für deren Wiederauferstehung auf den Weinetiketten liegen bislang aber noch keine Anträge vor. Diese könne die Winzer aber jederzeit an die Gemeinde richten, die dann beim Weinbauamt vorstellig wird. Die letzte Entscheidung liegt beim Land, das dazu die „Dritte Verordnung zur Änderung der Hessischen Ausführungsverordnung zum Weinrecht“ erlassen hat.

Noch komplizierter wird es dadurch, dass den Winzern freigestellt wird, ob sie auf dem Etikett für einen Gewann-Wein nur „Winkeler Sautt“ oder „Winkeler Hasensprung-Sautt“ schreiben. Und für zusätzliche Verwirrung sorgt, dass sich einige Gewanne sogar über zwei Einzellagen erstrecken. Beispielsweise liegt in Hochheim das Gewann „In der Sommerheil“ in den beiden Einzellagen „Kirchstück“ und „Hölle“. Denkbar sind also Weine Wie „Hölle-In der Sommerheil“ und „In der Sommerheil“, welcher dann aber auch dem Kirchstück stammt…. alles klar?

Das Land verbindet die Verwendung der Gewannbezeichnungen aus Gründung des Verwaltungsaufwands leider nicht mit erhöhten önologischen und qualitativen Anforderungen an die dort erzeugten Weine. Das ist ein großer Fehler und wird zurecht von einigen VDP-Winzer kritisiert. Daher darf ein Winzer auch grundsätzlich belanglose Schoppenweine unter dem Gewann-Namen abfüllen, denn im Weinbauverband ist der Satz „Je enger die Herkunft, desto höher die Qualität“ bislang nur unverbindliche Leitlinie. Zumindest die Mitglieder des VDP wollen für ihren Verein verbindliche Regeln erarbeiten, die dem genannten Prinzip folgen. Noch aber herrscht die Freiheit des wilden Wein-Westens. Ziel des VDP ist es, dass zumindest bei Weinen aus VDP-Betrieben nur die qualitativ besten Weine, die Großen Gewächsen, die neuen Gewannbezeichnungen tragen dürfen. Ob das klappt, muss sich erst noch zeigen!

Den VDP-Winzern untersagt bekanntermaßen eine verbandsinterne Regelung, künftig mehr als jeweils nur einen trockenen Wein aus einer einzigen Einzellage unter Nennung dieser Lage zu vermarkten. Wenn ein Weingut somit im „Winkeler Hasensprung“ ein Großes Gewächs als trockenen Spitzenwein erzeugt, darf es nach den VDP-Statuten zusätzlich keinen zweiten trockenen Wein mit dieser Weinbergsbezeichnung geben. Nun ist im „Winkeler Hasensprung“ mit dem „Winkeler Sautt“ ein Ausweg eröffnet worden. Allerdings gibt es Schlaumeier, die den „Sautt“-Wein am liebsten zum Zweitwein hinter dem Hasensprung machen würden. Das geht natürlich (eigentlich!) nicht…

Dem Anhang zur neuen Verordnung dazu ist zu entnehmen, dass im ersten Schritt 25 Gewanne zwischen Lorch und  Hochheim als kleinste geografische Einheit wieder auf das Etikett dürfen. Weitere Anträge liegen vor. Die Vielfalt auf den Etiketten wird größer werden. Wie schon in der Vergangenheit konnten sich die Winzer zwar auf neue, zusätzliche Bezeichnungen einigen, aber nicht auf den Verzicht vorhandener Optionen. Für das Streichen der zehn Großlagen, wie er zeitweise diskutiert wurde, gibt es im Rheingau leider keine Mehrheit. Dabei wäre dieser Verzicht endlich mal angezeigt.

(Kommentierte, leicht abgeänderte Fassung einer Übersicht für die FAZ)

5 Kommentare zu “Die Gewanne sind da, die Verwirrung auch…

  • Peter W.

    Wikpedia: Die Bibel beschreibt den Turmbau zu Babel. Da das Vorhaben als Versuch, Gott gleichzukommen, gesehen wird, strafte er die Bauleute damit, dass nun jeder seine eigene Sprache besaß, damit keiner mehr den anderen verstand. Zuvor habe die ganze Welt eine gemeinsame Sprache gesprochen. Der Bau blieb aufgrund der Sprachprobleme unvollendet.

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