Alles über Wein und den Rest der Welt…

Der Weintourist, das unbekannte Wesen?

Der Prophet im eigenen Land gilt nicht viel. Da trifft auch auf die Hochschule Geisenheim zu, deren Potential vom Rheingau und seinen Winzern noch viel stärker genutzt werden könnte als es bisher der Fall. Nun gut. Nicht jeder akademische Ratschlag muss gleich übernommen werden, sonst stünden heute massenhaft Dornfelder-Reben in besten Rheingauer Weinbergen. Schwamm drüber! Immerhin, seit 2013 ist die ehemalige Forschungsanstalt eine „Hochschule neuen Typs“ – und die Kooperation wird enger. Eine 650 Seiten starke Studie zum Weintourismus im Rheingau könnte – trotz mancher Schwächen – vielleicht die eine oder andere Verbesserung anregen. Denn die Zahlen bestätigen nicht nur das, was sich der Rheingauer ohnehin schon immer gedacht hat. Für immerhin jeden vierten Besucher ist es demnach die allererste Stippvisite in den Rheingau. Fast 60 Prozent reisen mit dem eigenen Auto an. Aber jeder Dritte hält sich nur einige Stunden im Rheingau auf. Das sind nur einige Ergebnisse der Studie “Wein und Tourismus”, an der rund 60 Studenten der Hochschule Geisenheim unter Leitung von Gergeley Szolnoki vom Zentrum für Ökonomie am Institut für Betriebswirtschaftslehre und Marktforschung beteiligt waren.

Die in zehn Gruppen aufgeteilten Studenten befragten nicht nur rund 1500 Besucher an 18 touristisch bedeutsamen Stellen zwischen Assmannshausen und Eltville. Sie entwickelten zudem einen Online-Fragebogen, der von 90 Weingütern beantwortet wurde. Schließlich führten die Studenten mit 19 Weingütern, die vom Tourismus profitieren, ausführliche Interviews. “Dem Rheingau geht es supergut”, fasst Szolnoki zusammen. Wein und Tourismus bildeten eine “unzertrennliche Symbiose”. Was auch sonst?

Die Befragung der Touristen ergab unter anderem, dass sie mit dem Weinangebot, den Ausflugszielen, den Wanderwegen und der Gastronomie recht zufrieden sind. Kritik gab es vor allem an den vergleichsweise bescheidenen Einkaufsmöglichkeiten und den zu geringen Angeboten für Familien mit Kindern. Bedeutsam ist für den Rheingau, dass er deutlich stärker mit dem Begriff “Wein” als mit dem Begriff “Rhein” assoziiert wird, und immerhin zwei Drittel der Besucher nehmen auch ein paar Flaschen Wein mit nach Hause. Das summiert sich ganz ordentlich !

Nicht überraschend ist, dass – mit Ausnahme der stark auf Rüdesheim fokussierten ausländischen Besucher – die meisten Gäste häufig Wein trinken. Und wer sich mehrfach in der Woche ein Gläschen gönnt, der ist, statistisch gesehen, überdurchschnittlich gut gebildet, kauft seinen Wein eher beim Winzer als im Supermarkt, bevorzugt trockene und deutsche Weine und legt Wert auf persönliche Betreuung und ein schönes Ambiente im Weingut. Wer den Rheingau erst einmal schätzen gelernt hat und in erreichbarer Nähe wohnt, der kommt öfter. Fast 7 Mal im Durchschnitt.

Für die meisten Rheingauer Weingüter hat der Ab-Hof-Verkauf an Privatkunden die größte Bedeutung. 42 Prozent haben deshalb in eine eigene Vinothek investiert, um Hemmschwellen der Kunden abzusenken. Zwei Drittel geben an, vom Tourismus im Rheingau unmittelbar zu profitieren. Es gibt sogar eine Mehrheit, die bereit wäre, eine Art Tourismusabgabe oder Bettensteuer abzuführen, damit die überregionale Werbung gestärkt und der Informationsfluss an die Rheingau-Besucher verbessert werden könnte.

Zu den Schwächen des Rheingaus zählen die Winzer ein bisweilen “unscharfes Profil”. Seltsam: einige sehen im Riesling wegen der Säure ein Problem und vermissen eine noch größere Vielfalt an Rebsorten… Da sind offenbar auch einige Winzer auf dem Holzweg.

Vor allem aber fehlt es aus Sicht der Winzerschaft an Übernachtungsmöglichkeiten. Dass der Rheingau noch immer ein Saisonziel ist und zwischen Januar und März wenig besucht ist, empfinden die Verantwortlichen der Weingüter nicht als Nachteil, sondern als notwendige Atempause.  Die Studenten empfehlen den Winzern, mehr Wert auf Familienfreundlichkeit zu legen, in Vinotheken und Online-Shops zu investieren und die Gebietswerbung zu stärken. Auch bei der Nutzung der sozialen Medien im Internet seien die meisten noch zu zurückhaltend – wohl wahr !

3 Kommentare zu “Der Weintourist, das unbekannte Wesen?

  • Mathias

    Genau, weg mit dem Riesling. Den Spätburgunder nicht zu vergessen (zugunsten von Dornfelder oder Trollinger).

    Außerdem auf jedes Weingut Abenteuerspielplatz, stündliches Kinderschminken und Möglichkeiten zum Zelten.

    Da kommen die Weinkenner und -liebhaber ganz bestimmt in Scharen… :-)

    Reply
  • Lembes

    Ganz wichtig :
    Wohnmobilstandplätze
    Mülleimeranalysen sind sehr gut für das Konsumverhalten der entsprechenden Klientel
    ( Discounterleergut und die Scheiße bleiben auf dem Weingut

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>