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Alte Reben: einem Phantom auf der Spur

Jeder Winzer braucht für seine Kunden gute Geschichten, und “Alte Reben“ sind eine. Knorrige Gesellen, die angeblich besonders tief wurzeln, die besonders mineralische Weine mit Charakter hervorbringen und die eine erwünschte Mengenbeschränkung schon am Stock liefern. Das ist die Botschaft an den Kunden. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Ein Rundgang auf der Mainzer Weinbörse und ein Standpunkt. 11198779_810524462362866_1847177884_nAktuell findet sich der Begriff „Alte Reben“ wieder häufiger auf den Etiketten, allerdings nicht selten aus der Not des Bezeichnungsrechts heraus und wegen VDP-Regeln zur Klassifikation der trockenen Weine. Tatsächlich wird der Begriff durch seine verwirrende Verwendung zugleich entwertet. Es gibt Alte Reben sowohl als Orts- und Gutsweine als auch aus „VDP. Erster Lage“ und aus VDP. Großer Lage“ – und natürlich auch in allen Geschmacksausprägungen.

Beispiel Von Oetinger im Rheingau: Der 2013 Riesling Alte Reben trocken ist ein phänomenal guter Tropfen mit Druck und Zug aus der Lage Erbacher Hohenrain. Die Reben sind 47 Jahre alt, der Begriff ersetzt auf der Flasche vor allem die bisherige trockene Spätlese, denn schließlich gibt es noch ein – exzellentes – Hohenrain GG. Ein ähnliches Bild bei  Schloss Vollrads, wo die trockene Spätlese durch „Alte Reben“ ersetzt wird. Die Rebstöcke wurden in den siebziger und achtziger Jahren gesetzt. Geschmacklich war die Fassprobe noch sehr unruhig.

43 Jahre alt sind die Rebstöcke im Julius-Echter-Berg (VDP.ERSTE LAGE), aus denen Johann Ruck, Iphofen, seine trockene Scheurebe holt. Sehr gut, da sehen viele modische Sauvignon blanc aus deutschen Reblanden ganz alt aus….ein Hoch auf diese Rebsorte. 1971 wurden beim Nachbarn Hans Wirsching im Kronsberg (ebenfalls VDP.ERSTE LAGE) die Silvaner-Reben gesetzt, die jetzt als ALTE REBEN vermarktet werden. Der Wein ist sehr gut, süffig, mit guter Balance, erfüllt aber nicht ganz die hohen Erwartungen an Dichte und Mineralität…

Banner-280x230_62Dann also doch an Mosel-Saar-Ruwer … Bei Dr. Fischer gibt es einen feinherben Saarburger Ortswein, dessen Herkunft aus bis zu 70 Jahre alten Reben von der Süße und einer markanten Säure stark verdeckt wird. Der trockene Saarburger von Forstmeister Geltz-Ziliken zeigt zwar eine ausgefeilte Mineralität, aber auch leichte Bittermandeltöne. Richtig gut wird es dann bei Schloss Saarstein, wo der Ortswein aus 1943 gepflanzten Rebstöcken stammt. Ordentlich, aber nicht überragend dagegen die „trockene Spätlese“ vom Karthäuserhof, die den Beinamen „Alte Reben“ trägt, weil die ältesten Parzellen schon 1937 bestockt wurden. Bei Grans-Fassian wird der Gutswein „Alte Reben“ um ein „L“ ergänzt, was wiederum auf den Laurentiuslay als Einzellagenherkunft hinweisen soll. Eine Krücke am Rande der VDP-Legalität und so überflüssig wie der Alte-Reben-Zusatz bei den beiden Ortsweinen Wiltingen und Mehring von Nik Weis (St. Urbanshof), auch wenn die Rebstöcke wohl schon um 1920 gepflanzt wurden und beide Weine charmante Trinkfreude besitzen.

Am eindrucksvollsten blieb auf der Zunge aber der VDP.Gutswein „Alte Reben“ von Van Volxem, der angeblich eine Cuvée aus 50 bis 120 Jahren alten, teils wurzelechten Reben ist. Und kaum weniger charmant, dafür noch präziser, eleganter und deutlich größer die Sonnenuhr ALTE REBEN GG von S.A. Prüm… Wein aus 125 Jahre alten Reben, wurzelecht, da hatte der Begriff am Ende meiner Tour durch die Mainzer Weinbörse endlich seine wahre, nachvollziehbare Bedeutung erlangt.

Mein vermutlich nicht mehrheitsfähiger Standpunkt: Solange Alte Reben ALLES sein können, hat der Begriff wenig auf dem Etikett verloren. Er taugt meines Erachtens auch nicht dazu, den Platz der bisherigen trockenen Spätlese im Sortiment zu übernehmen. Es sollte überdies endlich mal eine einigermaßen verbindliche Übereinkunft geben, wann Alte Reben wirklich „alt“ sind. Außer Frage steht für mich, dass zu dem Begriff eigentlich die enge Herkunftsbezeichnung gehört, schließlich geht es um Mineralität aus einer Lage, und die alten Knorzer stehen ja nicht irgendwo (Gutswein, Ortswein?), sondern meist in einer (Einzel-) Lage, die es dann auch verdient hat, genannt zu werden. Insofern sollte der Begriff m.E. Weinen aus Erster und Großer Lage vorbehalten sein, wenn er denn notwendig ist. Wenn er für eine gute Geschichte steht. Und wenn er im Glas auch schmeckbar ist!

6 Kommentare zu “Alte Reben: einem Phantom auf der Spur

  • EC

    Ehrlich gesagt habe ich jetzt nicht wirklich verstanden, was der Begriff “Alte Reben” mit den VDP-Regeln zur Klassifikation der trockenen Weine konkret zu tun hat. Ich habe das einfach Marketinggag gesehen, als ein Mittel, die entsprechenden Weine von der (jungen) Basisware sichtbar abzuheben.
    Aber es stimmt schon: ab wann sind Reben wirklich alt? Bei Autos sind’s offiziell 30 Jahre, dann dürfen sie mit H-Kennzeichen rumfahren (zumindest wenn sie nicht zu sehr gepimpt sind).
    Vielleicht findet sich in D ja noch jemand, der auch das regelt: Alt, Uralt, Steinalt…

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  • Armin

    Vielleicht sollte man sich einmal hinterfragen, ob es einen direkten Einfluss des Rebalters auf die Weinqualität gibt.
    Mehrere befreundete Weinbaufachleute haben das an Hand verschiedener historischer Beispiele auch aus Bordeaux verneint.
    Aber es stimmt schon, dann würden wir wieder “eine gute Geschichte” weniger haben.

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    • EC

      Angeblich nimmt der Ertrag mit dem Alter ab und dafür steigt umgekehrt proportional die Intensität der Geschmacksstoffe an. Ob man durch entsprechendes Zurückschneiden bei jungen Reben den gleichen Effekt erzielt wie bei den alten Reben oder ob sich da noch andere Unterschiede auftun, vermag ich als einfacher Endverbraucher allerdings nicht zu sagen.

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  • Peter

    Ein altes Auto ist nicht automatisch auch ein wertvoller Oldtimer, so ist es mit alten Reben und dem Wein daraus auch. Auf den Streit um festgeschriebene und eindeutige Regeln für “alte Reben” freue ich mich schon. Die Kiste ist doch schon längst kaputt, siehe: alte Reben Rivaner für 4,98€ aus Rhh.

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  • Christoph Hammel

    das reben ein mindestalter haben sollen um als ” alte reben ” deklariert zu werden unterstütze ich sehr . ich selbst habe rund 3 ha riesling und müller mit pflanzjahr
    1951 . und ein paar ziemlich unwirtschaftliche portugieser aus den 60igern . alte reben , sind oft alte klone und sind , meiner meinung nach , deutlich botrytis anfälliger . how ever , die regel alte reben sind automatisch der bessere , wertvollere , irgendwie ausdrucksstärker wein möchte ich nicht bestätigen und das gilt bei mir auch für diese “wurzelecht” huldigung . das ganze ist mehr eine emotion zur vermarktung .

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  • Pingback: Jakob Jung, der Klassifikationskiller – Der Schnutentunker

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