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Wehret der Verleckerung

Mein alter Kumpel, und Weggefährte Marcus Hofschuster – seines Zeichens Chefverkoster und Chefredakteur des größten deutschsprachigen Weinportals “weinplus” ist genervt von meinem “lecker-Feldzug” und schreibt hier auf, warum ich seiner Meinung nach, deultich über das Ziel hinausschieße. Das veröffentliche ich sehr gerne und freue mich auf die konstruktive Auseinandersetzung.

Von Marcus Hofschuster
Der Würtz wirft sich in einem Beitrag  in seinem neuen Stern-Blog für den Begriff „lecker“ in die Bresche. So nachvollziehbar einige seiner Argumente auch sind, ein wenig schießt er am Ende doch über das Ziel hinaus.

Selbstverständlich ist der Gebrauch des Wortes „lecker“ völlig legitim, sofern es darum geht, seinem Gegenüber mitzuteilen, dass einem etwas schmeckt. Zwar klingt „lecker“  in Süddeutschland und in Österreich für viele Mutterdialektler noch immer ein wenig befremdlich, weil er hier schlicht keine Tradition hat, aber schon das Werbefernsehen hat uns auch im deutschsprachigen Süden längst mit dem Begriff sozialisiert.

Aber da beginnen auch schon die Schwierigkeiten, die ich und viele andere, die sich mit der Sensorik von Getränken und Speisen näher beschäftigen, mit dem allgegenwärtiogen „lecker“ haben. Lecker ist heutzutage alles. Von der Fertigpizza mit Pressschinken und Analogkäse bis zum 3-Sterne-Menü, vom dünnen, quietschsüßen Allerweltsgesöff aus dem untersten Supermarktregal bis zum Grand Cru. Kein Salat kommt heute ohne „leckere“ Croutons aus, kein Braten ohne „leckere“ Sauce, selbst in Fußballstadien ist es bisweilen „lecker warm“, wenn man Reinhold Beckmann folgt.

„Lecker“ ist als persönliche, oberflächliche Meinungsäußerung gar kein Problem. Sobald es aber darum geht, geschmackliche und qualitative Unterschiede zu vermitteln, ist das Wort vollkommen unbrauchbar. Dabei handelt es sich bei differenzierten Beschreibungen des Geschmacks von Speisen und Getränken keineswegs um „Geschmacksdiktate einiger weniger Wahrheitspächter“, wie Würtz das in seinem Beitrag unterstellt, und wie man das als professioneller Sensoriker immer wieder zu hören bekommt. Eher noch ist das Gegenteil der Fall. Worin steckt wohl der größere Imperativ, in einer detaillierten Geschmacksbeschreibung, die dem Leser eine Hilfestellung bei der Frage gibt, ob ihm der beschriebene Wein schmecken könnte, oder in einem knappen, aber offenbar wenig Widerspruch duldenden (und nur wenig hilfreichen) „Das ist lecker!“?

Das Gefährliche am inflationären Gebrauch des Wortes „lecker“ ist sein Verdrängungspotenzial. Wo „lecker“ wuchert, findet oft keine differenzierte Kommunikation über den Geschmack mehr statt. Die Sprachverblödung geht hier mit der Geschmacksverblödung einher. „Lecker“, als Standardfloskel gebraucht, marginalisiert, stumpft ab. Wo alles nur mehr „lecker“ ist, ist kein Platz für Individualität, Differenzierung, Geschmackstiefe. Das ist uns an unseren Konsumgewohnheiten auch deutlich anzumerken. Auch unser Essen und Trinken wird banalisiert, Geschmacksverstärker gaukeln uns Qualität vor, Zucker ist allgegenwärtig, alles hat möglichst weich, zugänglich, einfach zu konsumieren zu sein, lecker eben, da bedarf es keiner weiteren Erläuterung.

Wer für differenzierten Geschmack, für Feinheiten, für Komplexität eintritt, wer geschmackliche und qualitative Unterschiede aufzeigen will, für den hat  „lecker“ genau null Aussagekraft. Immer wieder höre ich von Händlern, die von ihren Kunden gefragt werden: „Schmeckt der auch lecker?“. Was, bitte soll man diesen Kunden antworten? Was, wenn der Kunde seine Vorstellung von „lecker“ nicht mehr näher beschreiben kann, weil er es verlernt hat? Oder anders herum: wie weit käme ich als Kunde vor einem Weinregal, würde mir der Verkäufer jeden Wein nurmehr mit dem Begriff „lecker“ anpreisen? Sehen Sie sich die Kommentarspalten vieler Food-.Blogs oder Lieferdienste im Internet an. Da wimmelt es nur noch von „lecker“, „superlecker“, „oberlecker“ oder „supermegalecker“. Das steht da meist zigfach untereinander; wie ein Gericht allerdings tatsächlich schmeckt, erfährt man nicht.

Wo man sich den Geschmack von Speisen anhand der Zutaten aber vielleicht noch einigermaßen vorstellen kann, fehlt beim Wein in seiner unglaublichen Vielfalt dann doch häufig jeglicher Anhaltspunkt, zumindest für den Weinfreund, der nicht schon seit Jahrzehnten in der Welt des Weins unterwegs ist. Hier ist man mit „lecker“ endgültig aufgeschmissen.

Dirk Würtz hat völlig recht, wenn er für „mehr Genießen und weniger Zelebrieren“ plädiert. Wein muss nicht angebetet werden, er ist kein elitäres Getränk für einige wenige Kenner, die lieber unter sich sein wollen und sich deshalb am liebsten in einer Geheimsprache darüber unterhalten. Wer sich unverständlich ausdrückt, mit gedrechselter Weinpoesie und völlig sinnfreien Begriffen daherkommt, weiß es selbst nicht besser. Diese Trottel können Sie als Konsument getrost ignorieren. Aber Genuss ist viel mehr als nur „lecker“. Jeder kann lernen, feinere Aromen von banalen und vordergründigen zu unterscheiden, nur sollten ihm dann auch die sprachlichen Mittel zur Verfügung stehen, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Jeder kann seinen Genuss noch deutlich steigern, indem er sich bewusst macht, was er da zu sich nimmt und darüber auch kommunizieren kann. Und wenn zwischendurch die Begeisterung in Form eines inbrünstigen „lecker“ mit einem durchgeht? Bitte, nur zu!

5 Kommentare zu “Wehret der Verleckerung

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