Alles über Wein und den Rest der Welt…

Weinschule ICE

Ich weiss, es ist schwer vorstellbar und beinahe schon anmaßend, aber die Welt dreht sich nicht um uns Winzer, Weinfreaks, Nerds und Trinker. Man glaubt das schnell, insbesondere, wenn die Facebook-Timeline alles andere bedenklicherweise wegfiltert. Eine Fahrt mit der Deutschen Bahn hilft da ungemein. Wir scheinbar Wissenden sind in der Minderheit

Ich bin auf dem Weg nach Berlin, in “Le Stadt” und sitze, wie immer, im Speisewagen. Erstens habe ich beinahe immer Hunger und Durst und zweitens ist das der zweifellos interessanteste Platz im Zug. In den Abteilen ist die Stimmung entweder wie beim Kölner Karneval oder absolut gegenteilig. Beides ist nichts für mich. Beim Essen reden die Leute, da fühle ich mich wohl. Ich mag diesen flüchtigen und trotzdem intensiven Kontakt auf Reisen. Zwei oder drei gemeinsame Stunden. Intensive und oft gute Gespräche, schließlich sieht man sich nie wieder. Da will wohl überlegt sein, was man sich zu sagen hat. Smalltalk mache ich lieber mit Leuten die ich kenne und denen ich eigentlich wenig zu sagen habe.

Wie auch immer

Neben mit sitzt ein Schweizer und will eine Weinempfehlung zu seinem Omelette und es wird sofort klar, die Dame im Service ist überfordert. Weder weiß sie, welche Weine auf der Karte stehen – es sind sechs – noch hat sie auch nur den Hauch einer Ahnung, was das ist, wie das schmeckt, wozu es passt und aussprechen kann sie das ganze Zeug auch nicht. Sie ist überfordert aber sehr sympathisch und steht souverän zu ihrer Weinlücke. “Ich bin Winzer, ich helfe Ihnen”, sage ich und lache. Ich lache, weil ich mich anhöre wie: “Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!” Ich erkläre der Dame kurz wie man Côtes du Rhône ausspricht, natürlich mit einem kurzen geografischen Verweis und empfehle dem Schweizer einen Spätburgunder vom geschätzten Kollegen Keth aus Rheinhessen. Schließlich bin ich Lobbyist. Die Servicedame lacht und es ist klar, dass sie mir nicht zugehört hat. Egal. Der Schweizer stellt mir sofort Fragen. Wie schmeckt der Wein, wo kommen Sie her, was machen Sie jetzt im Garten? “Garten” sagt er. Ich frage ihn, ob alle Schweizer zu Weinbergen “Garten” sagen, woraufhin er mich fragt, wie hoch unsere Weinberge denn seien. Wir reden weiter und während er seinen Spätburgunder trinkt und sein Omelette ißt, bekommt er von mir eine kleine “Weinschule Deutschland” im Sendung-mit-der-Maus-Stil. Ich vermeide alle Fachbegriffe und er versteht mich.

Mittlerweile hat sich die Servicedame neben uns gesetzt. Es ist nicht viel los. Sie kommt aus der Schweiz, die Mutter ist Deutsche und der Vater Türke oder Marokkaner – ich habe es nicht ganz verstanden. Religiöser Abstinenzler ist er auf jeden Fall. Sie ist total interessiert, holt sich einen Fetzen Papier und beginnt, sich Stichworte zu machen. Sie werde oft gefragt, meint sie, wie was schmeckt und überhaupt und jetzt weiss sie wenigstens etwas. ICE-Weinschule.

Ich frage mich, warum die DB ihren Mitarbeitern nicht wenigstens eine Art Mini-Basis-Weininfo mitgibt. So etwas wie die “zehn meistgestellten Fragen und die dazu passenden Antworten”. Man sollte das der Bahn mal vorschlagen. Natürlich ist Wein nicht wichtig, aber interessant ist er allemal. Und wenn ich ihn schon auf der Karte anbiete, dann schadet es doch nichts, wenn die Leute wenigstens einen Hauch von Ahnung haben. Ich kann der Bahn da gerne helfen, es muss ja nicht gleich ein Sommelier im Speisewagen mitfahren…

9 Kommentare zu “Weinschule ICE

  • heike

    du bist einfach ein Netter – und alle Reisende die es mit dieser Servicekraft zu tun bekommen , werden eine gute Weinempfehlung bekommen :)

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  • Knalli

    Köstlich. Dasselbe gilt allerdings auch für die Lufthansa. Da erfährt man über Weine auch nur, dass sie ein gewisser MdM ausgesucht hat… ;-)

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  • Wein online kaufen

    Lustige Geschichte, so bringt Wein also die Menschen zusammen :)
    Die hatten aber auch Glück, dass Sie in diesem Wagon gesessen sind, sonst hätte der Arme Mann zu seinem Omlett gach den Falschen wein getrunken. Das wäre ja unverantwortlich gewesen. Aber leider gibt es zu viele Restaurants und Angebotsstelle die Wein anbieten aber nicht wissen was sie da verkaufen. Zu schade, dabei ist das ja so spannend.
    Mfg

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  • Steven

    Keth-senior ist ein absolutes Genie-eine Rotwein Kardinal, er müsste
    schon 15 Jahre im VDP sein. Was dieser Mann in seinem Leben schon geleistet hat-
    dafür bräuchten viele Winzer drei Leben und würden es nicht können.

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  • Kati

    Ich habe vor kurzem im ICE nach einem Prosecco gefragt. Das wurde bejaht und mir wurden zwei Sekthersteller-Namen genannt. Gut, ich bestellte ohne Kommentar einen der Beiden im Piccolo, der kam auch bald mit dem Kommentar: ” Hier bitte, der Proseggio.” ;)
    Ich finde längst nicht mehr, dass Jeder Alles über Wein wissen muss oder sollte. Ist eben nicht Jedermanns Thema, aber als Servicekraft und bei einer so kleinen (aber guten) Weinkarte, sollte man wenigstens die Unterschiede kennen. Ich hab aber auch in Kneipen schon Geschichten erlebt, die von unhöflich bis unheimlich gingen.
    Ansonsten verlasse ich mich lieber auf mein eigenes Wissen oder probiere eben aus, was da ist und ich nicht kenne. :)

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  • Lieber Wein

    In meinen Augen liegt die Schuld nicht bei der Dame oder Bahn – sondern, da muss man sich an die eigene Nase packen, bei den Winzern selbst. Wie oft könnte das Rückenetikett sinnfälliges enthalten und enthält doch leider nur gesetzlich vorgeschriebenes, und ist ansonsten recht dürftig. Freilich, es ist in Mode wortkarg zu sein, Erklärungen gibts höchstens beim Aldi und da auch nur in stilisierter Form.
    Wäre es nicht Zeit für einen Gegentrend, für Erklärungen im Sendung-mit der Maus-Stil aber ohne den Experten zu verschrecken?

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  • Jens

    Typisch Bahn, hohe Preise aber Service gleich Null :-(
    Nette Geschichte, musste leicht schmunzeln :-)
    Danke für die Erheiterung!

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