Alles über Wein und den Rest der Welt…

Weinkult(o)ur – Klaus Peter Keller

“Ich bin doch kein Idiot”, platzt es aus Klaus-Peter Keller heraus, als ich ihn nach Botrytiziden frage. Botrytizide sind Spritzmittel, die verhindern sollen, dass die Trauben faulen. Kann man machen, muss man aber nicht. In Highend-Winzerkreisen macht man das nicht – zumindest sagt man, dass man es nicht macht. “Wir haben unsere eigenen Schweine, machen unsere eigene Wurst, haben einen Gemüsegarten mit 15 Sorten Tomaten, Obstbäume, machen uns das ganze Jahr darüber Gedanken was wir essen, stehen mit der ganzen Familie im Weinberg und dann würde ich dieses Zeug spritzen?”

2014-02-06 18.04.10Er lacht. Nicht fröhlich, sondern eher so, wie man etwas weglacht, dass zwar absurd, aber irgendwie auch ärgerlich ist. Es klingt ein wenig nach Rechtfertigung. Wir sitzen bei einem der bekanntesten deutschen Winzer und ich merke, wie schwierig es ist, wenn die Luft nach oben nicht dünn, sondern eigentlich gar nicht mehr vorhanden ist. Keller war bereits schon “Winzer des Jahrzehnts” im Gault Millau Weinführer – vielleicht wird er auch einmal “Winzer des Jahrhunderts”.

Keller ist ein Leuchtturm. In Rheinhessen, in Deutschland, im Weltweinbau sicherlich auch. Alleine die Vielzahl an Auszeichnungen, Rekordpreisen und Lobeshymnen ist schier unüberschaubar. Jeder, wirklich jeder, kann und sollte sich glücklich schätzen, einen solchen Leuchtturm in seinen Reihen zu haben. Heerscharen von Azubis sind durch diesen Betrieb gewandert. Manche von ihnen setzen heute das Erlernte so perfekt um, dass sie durchaus in Sichtweite zu ihrem alten Lehrmeister sind. Ich habe Keller und seine Weine in den letzten Jahren aus den Augen verloren. Natürlich nicht komplett, das ist gar nicht möglich, aber ich habe mich mehr auf die Spaniers und Wittmanns in der Nachbarschaft konzentriert. Einfach auch aus Geschmacksgründen. Ich mag dieses Kühle, Steinige und Dunkle der Wittmann und Battenfeld-Spanier Weine. Ich bin überzeugter Anhänger des ökologischen Weinbaus, mit allem was dazu gehört und ich denke selbstverständlich in Schubladen. Keller war in meiner Schublade nicht drin. Das war mir von allem zuviel. Zuviel Frucht, zuviel Brimborium, zuviel Geld für den Wein und überhaupt. Die ein oder zwei Gelegenheiten in Wiesbaden, GGs zu verkosten, habe ich als Randnotiz zur Kenntnis genommen. Die Weine waren immer sehr verschlossen und extrem schwer zu bewerten. zumindest für mich. Es ist auch kein guter Zeitpunkt, denn für die meisten Weine ist es im August in der Regel eigentlich immer noch viel zu früh. Keller bringt seine Weine, zumindest den großen Teil der “GGs”, erst jetzt im März auf den Markt. Aber zurück zu meinen Schubladen…

1782087_10201712650710500_1747062075_nKlaus Peter Keller wirkt ziemlich bodenständig. Zumindest für jemanden, der auch mal in den Buckingham Palace eingeladen wird. Keine Gutsherrenattitüde ist zu erkennen, kein Personal Coach oder Stilberater, kein Rhetoriktrainer. Letzterer könnte ihm wahrscheinlich so oder so nichts mehr beibringen, Keller spricht überlegt und weitestgehend druckreif. Ich kenne ihn noch aus den Zeiten seines Geisenheimer Studiums, da war er schon so ähnlich. Zielstrebig wirkt er. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er, einmal einen Entschluss gefasst, diesen sofort wieder ändern würde.

Ich gebe es ehrlich zu, ich war ein wenig irritiert. Ich saß am großen Tisch in der Küche und wartete eigentlich die ganze Zeit auf diesen einen entlarvenden Moment, diesen einen Hinweis in Sachen: “Mein Haus, mein Boot, mein Pferd”. Fehlanzeige. Da kam so gar nichts aus dieser Richtung. Im Gegenteil. Der großartige und nicht wirklich billige “rote Trinkwein”, ein von mir sehr geschätztes Bordeaux Schatöchen, wurde mehr oder minder beinahe verschämt hinter den Rieslingflaschen versteckt und von dort aus in die Gläser eingeschenkt. So als ob er sagen wollte: “Tut mir leid, dass der so gut schmeckt, obwohl er nicht wirklich günstig ist”.Für jemanden, der so extrem erfolgreich ist, ist das eher ungewöhnlich. Ich habe gesucht, aber ich habe kein Statussymbol gefunden. Auch nicht in der Garage. Es ist so ganz anders im Hause Keller. Wir haben viele Weine probiert und auch getrunken und viel geredet. Zum Beispiel über Nachhaltigkeit unter dem Aspekt des Sozialen, über Überfluss und Völlerei und über die Tatsache, dass man nicht mehr essen kann, als rein geht. Es wirkte alles sehr geerdet, so normal, dass ich direkt wieder irritiert war und eigentlich jetzt auch noch bin. Ich finde keine Schublade, ich muss mir eine neue ausdenken. Auch für seine Weine.

2014-02-06 19.45.13Keine Frage, 2012 hat Keller eine absolut außerordentliche Reihe von ganz großen Gewächsen produziert. Am Ende thront ein G-Max über allem. Ein Wein, der ganz sicher das Prädikat “groß” verdient. Er schmeckt und er hat Trinkfluß – das ist es, was mir gefällt. Außerordentlich das Brunnenhäuschen, tänzerisch das Kirchspiel, druckvoll, kühl und mundfüllend der Moorstein, Hubacker ist Prinz Charming und Pettenthal ist irgendwie wie Pettenthal und Hipping auch – und überhaupt. Alles geschenkt. Über diese Weine muss keiner ernsthaft diskutieren. Schmeckt oder schmeckt nicht und gut ist es! Groß ist alles allemal. Die Weine sind deutlich anders, als sie ganz früher waren. Zumindest empfinde ich das so. Weniger knallig und fruchtig, irgendwie kühler. Die Weine haben “Zug”. Ich bekomme zwar im ersten Moment keine Schnappatmung oder Gänsehaut, aber es (der Wein) beschäftigt mich. Ebenso nachhaltig, wie der Macher. Ich werde mir den Zugang zu diesen Weinen erarbeiten!

Ein Wein hingegen war für mich annähernd wie ein Offenbarung – die trockene Scheurebe aus 2012. Kostet keine zehn Euro und hat alles, was diese Rebsorte ausmacht. Ein hochseriöser, perfekter Wein, den ich literweise in mich reinschütten könnte – was ich aber natürlich nicht tue. Gleiches gilt für den einfachen Silvaner, der kostet irgendwas um die sechs oder sieben Euro. Genau so macht man das. Basisweine für jedermann. Über die Hälfte der Keller-Kunden sind Privatkunden, lediglich 15 Prozent der Menge geht in den Handel. Auch das ist irgendwie sehr bodenständig und normal. Keine Frage, dass da der ein oder andere Zahnarzt, Ferrarifahrer und Vorstandsvorsitzende dabei ist. “Aber”, sagt Keller, “wir machen keinen Wein für Superreiche. Wir haben zum großen Teil Leute als Kunden, die Spaß am Wein haben. Ich will, dass die Leute unseren Wein trinken”. Er meint das ernst, da bin ich mir sicher. Wie ernst, sieht man an der Tatsache, dass es bestimmte Weine nur in der “Kellerkiste” gibt. Den “G-Max” beispielsweise. Irgendwann gab es 9.000 Reservierungen für die 1.600 Flaschen, die es von diesem Wein gibt. Selbst der Preis von über 150 Euro pro Flasche hat niemanden abgeschreckt. “Wir sind Winzer und keine Weinverteilungsorganisation”, sagt Keller ziemlich bestimmt und mir ist klar, dass er das auch genau so meint.

Klaus Peter ist ein Nerd – ein Weinnerd. Daran besteht keinerlei Zweifel. Und hätte es auch nur den Hauch eines Zweifels gegeben, wäre er spätestens bei der zweiten oder dritten Flasche aus seinem “Nichtkellerkeller” verflogen. Burgund, Bordeaux, Mosel. Es wird getrunken, was gut ist, was schmeckt und was auch einfach schön zu trinken ist. Natürlich gibt es dabei immer einen kurzen fachlichen Diskurs, aber eben nur kurz, das Trinkvergnügen ist das eigentliche Thema. Für mich ist das, nebenbei bemerkt, die einzig sinnvolle Herangehensweise an das Thema Wein. “Learning by drinking”, oder so…

Nein, er ist ganz sicher kein Idiot, das steht fest. Er ist anders. Er hängt an seiner Scholle und an seinen Weinen, er ist blitzgescheit und auch wenn er etwas müde aussieht, er ist definitiv auf der Höhe. Auch das steht fest. Ich habe ihn viel gefragt und er hat mir viele Antworten gegeben. Auch auf meine kritischen Fragen. Gerade dieses Thema mit den Botrytiziden hat mich immer umgetrieben. Auf meine Frage, warum er denn nicht ökologisch arbeite, antwortete er: “Ich will mir meine Optionen offen halten”. Das klingt unspektakulär, aber es ist spektakulär wahr und ich kenne beinahe niemanden, der diese Frage genau so beantwortet hätte. In der Regel höre ich immer: “Wir arbeiten quasi ökologisch, wollen uns aber aus xyz-Gründen nicht zertifizieren lassen”… in ein ordentliches Deutsch übersetzt, bedeutet das: “Ich will mir meine Optionen offen halten”. Ich bin sehr geneigt ihm das so zu glauben, wie er es sagt.

 

6 Kommentare zu “Weinkult(o)ur – Klaus Peter Keller

  • Rieslingfan

    Hervorragender Text! Absoluter Volltreffer! Budi hat es sehr treffend kommentiert: steht sehr viel Wahres drin. Dinge, die man nur mitbekommt, wenn man vor Ort war. Genau so ist es!

    Reply
  • Steven

    Sehr Sympathisch!
    Es geht im Weinbau völlig ohne Botryticide!
    Ich habe die letzten vor bald 20 Jahren verwendet.
    Alles gelabere von den Herstellern dieser Produkte!

    Reply
  • Rieslingfan

    P.s.: bitte Keller’s Scheurebe auch zur großen Scheurebeverkostung dazu nehmen! Nur keine Angst vor großen Namen – soll ja eine Blindverkosten werden :-)

    Reply
  • Erich Müller

    Klaus-Peter Keller hat sich seine Bodenhaftung bewahrt, das ist aller Ehren wert. Er kümmert sich um seine Weinberge und seine Weine, verkauft diese vorzugsweise an treue Privatkunden und hält sich vom Messerummel (z.B Pro-Wein, VDP Messe in Mainz u.ä.) und zeitaufwändigen PR Touren im Ausland weitgehend fern. Da vergleiche ich ihn ein wenig mit Helmut Thieltges vom Sonnora, dem auch jeglicher Showrummel und TV-Präsenz offenbar ein Greuel sind.

    Genau das ist es, was mir diese beiden Spitzenleute, jeder auf seinem Gebiet, so sympathisch macht. Und ihre Produkte sowie so.

    Reply
  • Gilli Vanilli

    Zu meinem Leidwesen bin ich auch großer Keller Fan

    Zum Renteneintritt meines Schwiegervaters haben wir mal einen GG geköpft.

    Ein Genuss den man bei dem Preis als normaler Weintrinker sich leider selten gönnt.
    Der Basisriesling gehört aber zu meiner Standarte

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>