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Blindflug durch den Roten Hang

Die sogenannte “Rheinfront” gehört, trotz des martialischen Begriffs, ganz sicher zu den schönsten Ecken Rheinhessens. Der “Rote Hang”, insbesondere das Pettenthal, ist zweifellos legendär. Zumindest unter Weinfreaks. Lange Jahre war Nierstein und Umgebung der “hot spot” Rheinhessens – eine der wenigen Ecken, in der auch nennenswerter Tourismus stattfand. Mittlerweile hat das “rheinhessische Hinterland” längst aufgeholt und ganz besonders der Wonnegau hat sich zur Geburtsstation einiger der besten Weine Deutschlands entwickelt. 

FotwwwwoUnd weil es so ist wie es ist, wurden in den vergangenen Jahren auch die Geschichten um die Rheinfront ruhiger und weniger. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. H.O. Spanier und seine Frau Caro sorgen alljährlich mit ihren Weinen für große Aufmerksamkeit. Klaus-Peter Keller brilliert neuerdings ebenfalls im “Roten Hang” und St. Antony ist auch irgendwie da und haut mit wunderbarer Regelmäßigkeit Knallerweine raus (zumindest für mein Empfinden).

Gestern Abend nun durfte ich an einer wahrhaft grandiosen und denkwürdigen Probe teilnehmen, die mir nicht nur die Augen öffnete, sondern auch das Gefühl vermittelte, dass die rheinhessische “Urdynamik” der letzten zehn, fünfzehn Jahre auch am “Roten Hang” angekommen ist. Kai Schätzel lud zum “Blindflug”.

Beim Ausräumen eines Faches seiner Schatzkammer, fand er mehrere Flaschen Wein, die alle von vor 1937 stammen mussten. Mehr wusste er nicht. Der Familie Schätzel war wohl bewusst, dass es dieses Fach mit besagten Flaschen gibt, man schenkte dem Fach und dem Inhalt aber keine Aufmerksamkeit. Es war komplett vom Kellerpilz zugewachsen. Seit Jahrzehnten hieß es, da läge nichts von besonderem Wert drin. Schließlich war das Schätzel´sche Anwesen von den Amerikanern 1945 eine Zeit lang als Casino genutzt worden und die hätten “alles was gut war getrunken”… Einiges hatten sie wohl übersehen, wie sich gestern herausstellte.

FotsefoInsgesamt elf Blindflüge mit jeweils drei Weinen standen auf dem Tisch. Die einzigen Infos, die bekannt waren, waren die Tatsache, dass es im Hause Schätzel schon immer nur zwei Rebsorten gab und gibt – Riesling und Silvaner – und alles aus dem “Roten Hang” kommen muss. Ein einziger Wein konnte genau zugeordnet werden, eine 1945er Pettenthal Auslese. Ein großartiger Wein, nebenbei bemerkt. Das entscheidende Element dieser fantastischen Probe war aber nicht das Erkennen der Jahrgänge, sonder die Suche nach dem roten Faden. Es ging um die Herkunft. Es ging um die Stilistik und am Ende ging es auch irgendwie um die Zukunft und die Identität. Quasi um das große Ganze! Und damit dieser große Bogen auch gespannt werden konnte, saßen da gestern noch Felix Peters und Johannes Hasselbach mit ihren Weinen mit am Tisch. Pettenthal 2012, 2010 und 2008. Riesling, versteht sich.

Es war beeindruckend und es war erhellend. Gerade in den alten Weinen konnte ich oft Minze (hat man öfter bei alten Weinen) aber ganz besonders den Geruch von Orangen erkennen. Das “Orangentönchen” war mein roter Faden, der sich durch den Abend und die Weine zog. Nicht nur durch die ganz alten Jahrgänge, sondern eben auch durch die drei jüngeren. Allen voran erkennbar bei den Weinen von Gunderloch. Was der durch und durch sympathische und völlig unaufgeregte Johannes Hasselbach da macht, ist wirklich mehr als beachtenswert. Insbesondere der Wein aus dem doch so komplizierten Jahr 2010 war, zumindest für mich, einer der Höhepunkte der Verkostung. So präzise, so klar, so frisch und stringent kannte ich das bis jetzt nur von H.O. Spanier. Wenngleich die Stilistiken nicht zu vergleichen sind, so ist aber doch die Lage, die Herkunft erkennbar. Das beruhigt mich! Was habe ich in den letzten Monaten gerade an diesem Herkunfts-Thema gezweifelt…

FotqqqoNoch viel spannender wird es aber dann, wenn der Restzucker dazu kommt. Sämtlich alten Weine waren wohl nicht wirklich trocken. Beschäftigt man sich einmal mit der Geschichte des Rieslings Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigstens Jahrhunderts, so findet man viele Hinweise darauf, dass die Weine häufig um die 18 bis 20 Gramm Restzucker hatten. Das ist nicht das, was wir als trocken bezeichnen. Heute heißt das “halbtrocken” oder unter Umständen auch “feinherb”. Bei den alten Weinen ist dieses Zuckerschwänzchen zwar kaum noch als solches schmeckbar, dennoch ist der Zucker da, wie Analysen solcher Weine immer zeigen. Allem Anschein nach hilft dieser Zucker. Natürlich hilft er beim Alterungsprozess, aber eben auch geschmacklich. Ich hatte gestern, wie neulich auf Schloss Johannisberg, das Gefühl, dass das wirklich gekonnte Zuckerschwänzchen sogar noch hilft, den Lagencharakter deutlich zu transportieren. Ich will dem großen trockenen Lagenriesling – also wirklich trocken, so um die maximal drei bis fünf Gramm Restzucker – nicht in den Rücken fallen. Im Gegenteil, gut gemachte und wirklich trockene Lagenrieslinge sind fantastisch und ich bin ganz sicher, nach wie vor, ein großer Anhänger und Befürworter dieser Weine. Aber, und dieses “aber” müsste ich eigentlich ganz groß schreiben: ich merke, wie ich dazulerne und wie sich meine Wahrnehmung verändert. Ich stelle fest, wie extrem hilfreich ein wirklich gut eingebundener Restzucker sein kann. Nicht nur hilfreich, weil er unter Umständen den Trinkfluss des Weines deutlich erhöht, sonder eben auch, weil er des Ausdruck der Herkunft verstärken kann. “Kann” wohlgemerkt, nicht “muss” oder “immer macht”. Hier brillierte gestern Schätzels 2008er Kabinett aus dem Ölberg, genauso wie der Brudersberg von Felix Peters und der Rothenberg 2010 von Gunderloch. Diese Weine haben einen so gewaltigen Trinkspaß gehabt, wie es nur selten vorkommt.

Was bleibt für mich als Fazit, als große Erkenntnis dieses denkwürdigen Abends?

Zum einen die Tatsache, dass innerhalb der deutschen Winzerschaft mehr und mehr das Miteinander ein wichtiger Aspekt wird. Das gemeinsame Erarbeiten und Erschmecken von Identität, von Profil und von Konzepten. Und zum anderen wird mir mehr und mehr klar, dass wir in Deutschland eine ganz besondere Tradition von Wein haben, die wir auf keinen Fall vergessen oder gar verleugnen dürfen. Diese Weine, die zwar nicht trocken sind, aber eben auch nicht pappig-süß daherkommen. Sind die gut gemacht, sind sie ganz großartige Botschafter dessen, was deutschen Riesling ausmacht – sein vielen unterschiedlichen Herkünfte.

Der älteste Wein des Abends kam wohl übrigens aus den 90iger Jahren des 19.Jahrhunderts…

4 Kommentare zu “Blindflug durch den Roten Hang

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