Alles über Wein und den Rest der Welt…

Vor der Krise ist nach der Krise ist in der Krise

Was beim Weinjournalismus alles falsch läuft? Ein Klugscheißer gibt (keine) Antwort. Nach vielen Beiträgen für Klimeks “Captain Cork”, nach einem bescheidenen Beitrag auch für “Le Buch” ist er heute hier endlich auch bei mir zu lesen – nicht nur als Kommentator, wie sonst üblich! Klimek, durch und durch emotional, zum Thema Journalismus, Print, online und überhaupt!

1451551_10153508441345788_1495254146_nIch habe ein Mantra formuliert. Nein, wirklich! Habe ich. Ich habe vor sieben Jahren in der Online-Plattform der österreichschen Tageszeitung “Der Standard” in der Rubrik “Etat” (Werbung und Medien) unter einen Artikel den banalen Satz “Print ist tot” gepostet. Und von da an immer wieder, wenn es um den Medienwandel ging und die Krise der Printprodukte, die damals schon absehbar war. Ich habe ein Pseudonym benutzt, viel Insiderwissen eingestreut, und deswegen haben Journalisten des Wochenmagazins “Falter” zu recherchieren begonnen, die Spur aufgenommen und mich entlarvt. Du schreibst also immerfort den banalen Satz “Print ist tot” in ein relevantes Online-Medium. Und schon recherchiert man, wer du bist. In solchen Zeiten leben wir: Wer die Wahrheit sagt, lebt wie Snowden. Im Exil.

Der Satz hat mich Geld gekostet. Und Jobs. Als es darum ging, mich für eine Ressortleiter-Position nach Wien zurückzuholen, wurde das vom deutschen CEO verhindert. “Zu gefährlich, der Mann”, hieß es. Was für ein Kompliment. Und kurz zusammengefasst: Alle Prognosen, die ich in diesen sieben Jahren bei standard.at eingestellt habe, sind eingetreten. Am Ende haben sie mich auch Artikel über  Printmedien und ihr Überleben schreiben lassen. So viel gewonnen. Und alles verloren.

Print ist tot. Das wird sich nicht ändern. Der Tod trifft zuerst die Tageszeitungen und danach auch ein paar Wochenmagazine. Ich bin Chefredakteur des wohl erfolgreichsten deutschsprachigen Online-Mediums in Sachen Wein, des relevantesten zudem, und kann sagen, dass dieses Medium Geld verdient, noch mehr Geld verdienen wird, aber nie soviel Umsatz machen wird, wie ein Weinmagazin heute noch Umsatz macht.

“Meiningers Weinwelt”, “Vinum” und “falstaff” erzeugen mit weniger Output wesentlich mehr Wind. Über die Gewinne will ich nicht reden. Ich will nur sagen, dass der Gewinn eines Online-Mediums einige Menschen ernähren kann. Und wenigen Menschen Wohlstand beschert. Reich – wie die alten Verleger – wird im Cyberland keiner mehr. Das alleine, weil es kein Web 3.0 geben wird. Aber ist Reichtum noch notwendig? Oder Freiheit zu tun und lassen, was man für richtig hält?

Die deutschsprachigen Weinmedien leiden unter ein und demselben Problem: Sie verstehen Exzellenz nicht. Die neue Chefredaktion des Vinum hat Exzellenz, Diversifizierung und Originalität zwar kapiert, in Ansätzen auch der Verleger, trotzdem reicht es nicht aus, das Heft im Verkaufsstand unter Condé-Nast-Medien zu stellen. Dort, wo es eigentlich hingehört. Doch dazu fehlt der Glamour.

Das gilt auch für die neue, reformierte “Weinwelt”. Ein griesgrämiger Hillinger, fahl und ohne Augenlicht, ist ein schlechtes, sogar verhunztes Cover. Da nutzt auch die gewagte Typografie nicht. Auf halbem Wege stehen geblieben. Wie so oft.

Ja: Es ist vor allem die Optik. Weniger das Geschriebene, das man freilich auch anders erden müsste – in der Welt der neuen Weintrinker. Die Furcht der Verleger, damit die alten Leser, die alten Weintrinker zu vergraulen, ist “vor-Angst-gestorben”. Der unsinnigste Tod.

Zur Erinnerung: Als die Hamburger “Zeit” vor zehn Jahren ihr Layout radikal verjüngte, haben viele Leser gedroht, Abos zu kündigen. Gekündigt haben dann nur ein paar Dutzend. Und heute feiert das Blatt einen Auflagenrekord. “Brand Eins” entstand aus dem vom Spiegel-Verlag abgestoßenen “Econy”. Heute beißt man sich dort in den Arsch und muss sich mit dem “Manager-Magazin” begnügen.

Die wagemutigsten Zeitschriften brillieren am Markt. Und müssen sich nicht vor dem Medienwandel fürchten, weil ihre Marke unangreifbar ist. Neben der Zeit ist das gerade erwähnte “Brand Eins” zu nennen, “Neon”, “Spex”, oder das österreichische “Servus”, eine der interessantesten Neugründungen am Markt – zudem immens erfolgreich. Warum? Von der ersten bis zur letzten Seite Exzellenz. Optisch wie journalistisch unglaublich präzise gemacht.

Das ist “Fine” auch, werden jetzt viele sagen. Ist es aber nicht. Fine ist todlangweilig “gephotoshopped”, zu dicht an der Werbung platziert, zu gefällig geschrieben. Man sagt, die Weintrinker wollen das so. Wollen sie nicht. Ach ja: “Efilee” gibt es auch noch. Ein sehr gutes Magazin – Avantgarde und Spielzeug. Und im Schicksal all dieser Produkte versenkt: verstrickt im Selbst, zur überlaufenden Größe, zum Transport ergreifender Inhalte nicht fähig.

Ja, immer noch: It´s the Optik, stupid; das Erscheinungsbild aller deutschen Wein- und Genusszeitschriften lässt zu wünschen übrig – das beste Gerüst hat “falstaff”. Dieser Verlag ist überhaupt ein eigenes Thema, denn er wird von Mitbewerbern, Händlern und Winzern völlig falsch eingestuft. Und alle werden sich noch wundern, welchen Atem der Verleger hat, der bei Gegenwind nicht sofort schwächelt.

Und das Wort? Ja, auch da gäbe es viel zu tun. Print. Und online. Fakt ist, dass vieles in einer sehr kleinen Blase entsteht, ein Zirkel, der sich selbst befruchtet. Das ist aber immer so. Man lese die Modelleisenbahner-Zeitungen. Oder jene der Waffenfreaks. Mit Verlaub: der Vergleich ist angebracht.

Doch ich will jetzt nicht auf Themen und ihre Findung eingehen, sondern auf den Zugang, der oft brav und bieder wirkt. Und selten kontrovers oder anstößig. Bei den meisten Weinzeitschriften tragen Titel und Vorspann schon das Virus der Schlafkrankheit in sich. Und dann erst die Intros? Fatal, was da zusammengestoppelt ohnmächtig nach vorne fällt. Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich, möchte man meist rufen. Und auch, dass die Weinwelt (nicht nur die von Meininger) an die echte Welt andocken muss, im Hier und Jetzt geerdet. Und dass ich jedes Heft mit einem Portwein-Zigarrenartikel in die Ecke schleudere. Mein Gott, ist das öde, dieses anzeigenhörige Fegefeuer der Wohlbestallten. So öde, wie die Hölle der Winepunks. Von solchen darf es nur einen geben (und gibt es auch nur einen).

Eine Prognose? Ende des Jahres 2015 wird es drei Genusszeitschriften in Deutschland geben. Ein Titel wird verkauft oder eingestellt sein. Von den drei verbleibenden Titeln (ich rede nicht von den Nischenprodukten) werden zwei hart um ihr Überleben kämpfen. Und der dritte auf ihr Ende warten. Dann gehört ihm der Markt alleine. Onliner und Blogger werden weiter, wie auch die Zeitschriften, nur Einfluss auf eine klitzekleine Avantgarde haben. Das reicht aber, denn führende Handelshäuser werden versuchen, jene Onliner und Blogger zu kaufen, die sich als Propagandisten bewährt haben. Dabei muss es gar nicht um Einfluss auf den Inhalt gehen. Wer das glaubt, denkt viel zu simpel.

Und Dirk, der Direttore und ich? Wir sitzen auf unserer Yacht im Mittelmeer und genießen den Vorruhestand bei ein paar Flaschen Coche-Dury. So shall it be. If we so wish.

Manfred Klimek lebt als Fotograf und Autor in Berlin, er ist Chefredakteur von CaptainCork und Kolumnist der Welt am Sonntag.

3 Kommentare zu “Vor der Krise ist nach der Krise ist in der Krise

  • Wine Nerd

    Hallo,

    ein sehr schöner und treffender Artikel. Allerdings finde ich persönlich den Falstaff auch recht fad. Auch dieser ist für meinen Geschmack wesentlich zu nah an der Werbung. Was mich aber am meisten stört ist die für mein Empfinden sehr ausgeprägte Betonung Österreichs in der dt. Ausgabe.

    Weihnachtsgrüße!
    Wine Nerd

    Reply
  • Manfred Klimek

    Ein Kapitel, das ich vergessen habe, ist die Emotionalität. Deutscher Weinjournalismus kann Landschaften, Menschen und ihr Tun, den Charakter des Weinbaus, nur selten mit jener Emotion transportieren, mit jener Verblüffung vor dem Werk, die den Weinen und den Winzern zusteht..

    Reply
  • Barrique-Haus

    Sehr gute Bestandsaufnahme, wobei ich glaube, dass mit Aufwand von Geld und Personal ein monatliches Magazin über Wein durchaus erstellt werden könnte, dass in Qualität und Inhalten absolut überlegen sein könnte. Nur passt es dann nicht mehr zu den “bekannten Werbepartnern”. Es müsste sich rein über Verkaufserlöse finanzieren – das ist wohl nicht möglich. Schade.

    Reply

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