Alles über Wein und den Rest der Welt…

Smoke over the water

1.200 Jahre Weinbau, das ist mal ein Wort. Es wird nicht viele auf der Welt geben, die da mithalten können. Die Rede ist von Schloss Johannisberg im Rheingau. Seit “Achthundertirgendwas” wird hier Wein angebaut, immer an der gleichen Stelle. Mehr Historie geht kaum noch. Man kann das spüren, wenn man will. Im Keller des altehrwürdigen Gemäuers ist der Geist der Vergangenheit und die unglaubliche Tradition beinahe greifbar. In der Bibliotheca subterranea, der Schatzkammer und dem Gedächtnis des Weingutes, liegen Weine zurück bis in das 18.Jahrhundert. Spätestens da wird der Weintrinker einfach nur noch andächtig und demütig und die Historie hat einen gepackt! 1458658_556435501105098_2126248004_nHeute gehört das Weingut zur Oetker Unternehmensgruppe. Das dürfte auch der Grund sein, warum es dieses Weingut überhaupt noch gibt. Für einen normalen Winzer ist ein solches Ensemble mit ziemlicher Sicherheit der wirtschaftliche Untergang. Alleine die Instandhaltung der Dächer verschlingt mehr Geld, als man mit Wein in Flaschen jemals verdienen kann. Schloss Johannisberg ist da keine Ausnahme, es gibt viele andere Schlösser und historische Güter, die im Besitz von Konzernen und Investoren sind. Wenn der Investor noch Lust auf das Ganze hat und sich über die historische Verantwortung bewusst ist, gibt es wahrscheinlich keine bessere Kombination. “Schloss Johannisberg” ist, man kann das ohne Übertreibung sagen, ein historisches Kulturgut in Sachen Weinbau. Natürlich wächst hier nur Riesling und damit ist “Schlojo” mit seinen 35 Hektar wohl auch das älteste Rieslingweingut der Welt. Die Superlative sind einfach da, man muss sich keinerlei Gedanken um Marketing und PR machen. Alleine der jährliche Besucherstrom von 130.000 Menschen ist ein Absatzgarant. Wer aber denkt, er würde eine Art “Wein-Disneyland” vorfinden, der täuscht sich. “Schlojo” wirkt relativ unaufgeregt, die Mitarbeiter wirken relativ unaufgeregt. Man ist sich seiner Tradition bewusst und dreht nicht durch.

FotuhgoWenn man seit Urzeiten an ein und der selben Stelle Wein produziert, noch dazu im Monopol, sollte ja eigentlich in den Weinen so etwas wie ein roter Faden erkennbar sein.Unabhängig von der Handschrift der jeweiligen Kellermeister, der Philosophie des jeweiligen Betriebsleiters oder Gutsdirektors. Ich habe ihn gefunden… Er war da, ganz deutlich. Im 70er Gelblack ebenso wie im 53er Grünlack, im 68er Rosalack oder im 2008er Silberlack. Überall war er, der rote Faden, Dieses eine Wiederkennungsmerkmal. Es ist das Rauchige, was die Weine von Schlojo ausmachen. Man kann es gar nicht nicht wahrnehmen. Es ist beinahe immer vorhanden. Mal mehr, mal weniger. Schlojo ist ab sofort mein “smokey mountain” oder eben einfach nur “smoke over the water”. Neben diesem beinahe dominierenden Merkmal gibt es aber noch einige Dinge, die sich in beinahe allen Weinen wiederfinden lassen. Ananas, weiße Blüten und der Duft von Akazien. Letzteres ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass auf Schlojo schon immer die Weine im Holz liegen. Im Holz aus dem eigenen Wald versteht sich…

Wer wissen und erschmecken will, was ich meine, der sollte sich den “Nullachter” Silberlack “Erstes Gewächs” besorgen. Der ist rauchig, tabakig, kühl, glasklar wie ein Gebirgsbach, riecht nach Orchideen, ist absolut reif und auf dem Punkt – einfach nur großartig!  Mehr Trinkspaß auf so hohem Niveau dürfte kaum noch möglich sein. Gleiches gilt für den “Nullfünfer”, den ersten Jahrgang mit der Bezeichnung “Silberlack”. Der hat zu dem rauchigen und akazigen Moment noch so ein “Rum-Rosinen-Aroma. Der “Nullfünfer” ist ein Wein für den zweiten Blick. So einer, der sich minütlich im Glas verändert. Ganz großes Lob für den “Nullneuner”. Während viele Weine aus diesem, am Ende doch deutlich überbewerteten, Jahr jetzt bereits die Grätsche machen, ist der Silberlack absolut auf der Höhe. Taufrisch, keinerlei Anzeichen eines Hauches von Alterung. Eine “herbe Schöne”, mit einem wunderbaren kleinen Bittertönchen und eine tiefen Struktur. – so eine Art Kate Moss. Aus dem schwierigen Jahrgang “Zwanzigzehn” kommt ein Silberlack, der extrem verschlossen ist, zugenagelt, dicht wie eine Auster. Wenn man ihn im Mund hat, merkt man aber sofort das Potenzial, das in ihm steckt. “Elf” und “Nullsieben” sind wahre Ausgeburten an Kräutern, Gewürzen, Orangenzesten und – was auch sonst – rauchigen Aromen.

Fdtoto 1Extrem spannend wird es aber dann, wenn Restzucker mit im Spiel ist. Die fruchtigen Spätlesen, Grünlack genannt, sind schlichtweg ein Gedicht. Wer auch nur im Ansatz glaubt, dass restsüßer Wein nicht in der Lage ist, seine “Herkunft” zu zeigen (ja, solche Meinungen gibt es), der wird mit diesen Weinen eines Besseren belehrt. Gerade der “Zwanzigzehner” Grünlack ist so eine Paradebeispiel. Der Wein ist salziger und hat mehr Länge und Finesse, als sein trockenen Pendant. Ein großer Wein! Der “Nullfünfer” ist eine Ananasbombe – mehr geht kaum noch. Unfassbar lang, mit einem Hauch von Birne und der typischen Rauchigkeit. Beim “Nullsechser” kommt zu all dem noch eine zartbittere Anmutung dazu, die dem Wein noch den letzten Kick gibt. Der “Nullachter” Grünlack ist, wie sein trockener Bruder, für mich der herausragendste aus der gestern verkosteten Reihe. Ananas, Pampelmuse, Rauch und Tabak, eine wahnsinnig gut integrierte Säure und die Tatsache, dass der Wein “nur” 60 Gramm Restzucker hat, machen ihn  zu einem wahren Monument. Aber eines, mit dem ich Spaß habe. Eines, bei dem jeder einzelne Schluck eine wahre Freude ist. Würde ich Punkte für Wein vergeben, dieser hätte die Höchstnote.

Diese Gegenüberstellung von trockenen und süßen Weinen war für mich eines der aufregendsten Erlebnisse des sich langsam zum Ende neigenden Weinjahres. Wer wie ich permanent von der “Herkunftsfrage” getrieben wird, der braucht genau solche Verkostungen, um wieder einigermaßen ruhig schlafen zu können. In allen Schlojo Weinen war sie gestern schmeckbar, die Herkunft. Ich konnte den roten Faden erkennen, selbst im ältesten Wein der Probe. Der 68iger Rosalack – eine Auslese – war die Ausgeburt an Rauchigkeit und Akazie. Extrem spannend in dem Zusammenhang ist die Tatsache, wie auf Schlojo gearbeitet wird. Herkunft ohne Machart geht ja eigentlich gar nicht. Schnell dominiert auch die Machart einfach alles und die Herkunft ist eben nicht mehr erkennbar. Zumindest nicht im Vergleich mit anderen Weinen oder, wie im Fall Schlojo, mit älteren Jahrgängen. Im Rieslingschloß gibt es nicht “DIE” Machart. Gemacht wird alles, was angebracht erscheint. Sponti oder nicht, manchmal Masichestandzeit, manchmal nicht, es gibt nicht dieses eine Rezept. Alles hängt vom Jahrgang, vom Zustand der Trauben ab. Wahrscheinlich ist es genau dieses fehlende Rezept, dass zumindest die Spitzenweine von Schloß Johannisberg so eindeutig und so authentisch macht.

Ein Kommentar zu “Smoke over the water

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