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Orange Wines – einfach mal die Kirche im Dorf lassen

Gestern war ich auf dem ersten deutschen “Orange Wine Symposium” in der Ankermühle, zu Füßen des altehrwürdigen Schloss Johannisberg. “Orange Wine” ist ja, zumindest für Teile der deutschen Wein- und Weinschreiberszene einer der Reizbegriffe schlechthin. Von “Dreck” ist da gerne die Rede, wie hier beim Kollegen Cork. Oder davon, dass fehlerhafte Weine einfach durch geschicktes Marketing, esoterischem Gedöns und unendlichen Quasselrunden schöngeredet werden. Beinahe schon reflexartig rufen insbesondere die Weinjournalisten unisono im Chor: “Kokolores!”  Wenn man bestimmte Weine probiert hat, mag das teilweise zutreffend sein, oft aber eben auch nicht. Der Grund ist relativ einfach, Die meisten werfen einfach zwei Dinge durcheinander, die gar nicht zusammen gehören.

935975_469343466496457_289042575_n“Orange Wine” ist nichts anderes, als maischevergorener Weißwein. Die Trauben werden entrappt – also vom Stielgerüst getrennt – und das Ganze wird mazeriert und so vergoren, wie man es eben nur von Rotweinen kennt – auf der Maische. Das hat zum Ergebnis, dass die Weißweine eine wesentlich intensivere, orange anmutende Farbe haben. Ein weiterer Effekt ist die Tatsache, dass die Weine eine ganz andere Struktur, eher dem Rotwein ähnelnd, bekommen. Die Weißweine haben Gerbstoffe, sind phenolischer und manchmal in der Jugend auch etwas bitterer. Fertig! Mehr ist das nicht!

Das worüber sich so viele, teilweise auch völlig zurecht, aufregen, sind keine “Orange Wines”, das sind “Naturweine”. Die werden in der Regel auch maischevergoren. Das war es dann aber auch schon an Gemeinsamkeiten. Das Thema “Naturweine” ist viel komplexer. Da dreht sich ganz viel um den Schwefel, der nur wenig, am liebsten gar nicht, vorhanden sein soll. Da geht es um Amphoren und natürlich auch immer um “öko” und manchmal auch um Esoterik. Ganz andere Baustelle. Das hat alles nichts mit “Orange Wines” zu tun.

Auf dem gestrigen ersten deutschen “Orange Wine Symposium” waren ganz sicher Weine, über die man zumindest geschmacklich diskutieren kann, sprich: schmeckt mir oder schmeckt mir eben nicht. Gerade von den deutschen und dem österreichischen Vertreter war da aber nicht ein einziger Wein, der auch nur annähernd als fehlerhaft bezeichnet werden konnte. Im Gegenteil und warum eigentlich auch?  Da standen ausnahmslos gut ausgebildete junge Fachleute, die sowohl ihre Weinberge, als auch ihre Keller im Griff haben. Fachleute, die eben nicht einen Fehler kaschieren müssen, sondern die auf der Suche nach mehr Ausdruck und mehr Nachhall in ihren Weinen sind. Ganz unspektakulär und völlig unaufgeregt, wird da dann eben auch einmal ein Weißwein auf der Maische vergoren. Frei von jeglicher Ideologie, Sektiererei oder Besserwisserei! Wenn etwas anders schmeckt, oder anders ist, heißt da ja noch lange nicht, dass es schlecht ist. Und wenn “orange” eine neue Weinfarbe werden sollte, dann ist das eben so. Keiner wird gezwungen etwas zu trinken, was ihm nicht schmeckt.

Beim extrem gut besuchten gestrigen Symposium ist eines ganz deutlich geworden: die Unkenntnis über das was “orange” ist und was es eben nicht ist, ist riesig. Es war Zeit für diese Veranstaltung. Ganz unaufgeregt, erklärend und mit viel Spaß! Da wird von den Produzenten eben keine “Sau durchs Dorf getrieben”. Die Aufregung wird von außen hineingetragen, die Produzenten sind ganz entspannt. Also einfach mal die Kirche im Dorf lassen…

Wer mehr über dieses Thema erfahren will, dem empfehle ich die Seite von Jochen Leeder. Er ist der Experte für “Orange Wines” und auch völlig unaufgeregt…

9 Kommentare zu “Orange Wines – einfach mal die Kirche im Dorf lassen

  • Pingback: Orange Wines Symposium 2013 – die Erste | orange wines

  • Helmut Knall

    Naja, das was dort bei dem Symposium gezeigt wurde, war ja vielleicht so. Das was anderenorts als orange gezeigt und angeboten wird ist ganz was anders, nämlich eher das, was du als natural bezeichnest. Amphorenspielereien, oxidierter “Dreck”. Stinkede Brühen.
    Es gibt halt keine echte Definition, was “orange wines” wirklich sind. Die von dir beschriebene ist es für viele andere Leute nicht.
    Deswegen gibts auch immer die Aufregung, weil jeder was anderes drunter versteht.

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  • Manuel Ploder

    ja, wie das halt so ist; Es gibt gute, schlechte oder ausgezeichnete Weine in allen ausbauvarianten… der Kreis sei hier auch über orangewines hinausgezogen… daran sieht man, besser gesagt riecht und schmeckt man eben die unterschiede… nachspüren bleibt nicht aus… ob im Holz offen vergoren, oder im Stahl oder in der Amphore – es kann großer Wein sein, muss aber nicht… daher freue ich mich auf kommentare zu unserern Weine aus der Amphore (Aero, Tero) wie auch aus unseren Maischegärern aus dem Holz (Linea Sauvignon Blanc, Linea Chardonnay)…
    Danke das ihr Euch für Orangewines interessiert und auch dafür stark macht… find ich spitze…!

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  • christoph hammel

    Ich habe vor ein paar Tagen einen Maischevergorenen Sponti Gewürtztraminer Espenhof 2012 vor Ort probiert . Sicher ungewöhnlich , aber sauber und strukturiert da aus guten Trauben und doch begleitend kontrolliert in einen sauberen Keller etc .
    Einfach nix machen und irgenwo was vor sich hinbrüten lassen wird eher so wie vergessene Trauben am Stock wie sie jetzt hier grade nach Regen …ende Dezember aussehen . Wer will sich das in den Mund stecken ? Eher was für Fetischisten oder fürs Dschungelcamp . Cheers -c

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  • Iris

    Komm heute zum ersten Mal auf Deinen neu gestalteten Blog – angenehm klar zu lesen! Und was Du über die Vermischung von Orange und Vin Naturel sagst, scheint mir nach dem, was ich da in deutschen Diskussionen immer so lese, auch recht angebracht. Ich erinnere mich noch, dass die von mir ausgerufene Weinrallye #50 mit dem Thema: “Naturwein und Konsorten” – vor fast 2 Jahren – interessante Beiträge versammelt hatte – aber auch da schon nicht immer ganz klar war, welche Weine man unter diesem Begriff fassen (und kaufen) kann. Mir scheint aber, dass von Frankreich kommend die hier im Verhältnis zu ihrer Produktionsmenge medientechnisch enorm präsente Welle der vins naturels langsam über schwappt. Zu denen gehören auch maische- und amphorenvergorene Weiße , die dann aber meistens nicht als “orange” bezeichnet werden – das ist wieder typisch germano-anglophon ;-) .

    Auf jeden Fall ein spannendes Thema, bei dem allerdings wirklich Aufklärung und unpolemische Auseinandersetzung Not tun.

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  • Udo Thiem

    Ich hatte mich auf der Prowein 2014, also vor ein paar Tagen, zu einer Probe von Orange-Weinen überreden lassen. Nun, sie waren nicht in meiner bevorzugten Geschmacksrichtung, aber fehlerhaft waren sie auf keine Fall. Nur weil sie mir nicht geschmeckt haben, ist es doch kein schlechter Wein. Ich bin auch kein Spätburgunder-Fan, aber ich sage deswegen noch lange nicht dass er schlecht ist. Gerade Wein ist doch ein Genussmittel den es in vielen Ausprägungen gibt und bei dem jeder nach seinem Geschmack glücklich werden kann. Und so sollte man es auch mit Orange-Weinen halten.
    Außerdem gibt es im Handel so viele „schlechte normale Weine“ das man auch nicht die guten Orange-Weine verantwortlich machen kann für die schlecht hergestellten Orange-Weine.

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