Alles über Wein und den Rest der Welt…

Weinkritik

Am vergangenen Sonntag und Montag fand die VDP-Weinbörse in Mainz statt. Wie sich das für eine ordentliche Veranstaltung gehört, wurde da auch eine Preis verliehen – die Trophy “Herkunft Deutschland”. Preisträger ist Gerhard Eichelmann, Weinkritiker und Weinbuchautor.

Preisverleihungen sind immer etwas interessantes. In der Regel gibt es eine Laudatio und dann natürlich auch eine Dankesrede. Das Ganze möglichst unkritisch, schließlich will man sich ja feiern. Bei dieser Preisverleihung war alles etwas anders. Der Laudator, Armin Diel, hielt eine durchaus launige Rede und der Preisträger Gerhard Eichelmann ebenfalls.  Er begann damit, den Unterschied zwischen Weinjournalismus und Weinkritik zu beschreiben und zwar wie folgt:

“Den Weinkritiker interessiert weder die Arbeit des Winzers im Weinberg, noch im Keller. Ihn interessiert einzig das Ergebnis”.

Als ich diesen Satz hörte, war ich zunächst – sagen wir einmal – erstaunt. Ich habe ihn, wie ferngesteuert direkt auf Facebook gepostet. Die daraufhin folgende Diskussion kann man sich sicherlich vorstellen. Angefangen von Unverständnis, bis hin zu wüsten Beschimpfungen reichte das Spektrum. Nur wenige betrachteten den Satz differenziert. Das ist zunächst auch schwierig. Dieser Satz beerdigt ganz konsequent Dinge wie Nachhaltigkeit, Terroir, Öko-bio, oenologische Hilfsmittel vs. naturbelassenen Wein… so ziemlich alles eben. Oder vielleicht auch nicht, denn wer konsequent Blindproben von Kritikern fordert, der kann gar nicht anders, als diesem Satz zustimmen. Einfach einmal ganz kurz darüber nachdenken:

Wenn eine “objektive” Blindprobe der Weisheit letzter Schluss sein soll, dann geht es ja quasi gar nicht anders, denn es gibt keinerlei Infos über den Wein. Die große Preisfrage, die sich in diesem Zusammenhang natürlich stellt, ist, was kann der Verkoster herausschmecken?

Herkunft? Grob sicherlich. Öko oder konventionell? Eher unwahrscheinlich. Bestimmte oenologische Verfahren? Ganz unwahrscheinlich. Spontan oder mit Reinzuchthefe vergoren? Sollte man meinen, ich würde aber nicht darauf wetten, denn es gibt Hefen, die die gleichen Tönchen produzieren. Hand- oder Maschinenernte? Ganz und gar unwahrscheinlich. Diese Reihe könnte ich nun beliebig lange fortführen, das Ergebnis ist klar. Selbst für geübte Verkoster gibt es da ganz klare und deutliche Grenzen, zumindest wenn sie über ein gewisses Maß an Selbstkritik verfügen. Ergo hat Eichelmann Recht. Wer blind verkostet, den kann das alles gar nicht interessieren.

Kann der blind verkostende Weinkritiker das Ganze denn dann überhaupt richtig einordnen, richtig bewerten? Ich weiss es nicht. Ich persönlich weiss immer ganz gerne, was ich verkoste und ich persönlich habe auch immer ganz gerne Informationen zu den Weinen und deren Herstellungsweise. Andererseits tendiere ich dazu, Weine von Winzern, die ich so oder so gerne mag, mit einem gewissen “Schmeckt-mir-bestimmt-Vorschuss” zu versehen. Jetzt bin ich aber auch kein Weinkritiker, insofern ist das also reichlich egal.

Eichelmann betonte übrigens in seiner Rede, dass er die Weine aus der Sicht des Konsumenten sieht. Das würde ich ihm gerne glauben, kann ich aber nicht. Er ist ein Profi und eben kein normaler Konsument. Wie auch immer, das einzig wirklich ungeschickte an Eichelmanns Aussage war für mich der Anlass – der Preis heisst ja Trophy “Herkunft Deutschland”…

16 Kommentare zu “Weinkritik

  • pivu

    ich bleib’ dabei, das statement ist für mich nichts anderes als die bankrotterklärung der weinkritik. Und das soll kein vorwurf an g. eichelmann sein, im gegenteil, ich schätze seine offenen worte. die bedeuten aber auch, dass unter berücksichtigung ökonomoscher und sonstiger zwänge eine umfassende wein-KRITIK, die eben mehr als den nackten wein im glas einbezieht, nicht möglich ist. aus sicht des weinkritikers würde ich mich nämlich nicht vom wein-journalisten abgrenzen wollen, im gegenteil, auch der weinkritiker kann das seine dazu beitragen, den konsumenten mit mehr backgroundinformationen über wein und winzer zu versorgen als ausschließlich die scheinbare produktqualität zu einem zeitpunkt x zu vermitteln, um damit insgesamt das interesse an wein zu vergrößern.
    vielleicht handelt es sich aber auch um eine art “hallo-wach”- statement, mit welchem eichelmann bewusst provozierend auf die suboptimalen arbeitsbedingungen einer branche in d aufmerksam machen will.

    Reply
  • Peter

    Ich verstehe gar nicht die Diskussion, die sich in den letzten Tagen bei Facebook entzündete. Es kommt doch letztendlich nur darauf an, die Aussage in den richtigen Kontext zu stellen. Wenn Eichelmann sagt, dass das Tun des Winzers für den Kritiker völlig nebensächlich ist, da er sich ausschließlich mit dem Schaffenswerk des Winzers auseinander setzt, dann nimmt er eine Position ein, die schon lange in der Literaturwissenschaft vertreten wird. Als Roland Barthes erklärte: Der Autor ist tot, da schuf er eine neue Dimension der Wahrnehmung von Literatur. Wen interessiert, was der Autor sich bei irgendetwas gedacht haben mag, ob diese oder jene Szene autobiographisch ist etc. Was zählt ist das Kunstwerk – er steht für sich, es ist mit der Veröffentlichung losgelöst aus seinem Schaffenskontext. Das Buch wird zur Kunst.
    Genau in diesem Kontext verstehe ich Eichelmann. Der Wein wird, wenn er gefüllt wurde, zu einem Werk, dass völlig für sich steht. Hier ist es gleichgültig zu wissen, was der Winzer wie und wann gemacht hat. Der Wein steht und spricht für sich. Er wird zum Kunstwerk.
    Natürlich spricht nichts dagegen, sich mit dem Hintergrund des Weines auseinanderzusetzen. Warum sollte man auch nicht Autorenbiographien lesen und sich Hintergrundwissen aneignen – es dient dem Leser/Konsumenten – für die Qualität des Weines ist dies völlig gleichgültig.
    In diesem Zusammenhang verstehe ich dann Dirks Feststellung nicht, dass dieser Satz „ganz konsequent Dinge wie Nachhaltigkeit, Terroir, Öko-bio, oenologische Hilfsmittel vs. naturbelassenen Wein… so ziemlich alles eben“ beerdigt. Das Gegenteil ist der Fall! All diese Entwicklungen haben doch das Ziel, den Wein besser zu machen. Ich entscheide mich doch nicht für Biodynamie weil ich Kuhhornsammler bin, sondern weil ich in der letzten Konsequenz die Qualität des Weines maximieren möchte. Es wird ja auch nicht naturbelassener Wein erzeugt, weil es eine Nische gibt, die schreckliche naturbelassene Brühe will. Naturbelassener Wein soll doch aus Sicht des Winzers seinen Wein besser machen.
    Nur ist es völlig gleichgültig was für tolle Ideen ich habe, wenn das Produkt nichts taugt. Und gleichzeitig kann es gleichgültig sein zu wissen, warum ein Wein so ist, wie er ist (manche Dinge erfahren Außenstehende sowieso nicht), wenn der Wein begeistert. Trotzdem mehr zu wissen, ist auch ok. Aber zur Qualitätsbeurteilung des Werkes/Weines trägt es nicht bei.

    Reply
  • Charlie

    Ich sehe nicht, wie aus Eichelmanns Satz eine Forderung zur Blindverkostung wird. “nicht interessieren” heisst doch nicht “nicht wissen”. Und ich hoffe doch sehr, dass man Journalismus von Kritik unterscheiden kann – auch beim Wein. Und auch wenn es Mischformen gibt.

    Reply
  • Werner Elflein

    Dirk, erst in einer verdeckten Probe zeigt sich, ob ein Wein wirklich herkunftstypisch ist. Wenn du weißt, was du im Glas trinkst, bist du vorgeprägt und kannst dich selbst belügen. Da wird auf einmal alles plausibel, bis herunter zur Parzelle. Wenn hingegen ein Wein verdeckt seine Herkunft nicht preisgibt, dann hat er auch keine erkennbare. Dennoch ist es in meinen Augen Aufgabe des Kritikers, sich während des Verkosters Gedanken über die Authentizität eines Weins zu machen. Auflösen kann er die Fragestellung zwar erst nach dem Aufdecken, aber wenn er sich während der Verkostung etwa “Baden” notiert, der Wein aber von der Mosel stammt, dann kann der Kritiker davon ausgehen, dass der Wein zumindest für ihn nicht gebietstypisch sein kann. Dies sollte er dann in die Bewertung aufnehmen. Insofern stimme ich Eichelmann nicht zu. Die individuelle Produktqualität, losgelöst von den Herkunftsparametern, kann hier nicht allein der Maßstab aller Dinge sein.

    Reply
  • pivu

    @peter: ich kann dir folgen, das setzt aber voraus, dass der weinkritiker in der lage ist, all dies im wein, und oft ist ja nur ein schluck, zu erkennen. und genau da hab’ ich erhebliche zweifel, auch bei den profis. siehe auch die diskussion bzgl. entsäuerung bei den weinen von tina pfaffmann.

    Reply
  • Werner Elflein

    pivu, wieso “ein Schluck”? Ich erwarte, dass sich ein Kritiker nicht nur im Vorbeigehen mit einem Wein beschäftigt. Insofern finde ich Veranstaltungen wie die Mainzer Weinbörse nicht geeignet, um daraus mehr als eine erste Daumenpeilung abzuleiten.

    Reply
  • Weinkaiser

    Auch wenn ich- zumindest bei sehr jungen Weinen – selbst gerne weiß, was ich da gerade im Glas habe, kann ich das Statement von Eichelmann gut verstehen.

    Wenn die Informationen, die man (egal ob als Konsument, Kritiker oder Fachautor) von den Winzern erhält, stets verlässlich wären, würde ich das wahrscheinlich anders sehen. Da meine Erfahrungen der letzten Jahre aber so sind wie sie sind, kann ich im Grunde darauf verzichten, dass mir etwas über den Produktionsprozess berichtet wird. Es hat sich leider schon zu oft als falsch herausgestellt.

    Bezogen auf den Jahrgang 2010 habe ich z.B. von mehreren Weingütern zuerst einmal erklärt bekommen, sie hätten keinen ihrer Weine entsäuert, um dann später bei einem anderen Treffen (vom den Weingütern selbst, sei es weil sie mich inzwischen besser kannten oder einfach ihre PR-Linie geändert hatten) zu erfahren, dass sie doch (meist mit dem Zusatz „schonend“) entsäuert hätten. Keine Ahnung, von wie vielen weiteren Weingütern ich nie erfahren werde, dass sie auch falsche Informationen zu diesem Jahrgang gegeben haben. Ich hatte vor dem 2010er Jahrgang so gut wie keine Erfahrungen mit entsäuerten Weinen. Mittlerweile meine ich, es oft herauszuschmecken. Genau so geht es den meisten, die in Deutschland über Wein schreiben. Aber spätestens seit der GaultMillau von Tina Pfaffmann vorgeführt wurde, weil sich der Satz „die eingereichten Weine waren über die Maßen entsäuert“ als analytisch falsch herausstellte, wird sich kaum noch jemand wagen, etwas über vermutete Produktionsverfahren zu schreiben. Schade, denn zumindest nach meinem Eindruck lagen die Autoren allermeist richtig, wenn sie sich mal etwas zu schreiben trauten, obwohl es von Weingütern anders kommuniziert wurde.

    Klar ärgert sich Frau Pfaffmann absolut zu recht, wenn ihren Weinen etwas faktisch falsches vorgeworfen wird (ich hab keinen 2010er Wein von ihr probiert, daher kann ich zum konkreten Fall nicht mehr sagen). Ob ihr oder allen anderen Winzern, deren Weine in einem Jahr einmal nicht so gut bei Verkostern ankommen aber damit geholfen ist, dass künftig in einem solchen Fall nur noch geschrieben wird, die Weine schmecken nicht, seien schlecht oder wirken im Bezug auf die Säure sensorisch unharmonisch, darf doch sehr bezweifelt werden.

    Auch beim Punkt Reinzuchthefen vs. Spontanvergärung wird viel mehr Desinformation als Information betrieben. Einerseits behaupten gefühlt 80% der Weingüter, mit denen ich mich befasse, sie arbeiten konsequent spontan, andererseits höre ich immer wieder von Winzern selbst, dass sie dies maximal einem Dutzend Weingütern in Deutschland wirklich abnehmen. Obwohl ich selbst gerne Rieslinge mit extrem wilden Sponti-Gäraromen mag, haben bei mir mittlerweile die Winzer, die von vornherein offen über ihren Einsatz von Zuchthefen (sei es komplett oder nach einer spontanen Angärphase) sprechen, einen Glaubwürdigkeitsbonus wenn ich sie neu kennenlerne.

    Reply
    • Dirk Würtz Post author

      @Weinkaiser
      Siehste, deswegen habe ich im Zusammenhang mit GM und Pfaffmann folgendes geschrieben:
      Natürlich stellt sich auch die Frage, welche Antwort der Verkoster bekommt, wenn er denn nachfragt. In diesem Fall wäre es eine ehrliche und belegbare gewesen. In anderen Fällen sicher einfach nur eine Antwort… irgendetwas zwischen: “Wir entsäuern nie, vergären nur spontan und ernten immer und grundsätzlich zu 110% alles per Hand”.
      Keine Frage, da hat sich der Gault Millau, respektive der Verkoster, einen dämlichen Schnitzer geleistet. Aber leider, leider ist die gesamte Situation eine dämliche. Es werden so viele Mythen und Märchen erzählt – in der gesamten Branche – es ist kaum noch auszuhalten.

      Reply
  • Peter

    @pivu Die Rolle des Kritikers muss erst einmal im Allgemeinen geklärt sein. So verstehe ich meinen Ansatz. Im zweiten Schritt hast Du mit Deiner Problematisierung natürlich Recht.

    Reply
  • pivu

    @peter: das ist genau der punkt, eichelmann differenziert bewusst zwischen weinkritik und weinjournalismus (und schaufelt sich damit imo sein eigenes grab). zumindest ich glaube nicht daran, dass im post-parker-zeitalter ein reiner wein-be- und verurteiler – soll ich sagen sachverständiger oder prüfer? – (ohne neben- oder hauptjob) finanziell überleben kann. als konsument möchte ich geschichten hören, wie sie ein stuart pigott, eine jancis robinson und viele andere in ihrer doppelfunktion als kritiker UND journalist erzählen.

    Reply
  • Eckhard Supp

    Ich bin ja generell der Meinung, man soll Aussagen so lesen, wie sie gemacht wurden. Und da steht, wenn das Zitat richtig ist, nicht: “Den Weinkritiker interessiert BEI DER BLINDPROBE weder die Arbeit des Winzers im Weinberg, noch im Keller. Ihn interessiert einzig das Ergebnis”, sondern es heißt: “Den Weinkritiker interessiert weder die Arbeit des Winzers im Weinberg, noch im Keller. Ihn interessiert einzig das Ergebnis.” Und das ist natürlich eine irrwitzige Vorstellung. Natürlich hat Dirk Würtz Recht, dass das Herausschmecken von Details der Weinbergs- und Kellerarbeit in vielen Fällen, sieht man vielleicht von massivem Holzeinsatz ö. Ä. ab – unmöglich ist, auch wenn es immer mal wieder Weltmeister gibt, die behaupten, selbst den Lieferanten der Stahltanks “erschmecken” zu können. Aber wenn einer behauptet, als Weinkritiker brauchten ihn “die Arbeit des Winzers im Weinberg, noch im Keller” überhaupt nicht zu interessieren, dann halte ich das für ein Armutszeugnis. Tatsache ist, dass eine korrekte Einschätzung von Weinen, selbst wenn sie im Rahmen einer Blindprobe (der einzigen vorurteilsfreien Möglichkeit) erfolgt, nur sinnvoll ist auf dem Hintergrund umfangreichen und präzisen Wissens, das auch und vorwiegend aus so genannten “offenen” Verkostungen, aus Besuchen beim und Gesprächen mit dem Winzer oder Weinmacher stammt. Eines geht nicht ohne das andere.

    Reply
  • Marcus Hofschuater

    Ganz grundsätzlich: jede Information, die man über einen Wein hat, ist geeignet, einen in seinem Urteil zu beeinflussen. Manchmal ist das erwünscht, etwa, wenn auch über Sorten- oder Herkunftstypizität geurteilt werden soll. Meistens ist dieses Vorwissen jedoch eher schädlich, wenn es um die Bewertung von Weinen geht.
    Wer allen Ernstes behauptet, er könne neutral urteilen über Weine von Produzenten, die er kennt und schätzt, von denen er beeindruckt ist, oder die er auch nur glaubt, selbst beeindrucken zu müssen, oder bei Laune halten, damit sie ihm weiter Proben vorstellen, der belügt sich konsequent selbst.
    Ähnliches gilt für andere Informationen, die für uns nicht wertfrei sind. Gärung, Ausbauvarianten, Weinbergsarbeit, biologischer Weinbau, Kellerwirtschaft – und Winzerschmäh, Winzerschmäh und nochmal Winzerschmäh.
    Nichts ist schlimmer als der Weinschreiber, der alles glaubt und nachplappert, was ihm vom Produzenten erzählt wird. Der sein Urteil von den Zusatzinformationen abhängig macht, die er bekommt. Der nicht verkostet, der das oft nicht in Ansätzen kann, der den Wein nur noch zur Schau in den Mund nimmt, während sein Bild davon, wie er zu sein hat, längst entstanden ist. Ich kenne genug sogenannte Profis, die sich bei einer Blindprobe erst ein Urteil bilden, wenn genügend andere Leute etwas gesagt haben, die völlig unfähig sind zu entscheiden, ob ihnen der Wein denn gefällt und – vor allem – warum, wenn sie das Etikett nicht sehen und die Winzerstory dazu nicht hören. Die dann aber um so lauter zu hören sind, je sicherer sie sich sein können, der Mehrheit nachzuplappern, die dann keine Gelegenheit auszulassen, sich als Meinungsführer aufzuspielen.
    Nein, es sollte uns nicht kalt lassen, wie ein Wein entstanden ist. Es sollte uns interessieren, wie sehr der Winzer im Einklang mit seiner Umwelt arbeitet. Es ist selbstverständlich nicht nur interessant, sondern essentiell zu wissen, wie bestimmte Vorgehensweisen in Weinberg und Keller den Wein beeinflussen. Aber bei der Beurteilung seiner Qualität hat uns die Vorgeschichte eines Weins nicht zu interessieren. Wenn nämlich all die Herkünfte, Sorten, Maßnahmen oder Nichtmaßnahmen, Ideologien, Einstellungen, Persönlichkeiten den Wein beeinflussen, dann muss das auch schmeckbar sein, wenn man zwar eine begründete Vorstellung hat, wie sich was auf den Wein auswirkt, im konkreten Fall aber keine Ahnung davon hat, was nun auf den vorliegenden Wein zutrifft.
    Das bedeutet nicht, das ich in jedem Fall zwischen Spontangärung und Gärung mittels Reinzuchthefen unterscheiden können muss, weil es vielleicht oft eine viel kleinere Rolle spielt, als so mancher glaubt. Das bedeutet nicht, dass ich jede Lage blind unter allen anderen herauskennen muss, weil es nun einmal extrem schwierig ist, sich viele Herkünfte viel zu ähnlich sind und nicht zuletzt sehr, sehr viele andere Faktoren den Weingeschmack beeinflussen. Dass ich blind auf Bioweinbau schließen kann auf Säuerung oder nicht, auf einen der zig erlaubten Zusatzstoffe und und und. Wer glaubt, dass er das immer zuverlässig kann, irrt auf geradezu groteske Weise.
    Dennoch sollten sich die sorgfältiger bereiteten Weine bemerkbar machen, es ist in den meisten Fällen sehr wohl auch blind möglich festzustellen, ob der jeweilige Produzent einen herkunftstreuen Weinstil anstrebt, oder ob es ihm nur auf reine Gefälligkeit geht, ob er auf Menge abzielt oder auf Charakter, ob er mir was vorgaukeln will, oder ob er sich um größtmögliche Authentizität bemüht – und schließlich ob er das, was er tut, kann, ob es gelungen ist oder nicht, ob er versucht, mir einen fehlerhaften Wein als Terroirkunstwerk unterzujubeln, ob er selbst längst nicht mehr merkt, dass seine Fässer verfaulen oder ob er tatsächlich daran glaubt, ein Mangel an Substanz wäre der Gipfel der Feinheit oder Überreife oder Holz wären die Garanten für großen Wein. Und dazwischen natürlich allerlei Graustufen.
    Ein erfahrener Verkoster sollte, wenn er sich die Zeit nimmt und nehmen kann, auch bei Weinen, deren Herkunft er nicht kennt, wissen, ob aus ihnen ein Herkunftscharakter zu schmecken ist, einfach, weil er andere Einflüsse aussschließen können sollte – zumindest weitgehend. Er sollte Mängel oder gar Fehler erkennen, unterscheiden und benennen können. Er sollte Schwefel, Hefe oder Phenole nicht für Mineralik halten, Zucker nicht für Frucht oder Substanz, Säure nicht für den Garant für ein langes Leben, er sollte gutes von schlechtem Tannin unterscheiden können – und das auch bei Weißwein – behutsame, bewusste Oxidation von einem Luftton, Kork oder Brett nicht für Terroir halten, die Summe von Fehlern nicht für herausragende Komplexität, einen Mangel an plakativer Frucht nicht für einen Mangel an Qualität – und ein Flaschenetikett nicht für eine wesentliche Eigenschaft des Weins, sowenig wie ein Schulterklopfen des Winzers für eine besondere Auszeichnung, der man in Zukunft zu dessen Wohlwollen gerecht werden muss.
    Wenn das alles passt dann gilt: den Weinkritiker hat in seiner Funktion als Verkoster die Machart des Weins nicht zu interessieren, er hat sich ausschließlich an das zu halten, was er im Glas vorfindet. Ohne wenn und aber. Er sollte allerdings sich darüber halbwegs im Klaren sein, welche Voraussetzungen zu welchen Ergebnissen führen können. Und er hat nebenbei als Journalist, wenn er sich als solcher betätigt (es spräche aus meiner Sicht nichts dagegen, in einem Team zu arbeiten, in dem der eine die Herkunft eines Weins einschließlich Produzenten, Philosophien und Produktionsmethoden beschreibt und der andere sich um eine völlig neutrale Beurteilung des Ergebnisses bemüht), die Aufgabe, den Leser darüber aufzuklären, wie jemand arbeitet, warum er das tut, und wie es sich auswirken kann.
    Erfahrungsgemäß gilt: Der, der wirklich sorgfältig und im Einklang mit der Natur arbeitet, der ehrlich und überzeugt erstklassigen, herkunftstreuen Wein anstrebt und das auch kann, wird sich in seinen Weinen in der Blindprobe fast immer gegen den Blender, den Trickser, den Schlamper, den Halbherzigen, den Berechnenden oder den Schwadroneur durchsetzen, solange die Probe von einem guten Verkoster durchgeführt wird.
    Bei all den Offenverkostern, die für jeden Winzer einen Kosenamen haben und schon auf den Höfen aller erreichbaren Spitzenproduzenten ihre Speichelfäden hinterlassen haben, die alles, was ihnen der verehrte Produzent erzählt, für bare Münze nehmen, die schon immer ein eher spielerisches Verhältnis zur Herkunft der Aromen im Wein hatten und es daher nie für nötig hielten, den Dingen einmal mit Hilfe ausgebildeter, neutraler Fachleute auf den Grund zu gehen, für die ist die Aussage Gehrhard Eichelmanns nicht nur ein Skandal, sie ist gefährlich. Denn was sollten diese Leute tun, wenn es wirklich dazu käme, dass nur blind entstandene Beurteilungen ernst genommen würden? Wo man doch das Etikett benötigt, wie meine Uroma ihren Rollator.
    Und damit meine ich jetzt nicht Dich, Eckhard. Du verlangst nur von Gerhard lediglich eine perfekte Rede, die nicht missverstanden werden kann. Ich gehe fest davon aus, dass er seinen Satz genau so meinte, wie Du ihn berichtigt hast. Irrwitzig ist nur die Vorstellung, man könnte eine Rede halten, die nirgends missverstanden werden kann, in der man wirklich an jede Eventualität in dieser Hinsicht gedacht hat.
    Das ist alles.

    Reply
  • Werner Elflein

    Sam, da gebe ich dir völlig Recht. Allerdings ist die Aussage Gerhard Eichelmanns vor allem deswegen auf solch heftige Kritik gestoßen, weil er eben nicht die Interdependenzen zwischen Machart und Ergebnis beachten will. Niemand wirft Eichelmann vor, dass er nur das bewertet, was er im Glas vorfindet. Was bitteschön sollte er sonst bewerten? Die Augen der Winzerstochter? Nein, was hier meines Erachtens zu Recht kritisiert wird, ist seine simple (auch eher einfältige) Aussage dahingehend, es käme nur auf die reine (meint: technische) Produktqualität an, bei der Herkunftsattribute keine Rolle spielten. Und hier muss klar gesagt werden, dass sich diese Herkunftsattribute im Wein widerspiegeln (oder nicht) und insofern zwangsläufig mitbetrachtet werden müssen. Wenn eine wässrige Flüssigkeit vor mir steht, die in dieser Form im Heiligen Land oder auch am Arsch der Welt gewachsen sein könnte, dann teilt mir der Wein nichts von seiner Herkunft mit und ist daher nach hoffentlich gängigen Kriterien als minderwertig anzusehen, egal, wie gut er technisch vinifiziert sein mag oder wieviele Journalisten bei Fassproben ins Fass gesabbert haben.
    Leider muss ich feststellen, dass Eichelmann nach meiner Wahrnehmung genau so verkostet, wie er argumentiert. Da geht es auch nicht um die perfekte Rede, sondern schlicht um die Abgrenzung von seriöser Weinkritik (die meines Erachtens nicht mal eben so im Vorbeigehen mit einigen wahllos in den Raum geworfenen Vokabeln aus dem Wortschaft eines Dreijährigen zu erledigen ist) und irgend welchen Pille-Palle-Degustationen.

    Reply

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>