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Quo Vadis Elsaß…

…hieß eine Session auf dem Vinocamp am vergangenen Samstag. Gehalten hat sie Rémy Gresser, Winzer und Weinbaupräsident des Elsaß. Leider gibt es davon kein Video, denn was Gresser zu sagen hatte, betrifft alle, nicht nur das Elsaß.

Rémy Gresser ist  eine stattliche Erscheinung, ein Riese mit Händen, so groß wie Schaufeln. Er ist Winzer, ein sehr guter Winzer, ich habe ihn schon einmal in seiner Heimat besucht. Er hat ganz klare Vorstellungen von seinen Weinen, von der Natur und eben auch vom Weinbau “en general”. Das Elsaß hat ein Problem, dass weiss jeder. Das Elsaß hat ein Stück seiner Identität verloren – leider. Gerade hier, auf dem deutschen Markt, spielen die Weine aus dieser traumhaften Gegend kaum noch eine Rolle. Da hilft auch kein Cremant. Gründe dafür gibt es viele. Einige hat Monsieur Gresser erläutert.

Der ehemalige Exportschlager Nummer eins, der Edelzwicker, ist quasi weg – real nicht mehr existent. So passiert es eben, wenn aus einem einfachen, ehrlichen und leichtenWein etwas gemacht wird, was es nie war, nie wird, nie sein kann. Selbst mein Vater, absolut kein Weintrinker, hat in den 70er Jahren Edelzwicker getrunken. Später nicht mehr, da war er ihm zu süss… “Zu süss” ist übrigens auch einer der Gründe, die Gresser anführte. Ich habe es ja kürzlich selbst erlebt. Pinot Gris, mit 13,5 Prozent Alkohol und irgendwas um die 40 Gramm Restzucker – null Säure – wer trinkt so etwas? Mit Freude und immer wieder? Ich nicht! Da hilft auch kein noch so eindringliches Wiederholen des Wortes “Gleichgewicht”, so schmeckt das einfach nicht. Interessanterweise gab es überhaupt keinen Grund, die Weine auf einmal süss zu machen. “Da standen die Winzer und meinten, dass ist jetzt der neue Stil”, echauffiert sich Präsident Gresser und kommt dabei vor lauter Erregung sichtlich ins Schwitzen. “Die gleichen behaupten jetzt übrigens, dass trockener Wein der einzig wahre Wein ist…”, so Gresser weiter. Dass sich Weinstilistiken im Laufe von Jahrzehnten ändern, ist ja keine Frage, aber so? “Da kommt der Marketingchef und sagt, wie der Wein schmecken soll. Das kann doch nicht sein”, lautete die deutliche Aussage des Elsässers. Da hat er natürlich Recht, zumindest für eine bestimmte Art von Wein – den “Heimatwein”. “Heimatwein” ist das Produkt, das für die Identität einer Region steht. So wie er eben wächst, abseits von Geschmackskorridoren – gerne von Funktionären definierter Unsinn – und sonstigem Schnickschnack. Das alleine ist allerdings noch nicht abendfüllend und auch nicht seligmachend. Neben dem “Heimatwein” gibt es aber auch noch andere Weine, die ebenfalls ihre Berechtigung haben. Sie müssen eben nur in das Gesamtkonzept passen.

Ganz wichtig, und das war ebenfalls eine Kernaussage in Gressers Vortrag – ist die Tatsache, dass es eben nicht nur “Spitzenweine” gibt. “Mikro-Vinifikationen”, überkonzentriert und amerikanisiert. Letzteres ist ihm ein Dorn im Auge, das war deutlich zu spüren. Er schlug einen Bogen zur Weinpublizistik, der ebenso spannend wie richtig war. Er meint, dass der europäische Weinjournalismus an Bedeutung verloren hat. Da hat er wohl Recht. Robert Parker regiert die Weinwelt und danach ist auch sonst kaum ein Europäer, ein deutschsprachiger Weinkritiker erst recht nicht, mit weltweitem Einfluß in Sicht. Diejenige, die das Sagen haben, haben einen anderen Geschmack. Für die ist das Elsaß allem Anschein nach “terra untrinkbar”. Schade eigentlich - aber ganz ehrlich – egal! Warum egal? Weil ich einen eigenen Geschmack habe. Ich schätze und achte Robert Parker, ich ziehe den Hut vor dieser Lebensleistung und ich lese auch, was er schreibt. Aber er hat einen anderen Geschmack als ich!

Lange Rede, kurzer Sinn…

Das Elsaß ist im Aufbruch, keine Frage. Winzer, Menschen wie Rémy Gresser tragen dazu in hohem Maße bei. Ich hoffe, sie schaffen das, denn ich mag das Elsaß… ach was, ich LIEBE es. Es ist ein kleines Paradies und es wachsen dort fantastische Weine. Gresser hatte einen seiner Weine dabei, einen Grand Cru. Wir tranken ihn zum Mitagessen – eine fade Suppe mit schlechten, billigen Würstchen – er war einfach nur gut und lecker!

10 Kommentare zu “Quo Vadis Elsaß…

  • Thomas Szabo

    Das gleiche Schicksal kann auch die Wachau erreichen. Auch da unterscheiden sich die Stile zu Stark. Die Federspiele sind möchtegern Smaragde und die Smaragde mit bis zu 9gramm Restzucker zu süss.

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  • Michael Albert

    Ich bin davon überzeugt, dass das Elsaß in nächster Zeit einen Aufschwung erleben wird. Es stehen so viele gute Winzer wie Albert Boxler und Albert Mann, um nur 2 zu nennen, schon nicht mehr nur in den Startlöchern, sondern mit großem Erfolg am Markt und repräsentieren eine neue Stilistik, die trotzdem Elsass ist. Abwarten!

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  • Thomas Szabo

    @ Clemens Mally, ich finde alkohol nicht so einen wichtigen indikator für Smaragde. Rotwein hat auch 14% und niemand beschwert sich. Solange die Säure passt und der Wein harmonisch ist. Sherry z.B hat über 15% und kann wunderbar elegant sein. Beim Smaragd hingegen sehe ich den trinkfluss als gefährdet – weil bei soviel Botrytis die eleganz verloren geht. Da macht ein 2tes Glas nicht so viel Spaß!

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  • Christopher Emrich

    Ich war in den letzten 10-15 Jahren wirklich etliche Male im Elsass und bin immer hin- und her gerissen diesem gewaltigen Potenzial, seiner unglaublichen Schönheit (Vogesen!) und der teilweise altbacken-rückständigen Wirklichkeit.

    Zunächst einmal teilt das Elsass das Schicksal diverser Weinregionen, die sich aufgrund der touristischen Horden, die da durchgeschleust wurden, nicht so sehr anstrengen mussten wie beispielsweise Rheinhessen oder die Südpfalz. DAs trifft auch auf den Rheingau oder den Mittelrhein stark zu.
    Lange Zeit hielt der Nimbus, doch mittlerweile kann man eben auch nicht mehr jeden gewinnen für diese muffige Puppenstuben-Romantik. Schon seit langem gilt die badische Küche unter Kennern als die kreativere “Elsässische” Küche, und die vielen jungen Winzer/innen, die in Rheinhessen, der Südpfalz und in anderen deutschen und österreichischen Regionen seit 10, 15 Jahren am Start sind, fehlen hier etwas.
    Untrinkbare Pinot Gris und unelegante Boytritismonster, wie von Dirk Würtz und Thomas Szabo treffend beschrieben, gab/gibt es zu viele.

    aber ich habe so das Gefühl, dass es da langsam auch eine Gegenbewegung gibt und noch stärker geben wird. Das Potenzial, die großartigen Lagen sind ja zu hauf da, beim letzten Mal hat mich Bott-Geyl sehr überzeugt und unbedingt werde ich demnächst Barmès-Buecher besuchen.
    Und auch in der Wachau gibt es ja scheinbar eine Gegenbewegung, was vor allem den zwar hochpreisigen, aber genialen Weine Peter Malbergs zu verdanken ist.

    Auffallend ist jedoch bei den elsässischen Weinen, dass diese hier praktisch im Handel nicht mehr präsent sind. Kein Händler verkauft in nennenswertem Maße bzw. in adäquater Relation zum sonstigen F-Sortiment elsässische Weine, worin vielleicht gerade eine Chance zum Umdenken liegen könnte.

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  • Pingback: Mittagessen mit Rémy Gresser | 25cl

  • S.

    Mir scheint es, als gäbe es die Gegenbewegung zu süßlichen, fetten Touriweinen nicht nur langsam, sondern schon länger. Da der Rebsortenspiegel im Elsass dem deutschen sehr ähnelt, besteht aber in Deutschland nicht ganz so viel Interesse an Elsässer Winzern. Deswegen kriegen man in Deutschland von dem Wandel leider nur wenig mit, wenn man nicht selber hinfährt. Unter anderem blüht die Szene biodynamisch arbeitender Winzer.

    Neben den hier schon genannten Albert Boxler, Albert Mann und Bott-Geyl (und den “Klassikern”) finde ich besonders interessant die Domaines Meyer-Fonné, Pierre Frick, Etienne Loew, André Kientzler, Marcel Deiss, Josmeyer, André Ostertag, Agathe Bursin, Dirler-Cadé, Sylvie Spielmann, Lucas & André Rieffel, Bruno Sorg, Ginglinger-Fix und Pfister.

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  • Michael Albert

    @ S.März
    Sehe ich genauso. Auch abseits der “Giganten” wie Weinbach, Zind-Humbrecht, Trimbach bewegt sich richtig viel. Auch René Muré ist noch zu erwähen.

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