Ich war gerade auf einer kleinen Tour durch die Pfalz, Rheinhessen und den Rheingau und probierte dabei einige 2011er. Ein spannender Jahrgang, definitiv, aber wer hat gesagt, dass der Jahrgang so wäre wie 1911 und 1811?
Im letzten Herbst, respektive kurz nach der Haupternte, machte in irrwitziger Vergleich die Runde: Der Jahrgang 2011 sei wie 1911 und 1811. Ich weiss ja nicht, wer auf so etwas kommt, aber das ist dann doch schon ganz schön aberwitzig. Selbst renommierte Menschen der Branche nahmen diesen Vergleich auf und benutzten ihn. Vor einigen Wochen bekam ich sogar eine Mail von einem Weinhändler, der diese Aussage von mir bestätigt haben wollte. Da fällt mit gar nichts mehr dazu ein. Ich frage mich, wer von diesen Menschen denn überhaupt weiss, wie 1811 war. Die meisten Wetteraufzeichnungen – wissenschaftlich verwertbare – fingen viel später an. Getrunken haben die ganzen Spezialisten sicherlich auch noch nicht so viele 1811er – selbst wenn, ist da im heutigen Stadium sicherlich kein verlässlicher und verwertbarer Rückschluß auf die Jahrgangsqualität möglich.
Fest steht, dass 1811 und 1911 als großartige Jahrgänge gelten und darin liegt wohl sie Intention. 2011 soll möglichst von der Lese weg als großartig gelten. Nachdem was ich bis jetzt so probieren konnte, ist der “Zwanzigelfer” ganz sicherlich ein sehr guter Jahrgang – aber ganz sicher auch kein “ganz grosser Jahrgang”, zumindest nicht flächendeckend. Es ist eigentlich wie immer: es gibt sehr gute, ja sogar grandiose Weine und es gibt eben auch eher durchschnittliche und fehlerhafte Weine. Die Säure wirkt überall extrem harmonisch und reif. Es war ja im vergangenen Jahr erlaubt zu Säuern, aber ich glaube das hat kaum einer im grossen stil gemacht. Das war dann wohl mehr der anfänglichen Panik geschuldet, dass die Säuren so schnell sanken. Das Ganze ist – wie immer - ein Spiegel des Vegetationsverlaufs des vergangenen Jahres und den durchaus brenzligen Situationen im letzten Herbst. Eines ist der Jahrgang aber in jedem Fall: “Nützlich”. Die Fässer sind weitestgehend voll und die Nachfrage nach deutschem Wein kann einigermassen bedient werden.
Ich war auf meiner kleinen Tour nicht alleine, sondern gemeinsam mit dem Hamburger Weinhändler Gerd Rindchen unterwegs. Der blogt neuerdings auch und hat seine Eindrücke dieser doch sehr antstrengenden Tage auf seinem Blog zusammengefasst. Ich empfand es übrigens als ziemlich spannend mit einem Weinhändler unterwegs zu sein. Die Jungens und Mädels haben doch teilweise eine ganz andere Sichtweise, die ich bisher so noch nicht kennenlernen durfte. Nicht, dass ich nicht wüßte wie Weinhändler “ticken”… Wenn man aber einmal mehrer Tage am Stück zusammen ist, bekommt man doch noch einmal ein ganz anderes Gefühl dafür – auch wenn ich einge Dinge ganz anders machen würde…
Exakt: jeder Jahrgang wird von Spezialisten, die im Grunde gar keine nachvollziehbaren Vergleichsmöglichkeiten, was Menge, Vielfalt etc. betrifft, historisch eingeordnet, was gerade Weinhändler immer wieder gerne machen, da sie ja den aktuellen Jahrgang gut verkaufen möchten.
Am besten macht man es dann gleich wie der Weinhändler Tino Seiwert von Pinard de Picard und erklärt einfach jeden aktuellen Jahrgang zum Jahrhundertjahrgang.
Ich habe mit mehreren Winzern gesprochen. 2011 ist zweifellos gut, und vor allem: nach 2010 stimmt auch die Menge. Von einem großen Jahrgang reden nur wenige. Die Ahr könnte es wieder packen. An der Mittelmosel liegen zumindest bei Dr. Hermann tolle Rieslinge im Keller – da gehe ich mal davon aus, dass es woanders auch so ist. Aber ein Nachfolger von 1811? Da sollte man mal lieber die Kirche im Dorf lassen, bevor man solche Vergleiche anstellt, ohne das anhand eigener Erfahrungen wirklich beurteilen zu können. Oder ist hier jemand, der noch reihenweise 1811er in seinem Keller hat?
1811 nicht mehr soviele, aber die 1749er machen gerade richtig Spaß…
Ick wees et noch, als wär’et jestern jewesen
… und ich dachte, du würdest mich mal zu deiner Flasche vom 1540er einladen.
Die Einladung steht noch!